Der Tod heilt alle Wunden von Reginald Hill

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2008 unter dem Titel A cure for all diseases, deutsche Ausgabe erstmals 2014 bei Droemer Knaur.
Folge 24 der Dalziel-&-Pascoe-Serie.

  • London: HarperCollins, 2008 unter dem Titel A cure for all diseases. 535 Seiten.
  • München: Droemer Knaur, 2014. Übersetzt von Karl-Heinz Ebnet. ISBN: 978-3-426-19858-2. 640 Seiten.
  • München: Knaur, 2016. Übersetzt von Karl-Heinz Ebnet. 635 Seiten.

'Der Tod heilt alle Wunden' ist erschienen als Hardcover E-Book

In Kürze:

Keine Geringere als Jane Austen stand Pate für das Seebad Sandytown, in dem Dalziel eigentlich zur Kur weilt, sich aber vor allem tödlich langweilt  bis eine Leiche auftaucht. Es versteht sich von selbst, dass der dicke das Ermitteln nicht einfach DI Pascoe überlassen kann, der eigentlich mit dem Fall betraut ist.

Das meint Krimi-Couch.de: »Lady am Spieß und Dalziel im Nacken« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Sandytown war bisher ein kleiner, verschlafener Ort an der Atlantikküste der englischen Grafschaft Yorkshire. Seit einiger Zeit ist die Avalon-Stiftung hier sehr aktiv. Sie will Sandytown zu einem Wellness-Zentrum für Gesundheitssuchende aus aller Welt entwickeln und investiert viel Geld in diesen Plan.

Mit im Boot bzw. im Vorstand sitzt Daphne Denham. Die umtriebige Lady hat bereits zwei Gatten unter die Erde gebracht und gilt als knallharte Geschäftsfrau. Mit Tricks und Ellenbogenstößen hat sie dafür gesorgt, dass die Stiftung erforderliches Bauland möglichst kostengünstig erwerben konnte. Auch sonst hat sie ihre Mitbürger sowie ihre kopfstarke Familie fest im Griff, denn niemand wagt Lady Denham zu verärgern, die ihr Testament rasch zu ändern pflegt, um ihren Hofstaat gewogen und ängstlich zu halten. Den dabei entfachten Hass hat die Lady offensichtlich unterschätzt: Als sie zu einem großen Strandpicknick einlädt, finden die entsetzten Gäste sie auf einem Bratspieß, der sich über der Kohle des gewaltigen Grills dreht.

Da »Beißer« Whitby, der Ortspolizist, nicht für intellektuelle Höchstleistungen bekannt ist, schickt die Kriminalpolizei von Mid-Yorkshire Detective Chief Inspector Peter Pascoe nach Sandytown. Für ihn stellt dieser Fall eine Bewährungsprobe dar, denn zum ersten Mal ermittelt Pascoe eigenverantwortlich und ohne den Schutz  oder das Joch  von Detective Superintendent Andrew Dalziel. Sein exzentrischer Vorgesetzter und Freund leidet noch immer unter den Folgen der schweren Verletzungen, die er bei einem Attentat erlitten hat (s. Der Tod und der Dicke).

Allerdings hat das Schicksal den rekonvaleszenten Dalziel ausgerechnet nach Sandytown verschlagen. Dort mischt er sich umgehend in die Ermittlungen ein, denn Dalziel langweilt sich schrecklich, was ihn zu großer, naturgewaltiger Form auflaufen lässt …

Reginald Hill entdeckt Jane Austen

Als Autor war Reginald Hill berühmt oder berüchtigt dafür, seine Krimis spielerisch mit literarischen Klassikern zu verknüpfen. Je unmöglicher die Vorlage ins Genre passte, desto lieber versuchte Hill es, was zumindest die Zustimmung der puristischen Krimi-Fraktion nicht immer finden konnte.

Der Tod heilt alle Wunden stellt keine Ausnahme dar. Das Buch ist Hills moderne Version eines Romans, den Jane Austen (1775-1817) zu Lebzeiten nicht mehr vollenden konnte. »Sanditon« war der Arbeitstitel, und Austen arbeitete noch im März 1817 daran, bevor sie krankheitsbedingt abbrechen musste. Hill übernimmt die Kulisse eines mondänen Seebades, das er mit Austens Figuren bevölkert. Lady Denham, ihr Neffe Edward, Clara Brereton, Charlotte Heywood, das Ehepaar Parker: Diese und andere Namen finden sich so bereits bei Austen.

Da »Sanditon« nie abgeschlossen wurde, blieb offen, welche Geschichte Austen erzählen wollte. Das Fragment bietet vor allem einleitende Landschafts- und Charakterbeschreibungen. Hill fand hier eine ideale Spielwiese. Aus Sanditon wurde Sandytown, aus (vermutlich) einem Gesellschaftsroman (inklusive Liebesgeschichte) ein Krimi, der zumindest zeitlich im 21. Jahrhundert angesiedelt ist.

Auf akademischer Ebene mag Hill über die Herausforderung gesiegt haben. Dennoch muss man den Negativ-Kritikern rechtgeben: Hill übertreibt es mit der Austen-Osmose. Die ersten 200 Seiten imitieren die »epistolary novel« des frühen 19. Jahrhunderts ein wenig zu selbstzweckhaft. Hätte es Hill nicht zu denken geben müssen, dass Jane Austen selbst die Erzählung über Briefe schon 1794 (nach »Lady Susan«) wieder aufgab?

Dalziel ringt Jane Austen nieder

Die Kunst der Kommunikation und ihre Tücken waren ein Steckenpferd Austens. Hill übernimmt das, lässt seine Figuren aber keine Briefe mehr schreiben. E-Mails und digitale Tonaufnahmen haben das Papier ersetzt. Aus dem so Fixierten soll der Leser vor allem auf den ersten 200 Seiten wie zu Austens Zeiten die handlungsrelevanten Informationen filtern. Doch diese stecken wie Diamanten in einem Schuttberg. Klatsch aus dem 19. Jahrhundert mag heute spannend sein. Klatsch der Gegenwart ist langweilig. Das hat Hill nicht bedacht oder bedenken wollen. Charlotte Heywoods gemailte Ergüsse dürften frühestens in 150 Jahren zur Lesenswerte gereift sein …

Ist das erste Drittel geschafft, geht Der Tod heilt alle Wunden glücklicherweise als »normal« weiter. Peter Pascoe, Sergeant Wield und der eifrige Kriminal-Nachwuchs Novello, Hat und Seymour treten auf, und Andrew Dalziel drängt ins Polizeileben zurück. Dabei entspinnen sich die vertrauten und beliebten, an Subtext reichen Plänkeleien, die oft verschlüsseln, was die tatsächlich vorgeht: Der Tod heilt alle Wunden ist ein klassischer Rätselkrimi und Reginald Hill versiert darin, seine Leser durch geistreiche Ablenkungen in die Irre zu führen.

Schon der Titel ist ein Wortspiel: »Eine Kur für alle Leiden«, lautet er im Original und kleidet auf der einen Seite einen kurioses Widerspruch in Worte: Ausgerechnet in einem Seebad, in dem sich alles um die Gesundheit dreht, geht der Tod um, denn selbstverständlich bleibt Lady Daphne nicht das einzige Opfer.

Auf der anderen Seite fasst der Titel zusammen, wie Andy Dalziel wieder auf die Beine kommt. Bei seinem ersten Auftritt ist er körperlich und geistig angeschlagen. Insgeheim fürchtet er selbst, der Polizeiarbeit nicht mehr gewachsen zu sein. Sein Ziehkind Pascoe, das er seit Jahren als seinen Nachfolger schult, scheint ihn nicht mehr zu benötigen. Die Polizeiwelt dreht sich wider Erwarten auch ohne Dalziel weiter. Am Horizont taucht das Schreckgespenst einer vorzeitigen Pensionierung auf. Der Superintendent sorgt sich um seine Zukunft  ein beinahe erschreckendes Bild, mit dem Hill jenseits der Krimi-Handlung für Spannung sorgt. Der Tod von Lady Daphne wird zur eigentlichen Kur, die Dalziel dringender als ärztliche Betreuung benötigt: Endlich kann er wieder Verbrecher jagen und dabei nach Herzenslust blasierten Wichtigtuern auf die Füße treten!

Die Gerechtigkeit findet ihre Gelegenheit im Chaos

Beinahe nur Nebensache scheint lange der Krimi-Aspekt zu bleiben. Hill bevölkert Sandytown mit so vielen Figuren, dass der Überblick schwerfällt. Die Schar der Verdächtigen fordert auch die Ermittler. Es dauert, bis sie sich einen Überblick verschafft haben. Auch dann geraten Pascoe & Co. immer wieder in Sackgassen. Die Handlung tritt auf der Stelle, es wird viel zu viel geredet, was nicht immer durch Hills (in der Übersetzung gewahrten) Wortwitz ausgeglichen werden kann.

Die ausführliche Beschreibung von Land und Leuten erweist sich als vorteilhaft, wenn Hill damit beginnt, den aktuellen Plot-Knoten aufzulösen. Auch in dieser Hinsicht arbeitet er auf mehreren Ebenen. Gleich mehrfach scheint der Fall gelöst zu sein, um im nächsten Kapitel eine gänzlich neue Wendung zu erfahren. Pascoe und sein Team haben den Ort des Geschehens längst verlassen, als Dalziel den eigentlichen Schlusspunkt setzt. Er hat den Fall auf seine verschrobene Weise und auf verschlungenen Wegen gelöst. Wichtiger ist, dass er  ohne es Pascoe wissen zu lassen  seinen Status als graue Eminenz im Hintergrund wiedererlangt hat. Noch gibt es Aufgaben für Andrew Dalziel. Deshalb darf er am Strand von Sandytown erlöst und mit vollem Recht ein finales Triumphgeschrei anstimmen:

»Passt auf, ihr Armleuchter! …Dalziel ist wieder da!« (S. 635)

Das ist auch gut so. Er sollte sich allerdings kürzer fassen. Leider hat die Realität dem einen Riegel vorgeschoben: »A Midnight Fugue« wurde 2009 nicht nur das 24., sondern auch das letzte Dalziel-&-Pascoe-Abenteuer. Immerhin bot sich die Gelegenheit zu einem guten Abgang. Der Tod heilt alle Wunden ist da nicht der richtige Kandidat. Zwar bietet auch ein durchschnittlicher Hill-Krimi Unterhaltung auf hohem Niveau. Dennoch bleibt nüchtern festzustellen, dass der Autor bessere Bücher als dieses geschrieben hat.

Michael Drewniok, Februar 2014

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Peter Allemann zu »Reginald Hill: Der Tod heilt alle Wunden« 28.06.2017
Warum dieses Buch 85° erhalten hat ist für mich absolut unverständlich. Diese "eMails" sind unnötig und tragen praktisch nichts zum eigentlichen Fall bei. Im Gegenteil. Sie unterbrechen den Fluss der Geschichte. Ich habe, ausser zu Beginn bevor ich begriffen habe was da vorgeht, alle diese "eMails" übersprungen und trotzdem den Krimi verstanden und problemlos verfolgen können. Im Übrigen ist die Story für mich sehr konstruiert / unwirklich im Ganzen gesehen ein schwaches Buch.
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