Das Fremdenhaus von Reginald Hill

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2005 unter dem Titel The Stranger House, deutsche Ausgabe erstmals 2007 bei Ehrenwirth.

  • London, New York: HarperCollins, 2005 unter dem Titel The Stranger House. 650 Seiten.
  • Bergisch Gladbach: Ehrenwirth, 2007. Übersetzt von Dietmar Schmidt. ISBN: 978-3-431-03704-3. 650 Seiten.
  • Bergisch Gladbach: Bastei Lübbe, 2008. Übersetzt von Dietmar Schmidt. ISBN: 978-3-404-15935-2. 541 Seiten.

'Das Fremdenhaus' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

In Kürze:

Als Sam Flood, eine junge australische Mathematikerin, in das kleine englische Dorf Illthwaite reist, um herauszufinden, warum ihre Großmutter vierzig Jahre zuvor aus England vertrieben wurde, trifft sie dort auf den ehemaligen spanischen Priester Miguel Madero. Auch er ist auf der Spur eines Vorfahren, der zuletzt gesehen wurde, als er an Bord eines Schiffes ging, das zur Spanischen Armada gehörte. Die Inquisition war ihm auf den Fersen. Doch was aus ihm wurde und welches Geheimnis er barg, das scheint im Dunkel der Vergangenheit verloren. Zwischen Sam und Miguel herrscht augenblicklich eine gegenseitige Abneigung, aber während sie ihren unterschiedlichen Spuren folgen, kreuzen sich ihre Wege immer öfter. Es scheint so, als sei ihr Schicksal, ihre Vergangenheit miteinander verknüpft – und auch ihre Zukunft, denn plötzlich trachtet man ihnen nach dem Leben. Welches dunkle Geheimnis birgt das kleine beschauliche Dorf, und wer will um jeden Preis verhindern, dass es nach all den Jahren ans Tageslicht kommt? Die Lösung des Rätsels scheint in einem alten historischen Gebäude zu liegen: dem Fremdenhaus …

Das meint Krimi-Couch.de: »Geschichtsforschung kann ein gefährliches Pflaster sein« 90°Treffer

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Illthwaite ist ein kleines Dorf in der englischen Provinz Cumbria. Seit Jahrhunderten lebt hier eine nicht unbedingt harmonische doch dennoch verschworene Gemeinschaft, die es gewohnt ist ihre Probleme intern zu lösen und der »Außenwelt« die kalte Schulter zu zeigen. Dabei ist es im Verlauf der Zeit mehrfach zu definitiv illegalen Aktivitäten gekommen, auf die man zum Teil stolz ist, während man weniger schmeichelhafte Aspekte sorgfältig geheim zu halten sucht.

In diesen Tagen kommen gleich zwei Besucher von sehr weit her nach Illthwaite, wo sie Nachforschungen über ihre Familien bzw. einen bestimmten Kirchenmann anstellen möchten. Samantha Flood, eine Mathematik-Studentin, reist aus dem fernen Australien an, weil sie feststellen möchte, wieso ihre Großmutter, die hier im Ort ansässig gewesen sein soll, vor mehr als vier Jahrzehnten und noch als Kind davongejagt wurde. Der Spanier Miguel Madero, der einst Priester werden wollte und nun als Historiker seine Doktorarbeit schreibt, interessiert sich für einen katholischen Priester, der in Illthwaite geboren und zur Zeit Heinrichs VIII. »undercover« im protestantisch gewordenen England tätig wurde, wobei er der reformatorischen Inquisition in die Hände fiel.

Die beiden jungen Leute sind sich sogleich herzlich unsympathisch. Dabei täte Zusammenhalt Not, denn die Bürger von Illthwaite mauern. Samantha wird vorgegaukelt, es habe nie eine Familie Flood im Ort gelebt, obwohl sie bald eindeutige Gegenbeweise entdeckt. Auch Miguel, der sich zwecks seiner Studien bei den Woollasses, Nachfahren besagten Priesters, einquartiert hat, kommt einem düsteren Geheimnis auf die Spur. Obwohl durch Jahrhunderte getrennt, scheint das uralte »Fremdenhaus« von Illthwaite – nun ein Gasthaus – im Mittelpunkt übler Ereignissen gestanden zu haben, die einige Bürger um jeden Preis im Verborgenen halten wollen …

»Geschichte« kann schrecklich lebendig bleiben

Wann ist die Gegenwart »tot« und wird zur Vergangenheit? Bezeichnet »Geschichte« Zeiträume, die isoliert von der Gegenwart existieren? Falls nein: Gibt es eine Frist, binnen derer Geschichte verjährt? Das scheinen akademische Fragen zu sein, die höchstens den Fachmann interessieren – ein Irrtum, wie Sam Flood und Mig Madero stellvertretend für uns Leser feststellen bzw. feststellen müssen.

Reginald Hill erzählt in »Das Fremdenhaus« von zwei Verbrechen in zwei Vergangenheiten. In beiden Fällen macht er deutlich, dass beide Geschichten keinesfalls abgeschlossen sind. Was Sam Flood angeht, so kann dies auch der Laie verstehen: Ihrer Familie und letztlich ihr selbst wurde vor viereinhalb Jahrzehnten bitteres Unrecht angetan. Viele von denen, die dabei zentrale Rollen spielten, sind noch heute am Leben und zählen zu den prominenten und ehrbaren Bürgern von Illthwaite. Ihre Taten mögen gesetzlich abgesichert sein. Moralisch haben sie sich freilich eines schweren Vergehens schuldig gemacht. Das wissen sie genau und scheuen deshalb die Konfrontation, die auch ein Aufdecken des unguten Handelns bedeuten würde.

Miguel Madero hingegen unterschätzt – obwohl er es als Historiker eigentlich besser wissen müsste – die Macht der Tradition. Die wird in Illthwaite noch sehr groß geschrieben. Alte Familien mögen stolz sein auf schwarze Schafe – Wüstlinge, Straßenräuber, Hexenjäger -, deren Schurkereien nur noch (touristisch profitable) Nostalgien darstellen. Manche Verbrechen sind allerdings auch nach langer Zeit noch »anrüchig« genug, dass die Nachfahren sie der Öffentlichkeit lieber vorenthalten. Miguel findet heraus, dass nicht nur Pater Simeon Woollass, sondern auch ein verschollenes Mitglied der Maderas mitnichten als tragisches Opfer eines vergessenen Religionskriegs starben, sondern gewöhnliche, hässliche Tode fanden, die ein ganz schlechtes Licht auf seine stolze Familie und die Dorfgemeinschaft von Illthwaite wirft.

Wobei sich die Geschichte zu wiederholen scheint: Schon bevor Sam und Mig den oberflächlichen Frieden stören, herrscht Unfrieden im Dorf. Die gegenwärtige Generation der Woollasses hat nichts aus den Erfahrungen der Vergangenheit gelernt. Vor allem Frederika, die ebenso schöne wie durchtriebene Tochter des Hauses, sorgt für diverse Konflikte, in die sie den ansehnlichen spanischen Gast problemlos integriert. Die Dörfler hüten ihre eigenen Geheimnisse, die den scharfen Blick des Gesetzes (oder der Presse) schwerlich erfreuen würden.

Intelligentes Spiel mit verkrusteten Genre-Regeln

Was da genau vorgeht in Illthwaite, enthüllt uns Verfasser Hill ebenso langsam wie meisterhaft. »Das Fremdenhaus« folgt nicht den klassischen Konventionen des Kriminalromans. Seit jeher spielt Hill gern mit den Regeln des Genres, die er zu Recht nicht als bindend betrachtet. Dieses Werk beginnt wie ein »Landhaus«-Krimi, für die englische Autoren berühmt geworden sind: In idyllischer, von der Moderne beinahe vergessener Umgebung ereignet sich ein Verbrechen, das gemütlich und unter Wahrung der berühmten »steifen Oberlippe« aufgelöst wird.

Die bekannten Elemente lassen sich durchaus feststellen: malerische Kulissen, kauzige Figuren, trockener Humor. Aber Hill spielt mit uns. Unter der ruhigen Oberfläche geht es gar nicht komisch zu. Abgeschiedenheit, so macht er uns klar, bedeutet keineswegs schlichte Reinheit oder gar Unschuld. Zweitens: Die Zeiten mögen sich ändern, doch grundsätzliche Regeln des menschlichen Verhaltens und Zusammenlebens bleiben aktuell. Niemand hat – wieder einmal – aus der Geschichte gelernt, und so entsteht in Illthwaite neues Unrecht aus zwar tief gründenden aber sehr lebendigen Wurzeln.

Illthwaite ist ein überaus anschaulich in Szene gesetzter Mikrokosmos. In seinem Vorwort erläutert Reginald Hill, dass er selbst seit langer Zeit in Cumbria lebt und deshalb Land und Leute gut kennt – so gut, dass es ihm Unbehagen bereitete, eine so düstere Geschichte quasi unter seinen Nachbarn spielen zu lassen. Illthwaite existiert nicht, seine Einwohner sind ebenfalls Fiktionen, doch wie sagt Hill so schön: »Auch wenn ich die ganze Geschichte erfunden habe, ist sie deshalb noch lange nicht erfunden.« (S. 8).

Die Vertrautheit mit der cumbrischen Geschichte – und zwar mit Vergangenheit und Gegenwart – wird ebenso deutlich. Hill war immer ein Autor, der keinen Grund sah, aus seiner Belesenheit einen Hehl zu machen; manche seiner Romane bedürfen – obwohl doch »nur« Krimis – eines Anmerkungsapparats, um spielerisch in die Zeilen eingestreuten Zitate und Anspielungen zu entschlüsseln. Hier übernehmen dies Miguel Madero und eine ganze Reihe von Amateurhistorikern. Das ist nötig, denn Cumbria ist historischer Boden durch und durch, buchstäblich getränkt von einer vieltausendjährigen Geschichte, und die Menschen, die hier leben, sind sich dessen bewusst.

Hill deutet darüber hinaus an, dass die Zeit in Cumbria nicht immer linear verläuft. Zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart mag es Berührungspunkte oder Portale geben. Über Geister wird in Illthwaite nur scheinbar gescherzt. Miguel muss sich mit Visionen aus alter Zeit plagen. Gleich zwei heidnisch-christliche Kreuze stellen Kristallisationspunkte mysteriöser Ereignisse dar. Die Grenzen zwischen dem Diesseits und dem Jenseits vermischen sich in Illthwaite gern. Wie Hill es uns schildert (oder besser erzählt), erscheint uns das völlig logisch.

Figuren mit unerwarteten Ecken & Kanten

Zwei historische Verbrechen und zwei moderne Menschen: Wiederum gibt es unterschwellige Verbindungen. Sam Flood repräsentiert die »Frau von Heute«. Sie kommt aus Australien, einst britische Kolonie, deren Bewohner mit einer gewissen Herablassung behandelt werden; sie gelten als zupackende, geistig eher schlichte Pioniergestalten ohne den intellektuellen Hintergrund des »Mutterlandes«. Sam passt in diese Schublade; sie steht mit beiden Beinen fest im realen Leben, reagiert auf Zurechtweisungen der »Ureinwohner« betont trotzig und stößt diese erst richtig vor die Köpfe. Als Mathematikerin kategorisiert und berechnet sie die Welt, in der für das Übernatürliche oder gar Gott kein Raum bleibt. So ist es kaum verwunderlich, dass sie in Illthwaite scheel angeschaut wird, noch bevor sie die wahren Gründe für ihr Kommen enthüllt.

Sams vergeistigtes Gegenstück ist der junge Miguel Madero, ein Historiker, der einst Priester werden wollte, bevor er nach einem Unfall an seiner Berufung (aber nicht an seinem Glauben) zu zweifeln begann. Miguel wirkt älter als er an Jahren ist, da er sich stets (zu) viele Gedanken macht. Seine Intelligenz ist gleichzeitig sein Hemmschuh, denn er betrachtet Illthwaite und seine Geschichte als historisches Phänomen und verkennt die Präsenz der Vergangenheit.

Üblicherweise müssten sich Sam und Mig zusammentun, gemeinsam in diverse Gefahren geraten, das Illthwaite-Rätsel schließlich lösen und sich dabei auch menschlich näherkommen. Auch hier dreht Hill uns (bzw. der »Lady-Thriller«-Leserinnen-Fraktion) eine lange Nase: Unsere beiden Helden können sich überhaupt nicht leiden, und was sich neckt, das muss sich noch lange nicht lieben.

Weiterhin bricht Hill mit der (scheinbaren) Konvention, die Bewohner abgeschiedener englischer Dörfer als eindimensionale, kauzige Witzbolde zu karikieren. Die Bürger von Illthwaite haben gewiss ihre Eigenheiten, doch diese pflegen sie nicht, um damit uns Leser zu amüsieren. Sie sind, wie ihre raue Umgebung sie geformt hat. Hinter der sorgfältig kultivierten Landei-Fassade kommen sehr normale, d. h. diverse persönliche Geheimnisse hütende Zeitgenossen zum Vorschein. Kein Wunder, dass sie aufgebracht reagieren. Gastfreundschaft ist ein Privileg, das hier tunlichst nicht missbraucht werden sollte. Pech für Sam und Mig, dass sie als Auswärtige ihre Grenzen nicht erkennen.

Vielleicht zieht sich Autor Hill ein wenig zu leicht aus der Affäre, wenn er zum Schluss ein gewaltiges, »reinigendes« Feuer ausbrechen lässt. Doch auch dies geschieht mit der ihm eigenen Ironie, denn ein Epilog erzählt davon, dass die Auflösung der Illthwaite-Mysterien keineswegs die erwarteten Happy-Endings mit sich bringt. Ohnehin wartet Hill mit einem finalen Knalleffekt auf, der nur ihm als »allwissenden Erzähler« bekannt ist, während Sam, Mig & die Bürger von Illthwaite ahnungslos bleiben. Der Autor behält das letzte Wort, und weil er es über mehr als 500 Seiten überaus elegant geführt hat, sei es ihm gegönnt.

Michael Drewniok, Juli 2007

Ihre Meinung zu »Reginald Hill: Das Fremdenhaus«

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Maria zu »Reginald Hill: Das Fremdenhaus« 01.11.2011
Ein tolles Buch. und dabei eines, das mit einer Prämisse aufwartet, die ich eigentlich grundsätzlich ablehnen würde, welche Hill aber so elegant und selbstverständlich verwendet, dass sie mich nicht nur nicht gestört, sondern geradezu fasziniert hat: er lässt seinen Protagonisten Miguel die Geister toter Menschen sehen - und trotz dieses gewaltigen Vorsprungs an Wissen gegenüber seiner Umwelt trotzdem andauernd falsche oder verkürzte Schlussfolgerungen aus diesem Wissen ziehen. Das ist menschlich interessant und manchmal humorvoll komisch. Aber Miguel sieht nicht nur Geister, er ist dazu auch noch so glühend religiös, dass er sogar Priester werden will bzw werden wollte; zu Beginn der eigentlichen Handlung ist er gerade erst aus dem Seminar ausgetreten. In scharfem Gegensatz dazu steht die zweite Protagonistin, Sam Flood, eine junge Australierin und mathematisches Wunderkind, in deren streng wissenschaftlichen Weltbild kein Platz für jemanden wie Miguel, seine Frömmigkeit und seine Visionen ist. Das Widerspiel zwischen diesen beiden Figuren gefiel mir ganz besonders gut, den hier geht es nur sehr oberflächlich um eine Romanze. In Wirklichkeit kollidieren hier zwei Weltbilder, die, zumindest in diesem Roman, ihre gegenseitigen Schwächen ausbalancieren könnten, wenn man ihnen denn nur die Gelegenheit dazu gäbe, die aber andererseits, als philosophische Systeme ebenso wie als Figuren eben besser als "Freunde" denn als Liebespaar funktionieren.
Finterwinkel zu »Reginald Hill: Das Fremdenhaus« 26.02.2009
Ein bergsteigender jungfräulicher Spanier, ehemals Prister, und eine provokante Mathematikerin aus Australien treffen sich im inzestösen Hinterland von Cumbria um ihrer Vergangenheit auf die Spur zu kommen.

Von der spanischen Armada bis zum kinderverschickenden britischen Empire ist hier alles vorhanden, spannend umgesetzt und super zu lesen.
Rolf.P zu »Reginald Hill: Das Fremdenhaus« 30.03.2008
Das Buch, wenngleich ein Kriminalroman, darf, man bereits mit hohen literarischen Maßstäben messen. Sowohl sprachlich als auch von der Zeichnung der Personen und deren Geschichte ist Hill ein herausragendes Werk gelungen. Selten wird in einem Krimi auf diese Bereiche Wert gelegt, umso schöner, dass Hill beweisen kann, dass dieses Genre kein Widerspruch zu literarischer Qualität sein muss.
Ein Krimi der Meisterklasse für Freunde sich langsam entwickelnder, intelligent konstruierter Geschichten. Diese Buch überzeugt sowohl von seiner Erzähl- und Ausdrucksweise, wie auch von der gut verschachtelten Story. Ich bin der Meinung, dass es nur sehr wenige Autoren gibt, die einen Kriminalroman fesselnd, und doch sensibel schreiben können, ohne dabei zu viel Action und Brutalität mit einzubringen. Aber Reginald Hill kann das. Seine Sätze musste ich manchmal wegen seiner recht kompliziert ausschweifenden Art zweimal lesen.
Die Personen sind realistisch getroffen und stehen charakterlich in gutem Gegensatz zueinander. Die Vorgänge in Illthwaite erzählt uns Reginald Hill langsam, intelligent, genüsslich mit viel Ironie und Sarkasmus. Stilmitteln des Krimi-Genres setzt er spielerisch ein und führt seine Leser meisterhaft bis zum Ende.
Sprache und Handlung sind voller Kontraste: das Buch ist voller Geschichte und voller Gegenwart, es ist intelligent, belehrend, aber auch schlicht und einfach, es ist dunkel und bedrückend, es ist aber auch humorvoll und komisch. Ebenso wie Hill die Handlung und Geschichte langsam aufbaut, entwickelt sich auch sein Spannungsbogen, der erst im letzten Drittel eine gewaltige Steigerung erfährt.
Ein genial geschriebenes, durchgehend packendes Buch. Das zu jedem Zeitpunkt einen fesselt und nicht mehr loslässt.
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