Stimmen im Wald von Ralf Kramp

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2010 bei KBV.

  • Hillesheim: KBV, 2010. ISBN: 978-3940077431. 237 Seiten.
  • [Hörbuch] Daun: TechniSat Digital, Radioropa Hörbuch, 2010. Gesprochen von Ralf Kramp. ISBN: 978-3836804455. 6 CDs.

'Stimmen im Wald' ist erschienen als TaschenbuchHörbuchE-Book

In Kürze:

Niemand im Dorf nimmt Michel Frings ernst, wenn er auf der Suche nach dem Luchs die Wälder durchstreift. Als er eines Morgens tot auf einer Lichtung gefunden wird, wundert es niemanden, dass das Herz des alten Sonderlings aufgehört hat zu schlagen. Auch sein junger Bruder Jo reist aus dem Ausland zur Beerdigung an. Jo, so heißt es im Dorf, habe in der Ferne Karriere gemacht. Sie ahnen nicht, dass er sich seit Langem mit billigen Taschenspielertricks und kleinen Gaunereien über Wasser hält. Als er jetzt in die ungeliebte Heimat zurückkehrt, hat Jo nur ein Ziel: Er will den Hof so rasch wie möglich verkaufen und sich sein Erbe unter den Nagel reißen. Aber zu seinem Schrecken muss er feststellen, dass sein Bruder nahezu mittellos war. Jo stößt auch auf schreckliche Dinge ganz anderer Art. Der Tod seines Buders war alles andere als ein Unfall, so dämmert es ihm schon bald. Er taucht wieder ein in die dörfliche Enge seiner Jugend und entdeckt ein wohlgehütetes Geheimnis, das auch ihn das Leben kosten könnte. Und es ist kaum anzunehmen, dass ihm seine kleinen Tricks gegen die drohende Gefahr helfen können.

Das meint Krimi-Couch.de: »Ein Männlein stirbt im Walde ...« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Stefan Heidsiek

Er veranstaltet Krimi-Erlebniswochenenden in der Eifel, führt im Verbund mit seiner Frau in Hillesheim »Das Kriminalhaus« mit dem dort beinhalteten »Deutschen Krimi-Archiv« (ca. 30.000 Bände) und ist der Besitzer des »Café Sherlock« und der Buchhandlung »Lesezeichen«. Ralf Kramp lebt und atmet den Krimi, wie wohl kaum ein anderer deutscher Schriftsteller.

Seit 1996 schreibt er Spannungsromane, von denen ein Großteil im KBV-Verlag erschienen ist, dessen Geschäftsführung er vor einigen Jahren übernommen hat. Dennoch sieht sich Kramp in erster Linie als Autor und erst dann als Verleger. Lesungen sind für ihn vor allem aufgrund des vorgestellten Buches interessant und der mögliche Gedanke der Zuhörer, er sei auf die Veröffentlichung in einem Selbstverlag angewiesen, ist ihm zutiefst unangenehm. Das ist allerdings wohl eine Annahme, die jeglicher Grundlage entbehrt, gehört doch Kramp inzwischen neben Jacques Berndorf zu den bekanntesten Autoren in der Eifel. Für sein Debüt Tief unterm Laub erhielt er den Literatur-Förderpreis der Region. Seitdem sind einige weitere Auszeichnungen hinzugekommen. Ein Schicksal teilt er dann aber trotzdem mit einem Großteil der anderen »Regionalkrimi«-Autoren: Über die Grenzen seiner Heimat hinaus ist seine Popularität vergleichsweise gering, sind seine Werke seltener in den Buchhandlungen anzutreffen. Eine Tatsache, die angesichts des in diesem Jahr erscheinen Romans Stimmen im Wald, kaum nachzuvollziehen ist, vermag der Krimi doch auch »Nicht-Eifler« aufs Beste zu unterhalten.

Schauplatz der Geschichte ist das kleine Dorf Schlehborn mitten in der Eifel. Hier in den Wäldern durchstreift der eigenbrötlerische Exzentriker Michel Frings auf der Suche nach dem Luchs das Unterholz. Die seltene Großkatze war ihm einst auf einer Lichtung begegnet. Seitdem ist er von ihr besessen und setzt all seine Anstrengungen daran, das Tier samt dem umliegenden Gebiet zu schützen. Von der einheimischen Bevölkerung wird er dafür müde belächelt und verspottet. Nur der polnische Gehilfe Arkadi hält zu Michel und verhindert, dass dessen vernachlässigte Milchkühe auf dem Bauernhof nicht den Hungertod sterben. Als eines Tages schließlich Michel Frings tot im Wald aufgefunden wird, ist niemand überrascht. Nach der Diagnose Herzversagen wird schnell eine Beerdigung organisiert, zu der man auch den Bruder des Verstorbenen, »Dr. Johannes «Jo» Frings, einlädt. Der Wahlpariser nimmt die Gelegenheit, die Stadt der Liebe zu verlassen, mit Freude war, sitzt ihm doch eine Gruppe Gauner im Nacken.

Was nämlich niemand weiß: Der gut gekleidete Doktor hat einen richtigen Beruf seit Jahren nicht mehr ausgeübt und hält sich stattdessen mit Trickbetrügereien über Wasser. Nun hat er gegen die Regel «Betrüge niemals einen anderen Betrüger» verstoßen und deshalb ordentlich Ärger am Hals. Innerhalb weniger Tage muss er 40.000 € locker machen, um seinen Kopf nochmal aus der Schlinge zu ziehen. Der Tod seines Bruders, zu dem er kein inniges Verhältnis hatte, kommt ihm da gerade recht. Mit der erwarteten Erbschaft sollte der Betrag ohne Probleme zu berappen sein. Ein Blick in die Unterlagen macht dann jedoch jegliche Hoffnung zunichte: Michel Frings hatte sich zu seinen Lebzeiten bis über beide Ohren verschuldet und auch das Land ihrer Eltern zu großen Teilen an den Bürgermeister Nelles verkauft. Die einzigen Zahlen, die «Jo» entgegen winken, sind scharlachrot.

Verzweifelt will er die Flinte ins Korn werfen, bis ein zweiter Blick eine Reihe von Ungereimtheiten zutage fördert. Für das verkaufte Land hat Michel Frings so gut wie nichts bekommen. Das angeblich geplante Naturschutzzentrum scheint nun einer neuen Touristenanlage weichen zu müssen. Hat Nelles Michel übers Ohr gehauen? Bald kommen «Jo» Zweifel. War der Tod seines Bruders vielleicht gar kein Unfall? Wurde er, wie das junge Mädchen Ricky behauptet, kaltblütig ermordet? Obwohl er eigentlich nur selbst zu Geld kommen will, sieht sich «Jo» von den wohlgehüteten Dorfgeheimnissen magisch angezogen. Er beginnt auf eigene Faust zu ermitteln und sticht bei seinen Nachforschungen in ein äußerst gefährliches Wespennest …

«Kriminalroman aus der Eifel» prangt in Lettern unter dem Titel auf dem Cover. Und genau das und eben nicht mehr erwartet man als Leser. Ein bisschen Lokalkolorit hier, ein wenig Landschaftsbeschreibungen da. Garniert mit einem brummigen Ermittler, der dann bitte noch den typischen Dialekt zu sprechen hat. Wie schön, dass Ralf Kramp diesen Weg nicht gegangen ist und uns stattdessen eine überraschend unterhaltsame und innovative Handlung kredenzt hat, bei der allein der Hauptprotagonist schon für Freude sorgt. «Jo» Frings ist zweifellos der Kleber, der den ganzen Plot zusammenhält und dafür sorgt, dass man von Beginn an den Zugang zur Geschichte findet. Die Idee, statt eines Kommissars oder Detektivs einen listigen, abgewrackten Gauner die Ermittlungen führen zu lassen, ist zwar kein gänzlich neuer Geniestreich, aber eben eine erfrischende Abwechslung. «Jo" Frings könnte direkt einem Lawrence Block-Roman entsprungen sein, derart gewieft und trickreich linkt er seine Gegner. Alles was er auf 236 Seiten tut, tut er gänzlich für sich selbst. Alles was wir sehen, sehen wir durch die Augen eines kriminellen Ganoven. Ihn interessiert weniger die moralische Aufklärung des Verbrechens, als vielmehr das Geld, was sich dadurch ergattern lässt. Und das er dafür die ein oder andere Abreibung kassieren muss, versteht sich von selbst. Hier folgt Kramp klar den Vorbildern von »Pulp« und »Noir«.

Dennoch ist Stimmen im Wald mehr als nur eine Gaunergeschichte. Ralf Kramp verliert die Ländlichkeit des Handlungsschauplatzes nie aus den Augen und entwirft ein verworrenes Netz aus zwischenmenschlichen Beziehungen und künstlichen Fassaden, welche allesamt Anlass zum Argwohn geben und den Leser immer wieder auf die falsche Fährte führen. Auch wenn sich Kramp bei der Skizzierung der Figuren sämtlicher Landhauskrimi-Klischees bedient (der Schläger, der Dorftrottel, die liebenswerte Gastwirtin), kommen sie allesamt (selbst diejenigen mit Kurzauftritten) äußerst lebendig und authentisch daher. Lesen sich die Dialoge in vielen deutschen Kriminalromanen oft sehr gestelzt und steril, sitzt hier jeder Satz, wird das Tempo mit knapper, kräftiger Sprache durchgängig hoch gehalten. Atempausen gönnt Kramp uns nur wenig. Überschlagende Ereignisse verhindern, dass sich an irgendeiner Stelle so etwas wie Langeweile einstellt.

Nein, äußerst tiefgründig ist das alles natürlich nicht. Und auch den Täter wird der aufmerksame Leser und routinierte Krimi-Kenner sicher früher identifiziert haben als »Jo« Frings. Darum geht es dann letztlich aber auch nicht. Wer den typischen Spannungsroman im Stile von Mord-Ermittlungen-Auflösung sucht, wird hier zwar fündig werden, aber wenig Neues geboten bekommen. Lesenswert sind bei Stimmen im Wald vor allem die Wege abseits der Aufklärungsarbeit. »Jo« Frings ist ein liebenswerter Dreckskerl, dem man gern über die Schulter schaut und der mit seiner unkonventionellen Art zudem verhindert, dass irgendwo so etwas wie deutsche Biederkeit aufkommen kann. Auf längere Ausschmückungen wird gänzlich verzichtet. Wer wissen will aus welchem Holz die Kuckucksuhr auf dem Kaminsims ist, hat hier eindeutig zum falschen Buch gegriffen. Kramp setzt lieber Punkte, als viele Kommas. Und er hat gut daran getan.

Stimmen im Wald ist alles andere als gewöhnlich und gerade deswegen lesenswert. Ein amüsanter Genre-Mix (ein bisschen Gaunerkomödie, ein wenig Pulp und eine Prise Landhaus), der von Spannung über trockenen Humor bis hin zu einer logisch durchdachten Mordgeschichte alles bietet, was man von einem guten Kriminalroman erwarten kann und darf. Von außen zwar unscheinbar, aber zwischen den Buchdeckeln dafür umso unterhaltsamer. Eine echte Empfehlung, bei der selbst diejenigen auf die Kosten kommen dürften, die sonst eher einen großen Bogen um deutsche Krimis machen.

Stefan Heidsiek, Dezember 2010

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steve006 zu »Ralf Kramp: Stimmen im Wald« 15.01.2016
Ein Krimi, der Spaß macht!
Der Bruder des Ermordeten, ein kleiner Gauner, nimmt Ermittlungen auf, stößt auf Widersprüche und deckt den Fall schließlich auf.
Es wird nie langweilig oder unübersichtlich.
Ein ungewöhnlicher Krimi mit sympathischem Ermittler, Nichts, was man schon woanders gelesen hätte.
Lesenswert!
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