Wer übrig bleibt, hat recht von Richard Birkefeld & Göran Hachmeister

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2002 bei Eichborn. ISBN-10: 3423207345, ISBN-13: 978-3423207348.
Ort & Zeit der Handlung: Deutschland / Berlin, 1930 - 1949.

'Wer übrig bleibt, hat recht' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

1944, irgendwo in Deutschland. In einem Militärkrankenhaus kuriert Hans Kalterer, brillanter Geheimdienstpolizist im Dienst der SS, eine Schußverletzung aus – und macht sich Gedanken über seine Zukunft. Er will zurück zur Kriminalpolizei – und zu seiner Frau Merit, die ihn verlassen hat, weil sie seine Arbeit für das NS-Regime nicht länger ertragen hat. Als in Berlin ein hochrangiger Parteigenosse ermordet wird, sieht Kalterer seine Chance gekommen. Die von höchster Stelle angedeuteten politischen Motive entpuppen sich nach einem weiteren Mord als scheinbarer Irrweg: alle Indizien deuten auf einen entflohenen KZ-Häftling, der für den von den Mitbewohnern seines Hauses verschuldeten Tod an seiner Familie offenbar grausam Rache nimmt. Während die Stadt in Schutt und Asche versinkt, macht sich Kalterer inmitten von Mitläufern, Plünderern und Kollaborateuren, von alten Nazis und neuen Regimegegnern, auf die Suche nach dem Täter – und nach einem moralischen Standort, der ihm eine Zukunft möglich macht. Vom Haß getrieben und bis zur Unmenschlichkeit loyal, aber gierig auf das Leben: Die Menschen in Richard Birkefelds und Göran Hachmeisters brillantem Roman sind Menschen in Extremsituationen, die keine Helden, aber faszinierend authentisch sind. Und sie verweigern in ihrer Durchschnittlichkeit genau das, was unser Urteil über die Täter und Opfer so nötig hat: den eindeutigen Standpunkt.

Das meint Krimi-Couch.de: »Krimi-Geschichtsstunde« 76°

Krimi-Rezension von Thomas Kürten

Eine düstere Zeit in der deutschen Geschichte: die Zeit der Nazi-Herrschaft. Diesen Eindruck verleiht allein schon das finster-graue Cover des Taschenbuches. Ein Blickfang in diesem Sinne ist dieser Roman jedenfalls nicht. Dennoch lohnt es sich, nach dem Werk Ausschau zu halten, denn es bedient sich des Krimi-Genres, um die Wirren des letzten Kriegsjahres in Berlin aufzuarbeiten. Somit vermittelt es einen berührenden Einblick in eine Gesellschaft, die zwar von anderen Nationen angegriffen wird, die schwierigste Front aber in sich selber trägt: wo liegen die Grenzen von Recht und Ordnung, von Gesetz und Gerechtigkeit? In zwölf Jahren Schreckensregime sind den Menschen die Werte abhanden gekommen.

Haas war in Bautzen, dann in Buchenwald. Während eines Bombenangriffs auf das KZ kann er entkommen und hat das Glück, für tot erklärt zu werden. In Berlin angekommen erfährt er jedoch vom Tod seiner Familie. Er will Rache. Rache an seinen Nachbarn, die ihn angezeigt haben, für seine Verhaftung verantwortlich sind und letztlich wohl auch den Tod von Frau und Sohn auf dem Gewissen haben.

Gleichzeitig kehrt Sturmbannführer Kalterer in die Hauptstadt zurück. Im Sanatorium hat er eine Kriegsverletzung halbwegs auskuriert, nun wird er in seinem alten Beruf als Polizist und Ordnungshüter bei der Gestapo in Berlin gebraucht, da ein altverdientes Parteimitglied umgebracht wurde. Wahrscheinlich eine politisch motivierte Tat. Aber dann findet Kalterer heraus, dass etwa zur gleichen Zeit auch zwei ehemalige Nachbarn des Mannes umgebracht wurden. Das Motiv der persönlichen Rache wird für ihn ebenfalls wahrscheinlich, aber vermutlich werden das seine Vorgesetzten nicht akzeptieren können.

Ein Roman ohne einen Helden

Der Leser erlebt wie sich der Gestapo-Mann an die Fersen des vermeintlichen Mörders Haas heftet, dem es jedoch in der Zeit der schwersten Bombenangriffe spielend gelingt, im zerstörten Berlin unterzutauchen, um in seinem Leben dem einzig verbliebenen Ziel nachzugehen: Rache zu üben. Hier erlebt er auch die bodenlose Verzweiflung eines einst aufrichtigen, ehrenwerten Mannes, der durch eine unbedachte Äußerung in einem schwachen Moment in Ungnade geriet und die Schrecken des Regimes am eigenen Leib erfuhr. Auf der anderen Seite erfährt von der Zerrissenheit eines Mitläufers, der sich hinter dem Vorwand, nur Befehle empfangen zu haben, in Unschuld wähnt. Dieser Kalterer fühlt sich nicht als Kriegsverbrecher, obschon nur solch blinder Gehorsam das System zum Erfolg geführt hat. Außerdem hat er gar nicht den Ehrgeiz, den Fall schnell zu klären, da er sonst wohl wieder an die Ostfront muss. Einen glorreichen Helden haben uns die Autoren somit zum Glück erspart.

Irgendwo zwischen Seite 250 und 300 verrät einem das Lesegefühl, dass die Kriminalhandlung auf der Strecke geblieben ist. Ab hier erstreckt sich die Handlung in der Schilderung zahlreicher und heftiger Bombenangriffe auf Berlin, in denen einige Randfiguren ums Leben kommen. Es wird hier frühzeitig erkennbar, wie der Mord an dem einen Parteimitglied mit den Morden an den anderen Nachbarn zusammen hängen kann. Es läuft auf einen Showdown mit dem Hauptverbrecher hinaus, was vielleicht etwas zu lang gezogen wird. Lesenswert ist dieser Teil aufgrund seiner Schilderung der bodenlosen Verzweiflung der Menschen in den Trümmern.

Verwirrende Perspektivwechsel

75 Kapitel, aber am Anfang eines jeden heißt es erst einmal Rätsel raten. Das Autorenduo springt in der Erzählperspektive zwischen Schilderungen aus der Sicht Kalterers und Haas’. Der Leser darf meistens jedoch von selbst darauf kommen, um wen es sich gerade handelt. Hierin liegt ein gewisses Frustpotential, denn in den meisten Kapiteln wird erst relativ spät klar gestellt, ob der Flüchtling oder der Gestapo-Mann durch das zerbombte Berlin schreiten.

Ein lesenswertes Werk, das besser als ein sachliches Geschichtsbuch die Verzweiflung in den Trümmern des Zweiten Weltkrieges einfangen kann. Für eine anschauliche Geschichtsstunde geradezu ein prädestinierter Roman. Sehr gut gelungen, wie die Morde einzelner hinter dem viel größeren Verbrechen der Nazis gegen die Menschlichkeit immer mehr zurück weichen. Wen das wirklich hässliche Cover nicht vom Kauf abschreckt und wer sich von den Perspektivwechseln nicht entmutigen lässt, der kann mit Birkefeld/Hachmeister eine kleine Zeitreise in ein düsteres Kapitel deutscher Geschichte erleben.

Ihre Meinung zu »Richard Birkefeld & Göran Hachmeister: Wer übrig bleibt, hat recht«

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detno zu »Richard Birkefeld & Göran Hachmeister: Wer übrig bleibt, hat recht« 15.07.2010
Das "Dritte Reich" ist in Auflösung begriffen, die Rote Armee rückt auf die Reichshauptstadt vor. In dem Chaos, dass sehr ausführlich und genau, aber nie langatmig geschildert wird, versucht ein ehemaliger Kripomann (der zuvor bei Erschießungen im Osten beteiligt war), einen Mörder zu fangen. Früh stellt er sich die Frage, warum ausgerechnet er der Jäger sein soll, nicht aber die normale Polizei.

Kein Krimi im klassischen Sinne, aber ein hervorragendes Geschichtsbuch. Der Leser merkt sehr schnell, dass die beiden Autoren Historiker sind.


95°
Abrazzo zu »Richard Birkefeld & Göran Hachmeister: Wer übrig bleibt, hat recht« 14.09.2009
Wenn man an den zeitgeschichtlichen Umständen des Endkampfes um Berlin interessiert ist, dann liefert der Roman ausgiebig Schilderungen des zerbombten Berlins und der Menschen die zu überberleben versuchten.
Die Protagonisten des Krimis sind auf unterschiedliche Art und Weise zwei Opportunisten der Macht, die aufgrund des Misserfolges des nationalsozialistischen Deutschlands Zweifel an ihrer Rolle und der staatlichen Führung bekommen. Also zwei recht unsympathische Gegenspieler. Der eine ist ein widerlicher SS Scherge, der andere ein normaler Mitmacher, der ob Faschismus oder Demokratie, als brauchbarer Untertan fungiert und Dank einer Denunziation (er hatte öffentlich Zeifel am GröFaZ angemeldet) im KZ landet.
Die Sprache ist einfach, der Plot recht klar, die Auflösung nicht wirklich ein großes Geheimnis.
Was mir missfallen hat war die durch und durch untertänige Sichtweise und die fasst schon mitfühlende Schilderung der Gefühlsnöte des SS-Offiziers.
John zu »Richard Birkefeld & Göran Hachmeister: Wer übrig bleibt, hat recht« 11.11.2008
Sicherlich handelt es sich nicht bei diesem Werk um einen klassischen Krimi mit Räuber und Gendarm, aber das macht die Story gerade aus: ein ständiger Wechsel der eigenen Position des Lesers zu den agierenden Personen. Ist nun der denunzierte Mörder derjenige, der "im Recht" handelt oder der ehemalige Kommissar, der in der Zwischenzeit Kriegsverbrechen begangen hat und den Mörder im Namen der SS sucht? Das bedrückende Umfeld einer sterbenden Stadt kommt noch hinzu und verschärft die Situation.
Auch wenn von Thomas Kürten kritisiert wird, dass sich im Bombenhagel der Krimi verliert, empfinde ich das als durchaus realistisch. Jeder sieht zunächst zu, dass er sich selbst in Sicherheit bringt.
Mir hat das Buch super gefallen, weil es der andere Krimi ist und keinem glatten Faden folgt sondern man sich situationsabhängig ständig neu orientieren muss.
Ich wuerde das Buch jederzeit wieder kaufen und werde es auch in meinem Berlin Krimi Archiv archivieren.
Anja S. zu »Richard Birkefeld & Göran Hachmeister: Wer übrig bleibt, hat recht« 28.07.2008
Mir hat dieser Krimi ausserordentlich gut gefallen. Er ist sehr spannend (auch zwischen Seite 250-300) und behandelt ein duesteres Kapitel der deutschen Geschichte, eine Zeit, die relativ selten in Krimis beschrieben wird. Und ja, er hat ein bitteres Ende, leider aber sehr realistisch.
M.M. zu »Richard Birkefeld & Göran Hachmeister: Wer übrig bleibt, hat recht« 28.02.2008
Ich als Schüler des Abiturjahrganges diesen Jahres, muss wirklich sagen, dass dieser Roman die beste Schullektüre war, die ich bis jetzt gelesen habe. Der Roman verbindet historische Hintergründe geschickt mit "persönlichen" Schicksalen und verpackt diese gekonnt in einen spannenden Kriminalfall.
Auch die zwei Erzählperspektiven sind sehr gelungen und ermöglichen somit, dass sich der Leser selbst über die Personen und deren Taten ein genaues Bild machen kann, sowie diese verurteilen oder gutheißen kann.

Nur die häufigen Tippfehler und sprachlichen Defizite stören etwas.
A.Gehrmann zu »Richard Birkefeld & Göran Hachmeister: Wer übrig bleibt, hat recht« 08.01.2007
Ich fand den Krimi,sehr beeindruckend und konnte ihn garnicht schnell genug "verschlingen".Am Anfang erscheint er einem zwar zu brutal,doch schnell wird klar,dass dieser Roman so realistisch ist,dass mir an manchnen Stellen eine Gänsehaut kam.Zudem wäre ich niemals auf das Ende von allein gekommen und war geschockt aber zu gleich fasziniert....Also viel Spaß beim Lesen,es lohnt sich und das scheibe ich als Lesemuffel;)
Pit zu »Richard Birkefeld & Göran Hachmeister: Wer übrig bleibt, hat recht« 21.07.2005
Einer der besten Krimsi, die ich gelesen habe: gegen alle Krimi-Gewohnheiten (böser Täter, armes Opfer, Showdown etc.) geschrieben und darum so authentisch. Gleichzeitig vermittelt er ein bedrückendes Bild von einer Stadt in den letzten Tagen des Krieges und was diese äusserliche Zerstörung bei den Überlebenden auslöst.
2 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Rainer Fröbe zu »Richard Birkefeld & Göran Hachmeister: Wer übrig bleibt, hat recht« 24.05.2005
Es wäre schön, wenn die Autoren Deutsch schreiben würden, anstatt sich für "germanistische Unzulänglichkeiten" (S. 442) zu entschuldigen. Ob "Rheinfarn" (Rainfarn) oder "Louis Trenker" (Luis Tr.): vieles wirkt oberflächlich und schnell hingeschmiert. Korrekturlesen hätte auch nicht geschadet. Und vom Dienstbetrieb der SS haben die Autoren wenig Ahnung.

Trotz aller Kritik: ein überraschend gut komponiertes Buch. Ein netter Dreh ist den Autoren im Schlußkapitel gelungen. Die zeitgenössischen "Originale" sind aber immer noch die bessere Wahl.
Hafundo zu »Richard Birkefeld & Göran Hachmeister: Wer übrig bleibt, hat recht« 10.02.2005
Absolut spannend! Ok-die ersten 30-50 Seiten verwirren durch Sprünge des Blickwinkels. Aber hat man dann den Faden dann gefunden, lässt das Buch den (geschichtlich interessierten) Krimi Fan nicht los.
Hans-Peter Simon zu »Richard Birkefeld & Göran Hachmeister: Wer übrig bleibt, hat recht« 01.12.2004
Ich halte dieses Buch für sehr schwach,da ich es nicht interessant finde.Es ist ausserdem kompliziert und mann muss mit den Gedanken voll und ganz bei diesem Buch sein.Ich empfehlke dieses Buch nicht,deswegen habe ich es auch als Altpapier bewertet.
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