Welch langen Weg die Toten gehen von
Buchvorstellung und Rezension
Bibliographische Angaben
Originalausgabe erschienen 2004
unter dem Titel Good Morning, Midnight,
deutsche Ausgabe erstmals 2006
bei Droemer.
Ort & Zeit der Handlung: Großbritannien / England / Yorkshire, 1990 - 2009.
Folge 22 der Dalziel-&-Pascoe-Serie.
- London: HarperCollins, 2004 unter dem Titel Good Morning, Midnight. 407 Seiten.
-
München: Droemer, 2006.
Übersetzt von Karl-Heinz Ebnet.
ISBN:
978-3-426-19691-5. 555 Seiten. -
München: Droemer Knaur, 2008.
Übersetzt von Karl-Heinz Ebnet.
ISBN:
978-3-426-63813-2. 720 Seiten.
'Welch langen Weg die Toten gehen' ist erschienen als
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In Kürze:
Ein Freitod, wie er perfekter kaum inszeniert sein könnte: auf dem Schreibtisch ein Gedichtband, um den Abzug des Gewehrs ein seidener Faden. Vor zehn Jahren hat sich der Unternehmer Palinurus Maciver erschossen. Nun tut es ihm sein Sohn Pal gleich, auf genau dieselbe zeremonielle Art und Weise. War es wirklich Selbstmord? Zweimal der gleiche Freitod? Oder doch ein unfreiwilliges Ableben? Sollte es Mord gewesen sein, deuten alle Indizien auf die ebenso schöne wie rätselhafte Stiefmutter Kay Kafka, die es mit der Treue zu Maciver senior nie sehr genau genommen hatte. Bei ihrem Stiefsohn war sie verhasst. Doch überraschend hat sie einen mächtigen Beschützer: Andrew Dalziel, den schwergewichtigen, wortgewaltigen Chef der Polizei von Mid-Yorkshire. Könnte es sein, dass er wieder einmal seiner amourösen Neigungen nicht Herr wird? Jedenfalls kann sich Detective Chief Inspector Peter Pascoe, der die Ermittlungen leitet, nur darüber wundern, welche Steine Dalziel ihm beständig in den Weg legt. Unverdrossen versucht er dennoch, das komplizierte Netzwerk der Beziehungen und Verstrickungen innerhalb der Familie Maciver zu entschlüsseln. Offenkundig lügen alle Beteiligten nach Kräften, jeder hätte ein Motiv. Am Ende steht darum eigentlich nichts fest – außer einer höchst unerfreulichen Tatsache: Die Welt ist eine Mördergrube, erfüllt von Schandtaten und Niedertracht. Oder sollte es doch noch einen Weg geben, der irdischen Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen?
Das meint krimi-couch.de: »Tiefer Ernst und ausgelassener Humor – ein Lesespaß mit Niveau«
Krimi-Rezension von Michael Drewniok überspringen
Im leer stehenden »Moscow House«, dem alten Stammsitz der Familie Maciver, schießt sich Palinurus, das derzeitige Oberhaupt, mit einer Ladung Schrot den Schädel weg. Er will damit ein Signal setzen und seine verhasste Stiefmutter Kay Kafka in Verruf bringen, die er für den Tod seines Vaters und das Ende der einst selbstständigen Maschinenfabrik Maciver verantwortlich macht. Vor zehn Jahren hatte Palinurus senior seinem Leben auf dieselbe Weise ein Ende gesetzt wie jetzt der Sohn, nachdem ihn Kay als Ehefrau betrogen und ein US-Konzern mit ihrer Unterstützung seine Firma übernommen hatte.
Schon damals war Palinurus junior mit seiner Theorie bei der Kriminalpolizei von Mid-Yorkshire vorstellig geworden. Der unorthodoxe Detective Superintendent Andrew Dalziel hatte seine Aussage damals aufgenommen, sie jedoch nicht für relevant gehalten, so dass zur Verbitterung des Juniors keine weiteren Schritte erfolgt waren.
Auch dieses Mal will Dalziel die Sache offensichtlich unter den Teppich kehren. Auffällig beharrlich besteht er jedenfalls darauf, Palinurus’ Tod als Selbstmord zu behandeln. Detective Chief Inspector Peter Pascoe würde freilich gern weitere Ermittlungen anstellen. Die Micivers sind definitiv keine Musterfamilie. Ist womöglich etwas dran an Kay Kafkas üblem Ruf? Palinurus’ Schwester Cressida und seine Witwe Sue-Lynn hassen die Stief- bzw. Schwiegermutter ebenso inbrünstig wie der Verstorbene. Helen, die deutlich jüngere Schwestern, liebt sie dagegen wie eine echte Mutter. Wie passt das zusammen?
Kompliziert wird der Fall, als sich die Hinweise häufen, dass auch Dalziel darin verwickelt war – und ist: Er kennt Kay Kafka, ist sogar persönlich mit ihr befreundet – oder ist da etwa mehr? Pascoe muss wieder einmal hinter dem Rücken seines Chefs und Freundes ermitteln, was er hasst, zumal er nur zu gut weiß, dass Dalziel ein alter Fuchs ist, der sich wenig um die Vorschriften schert, wenn er der Gerechtigkeit auf seine ganz eigene Weise zu ihrem Recht verhilft …
Ein doppelter Selbstmord weist den Weg in die Hölle
Was zunächst auf eine dieser verwickelten Familiendramen hinauszulaufen scheint, die im englischen Krimi à la Elizabeth George, P.D. James oder Minette Walters so distinguiert wie seitenstark durchexerziert werden, gewinnt im Laufe der Handlung eine deutlich andere Richtung. Schon der bizarre Prolog weist darauf hin: Im Golfkrieg des Jahres 1991 findet ein irakischer Dorfjunge in den Trümmern eines Bunkers neben einer scharfen Rakete eine in Zellophan eingewickelte Frauenleiche. Diese Einleitung sollte man nicht vergessen, denn sie ist der Schlüssel zum eigentlichen Hintergrundgeschehen.
Freilich wird kaum ein Leser damit etwas anfangen können. Dabei knausert Autor Hill nicht mit Hinweisen. Er spielt fair, hält sein Publikum etwa auf dem Wissensstand von Peter Pascoe. Von den preisgegebenen Informationen lenkt er jedoch durch spannende, tragische, urkomische Szenen ab, die in der für Hill typischen, teils drastisch-deutlichen, teils blumigen, von literarischen Verweisen und Anspielungen durchzogenen Sprache präsentiert werden, für deren Verständnis eine humanistische Bildung kein Hindernis (aber auch keine Bedingung) darstellt.
Mit bemerkenswerter Geschwindigkeit wechselt Hill dabei vom Dramatischen zum Komischen und über das Absurde zum Kriminalistischen. Stellvertretend sei auf ein Geschehen im Moscow House verwiesen: Während im ersten Stock die Mordkommission Spuren um die grausig entstellte Leiche des unglücklichen Palinurus Maciver sichert, bringt im Erdgeschoss seine geschockte Schwägerin Zwillinge zur Welt. Hoch geht es her in dieser Szene, und Andrew Dalziel ist in seinem Element.
Ernsthafter wird der Ton auf einer zweiten Handlungsebene. »Welch langen Weg...« spielt vor dem Hintergrund des 9/11-Desasters von 2001. Hill verknüpft komplexe Themen wie den »neuen« US-Patriotismus, die fragwürdigen Aktivitäten der Vereinigten Staaten und ihrer allzu ergebenen britischen Verbündeten im Nahen Osten oder die Schiebereien skrupelloser Waffenhändler, die als Kriegsgewinnler nichts mehr hassen als einen möglichen Frieden auf Erden. Darüber hinaus geht es um den Terror, der seit 2001 die ganze Welt erfasst, seine Wurzeln und seine Verästelungen, deren Ausläufer eben auch eine Kleinstadt in England erreichen können.
Nicht wirklich Neues aber viel Bewährtes
Dort finden wir uns auf vertrautem Terrain wieder. Andrew Dalziel und Peter Pascoe gehören zum »Establishment« der englischen Krimiszene. Sie sind als literarische Gestalten seit dreieinhalb Jahrzehnten bekannt und erzielen im britischen Fernsehen seit 1996 bemerkenswerte Einschaltquoten. Viel Neues weiß auch ihr geistiger Vater seinen Figuren inzwischen nicht mehr abzugewinnen; es ist auch nicht erforderlich, denn der Leser kennt und liebt den dicken, unberechenbaren Andy und den besonnenen Peter, seine feministische Gattin Ellie, den vierschrötig-sensiblen Sergeant Wield oder die von chauvinistischen Kollegen umzingelte aber selbstbewusste Shirley Novello; es verlangt und bekommt seine witzigen Wortgefechte und Dalziels Elefantenritte durch diverse Fettnäpfchen. Um diese Zentralgestirne kreist ein Trabantenreigen hart an der Karikatur gezeichneter Nebenfiguren, von denen die dickbäuchigen, abgebrühten Streifenpolizisten »Joker« Jennison und Alan Maycock besonders gut im Gedächtnis haften.
Dalziel gerät nicht zum ersten Mal ins Zwielicht; auch insofern hält sich Hill ans Bewährte. Natürlich ist nichts so wie es auf den ersten Blick scheint. Während der Autor die Leser an Pascoes Gedankengängen teilnehmen lässt, hüllt sich Dalziel in Schweigen. So behält er seinen Nimbus als poltrig-genialer Querkopf, der als Kriminalist und Mensch stets für eine Überraschung gut ist.
Die Macivers überzeugen als schrecklich nette Familie mit sorgfältig verborgenen Geheimnissen. Diese Konflikte werden verschärft durch subtile gesellschaftliche und kulturelle Konflikte. Kay Kafka und ihr Ehemann Tony stammen aus den USA. Wiederum bedingt durch den Anschlag auf die Twin Towers und den anschließend von den USA ausgerufenen Kreuzzug gegen den Terrorismus ist Tony Kafkas Gewissen erwacht. Er will kein Waffenhändler oder -schmuggler mehr sein. Damit gefährdet er die Organisation, die er mit seinen Spießgesellen aufgebaut hat. Diese gedenken sich ihr profitables Geschäft keineswegs verderben zu lassen. – eine weitere Quelle schwer kalkulierbarer Gefahren, die neue Momente der Spannung in das Geschehen bringen und »Welch langen Weg...« wie fast alle Hill-Romane in die Riege der Spitzenkrimis aufsteigen lässt.
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| Gaspar zu »Reginald Hill: Welch langen Weg die Toten gehen« | 08.01.2011 |
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| Kinsey zu »Reginald Hill: Welch langen Weg die Toten gehen« | 05.05.2008 |
| Krimi-Tina zu »Reginald Hill: Welch langen Weg die Toten gehen« | 10.01.2008 |
| Krimi-Tina zu »Reginald Hill: Welch langen Weg die Toten gehen« | 10.01.2008 |
| Karin Bucconi zu »Reginald Hill: Welch langen Weg die Toten gehen« | 15.12.2006 |

