Richard Hull

Richard Hull, der als Richard Henry Sampson am 6. September 1896 in London geboren wurde, zählt zu den vielen ´mittelgroßen Unbekannten’, die der angelsächsische Kriminalroman in seiner klassischen »Goldenen Ära« vor dem II. Weltkrieg hervorbrachte. Sampson schrieb nur in seiner Freizeit; er war Soldat, nahm als Offizier am I. Weltkrieg teil, blieb bis 1929 in der Armee und kehrte im II. Weltkrieg in den Militärdienst zurück. In den 1930er Jahren und dann wieder ab 1945 arbeitete er als Wirtschaftsprüfer und gründete eine eigene Kanzlei.

Der Kriminalschriftsteller Richard Hull erblickte das Licht der lesenden Welt im Jahre 1934. Sampson war ein leidenschaftlicher Krimifreund. Besonders beeindruckt hatte ihn der Roman Malice Aforethought (1931; dt. Vorsätzlich) von Francis Iles (= Anthony Berkeley Cox, 1893-1971). Drei Jahre später veröffentlichte Hull The Murder of My Aunt (dt. Der Mord an meiner Tante), sein Buchdebüt, das von Kritik und Leserschaft gleichermaßen enthusiastisch aufgenommen wurde.

Hull beherrschte die Regeln des »Whodunit« perfekt, beugte sie aber eben so leicht, dass es sein Publikum nicht abschreckte sondern anzog. So betrachtete er die Figur des Mörders nicht nur als (Schach-) Figur auf dem Brett seines Krimispiels, sondern bemühte sich um eine für seine Zeit ungewöhnliche ´psychologische’ Betrachtungsweise. Auch der Verbrecher besitzt deshalb eine Persönlichkeit und Gefühle, es lässt nicht kalt, wenn ihn die Gerechtigkeit erwischt.

Die (nötige?) Distanz wahrt der Verfasser durch einen typisch britischen, d. h. staubtrockenen Humor, der die Hull-Romane jenseits aller Nostalgie sehr vergnüglich lesbar bleiben ließ. Auch formal brach Hull mit alten ´Vorschriften’; Murder Isn’t Easy (1936) wird beispielsweise aus der Perspektive mehrerer Figuren erzählt.

Der II. Weltkrieg stellte für Richard Sampson einen tiefen Einschnitt dar. Ganz offensichtlich hatte er die Lust am Verfassen leicht beschwingter, spannender Thriller verloren. Zwar setzte er seine schriftstellerische Arbeit fort, doch seine Werke wurden von der Kritik nun als »konventionell« abgestempelt. Sie griffen auf alte Ideen zurück und waren düsterer, ernsthafter im Ton.

Richard Hull beendete seine Krimi-Karriere 1953 mit The Martinau Murders, seinem fünfzehnten Roman. Dem Genre blieb er eng verbunden und unterstützte seine berühmte Kollegin Agatha Christie in jenen Jahren, in denen sie als Präsidentin dem »Detection Club« – einer Vereinigung britischer Kriminalschriftsteller der »alten Schule« – vorstand (1958-1976). Als Hull 1973 starb, waren seine Kriminalromane weitgehend vergessen. Sie gelten dennoch als Meilensteine, und zumindest die frühen Werke hätten eine (Wieder-) Entdeckung hierzulande verdient. [Michael Drewniok]

Krimis von Richard Hull:

  • (1934) Der Mord an meiner Tante / Ich grub eine tiefe Grube
    The Murder of My Aunt
  • (1935) Es bleibt unter uns  Rezension
    Keep it quiet
  • (1936) Murder Isn’t Easy
  • (1936) The Ghost It Was
  • (1937) The Murderers of Monty
  • (1938) Excellent Intentions / Beyond Reasonable Doubt [US-Titel]
  • (1939) And Death Came Too
  • (1940) My Own Murderer
  • (1941) The Unfortunate Murderer
  • (1946) Left Handed Death
  • (1947) Last First
  • (1949) Until She Was Dead
  • (1950) A Matter of Nerves
  • (1950) Invitation to an Inquest
  • (1953) The Martineau Murders

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