Mord auf Widerruf (Die dunkle Lady meint es ernst) von Reginald Hill

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1990 unter dem Titel Bones and Silence, deutsche Ausgabe erstmals 2003 bei Europa.
Ort & Zeit der Handlung: , 1990 - 2009.
Folge 13 der Dalziel-&-Pascoe-Serie.

  • New York: Delacorte Press, 1990 unter dem Titel Bones and Silence. 415 Seiten.
  • Hamburg: Europa, 2003 Die dunkle Lady meint es ernst. Übersetzt von Xenia Osthelder. 415 Seiten.
  • München: Knaur, 2007 Mord auf Widerruf. Übersetzt von Xenia Osthelder. 480 Seiten.

'Mord auf Widerruf (Die dunkle Lady meint es ernst)' ist erschienen als

In Kürze:

Detective Superintendent Andy Dalziel behauptet, einen Mord gesehen zu haben. Von seinem Küchenfenster aus, direkt im Haus gegenüber. Der vermeintliche Mörder, Philip Swain, bekannter Bauunternehmer der Stadt, behauptet hingegen, er habe lediglich versucht, seiner psychisch labilen Frau die Waffe zu entreißen, die diese auf sich richtete. Viel spricht für den Bauunternehmer, wenig für Dalziel, der Swain, diesen blasierten Landadeligen, ja noch nie leiden konnte, außerdem in besagter Nacht zugegeben nicht ganz nüchtern war, und natürlich war es dunkel& Aber all das stört Dalziel wenig. Fassungslos muß sein junger Kollege, Chief Inspector Peter Pascoe, miterleben, wie sein Chef sich hoffnungslos in den Fall Swain verrennt und sich zum Narren macht. Oder doch nicht?

Das meint Krimi-Couch.de: »Und der `liebe Gott´ hat doch Recht!« 71°

Krimi-Rezension von Lars Schafft

Superintendent Andrew Dalziel sagt zu einem guten Tropfen nicht nein. Oftmals wird aus einem Tropfen dann auch weit mehr: Sechs Bier, sechs doppelte Whisky, dazu Würstchen im Schlafrock und rosinengespickter Butterpudding, ein Fläschchen Beaujolais, Silberzwiebelchen mit Käse und  nun ja, ein Glas Mineralwasser. Letzteres muss in den Augen des Superintendenten der Auslöser gewesen sein, warum er mitten in dieser Januarnacht sich über dem Putzeimer in seiner Wohnung erbricht.

Doch Dalziel wäre kein guter Polizist, hielte er nicht auch in diesem unangenehmen Moment seine Augen auf. Gegenüber brennt Licht und eine nackte Schönheit zieht Dalziels Aufmerksamkeit unweigerlich auf sich. Doch die gute ist nicht allein, zwei Männer sind bei ihr. Und sie streiten sich. Geistesgegenwärtig spurtet »der Dicke«, wie unser schwer alkoholisierte Polizist hinter vorgehaltener Hand von seinen Kollegen genannt wird, hinüber und kommt sogar noch rechtzeitig. Fast scheint der Streit geschlichtet, als sich aus dem großkalibrigen Revolver in den Händen Philip Swains ein Schuss löst  und die Nackte umbringt.

Der Superintendent als Zeuge  und die Anwesenden widersprechen ihm

Eigentlich scheint die Sachlage klar: Der Schuss aus dem Revolver Philip Swains, Gatte der Getöteten, ein gewisser Gregory Waterson der dritte im Bunde und damit Zeuge. Doch als Andrew Dalziel am Tage darauf die Zeugenaussagen vor sich hat, findet er sich einer ungemütlich wie ungewohnten Situation wieder. Obwohl er wie Swain und Waterson die Szene miterlebt hat, widersprechen Swain und Waterson der Aussage Dalziels. Während Dalziel von einem Mord ausgeht  den versnobbten Landadel und Bauunternehmer Swain konnte er eh nie leiden  stützt Waterson die Aussage seines Kontrahenten, dass es sich um einen Unfall gehandelt habe.

Kontrahenten? Richtig, »Die dunkle Lady meint es ernst« wäre kein Krimi von Reginald Hill, wenn die Ausgangslage nicht schon ordentlich verzwickt sein würde. Waterson war mit Swains amerikanischer  und durchaus wohlhabender!  Frau Gail mehr als nur leicht verbandelt. Während Swain zusammen mit seinem Partner Stringer genug damit zu tun hatte, die Firma am laufen zu halten, vergnügte sich die nicht nur finanziell unabhängige Gail mit Waterson. Doch warum schützt dieser Swain? Sollte sich Andrew Dalziel wirklich getäuscht haben? Zum Unglück des »Dicken« kann Waterson nicht mehr viel zur Klärung des Falles beitragen  er verschwindet nach Unterzeichnung der Zeugenaussage spurlos.

Dalziel in einer völlig ungewohnten Rolle

Dalziel steht mit seinem Verdacht, den er bitterlich zu beweisen versucht, so auf ziemlich einsamer Flur. Als ob dies nicht reichen würde, hat er der attraktiven Eileen Chung noch zugesagt, die Rolle des lieben Gottes (ausgerechnet) in ihren »Mysterienspielen« zu übernehmen. Und eine anonyme Briefeschreiberin nervt den Superintendenten mit regelmäßigen Schreiben, in dem sie nicht nur ihren Freitod ankündigt, sondern auch noch erstaunlich gute Hinweise gibt&

Die Wiederentdeckung eines englischen Krimi-Autors zieht schon einige Wege. Über 30 Jahre hat die Dalziel & Pascoe-Serie nun schon auf dem Buckel, bis 1988 waren die Romane wenigstens noch teilweise auf deutsch erhältlich (damals bei Goldmann). Nach ganzen zwölf Jahren Übersetzungspause machte der Hamburger Europa-Verlag 2000 einen Neuanfang und legte Hill mit Das Dort der verschwundenen Kinder wieder in Deutschland auf. Das war Teil 18 der Serie, es folgten Das Haus an der Klippe und Die rätselhaften Worte. Zum Erfolg trug sicherlich auch bei, dass die Krimis als Taschenbuch bei Droemer-Knaur erscheinen. Nun liegt mit »Die dunkle Lady meint es ernst« wieder ein Dalziel & Pascoe-Roman vor, aber der Leser sollte sich auf eine kleine Zeitreise gefasst machen. Es geht zurück in der Serie in Folge 13.

Hill ist ein Meister des psychologisch dichten Krimis

Dieser Sprung stört erfreulicherweise überhaupt nicht. Hill ist ohne Zweifel ein Meister des psychologisch dichten Krimis, spart nicht mit britischem Humor und seine Fälle gehören zu den am besten konstruiertesten des Genres. Somit sind die Romane um das ungleiche Polizisten-Duo aus der Phantasiestadt Mid-Yorkshire absolut zeitlos. Auch »Die dunkle Lady meint es ernst« stellt dabei keine Ausnahme dar.

Allein die Idee, den Chef-Ermittler der Polizei Zeuge eines Mords werden zu lassen  ein Zeuge, dem keiner wirklich glaubt!  ist wunderbar. Wie sich der dickköpfige Kauz Dalziel, gewohnt bitterböse in seinen Bemerkungen und sensibel wie ein Traktor in die Idee verrennt, Philip Swain als Mörder seiner Ehefrau zu überführen, ist absolut vergnüglich und dringend zur Lektüre empfohlen. Dass Reginald Hill diese Geschichte mit den »Mysterienspielen«, einer Art riesigen Dorf-Parade, ausstaffiert, sorgt dabei für eine unvergleichliche Atmosphäre. Andrew Dalziel in der Rolle des lieben Gottes tut ein übriges um die »Die dunkle Lady meint es ernst« aus den Krimi-Neuerscheinungen dieses Jahres deutlich hervortreten zu lassen.

Gelegentlich benötigt der Leser einen langen Atem und guten Überblick

Bis es schließlich zur Lösung des Mordfalls »Gail Swain« kommt und die Selbstmörderin in spe enttarnt werden kann, vergehen allerdings gute 400 Seiten. Für eine straff erzählte Kriminalgeschichte ein bisschen viel Drumherum, nicht uninteressant, nicht langweilig, aber eben auch kein spannungsgeladener Pageturner. Gelegentlich benötigt der Leser dabei einen langen Atem, um in dieser vertrackten Story den Überblick zu behalten und am Ball zu bleiben.

Folglich ist »Die dunkle Lady meint es ernst« ein clever ausgeklügelter Fall, witzig erzählt, aber eben doch merkbar routiniert. Da Reginald Hill dies freilich trotzdem auf hohem Niveau gelingt, darf der Leser sich auch auf die nächsten Krimis um Dalziel und Pascoe freuen. Dann aber hoffentlich 100 Seiten kürzer und in der Reihenfolge ihrer Entstehung.

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Gaspar zu »Reginald Hill: Mord auf Widerruf (Die dunkle Lady meint es ernst)« 25.02.2011
Dies ist der einzige Roman Hills, der bisher den Gold Dagger bekommen hat. Er wurde außerdem für den Dagger of the Daggers nominiert. Ich vermute, dass die CWA vor allem die Form prämiert hat. Der Roman ist in strukturierte Kapitel eingeteilt. Jedes beginnt mit einem Abschnitt aus dem York-Zyklus, einem mitterlalterlichen christlichen Spiel, das im Zusammenhang mit einem weihnachtlichen Umzug durch die Stadt steht. Ich mag in einem Krimi nicht besonders, wenn Eriegniss wie die Semana Santa oder das Oktoberfest verarbeitet werden. Hier hilet sich der Schaden allerdings in Grenzen. Ich fand den Krimi auch nur wenig zu lang (vielleicht 30 Seiten). Die Ausgabe des Europa-Verlages hat nur 415 Seiten, das englische Hardcover 368. Der Roman ist sehr witzig geschrieben und hat sich auf diesem Gebiet für mich gegenüber den Vorgängern gesteigert. Unglaubwürdig ist das beinahe krankhafte Suchen nach Beweisen. Wenn ein Detective Superintendent Tatzeuge ist, dann ist die Sache in Wirklichkeit weitgehend gelaufen. Wenn der mutmaßliche Täter mehrere Versionen zum Tathergang liefert, dann erhebt die Staatsanwaltschaft Anklage wegen Mordes. Aber es geht um Unterhaltung und mein letzter Krimi (ein Edgar-Gewinner) war wesentlich unglaubwürdiger und vollkommen humorlos.
Da die Übersetzung des Europa-Verlages viele Fehler hat, sollte man wohl besser die Version von Knauer nehmen.

92°
Mistie zu »Reginald Hill: Mord auf Widerruf (Die dunkle Lady meint es ernst)« 13.10.2009
Nun habe ich es durch "Bones and Silence" wie das Buch im englischen Original heisst; ich kann Lars und Stefan83 in ihrer Meinung nur beipflichten dass das Buch, hätte es etwa 100 Seiten weniger gehabt, nicht unwesentlich an Qualität gewonnen hätte.

Mit diesem Band tat ich mich schwerer als mit den meisten seiner Vorgänger: der Auftakt mit einem "würgenden" Dalziel, der einen Mord beobachtet liess auf eine weitere köstliche Unterhaltung schliessen. Doch dann lässt die Spannung merklich nach und man hat den Eindruck dass nicht nur den Ermittlungen, sonder auch die Proben zum Schauspiel, ja sogar den "heftigen" Wortgefechten zwischen Peter und Ellie die Luft ausgehen.

Zum Schluss schafft es Hill dann doch noch einen "show-down" hinzulegen auch wenn mir manches in diesem Band zu gestellt erschien ... Schade. Von mir diesmal nur ein 70°

Doch als treue Freundin vom vielleicht "grössten Arschloch der Literaturgeschichte" werde ich natürlich auch alle folgenden Bände lesen.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Stefan83 zu »Reginald Hill: Mord auf Widerruf (Die dunkle Lady meint es ernst)« 06.01.2009
Gäbe es einen Preis für das größte Arschloch der Literaturgeschichte, Andrew Dalziel, Detective Superintendent der Polizei von Yorkshire und Protagonist in Reginald Hills erfolgreicher Krimi-Reihe, dürfte sich größte Hoffnungen auf eine Auszeichnung machen.

In einer Welt, in der sich die heutigen Kommissare und Inspektoren immer öfter in erster Linie durch ihren Alkoholgenuss und ihr kaputtes Privatleben auszeichnen, ist die Figur Dalziel einer der letzten Dinosaurier. Ein Menschenfeind, Anarchist und Kotzbrocken der allerersten Kategorie, der bei Vernehmungen die Sensibilität einer Abrissbirne walten und bei seinen Untergebenen nicht den kleinsten Fehler durchgehen lässt.

Umso interessanter ist es dann wenn Dalziel diesmal selbst Zeuge eines Verbrechens wird. Während er einen mittelschweren Vollsuff über einem Eimer auskuriert, beobachtet er wie Gail Swain, stinkreiche Ehegattin des erfolglosen Kleinbauunternehmers Philip Swain, den Tod durch eine augenscheinlich verirrte Pistolenkugel findet. Obwohl alle Fakten für einen Unfall und gegen ein Gewaltverbrechen sprechen und Swain sich in Dalziels Pranken wie ein Aal windet, lässt dieser nicht locker und nichts unversucht, um den Verdächtigen hinter Schloss und Riegel zu bringen. Was folgt ist ein gut 550 Seiten starkes Lesevergnügen, welches beim Leser kein Auge trocken lässt.

Reginald Hill schafft es auch im zwölften Band der Dalziel/Pascoe-Reihe einmal mehr, mit beneidenswerter Leichtigkeit einen Plot auf dem Papier zu kredenzen, der mit einem Wortwitz besticht, der im Genre seinesgleichen sucht. In bester britischer Whondunit-Manier führt er den Leser durchs Geschehen, beschreibt Gespräche, Verhöre und plötzliche Eingebungen, und lässt nebenbei ein Humorfeuerwerk abbrennen, das einem das Dauerlächeln im Gesicht festfriert. Der eigentliche Mordfall gerät hier zwar stellenweise in den Hintergrund, was die Freude am Buch jedoch in keinster Weise hemmt, da selbst Nebenschauplätze, wie Eileen Chungs Passionsspiel, in dem Dalziel niemand geringeren als Gott selbst verkörpert (welch Ironie!), für beste Unterhaltung sorgen.

Einziges Manko: Über die gesamte Distanz kann Hill diesen sprühenden Funken nicht halten und besonders Erstleser eines Hills werden sich wohl nach gut 250 Seiten fragen, wann es denn mit dem eigentlichen Krimi endlich losgeht. Das sich dann zudem im letzten Drittel die Ereignisse überschlagen, tut dem Buch leider auch nicht gut und will nicht recht in den vorherigen Rhythmus der Geschichte passen. Dennoch: Mord auf Widerruf, das bereits vor einigen Jahren unter dem Titel Die dunkle Lady meint es ernst auf dem Markt geworfen wurde, ist britische Unterhaltung vom Feinsten, die die Krimielemente zwar erstaunlich oft vernachlässigt, dafür aber umso mehr Spielraum zum Rätseln lässt, ob Dalziel mit seiner anfänglichen Vermutung am Ende Recht behalten wird.

Insgesamt ein guter und vor allem sehr witziger Vertreter des Whodunit-Genres, an dem Hill-Fans nicht vorbeikommen und der mir persönlich richtig Lust auf den nächsten Band der Reihe gemacht hat.
5 von 7 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
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