Stürickow, Regina: Mörderische Metropole Berlin von Regina Stürickow

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2004 bei Militzke.

  • Leipzig: Militzke, 2004. ISBN: 3861897083. 192 Seiten.
  • Leipzig: Militzke, 2015. erweiterte Neuausgabe. 208 Seiten.

'Stürickow, Regina: Mörderische Metropole Berlin' ist erschienen als Hardcover E-Book

In Kürze:

Spektakuläre, bekannte oder längst vergessene Kriminalfälle aus dem alten Berlin- Auftakt zu einer neuen Reihe »Mörderische Metropole«- Ein reizvoller kriminalhistorischer Streifzug durch Berlins Straßen und die Goldenen Zwanziger Jahre Chicagoer Verhältnisse in Berlin.
Berlin während des Ersten Weltkriegs und zur Zeit der Weltwirtschaftskrise. Die schlechte Versorgungslage bestimmt den Alltag. Verbrechen sind an der Tagesordnung. Die Opfer sind in erster Linie Frauen, die jetzt die Positionen ihrer im Felde kämpfenden oder gefallenen Männer übernehmen müssen. Von Morden an Kneipenwirtinnen und Kolonialwarenhändlerinnen berichten die Zeitungen fast täglich. In den Kriegsjahren treten aber auch erstmals die Schwächen der kriminalpolizeilichen Arbeit offen zutage. So stehen in den zwanziger Jahren wichtige Reformen an, denn gerade diese Zeit hat ihre spezifischen Verbrechen: So werden in den Inflationsjahren insbesondere amerikanische Touristen Opfer von Überfällen. In der Regel werden sie mit einem Betäubungsmittel außer Gefecht gesetzt und dann ihrer Dollars beraubt.

Das meint Krimi-Couch.de: »Verbrechen in schwierigen Zeiten« 80°

Krimi-Rezension von Jörg Kijanski

Das Buch Mörderische Metropole Berlin versetzt uns zunächst in das Jahr 1928, wo wir der Historikerin Regina Stürickow auf einem Streifzug durch zahlreiche Straßen Berlins folgen. So geht es beispielsweise im Schelmenviertel in das berühmt-berüchtigte »Café Dalles«. Dalles, ein Wort aus der jiddischen Sprache, bedeutet so viel wie »leeres Portemonnaie« und sagt bereits alles über die dort verkehrende Kundschaft. Ein anderer Abstecher führt zum Schlesischen Bahnhof, auch Drei-Groschen-Bahnhof genannt, weil dies der Preis ist, ab dem man hier eine Prostituierte kaufen kann. Weiter geht es vom Bülowbogen bis hin zum Kurfürstendamm, dem Zentrum der männlichen Prostitution.

Nach diesem beeindruckenden Einstieg folgt ein kürzeres Kapitel über den »Kriminalistenalltag im Ersten Weltkrieg«, beginnend mit einem Fall zur Zeit des »Kohlrübenwinters« im Jahr 1917, dem dritten und härtesten Kriegswinter bis dahin. Kohlrüben waren das Nahrungsmittel der Stunde, als Marmelade zum Frühstück, als Schnitzel zum Mittag und als Gemüse zum Abend. Abschließend folgen rund 130 Seiten, die sich mit den Verbrechen im Berlin der 20er Jahre beschäftigen. Hierbei gibt es auch ein Wiedersehen mit der Polizeilegende Ernst Gennat, dem Stürickow mit »Der Kommissar vom Alexanderplatz« bereits ein eigenes Buch widmete.

Gelungene Mischung aus Sozial- und Kriminalgeschichte.

Regina Stürickow gelingt mit dem vorliegenden Buch ein ganz hervorragender Mix aus Sozial- und Kriminalgeschichte. Die Lebensverhältnisse der damaligen Zeit werden sehr eindringlich geschildert, ohne dabei als alleinige Rechtfertigung für die anschließend geschilderten Morde herzuhalten. Aber was soll man von Menschen erwarten, die aus dem Ersten Weltkrieg zurückgekehrt sind? Desillusioniert, körperlich und seelisch verletzt, vom Krieg verroht und ohne jegliche Perspektive. Hinzu kommt eine große Hungersnot die dazu führt, dass Menschen beispielsweise eine Jacke gegen ein Stullenbrot tauschen sowie extrem unwürdige Wohnverhältnisse. Jeder der eine Wohnung hat und wenn sie auch nur aus zwei kleinen Zimmern besteht, sucht aus finanziellen Gründen fast zwangsläufig Untermieter oder überlässt die Einrichtung bei Bedarf den zahllosen Prostituierten, wobei nicht Stunden-, sondern Minutenweise abgerechnet wird.

Kein Wunder, dass Bettler und Prostituierte das Straßenbild beherrschen, dass viele Menschen für ein paar schnell verdiente Mark bis zum Äußersten gehen. Hiervon berichten, immer wieder eingebettet in die Situation der jeweiligen Zeit, insgesamt 15 Verbrechen, die Stürickow aufleben lässt. Das Erzählprinzip kennen Leser/innen bereits von anderen Autoren wie beispielsweise Hans Pfeiffer (sehr zu empfehlen: »Der Zwang zur Serie«, erschienen beim Verlag Ullstein).

Alte Mordfälle werden neu erzählt.

Geschildert wird beispielsweise der Mord an Rahel Jakobi im Jahr 1917, der nach einigen erfolglosen Ermittlungen als »nasser Fisch«, also als »ungeklärter Fall«, zu den Akten gelegt wird, bis acht Jahre später Ernst Gennat die Aufklärung gelingt. In diesem Fall wurden die Ermittlungen zunächst dadurch erschwert, dass es während und auch nach dem Ende des Ersten Weltkrieges kaum eine internationale Zusammenarbeit gab, beispielsweise bei der neuen Technik, dem Vergleich von Fingerabdrücken. Ein weiterer Fall beschäftigt sich mit dem brutalen Mord an den jungen Geschwistern Fehse im Jahr 1926, der die Weimarer Öffentlichkeit schockierte und auch zehn Jahre später noch für Schlagzeilen sorgte.

Jörg Kijanski, April 2008

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