Ruhe sanft, mein Kind von Rebecca Muddiman

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2013 unter dem Titel Stolen, deutsche Ausgabe erstmals 2015 bei Bastei Lübbe.
Folge 1 der Gardner-und-Freeman-Serie.

  • Houghton: Moth, 2013 unter dem Titel Stolen. 416 Seiten.
  • Köln: Bastei Lübbe, 2015. Übersetzt von Ariane Böckler. ISBN: 978-3-404-17153-8. 416 Seiten.

'Ruhe sanft, mein Kind' ist erschienen als Taschenbuch E-Book

In Kürze:

Ein vermisstes Kind. Eine gebrochene Mutter. Ein gestohlenes Leben …Für Abby wird der schrecklichste Albtraum wahr: Nach einem Überfall ist ihre acht Monate alte Tochter verschwunden. Entführt von zwei fremden Männern. Trotz intensiver polizeilicher Ermittlungen bleibt Beth unauffindbar – der Fall wird ungeklärt geschlossen. Doch Abby will die Hoffnung nicht aufgeben. Fünf lange Jahre sucht sie überall nach ihrer Tochter. Und dann wird ihr plötzlich ein Flyer für eine Kindertheater-Aufführung überreicht. Auf der Rückseite eine handschriftliche Notiz: »Sie wird da sein« …

Das meint Krimi-Couch.de: »Gänsehauterzeugend nur bei Lektüre im Freien« 70°

Krimi-Rezension von Sabine Bongenberg

Laut der Internet-Enyklopädie »Wikipedia« zeichnet sich ein »Thriller« durch das Erzeugen einer Spannung (eines »Thrills«) aus, die nicht nur in kurzen Passagen, sondern während des gesamten Handlungsverlaufs präsent ist. Damit wird beim Leser ein beständiges Spiel zwischen Anspannung und Erleichterung erzeugt. Werden die Figuren und deren Psyche stark betont, spricht man von einem »Psychothriller«. Die Frage der Spannung bleibt aber die gleiche.

Natürlich kann sich jetzt der Leser fragen, warum diese Buchbesprechung mit einem mehr oder weniger trockenen Vortrag zur Art und Weise eines Psychothrillers beginnt. Der Leser kann sich aber genauso gut fragen, warum Muddimans neuestes Werk unter der Bezeichnung »Psychothriller« firmiert.

Grundsätzlich sind einmal alle wichtigen Zutaten für ein spannendes Werk versammelt. Da sind die beiden jungen Eltern Abby und Paul, deren Leben – ohne dem Himmel auf Erden zu gleichen – sicherlich ohne größere Dramen seinen Lauf nimmt. Bis zu diesem einen Tag, an dem Abby überfallen, aus ihrem Auto gezerrt, verschleppt und vergewaltigt wird. Als sie nach diesem Martyrium zu ihrem Fahrzeug zurückkommt, ist ihr Baby Beth, das ebenfalls im Fahrzeug war, spurlos verschwunden. Sicherlich muss hier nicht betont werden, dass ein derartiges Erlebnis den Begriff des »Albtraums« für die betroffenen Personen weit übersteigt. Dennoch fragt sich der Leser mit fortschreitender Lektüre, warum sich dieses Gefühl des Schocks, der Ratlosigkeit, der Verzweiflung nicht übertragen kann.

Hier wären wir auch schon beim größten Manko von Muddimans Krimi: Die handelnden Personen werden nicht glaubhaft vermittelt. Zwar trägt jede Einzelne von ihnen ihr besonderes Schicksal, ihre persönlichen Verstrickungen mit sich, dennoch – das Gefühl eines tatsächlichen Erlebens oder einer tatsächlichen Auseinandersetzung mit den persönlichen Dramen fehlt. Besonders deutlich zeigt sich dieser Mangel an der Person der Abby: Auf den ersten Blick handelt es sich um eine normale, fröhliche Ehefrau, die mit Mann und Kind ihr persönliches Glück gefunden hat. Dass dieses Glück eigentlich auf einer Täuschung beruht und mit einem hohen Preis gezahlt wird, das wird dem Leser im Laufe der Handlung klar. Unklar bleibt aber, aus welchen Motiven diese Handlungen erwuchsen, was eigentlich zum Vertrauensbruch führte. Abby ist dann auch diejenige, die am härtesten vom Schicksal gebeutelt wurde. Sie wird aus dem Auto gerissen, misshandelt, verschleppt und vergewaltigt. Allein eine dieser Taten dürfte bei Verbrechensopfern schon ein veritables Trauma auslösen. Nach der Entführung ihres Kindes wird dieser »Vorspann« jedoch fast nicht mehr erwähnt, eine Reaktion Abbies auf das Erlebte fehlt ganz. Hier fragt sich der Leser aber, ob eine derartige Reaktion tatsächlich glaubhaft ist: Werden derartige Gewalterlebnisse und Demütigungen komplett durch ein größeres Verbrechen verdrängt? Kann sich eine Person, die so etwas erfahren hat, anschließend nur um das Wohl ihres Kindes sorgen? Sicherlich ist die Liebe einer Mutter ein sehr starker Motor, dennoch ist hier die Frage gestattet, ob dieser Motor auch bei massiven körperlichen und seelischen Verletzungen weiter funktionieren kann.

Unklar bleiben auch generell die persönlichen Motive: Was band Paul und Abby in erster Linie aneinander bzw. welche Emotionen bestanden gegenüber anderen Personen und wie kamen diese zustande? Kann ein Betrug in einer stabilen Beziehung überwunden werden und wenn nicht, welche Punkte sprechen dagegen? Wünschenswert wäre gewesen, diesen Fragen eine Bühne zu geben. Sicherlich kann hier eingeräumt werden, dass ihre Beantwortung nicht zu der Theorie des Psychothrillers gehören. Dennoch kann ein Leser nur mit Personen mit-leiden, mit denen er sich identifizieren kann oder deren Motive er verstehen oder zumindest nachvollziehen kann. Sind diese Voraussetzungen nicht erfüllt, bleibt das Mitempfinden und damit auch die Spannung auf der Strecke.

Fragen bleiben auch zur generellen Konstruktion der Handlung. Eine wäre beispielsweise, ob das Buch das Format einer Kurzgeschichte überschritten hätte, wenn die Polizei nicht die Arbeit des Täters durch einen groben Ermittlungsfehler regelrecht unterstützt hätte. Nicht nachvollziehbar bleiben auch die Hinweise, die zur eigentlichen Aufklärung des Verbrechens beitrugen. Versendet jemand, der begangenes Unrecht wieder gutmachen will, mysteriöse Hinweise, wenn nicht ein einfaches anonymes Schreiben an den namentlich bekannten Ermittler ausgereicht hätte? Vollkommen überflüssig ist auch ein Nebenstrang, der erneut an das ursprüngliche Verbrechen erinnert und mögliche Parallelen aufweist. Er wird mehr als lieblos abgehandelt und bildet eine Randerscheinung, deren Fehlen kaum bemerkt worden wäre.

Rebecca Muddiman verfolgte mit ihrer Geschichte eine interessante Idee, die spannenden Stoff für einen guten Krimi möglicherweise auch für einen spannenden Thriller geboten hätte. Dennoch – Romanfiguren, denen keine Seele eingehaucht wurde, können nicht begeistern, anrühren oder beunruhigen. Dazu fehlt die Tiefe, die den Leser mitempfinden lässt. Daran kann auch ein dramatisches Vorwort über Gefühle beim Verlust des wichtigsten Teils im Leben nichts ändern. Das titelgebende Kind mag sanft geruht haben, die Spannung tat es ihm leider gleich.

Sabine Bongenberg, Juli 2015

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Thrillerfan zu »Rebecca Muddiman: Ruhe sanft, mein Kind« 15.05.2016
Ich kann mich den vorhergehenden Meinungen nicht anschließen.Ein Ehepaar hat ein 8 Monate altes Kind (Mädchen).
Die Frau geht mit dem Kind zum Arzt und will mit dem Auto nachher zum Besuch einer Freundin fahren.
Diese Freundin ist die ehemalige Freundin des Ehemanns, trotzdem verstehen sie sich sehr gut.
Der Mann wollte seine Frau überreden die Freundin zu sich zu holen, damit sie nicht mit dem Auto fahren muss. Aber trotzdem fährt sie mit ihrem Mädchen los. Auf der Fahrt wird sie von einem Transporter verfolgt. Sie wird gestoppt und aus ihrem Auto von zwei Männern in den Transporter verschleppt. Das kleine Kind wird im Auto der Frau zurückgelassen. In dem Transporter wird sie misshandelt und vergewaltigt. Später wird sie freigelassen. Die Stelle an der sie freigelassen wurde ist in der Nähe wo sie verschleppt wurde. Mit Hilfe eine älteren Ehepaars findet sie ihren Wagen und muss feststellen, dass ihre Tochter weg ist. Die herbeigerufene Polizei steht vor einem Rätsel. Zuerst will sie klären was passiert ist. Dazu muss sie die Frau dringend befragen. Und dies ist natürlich schwer, denn sie ist traumatisiert von den Vorgängen. Die Nachforschungen gestalten sich kompliziert, denn es müssen alle möglichen Leute befragt werden, die irgendetwas wissen könnten. Dazu gehören natürlich vor allem der Ehemann und die Freundin. Es wird viel herausbekommen, aber nichts führt zum Auffinden des kleinen Kindes. Schwer macht die Ermittlungen auch, dass die junge Mutter ein Geheimnis hat. Nach 5 Jahren bekommt die Mutter eine schriftliche Mitteilung auf einem Flyer, dass die Kleine bei einer Theatervorstellung sein würde. Natürlich geht sie dahin und glaubt wirklich ihre Kleine gesehen zu haben. Und nun beginnt wieder alles von vorn. Der Ermittler der Polizei, der eigentlich ständig Kontakt hatte wird wieder aktiver mit den Nachforschungen. Und nun kommt langsam Schritt für Schritt heraus, wer die Taten zu verantworten hat und dessen Begründung dafür.Das Buch ist gut geschrieben (ohne zu blutig zu sein). Es lässt einen nicht los. Man leidet mit. Bis zur Aufklärung gibt es viele Wendungen, die die Spannung bis zuletzt aufrechterhalten.Trotzdem, dass die Personen nicht so körperlich dargestellt werden, kann man sich z. B. in die Gefühlswelt der Mutter hereinversetzen.
Die Aufbau des Buches ist sehr gut gelungen, denn es ist in kleinere Abschnitte unterteilt und hat nicht zu viele Seiten (die gebundene Ausgabe umfasst 415 Seiten). Damit kommen keine Längen vor.Das Buch ist geeignet in einem Schwung zu lesen.Für mich eine Empfehlung für die besondere Spannung.Das nächste Buch von dieser Autorin werde ich versuchen auch zu lesen, in der Hoffnung, dass auch dieses so gut ist.
Kerstin zu »Rebecca Muddiman: Ruhe sanft, mein Kind« 14.08.2015
Danke für diese - aus meiner Sicht - sehr zutreffende Buchrezension. Nach den sehr positiven Kommentaren bei anderen Quellen, dachte ich bereits, ich sei mit meiner irritierten Enttäuschung über das Buch alleine. Die Zeitsprünge im Handlungsverlauf waren gewöhnungsbedürftig, da teilweise der Eindruck entstand, ich - als Leser - wäre unaufmerksam gewesen, wobei sich erst später herausstellt, dass manche Details erst Dutzende Seiten später überhaupt nennenswert erklärt bzw. erwähnt wurden. Nach etwa der Hälfte des Buches brauchte es etwas Überwindung, um sich auch noch den Rest "anzutun".
Gruß, Kerstin
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