Der Schrei des Eisvogels von Reginald Hill

Buchvorstellung

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1994 unter dem Titel Pictures of perfection, deutsche Ausgabe erstmals 2004 bei Knaur.
Ort & Zeit der Handlung: Großbritannien / England / Yorkshire, 1990 - 2009.
Folge 16 der Dalziel-&-Pascoe-Serie.

  • London: Crime Club, 1994 unter dem Titel Pictures of perfection. 303 Seiten.
  • München: Knaur, 2004. Übersetzt von Anke Kreutzer. ISBN: 3-426-62441-9. 463 Seiten.

'Leseprobe' ist erschienen als Taschenbuch

ISBN 3-426-61983-0, 624 Seiten. Copyright © Verlagsgruppe Droemer Knaur*

Leseprobe

Aus dem Englischen von Anke Kreutzer

Es ist der Tag der Abrechnung. Die Sonne scheint. Die Menschen in Enscombe werden sagen, dass am Tag der Abrechnung immer die Sonne scheint, was soviel bedeutet, dass es nicht viel öfter als ein Dutzend Mal geregnet hat in den letzten zwanzig Jahren. Doch dieses Jahr haben sie recht. Nachdem der März eine Woche lang dem Januar nachgetrauert hat, ist er nun gleich zum Mai vorgeprescht, und selbst im Schatten hängt Blütenduft in der warmen Luft.

Das Dorf liegt so reglos da wie ein Gemälde – ein englisches Aquarell, an dem der Künstler mit äußerster Konzentration gearbeitet hat, um diesen einen vollkommenen Moment für immer einzufangen. Was für Probleme ihm das bereitet haben muss! Wie soll man, da die Sonne eben ihren Zenit überschritten hat, die nahezu schwarzen Schatten wiedergeben, die sie auf die linke Seite der High Street wirft, ohne den Gebäuden auf der anderen Straßenseite eine falsche mediterrane Helligkeit zu verleihen? Und dann das Problem der Perspektive, etwas am Pub am südlichen Ende des Dorfs, wo die Straße leicht ansteigt; oder hinter dem Postamt, wo sie ein bisschen breiter wird, um Platz zu machen für die sonnenbeschienenen, kopfsteingepflasterten Einfahrten vor dem Buchladen und dem Café gegenüber der im Schatten liegenden Galerie; oder weiter hinten, wo sie plötzlich atemberaubend steil bergauf geht und wo Grabsteine über die hohe Friedhofsmauer lugen, als wollten sie unbedingt sehen, wie es in diesen harten Zeiten den Lebenden ergeht. Auch ist es schwer, den eigentümlich gekrümmten Turm wirklichkeitsgetreu auf Papier zu bannen, ohne dass es einfach nur dilettantisch wirkt. Und dann der eisblaue Wimpel in der Ferne, das einzige, was oberhalb der Baumkette hinter der Kirche von Old Hall zu sehen ist – nimmt man sich nicht besser die künstlerische Freiheit, ihn wegzulassen, um nicht die düstere Moorlandschaft zu stören, die den natürlichen Rahmen bildet?

Andererseits ist diese blaue Fahne die Erklärung dafür, dass es so still ist im Dorf, denn sie zeigt an, dass der Squire zum Fest der Abrechnung geladen hat. Und, was noch wichtiger ist, denn jeder Stümper kann ein Haus von außen malen, doch noch nur der wahre Künstler auch das Leben darin andeuten, weist die Flagge darauf hin, dass es hinter diesem Bild regloser Schönheit warmes, pulsierendes menschliches Leben gibt, das sich jeden Moment Bahn brechen kann.

Jetzt bewegt sich etwas, und das Bild beginnt zu verschwimmen. Eine Frau kommt die schattige Straßenseite heruntergelaufen. Sie heißt Elsie Toke. Sie ist eine kleine, ziemlich schrullig wirkende Frau in den Vierzigern, auch wenn das Alter irgendwie an ihrem Gesicht vorübergegangen zu sein scheint. Doch es ist in diesem Moment von Angst gezeichnet, sie blickt nach links und rechts, als ob sie jemanden suchte. Da sieht sie vor sich auf der sonnigen Seite etwas, das sich auf sie zu bewegt. Eine Gestalt ist ans Licht getreten, mit Kampfanzug und einer Kapuzenmütze aus schwarzer Wolle für diesen Ort und dieses Wetter nicht eben passend gekleidet. Die Mütze ist so über den Kopf gezogen, dass nur die Augen zu sehen sind, und in der rechten Armbeuge hält die Gestalt ein schweres Gewehr mit kurzem Lauf.

Er hat die Frau noch nicht gesehen. In seinem Kopf scheint es wie die Sonne zu brodeln, mehr Eindrücke und Gedanken wirbeln in ihm durcheinander, als er unbeschadet fassen kann, ein Malstrom an Energie kurz vor der kritischen Masse.

Irgendwo hat er einmal von diesen nordischen Kriegern gelesen, die zu Zeiten großer Krisen Amok liefen. Berserker wurden diese Männer genannt. Sie folgten einem Zwang zur Gewalt, die sie jene ursprüngliche, der Natur innewohnende Gewalt spüren ließ. Er hatte die Idee verlockend gefunden. Wenn alles andere versagt, wenn die subtilsten Verteidungsmechanismen sich als vergeblich erweisen, dann wirf alle Vorsicht über den Haufen, geh hinaus, greife an, vernichte, stirb! Die Frau ruft: »Jason!« Erst jetzt nimmt er sie wahr. Sie läuft auf ihn zu, die Erleichterung wischt ihr die Sorge aus dem Gesicht. Er registriert, wer sie ist, aber das bedeutet ihm nichts. Für einen Berserker ist alles Fleisch wie Gras, das darauf wartet, niedergemäht zu werden. Wenn ihm überhaupt ein Gedanke durch den Kopf geht, dann der, dass er irgendwo anfangen muss. Er nimmt das Gewehr und stützt den Schaft gegen die Hüfte. Jetzt wechselt der Ausdruck auf ihrem Gesicht. Sie öffnet den Mund, um etwas zu sagen, doch bevor sie die Worte über die Lippen bringt, drückt er ab. Sie bekommt den Schuss mitten in die Brust. Sie schreit nicht, sondern sieht ungläubig nach unten, sieht, wie der rote Fleck aufblüht, und riecht das Blut wie sauren Wein. Der Berserker ist schon weitergegangen. Jetzt tauchen andere Gestalten auf der langen High Street auf, und in seinem Kopf tanzt es vor Vergnügen, wenn er sich vorstellt, wie er blankes Entsetzen in den vertrauten Gesichtern heraufbeschwören wird, sobald sie das Unglaubliche fassen.

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