Der Tod und der Dicke von Reginald Hill

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2007 unter dem Titel The death of Dalziel, deutsche Ausgabe erstmals 2011 bei Droemer Knaur.
Ort & Zeit der Handlung: , 1990 - 2009.
Folge 23 der Dalziel-&-Pascoe-Serie.

  • London: HarperCollins, 2007 unter dem Titel The death of Dalziel. 408 Seiten.
  • München: Droemer Knaur, 2011. Übersetzt von Karl-Heinz Ebnet. ISBN: 978-3-426-19781-3. 592 Seiten.
  • München: Knaur, 2013. Übersetzt von Karl-Heinz Ebnet. ISBN: 978-3-426-63884-2. 553 Seiten.

'Der Tod und der Dicke' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch E-Book

In Kürze:

Weil er wieder mal auf seine große Klappe und die Überzeugungskraft seiner zwei Zentner Lebendgewicht vertraut, statt Vorsicht walten zu lassen, fliegt Superintendent Andy Dalziel eine Bombe um die Ohren. Schwerverletzt liegt der Dicke nun im Koma und schlägt sich mit dem Sensenmann herum. Chief Inspector Peter Pascoe will die Schuldigen dingfest machen und stößt auf vermeintliche Islamisten, einen merkwürdigen Tempelritter-Orden und eine Antiterroreinheit, die ihn mit allen Tricks kaltstellen will. Wäre doch bloß der Dicke mit von der Partie.

Das meint Krimi-Couch.de: »Terroristenhatz mit Kollateralschäden« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Ausgerechnet Police Constable Adolphus Hector, der hirnlahmste Kriminalpolizist von Mid-Yorkshire, meldet in einer abbruchreifen Häuserzeile der Mill Street drei Verdächtige mit einer Waffe. Da es hier eine arabische Videothek gibt, in der sich möglicherweise Terroristen treffen, wird dem halbherzig nachgegangen. Dies übernehmen Detective Chief Inspector Andrew Dalziel und sein Kollegen & Freund Peter Pascoe. Sie fahren in die Mill Street  und geraten in eine gewaltige Explosion, die mehrere Häuser in Stücke reißt.

Während Pascoe nur leicht verletzt wird, fällt Dalziel in ein Koma, aus dem er nicht erwacht. Ein Team der »Combined Anti Terrorism« macht sich in Mid-Yorkshire breit. In den Ruinen der gesprengten Häuser findet man drei Leichen. Offenbar haben Terroristen beim Umgang mit Sprengstoff geschlampt. Pascoe, der sich von der CAD und ihrer Leiterin Sandy Glenister beiseitegeschoben fühlt, will dieser Erklärung nicht folgen. Er hat am Tatort Indizien gefunden, die nicht in das CAD-Szenario passen.

Die Ermittlungen werden ausgeweitet, als ein neuer Templer-Orden von sich reden macht. Seine Mitglieder wollen die Aktivitäten latent terrorfreundlicher Muslime nicht mehr dulden. Auf prominente Religionsführer und Geschäftsmänner werden Attentate verübt und Mordvideos ins Internet gestellt. Dahinter stehen keineswegs verwirrte Vigilanten, sondern eine Gruppe von Ex-Soldaten und Geheimdienstmännern, die per Selbstjustiz mit ihren »Zielpersonen« aufräumen wollen. Der rechtschaffene Pascoe kommt ihnen auf die Spur, obwohl man ihm von »oben« ständig Knüppel zwischen die Beine wirft, und gerät auf ihm unbekannten Terrain mehr als einmal in Lebensgefahr.

Unterdessen erwacht Dalziel im Jenseits. Da er mit dem Leben keineswegs abgeschlossen hat, ringt er zunächst den Sensenmann nieder und legt sich schließlich mit Gott persönlich an &

Schreck für leichtgläubige Leser

Bereits mit dem Titel des 22. Krimis um Andrew Dalziel und Peter Pascoe gelingt es Reginald Hill, die uneingeschränkte Aufmerksamkeit des krimilesenden Publikums zu erregen. Bei nüchterner Betrachtung ahnt man zwar, dass der Verfasser abermals ebenso geschickt wie boshaft sein Spiel mit den Lesern treibt, aber ganz sicher ist nicht: Hat nicht Colin Dexter den überaus beliebten Inspektor Morse schließlich doch sterben (und nicht wieder auferstehen) lassen?

Kann Pascoe ohne den dicken Andy bestehen? Zumindest diese Frage beantwortet uns Hill eindeutig: Pascoe bemüht sich nach Kräften und wird dabei seinem Chef immer ähnlicher, ohne dessen außergewöhnliches Format jemals zu erreichen. Es gibt eben nur einen Dalziel, und den vermisst man, auch wenn Hill alles andere als einen langweiligen Kriminalroman vorlegt.

Der Autor weiß durchaus um die Popularität seiner Figur und streut kurze Kapitel ein, die den im Koma liegenden Dalziel in traumähnlichen Szenen zeigen, die ihm  dem Leser bleibt die Wahl der Entscheidung überlassen  entweder sein komatöses Hirn vorgaukelt oder ihn tatsächlich in einem Reich zwischen Leben und Tod zeigen. Manchmal driftet er auf die Realität zu und muss erbittert manche Schmach hilflos dulden:

»Verdammte Scheiße«, empörte sich Dalziel. »Irgend so ein Arsch betet zu mir!« (S. 360)

Freunde und Feinde in den eigenen Reihen

Da Dalziel also nur ansatzweise und in Rückblenden sein übliches Unwesen treiben kann, konzentriert sich die Handlung stärker als sonst auf den Plot, der solcher Aufmerksamkeit freilich gewachsen und zudem überaus aktuell ist. Der Krieg gegen den (islamistischen) Terror wird längst nicht mehr im trotz seines Namens in sicherer Entfernung liegenden Nahen Osten geführt. Militante Gruppen haben ihn längst in die Länder des »Gegners« getragen.

Dabei liegt der hauptsächliche »Erfolg« ihrer Attacken nicht einmal in dem Schrecken, den sie durch Gewalttaten verbreiten. Wesentlich nachhaltiger ist die Auslösung einer Gegenreaktion, die aufgrund der Schwammigkeit des Feindbildes längst auch Unbeteiligte und Unschuldige in Mitleidenschaft zieht. Hill rudert ein gutes Stück hinaus in die Untiefen moderner Geheimdienst-Aktivitäten, die den Boden des fixierten Rechts entweder längst verlassen haben oder sich gar nicht mehr darum kümmern muss, weil es im Dienst der »guten Sache« außer Kraft oder abgeschafft ist.

Hill geht noch einen Schritt weiter: Ein selbsternannter »Ritterorden« mit trägt den Krieg aktiv in die Reihen eines Feindes, der sich auf den demokratischen Schutz von Gesetzen stützen kann, die er faktisch abzuschaffen gedenkt. Dieser Weg ist verführerisch: Wenn sich »die Bösen« nicht an die Regeln halten, müssen »die Guten« sich ihnen angleichen:

In der Welt der Geheimdienste war es bis [zum Mord] wohl nur ein kleiner Schritt. Täuschung, Verrat, Attentat, Folter, das waren schließlich die Werkzeuge ihres Gewerbes, vielleicht nur unter Umständen von höchster Notwendigkeit als letztes Mittel der Wahl einzusetzen, aber wenn man sich diese Möglichkeit auch nur eingestand, befand man sich bereits in Schieflage" (S. 402)

Turbo in der Gewaltspirale

Der gesellschaftliche Konsens ist in dieser Frage gespalten. Hill schildert, wie zynische Medien sich parteiisch einschalten, um auf diese Weise nicht nur Leserzahlen und Quoten in die Höhe zu treiben, sondern auch um Politik zu machen, denn »eine unwiderlegbare Lüge gewinnt sehr schnell größere Glaubwürdigkeit als die unbewiesene Wahrheit« (S. 333). Wie der englische Abhör-Skandal von 2011 belegt, lag Hill in dieser Beziehung mit seiner Prämisse richtig, wenn er eine Medienlandschaft mit vielen großen und kleinen Murdochs entwirft.

Hinzu kommt die Tatsache, dass militärische wie militante Aktionen niemals hundertprozentig aufgehen. Rasch kommt es zu Zwischenfällen, die unter dem hässlichen Begriff »Kollateralschäden« subsummiert und verharmlost werden. So ein Vorfall wird buchstäblich zum Auslöser für unsere Geschichte, als eine schiefgelaufene Exekution potenzieller Schurken jene Explosion verursacht, die Dalziel ins Koma wirft und Pascoe wachrüttelt.

Selbstverständlich vertritt Pascoe altbewährte Ansichten über Recht und Gesetz. Nun muss er lernen, dass es gefährlichere Gegner als den klassischen Gangster gibt. Wer steckt mit den »Templern« unter einer Decke? Wer in den höheren Rängen von Polizei, Geheimdienst und Politik will sie zwar ausschalten, ihre Existenz dabei jedoch sorgfältig unter den Teppich kehren? Wem kann Pascoe trauen?

Courage kann lebensgefährlich sein

Je tiefer Pascoe in das komplexe Gefüge legaler und illegaler Kräfte eindringt, desto größer wird die Gefahr, in die er gerät. Das System, dem er dient, scheint sich in einen Kraken zu verwandeln, der ihn nicht nur würgt, sondern ihm den Boden unter den Füßen fortreißt. Vorgesetzte lassen Pascoe durch versteckte Andeutungen wissen, was er zu tun bzw. zu lassen hat; als er dies ignoriert, folgen Warnungen, Befehle, Vorwürfe, Sanktionen. Wo Pascoe die Hände gebunden werden, bewegt sich der Gegner frei.

Dalziel wüsste sich seiner Verfolger zu erwehren. Seine Wege zum Ziel verlaufen krumm. Er ist unberechenbar und deshalb schwer zu erwischen. Pascoe ist in dieser Hinsicht das leichtere Opfer, weil den Dienstverschriften zusätzlich moralisch verbunden.

Allerdings ist Pascoe trotz aller Ängste um sich und seine Familie nicht nur unbeirrbar und als Polizist kein Politiker, sondern ein intelligenter Ermittler. Außerdem kann er sich auf ein kleines aber feines Netzwerk verlässlicher Kollegen und Freunde verlassen, zu denen sich nun ein neuer, unterhaltsam exzentrischer Zeitgenosse zu gesellen scheint: Adolphus Hector, ein Mann mit besonderen Geistesgaben, dessen Gehirn auf mechanischer Basis zu funktionieren scheint.

Alte Qualitäten sichern den Lesespaß

Dass Der Tod und der Dicke trotz der Abwesenheit Dalziels die bekannten Hill-Qualitäten aufweist, also über die gesamte Distanz unterhalten kann, liegt nicht nur am Plot, sondern auch an der (selbst die deutsche Übersetzung gut überstehenden) einmaligen Mischung aus klassischer Bildung und vulgärer Trivialität, die kaum ein Autor so perfekt wie Hill beherrscht. Die »Hammergeil«-Fraktion der Krimileser wird möglicherweise überfordert mit Bonmots wie diesem:

Ihr Vater & betrachtete die Kirche lediglich als Gottes Werkzeug, das Herrschaftsrecht der Torys zu bekräftigen, selbst wenn Labour an der Macht war. (S. 356)

Sie wird aber mit Sex- und Fäkal-Witzchen bedient und bei Laune gehalten, die sich mirakelhaft harmonisch in das Textgefüge einbetten.

Das Ende ist nicht nur hintergründig, sondern weist auch einen funktionierenden Finaltwist auf, der die Vorgeschichte nicht ad absurdum führt, sondern sie abrundet. Die Weichen für das 23. Dalziel/Pascoe-Abenteuer sind gestellt. Der Leser darf beruhigt sein: In Großbritannien ist es bereits erschienen  und das 24. ebenfalls!

Michael Drewniok, September 2011

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