Wer übrig bleibt, hat recht von Richard Birkefeld & Göran Hachmeister

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2002 unter dem Titel Wer übrig bleibt, hat Recht, bei Eichborn.
Ort & Zeit der Handlung: Deutschland / Berlin, 1930 - 1949.

  • Frankfurt: Eichborn, 2002 unter dem Titel Wer übrig bleibt, hat Recht. ISBN: 3-8218-0885-3. 440 Seiten.
  • München: dtv, 2004. ISBN: 3423207345. 440 Seiten.
  • München: dtv, 2005. ISBN: 3423208503. 440 Seiten.

'Wer übrig bleibt, hat recht' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

In Kürze:

1944, irgendwo in Deutschland. In einem Militärkrankenhaus kuriert Hans Kalterer, brillanter Geheimdienstpolizist im Dienst der SS, eine Schußverletzung aus – und macht sich Gedanken über seine Zukunft. Er will zurück zur Kriminalpolizei – und zu seiner Frau Merit, die ihn verlassen hat, weil sie seine Arbeit für das NS-Regime nicht länger ertragen hat. Als in Berlin ein hochrangiger Parteigenosse ermordet wird, sieht Kalterer seine Chance gekommen. Die von höchster Stelle angedeuteten politischen Motive entpuppen sich nach einem weiteren Mord als scheinbarer Irrweg: alle Indizien deuten auf einen entflohenen KZ-Häftling, der für den von den Mitbewohnern seines Hauses verschuldeten Tod an seiner Familie offenbar grausam Rache nimmt. Während die Stadt in Schutt und Asche versinkt, macht sich Kalterer inmitten von Mitläufern, Plünderern und Kollaborateuren, von alten Nazis und neuen Regimegegnern, auf die Suche nach dem Täter – und nach einem moralischen Standort, der ihm eine Zukunft möglich macht. Vom Haß getrieben und bis zur Unmenschlichkeit loyal, aber gierig auf das Leben: Die Menschen in Richard Birkefelds und Göran Hachmeisters brillantem Roman sind Menschen in Extremsituationen, die keine Helden, aber faszinierend authentisch sind. Und sie verweigern in ihrer Durchschnittlichkeit genau das, was unser Urteil über die Täter und Opfer so nötig hat: den eindeutigen Standpunkt.

Das meint Krimi-Couch.de: »Krimi-Geschichtsstunde« 76°

Krimi-Rezension von Thomas Kürten

Eine düstere Zeit in der deutschen Geschichte: die Zeit der Nazi-Herrschaft. Diesen Eindruck verleiht allein schon das finster-graue Cover des Taschenbuches. Ein Blickfang in diesem Sinne ist dieser Roman jedenfalls nicht. Dennoch lohnt es sich, nach dem Werk Ausschau zu halten, denn es bedient sich des Krimi-Genres, um die Wirren des letzten Kriegsjahres in Berlin aufzuarbeiten. Somit vermittelt es einen berührenden Einblick in eine Gesellschaft, die zwar von anderen Nationen angegriffen wird, die schwierigste Front aber in sich selber trägt: wo liegen die Grenzen von Recht und Ordnung, von Gesetz und Gerechtigkeit? In zwölf Jahren Schreckensregime sind den Menschen die Werte abhanden gekommen.

Haas war in Bautzen, dann in Buchenwald. Während eines Bombenangriffs auf das KZ kann er entkommen und hat das Glück, für tot erklärt zu werden. In Berlin angekommen erfährt er jedoch vom Tod seiner Familie. Er will Rache. Rache an seinen Nachbarn, die ihn angezeigt haben, für seine Verhaftung verantwortlich sind und letztlich wohl auch den Tod von Frau und Sohn auf dem Gewissen haben.

Gleichzeitig kehrt Sturmbannführer Kalterer in die Hauptstadt zurück. Im Sanatorium hat er eine Kriegsverletzung halbwegs auskuriert, nun wird er in seinem alten Beruf als Polizist und Ordnungshüter bei der Gestapo in Berlin gebraucht, da ein altverdientes Parteimitglied umgebracht wurde. Wahrscheinlich eine politisch motivierte Tat. Aber dann findet Kalterer heraus, dass etwa zur gleichen Zeit auch zwei ehemalige Nachbarn des Mannes umgebracht wurden. Das Motiv der persönlichen Rache wird für ihn ebenfalls wahrscheinlich, aber vermutlich werden das seine Vorgesetzten nicht akzeptieren können.

Ein Roman ohne einen Helden

Der Leser erlebt wie sich der Gestapo-Mann an die Fersen des vermeintlichen Mörders Haas heftet, dem es jedoch in der Zeit der schwersten Bombenangriffe spielend gelingt, im zerstörten Berlin unterzutauchen, um in seinem Leben dem einzig verbliebenen Ziel nachzugehen: Rache zu üben. Hier erlebt er auch die bodenlose Verzweiflung eines einst aufrichtigen, ehrenwerten Mannes, der durch eine unbedachte Äußerung in einem schwachen Moment in Ungnade geriet und die Schrecken des Regimes am eigenen Leib erfuhr. Auf der anderen Seite erfährt von der Zerrissenheit eines Mitläufers, der sich hinter dem Vorwand, nur Befehle empfangen zu haben, in Unschuld wähnt. Dieser Kalterer fühlt sich nicht als Kriegsverbrecher, obschon nur solch blinder Gehorsam das System zum Erfolg geführt hat. Außerdem hat er gar nicht den Ehrgeiz, den Fall schnell zu klären, da er sonst wohl wieder an die Ostfront muss. Einen glorreichen Helden haben uns die Autoren somit zum Glück erspart.

Irgendwo zwischen Seite 250 und 300 verrät einem das Lesegefühl, dass die Kriminalhandlung auf der Strecke geblieben ist. Ab hier erstreckt sich die Handlung in der Schilderung zahlreicher und heftiger Bombenangriffe auf Berlin, in denen einige Randfiguren ums Leben kommen. Es wird hier frühzeitig erkennbar, wie der Mord an dem einen Parteimitglied mit den Morden an den anderen Nachbarn zusammen hängen kann. Es läuft auf einen Showdown mit dem Hauptverbrecher hinaus, was vielleicht etwas zu lang gezogen wird. Lesenswert ist dieser Teil aufgrund seiner Schilderung der bodenlosen Verzweiflung der Menschen in den Trümmern.

Verwirrende Perspektivwechsel

75 Kapitel, aber am Anfang eines jeden heißt es erst einmal Rätsel raten. Das Autorenduo springt in der Erzählperspektive zwischen Schilderungen aus der Sicht Kalterers und Haas’. Der Leser darf meistens jedoch von selbst darauf kommen, um wen es sich gerade handelt. Hierin liegt ein gewisses Frustpotential, denn in den meisten Kapiteln wird erst relativ spät klar gestellt, ob der Flüchtling oder der Gestapo-Mann durch das zerbombte Berlin schreiten.

Ein lesenswertes Werk, das besser als ein sachliches Geschichtsbuch die Verzweiflung in den Trümmern des Zweiten Weltkrieges einfangen kann. Für eine anschauliche Geschichtsstunde geradezu ein prädestinierter Roman. Sehr gut gelungen, wie die Morde einzelner hinter dem viel größeren Verbrechen der Nazis gegen die Menschlichkeit immer mehr zurück weichen. Wen das wirklich hässliche Cover nicht vom Kauf abschreckt und wer sich von den Perspektivwechseln nicht entmutigen lässt, der kann mit Birkefeld/Hachmeister eine kleine Zeitreise in ein düsteres Kapitel deutscher Geschichte erleben.

Ihre Meinung zu »Richard Birkefeld & Göran Hachmeister: Wer übrig bleibt, hat recht«

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wampy zu »Richard Birkefeld & Göran Hachmeister: Wer übrig bleibt, hat recht« 11.10.2015
Buchmeinung zu Birkefeld & Hachmeister – Wer übrig bleibt, hat recht

„Wer übrig bleibt, hat recht“ ist ein Kriminalroman von Richard Birkefeld und Göran Hachmeister, der 2002 bei Eichborn erschienen ist. Die Taschenbuchausgabe erschien 2004 bei Deutscher Taschenbuch Verlag. Die beiden Autoren sind Historiker mit dem Schwerpunkt Kultur- und Sozialgeschichte im frühen 20. Jahrhundert.

Kurzbeschreibung:
1944, irgendwo in Deutschland. In einem Militärkrankenhaus kuriert Hans Kalterer, brillanter Geheimdienstpolizist im Dienst der SS, eine Schußverletzung aus - und macht sich Gedanken über seine Zukunft. Er will zurück zur Kriminalpolizei - und zu seiner Frau Merit, die ihn verlassen hat, weil sie seine Arbeit für das NS-Regime nicht länger ertragen hat. Als in Berlin ein hochrangiger Parteigenosse ermordet wird, sieht Kalterer seine Chance gekommen. Die von höchster Stelle angedeuteten politischen Motive entpuppen sich nach einem weiteren Mord als scheinbarer Irrweg: alle Indizien deuten auf einen entflohenen KZ-Häftling, der für den von den Mitbewohnern seines Hauses verschuldeten Tod an seiner Familie offenbar grausam Rache nimmt. Während die Stadt in Schutt und Asche versinkt, macht sich Kalterer inmitten von Mitläufern, Plünderern und Kollaborateuren, von alten Nazis und neuen Regimegegnern, auf die Suche nach dem Täter - und nach einem moralischen Standort, der ihm eine Zukunft möglich macht.

Meine Meinung:
Vordergründig geht es um eine Mordserie in Berlin im Winter 1944, der auch ein hochrangiger Parteigenosse zum Opfer gefallen ist. Der SS-Offizier und Ex-Kriminalbeamte Kalterer wird zu seiner Überraschung mit der Suche nach dem Mörder beauftragt. Er nimmt diesen Auftrag gern an, hält er ihn doch von der Kriegsfront fern und gibt ihm die Gelegenheit, an seinen privaten Problemen zu arbeiten. Bauchschmerzen bereiten ihm seine Auftraggeber, denn eigentlich gibt es keinen Grund, warum er sich um diesen Fall kümmern sollte. Sein Gegenspieler ist der entflohene KZ-Häftling Ruprecht Haas. Der Leser begleitet die beiden Protagonisten abwechselnd auf ihrem Weg in einer siechenden Stadt. Durch diese Perspektivwechsel gelingt es den Autoren bestens, die Motive und das Gefühlsleben der beiden Männer zu beschreiben. Ihr Verhalten war für mich jederzeit nachvollziehbar und ich empfand für beide so etwas wie Sympathie, und das, obwohl beide alles andere als nette Zeitgenossen sind. Ruprecht Haas ist auf einem unbarmherzigen Rachefeldzug, Hans Kalterer ist auf der Suche nach einem Weg, der ihm ein normales Leben nach dem Krieg sichert. Gefühlt sitzen die wahren Fieslinge irgendwo im Hintergrund und Kalterer und Haas sind ihre Marionetten.
Eine besondere Stärke des Romans liegt in der atmosphärisch dichten Beschreibung des Lebens im Berlin dieser Zeit. Es ist faszinierend zu lesen, wie das Leben trotz aller Widrigkeiten irgendwie weiter geht. Ein gelungener Schachzug ist die Figur der Frau Kalterer, die ihren Mann wegen seiner Nähe zum regierenden Regime verlassen hat. Dabei bleibt der Roman jederzeit spannend, auch wenn Täter- und Opferrollen frühzeitig vergeben zu sein scheinen. Die Diskussion um Schuld und Verantwortung und ob man sich der Verantwortung entziehen kann, hält den Spannungsbogen hoch.
Ein weiteres Highlight ist der Epilog, der eine Szene aus dem Nachkriegsberlin beschreibt.

Fazit:
Dieser Roman ist für mich ein Meisterwerk. Er ist atmosphärisch dicht, fasziniert mit ungewöhnlichen Protagonisten in einer mir unbekannten Umgebung. Doch die große Stärke dieses Romans ist, das er zum Nachdenken anregt und auf erhobene Zeigefinger verzichtet. Fünf Sterne und eine uneingeschränkte Leseempfehlung!
Stefan83 zu »Richard Birkefeld & Göran Hachmeister: Wer übrig bleibt, hat recht« 18.07.2015
Ja, auch dieses Mal hat sie mich wieder gepackt – die sommertypische Leseunlust, welche, alljährlich wiederkehrend, meinen hauseigenen Schmöker-Marathon stets aufs Neue unterbricht und mich in ein faules, in der Sonne räkelndes Wesen verwandelt, dem die Fernbedienung oft näher ist, als die aktuelle Lektüre. Gelitten hat darunter in diesem Sommer unter anderem „Wer übrig bleibt, hat Recht“ von Richard Birkefeld und Göran Hachmeister, deren zweites Werk „Deutsche Meisterschaft“ – von mir bereits vor Jahren gelesen – so mit zum Besten gehört, was ich im Genre der deutschsprachigen Spannungsliteratur in den Händen gehalten habe. Nun stand also der gemeinsame Erstling an – und soviel sei vorab verraten: Auch diesmal gelingt dem Autorenduo der schwierige Spagat zwischen historischer Authentizität und tiefgründiger Suspense, wobei ersterer im Debüt jedoch ein wenig mehr Aufmerksamkeit zuteil wird, was Freunde kurzweiliger Krimi-Reißer womöglich abschrecken dürfte. Hier ist der Weg das Ziel, sind es die kleinen Details am Wegesrand, welche den Spaß an der Lektüre befeuern und eines der düstersten Kapitel der deutschen Geschichte auf erschreckend plastische Art und Weise zum Leben erwecken.

Kurz zur Handlung:

Berlin im Winter 1944/1945. Der totale Krieg tobt an allen Fronten und Hermann „Meier“ Görings Luftwaffe ist schon längst nicht mehr in der Lage den eigenen Luftraum vor den feindlichen Bomberverbänden zu schützen, welche tagtäglich und auch bei Nacht ihre Last abwerfen und die Hauptstadt des Reiches in eine rauchende Trümmerwüste verwandeln. Die anfängliche Kriegsbegeisterung ist inzwischen Resignation und Zynismus gewichen. Und die Berliner, welche einst jubelnd für ihren Führer den Straßenrand säumten, haben mit einem Endsieg längst abgeschlossen. Die meisten planen schon für die Zeit nach dem Krieg, versuchen verzweifelt in den Besitz gefälschter Papiere oder Judensterne zu kommen, um im Falle des alliierten Sieges möglicher juristischer Vergeltung zu entgehen. Vergessen, verdrängen – so lautet die Agenda für kommende Tage, was aber das verbrecherische Regime nicht davon abhält, auch noch bis zuletzt den Willen des Führers durchzusetzen.

Das muss auch Ruprecht Haas erfahren, der, augenscheinlich angezeigt von der Nachbarschaft, für eine unbedachte Äußerung erst nach Bautzen und schließlich nach Buchenwald deportiert worden ist, wo er sich unter der grausamen Aufsicht der KZ-Wächter zu Tode schuften soll. Doch Haas hat Glück: Ein Tiefflieger-Angriff ermöglicht ihm die Flucht. Nun offiziell für tot erklärt, tritt er den langen Heimweg nach Berlin an. Immer mit der Angst im Hinterkopf, in eine der vielen Gestapo-Kontrollen zu geraten, welche selbst unter schweren Bombardements ihre Suche nach „Volksverrätern“ und Deserteuren nicht unterbrechen. Doch als Haas die Hauptstadt erreicht, lösen sich all seine Hoffnungen in Nichts auf. Seine Familie ist tot. Umgekommen bei einem Bombenangriff, weil man sie nicht mehr in die Sicherheit eines Luftschutzbunkers gelassen hatte. Auch in diesem Fall scheinen die direkten Nachbarn involviert. Wer wollte den Tod seiner Frau und seines Sohnes? Wer hatte Interesse daran, ihn anzuzeigen? Haas, der nichts mehr zu verlieren hat, begibt sich in einem blutigen Rachefeldzug auf die Suche nach Antworten.

Zeitgleich erholt sich Sturmbannführer Kalterer in einem Sanatorium von einer Kriegsverletzung, bis er von ganz oben die Weisung erhält, nach Berlin zurückzukehren. Kalterer, vor dem Krieg als Kriminalpolizist und Ordnungshüter bei der Gestapo tätig, soll im Fall eines altgedienten Parteimitglieds ermitteln, das brutal ermordet wurde. Alles deutet auf eine politisch motivierte Tag hin. Und auch seine Vorgesetzten machen keinen Hehl daraus, dass ihnen diese Lösung die liebste wäre. Doch Kalterer hat Zweifel, welche zusätzlich Nahrung erhalten, als er herausfindet, dass zwei ehemalige Nachbarn des Toten ebenfalls umgebracht worden sind. Also doch eher eine persönliche Geschichte?

Während Berlin in Schutt und Asche gebombt wird und ganze Stadtteile in Flammen aufgehen, kreuzen sich bald die Wege von Haas und Kalterer …

Puh, wo beginnen, bei der Besprechung eines Romans, den ich, zu meiner Schande, gar nicht in einem Ruck weggelesen, sondern immer wieder an die Seite gelegt habe, was jedoch – und das ist ein äußerst wichtiger Punkt – in keinster Weise der Lektüre selbst anzulasten ist. Im Gegenteil: Obwohl „Wer übrig bleibt, hat Recht“ meinerseits so wenig Aufmerksamkeit zuteil wurde, hat sich der Roman äußerst eindringlich in meinem Gedächtnis festgesetzt. Was mich wiederum zu der Frage bringt: Wie viel mehr hätte mich das Werk nachträglich noch beschäftigt, hätte ich es mir in einem Ruck vorgenommen? Hätte, wenn und aber. Letztendlich kann ich meiner sporadischen Beschäftigung aber allein insofern Positives abgewinnen, da sie eine gewisse emotionale Distanz ermöglicht haben, durch die einige Elemente des Romans erträglicher wurden. Denn Fakt ist: „Wer übrig bleibt, hat Recht“ als historischen Kriminalroman zu bezeichnen, ist eine Untertreibung sondergleichen, welche zudem dem geschichtlich akkurat recherchierten Inhalt dieser Lektüre in keinster Weise gerecht wird.

Wo andere Autoren aus Wikipedia-Fakten hastig ein Gerüst zusammen zimmern, welches allenfalls dazu dient, die Genre-Bezeichnung auf dem Cover zu rechtfertigen, haben sich Birkefeld und Hachmeister augenscheinlich äußerst intensiv mit der Materie beschäftigt. Anders lässt sich jedenfalls die Vielschichtigkeit des Romans, und vor allem die beklemmende Art und Weise in welcher er auf uns Leser wirkt, nicht erklären. „Wer übrig bleibt, hat Recht“ geht an die Nieren, gewährt uns einen berührenden Einblick in eine in Auflösung begriffene Gesellschaft. Eine Zeit, die gerade ganz aktuell rückblickend mit Sätzen wie „Es war ja nicht alles schlecht“ verklärend beurteilt wird – und das dann nicht selten auch aus Bereichen der Verwandtschaft, die, selber Zeugen mancher hier geschilderter Ereignisse, in ihrer Agenda – nämlich dem bereits erwähnten Verdrängen und Vergessen – manchen Figuren dieses Romans erschreckend ähneln. Das gemeinsame Bollwerk gegen den Bolschewismus, die eingeschworene Volksgemeinschaft – sie war nichts weiter als eine rissige und von Angst zusammengehaltene und im Kern faulende Fassade, welche im letzten Kriegsjahr endgültig keinerlei Bestand mehr gehabt hat. Ein jeder denkt nur an sein eigenes Wohl. Ein jeder denkt nur ans Überleben. Und an die Zeit „danach“. Recht und Ordnung, Gesetz und Gerechtigkeit – im Dritten Reich ohnehin nur hohle Begriffe ohne wirklichen Inhalt – sie existieren im gespenstischen leeren Berlin genauso wenig, wie irgendwelche moralischen Werte. Zertrümmert und zerstört sind sie – wie die Häuser der Städte. Und unter ihnen verwesen die Leichen.

„Wer übrig bleibt, hat Recht“ fängt dieses Chaos derart authentisch ein, dass sich mir nicht selten ein Kloß im Hals gebildet hat, da man sich doch an jeder Stelle mit der Tatsache konfrontiert sieht, dass es genau so – und leider eben nicht anders – gewesen ist, gewesen sein muss. Mühelos fallen hier schon nach wenigen Seiten die Schranken, die Fiktion und Leser sonst trennen, wohl wissend, dass die damalige Realität das Erdachte weit übersteigt und selbst die wenigen Szenen nicht einmal einen Bruchteil der Gräuel wiedergeben, die sich damals zugetragen haben. Es ist den Autoren hoch anzurechnen, dass sie in diesem Roman genau das richtige Maß finden, Themen wie Frontheimkehrer, Ausgebombte oder Flüchtlinge mit Fingerspitzengefühl einbetten, ohne die eigentliche Kriminalgeschichte – der klassische Wettlauf zwischen Mörder und Ermittler – gänzlich außer acht zu lassen.

Während Kalterer sein Netz um Haas immer enger zieht, ihr anfänglich noch auf Distanz ausgetragenes Duell an bedrohlicher Intensität gewinnt, nehmen auch die Bombardements zu, welche sich mehr und mehr auf die Zivilbevölkerung konzentrieren, um die Verteidiger der Festung Berlin zu zermürben. Mag der ein oder andere diese andauernden Unterbrechungen durch die beschriebenen Luftangriffe oder Nöte der Bevölkerung als störend empfinden – sie geben meines Erachtens äußerst plastisch den damaligen Alltag in Berlin wieder und sind gleichzeitig ein Indikator für den Verfallszustands des Dritten Reichs, das einen bereits vor langem verlorenen Krieg nur noch unnötig in die Länge zieht. Interessant bei der Beschreibung der Protagonisten ist, dass es eigentlich keinen gibt, den man als Leser bedingungslos seine Sympathie schenken kann. Dem Mitläufer und Opportunisten Kalterer genauso wenig, wie Haas, dessen Vergangenheit im Laufe der Geschichte ebenfalls einige Überraschungen bereithält, welche die Legitimation seines Rachefeldzugs zweifelhaft erscheinen lassen. Überhaupt ist nichts so, wie es scheint. Und genau hieraus bezieht „Wer übrig bleibt, hat Recht“ letztlich auch seine Spannung, die sich jedoch – und das muss man an dieser Stelle dann auch bemängeln – ein paar Auszeiten zu viel gönnt. Ein weiterer Kritikpunkt sind zudem die meiner Ansicht nach etwas willkürlich platzierten Perspektivwechsel, die zudem immer erst nach ein paar Zeilen durch Nennung eines Namens kenntlich gemacht werden. Ob wir gerade Haas oder Kalterer folgen ist daher manchmal nicht auf den ersten Blick ersichtlich, was mich stellenweise zusätzlich ein wenig aus der Lektüre gerissen hat.

Auch wenn das ein paar Punkte in der Gesamtbewertung kostet („Deutsche Meisterschaft“ hat es da besser gemacht) – „Wer übrig bleibt, hat Recht“ (übrigens ein in allen Belangen hervorragend gewählter Titel – vor allem in Bezug auf den Epilog) muss den Vergleich mit einem Volker Kutscher oder einem Marek Krajewski nicht scheuen. Im Gegenteil: Hinsichtlich der geschichtlichen Atmosphäre und dem „Milieu“-Charakter haben Birkefeld und Hachmeister hier bereits im Veröffentlichungsjahr 2002 Maßstäbe gesetzt.
detno zu »Richard Birkefeld & Göran Hachmeister: Wer übrig bleibt, hat recht« 15.07.2010
Das "Dritte Reich" ist in Auflösung begriffen, die Rote Armee rückt auf die Reichshauptstadt vor. In dem Chaos, dass sehr ausführlich und genau, aber nie langatmig geschildert wird, versucht ein ehemaliger Kripomann (der zuvor bei Erschießungen im Osten beteiligt war), einen Mörder zu fangen. Früh stellt er sich die Frage, warum ausgerechnet er der Jäger sein soll, nicht aber die normale Polizei.

Kein Krimi im klassischen Sinne, aber ein hervorragendes Geschichtsbuch. Der Leser merkt sehr schnell, dass die beiden Autoren Historiker sind.


95°
Abrazzo zu »Richard Birkefeld & Göran Hachmeister: Wer übrig bleibt, hat recht« 14.09.2009
Wenn man an den zeitgeschichtlichen Umständen des Endkampfes um Berlin interessiert ist, dann liefert der Roman ausgiebig Schilderungen des zerbombten Berlins und der Menschen die zu überberleben versuchten.
Die Protagonisten des Krimis sind auf unterschiedliche Art und Weise zwei Opportunisten der Macht, die aufgrund des Misserfolges des nationalsozialistischen Deutschlands Zweifel an ihrer Rolle und der staatlichen Führung bekommen. Also zwei recht unsympathische Gegenspieler. Der eine ist ein widerlicher SS Scherge, der andere ein normaler Mitmacher, der ob Faschismus oder Demokratie, als brauchbarer Untertan fungiert und Dank einer Denunziation (er hatte öffentlich Zeifel am GröFaZ angemeldet) im KZ landet.
Die Sprache ist einfach, der Plot recht klar, die Auflösung nicht wirklich ein großes Geheimnis.
Was mir missfallen hat war die durch und durch untertänige Sichtweise und die fasst schon mitfühlende Schilderung der Gefühlsnöte des SS-Offiziers.
John zu »Richard Birkefeld & Göran Hachmeister: Wer übrig bleibt, hat recht« 11.11.2008
Sicherlich handelt es sich nicht bei diesem Werk um einen klassischen Krimi mit Räuber und Gendarm, aber das macht die Story gerade aus: ein ständiger Wechsel der eigenen Position des Lesers zu den agierenden Personen. Ist nun der denunzierte Mörder derjenige, der "im Recht" handelt oder der ehemalige Kommissar, der in der Zwischenzeit Kriegsverbrechen begangen hat und den Mörder im Namen der SS sucht? Das bedrückende Umfeld einer sterbenden Stadt kommt noch hinzu und verschärft die Situation.
Auch wenn von Thomas Kürten kritisiert wird, dass sich im Bombenhagel der Krimi verliert, empfinde ich das als durchaus realistisch. Jeder sieht zunächst zu, dass er sich selbst in Sicherheit bringt.
Mir hat das Buch super gefallen, weil es der andere Krimi ist und keinem glatten Faden folgt sondern man sich situationsabhängig ständig neu orientieren muss.
Ich wuerde das Buch jederzeit wieder kaufen und werde es auch in meinem Berlin Krimi Archiv archivieren.
Anja S. zu »Richard Birkefeld & Göran Hachmeister: Wer übrig bleibt, hat recht« 28.07.2008
Mir hat dieser Krimi ausserordentlich gut gefallen. Er ist sehr spannend (auch zwischen Seite 250-300) und behandelt ein duesteres Kapitel der deutschen Geschichte, eine Zeit, die relativ selten in Krimis beschrieben wird. Und ja, er hat ein bitteres Ende, leider aber sehr realistisch.
M.M. zu »Richard Birkefeld & Göran Hachmeister: Wer übrig bleibt, hat recht« 28.02.2008
Ich als Schüler des Abiturjahrganges diesen Jahres, muss wirklich sagen, dass dieser Roman die beste Schullektüre war, die ich bis jetzt gelesen habe. Der Roman verbindet historische Hintergründe geschickt mit "persönlichen" Schicksalen und verpackt diese gekonnt in einen spannenden Kriminalfall.
Auch die zwei Erzählperspektiven sind sehr gelungen und ermöglichen somit, dass sich der Leser selbst über die Personen und deren Taten ein genaues Bild machen kann, sowie diese verurteilen oder gutheißen kann.

Nur die häufigen Tippfehler und sprachlichen Defizite stören etwas.
A.Gehrmann zu »Richard Birkefeld & Göran Hachmeister: Wer übrig bleibt, hat recht« 08.01.2007
Ich fand den Krimi,sehr beeindruckend und konnte ihn garnicht schnell genug "verschlingen".Am Anfang erscheint er einem zwar zu brutal,doch schnell wird klar,dass dieser Roman so realistisch ist,dass mir an manchnen Stellen eine Gänsehaut kam.Zudem wäre ich niemals auf das Ende von allein gekommen und war geschockt aber zu gleich fasziniert....Also viel Spaß beim Lesen,es lohnt sich und das scheibe ich als Lesemuffel;)
Pit zu »Richard Birkefeld & Göran Hachmeister: Wer übrig bleibt, hat recht« 21.07.2005
Einer der besten Krimsi, die ich gelesen habe: gegen alle Krimi-Gewohnheiten (böser Täter, armes Opfer, Showdown etc.) geschrieben und darum so authentisch. Gleichzeitig vermittelt er ein bedrückendes Bild von einer Stadt in den letzten Tagen des Krieges und was diese äusserliche Zerstörung bei den Überlebenden auslöst.
2 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Rainer Fröbe zu »Richard Birkefeld & Göran Hachmeister: Wer übrig bleibt, hat recht« 24.05.2005
Es wäre schön, wenn die Autoren Deutsch schreiben würden, anstatt sich für "germanistische Unzulänglichkeiten" (S. 442) zu entschuldigen. Ob "Rheinfarn" (Rainfarn) oder "Louis Trenker" (Luis Tr.): vieles wirkt oberflächlich und schnell hingeschmiert. Korrekturlesen hätte auch nicht geschadet. Und vom Dienstbetrieb der SS haben die Autoren wenig Ahnung.

Trotz aller Kritik: ein überraschend gut komponiertes Buch. Ein netter Dreh ist den Autoren im Schlußkapitel gelungen. Die zeitgenössischen "Originale" sind aber immer noch die bessere Wahl.

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