Schneckenkönig von Rainer Wittkamp

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2013 bei Grafit.
Folge 1 der Martin-Nettelbeck-Serie.

  • Dortmund: Grafit, 2013. ISBN: 978-3-89425-416-2. 252 Seiten.

'Schneckenkönig' ist erschienen als Taschenbuch E-Book

In Kürze:

Martin Nettelbeck ist einer der besten Kommissare im Landeskriminalamt  gewesen. Denn nach einem Angriff auf einen Kollegen wurde er ins Referat :Versorgung9 zu Bleistiftanspitzern und Druckerpapier verbannt. Ein Personalengpass ruft ihn nun wieder auf den Plan, obwohl ihm seine Vorgesetzte nach wie vor misstraut. Die Ermittlungen im Mord an einem Ghanaer laufen nur schleppend an, schon die Identifizierung der Leiche ist schwierig. In der afrikanischen Gemeinschaft will den Mann niemand gekannt haben. Nettelbeck taucht ein in eine faszinierende Welt und stößt auf ein dubioses Missionswerk. Doch ihm sitzt die Zeit im Nacken  er muss Ergebnisse liefern, sonst droht ihm die Rückversetzung.

Das meint Krimi-Couch.de: »Multikulti mit Nazis & Missionaren« 68°

Krimi-Rezension von Matthias Kühn

Rainer Wittkamp ist ein versierter, erfahrener Autor zahlreicher Fernsehdrehbücher. »Soko Leipzig«, »Soko Wismar«, sogar »Unser Charly«  ein Profi also. Ein Profi, der sich gesagt hat: Natürlich kann ich auch einen Krimi schreiben, ich kenne die Polizeiarbeit, ich weiß, wie Leute miteinander umgehen; und ich weiß genau, was so ein Krimi braucht.

So muss das gewesen sein, denn Schneckenkönig ist in der Tat äußerst professionell verfasst. Eine Spur zu professionell, allerdings.

Die Leiche eines Schwarzen wird aus dem Kanal gefischt. Kommissar Buchwald, der eigentlich ermitteln sollte, ist allerdings auf einem Seminar, und so kommt ein Mann aus der Abteilung ZSE II C 1 zurück in die Mordermittlung: Martin Nettelbeck, bis vor ein paar Jahren erfolgreicher, wenn auch eigenbrötlerischer Ermittler mit wenig populären Methoden und nicht gerade beliebt. Immerhin hatte er mal einem Kollegen das Leben gerettet, aber am Ende galt er als unberechenbar und unkommunikativ. Als er dann einem Kollegen ins Bein schoss, war Schluss. Nettelbeck wurde versetzt und musste fortan die Berliner Polizei mit Bürobedarf versorgen:

»Die Tätigkeit war noch langweiliger, als er befürchtet hatte. Druckereinheiten mit Multifunktionspapier auszustatten, Briefumschläge nach ISO 269 oder DIN 678 zu unterscheiden, Bleistifte nach einundzwanzig Härtegraden sortiert zu ordern, von 9B über HB bis 9H  zweifellos das Grauen, der Gipfel an Langeweile.«

Dass ein solcher Detailreichtum auch für die geneigte Leserschaft schnell den Gipfel an Langeweile erreichen kann, scheint Wittkamp dabei gelegentlich außer Acht zu lassen. Ausführungen über die Geschichte von Landesvertretungen, die Berliner Immobilienblase nach der Wende oder afrikanische Riten steckt man noch halbwegs weg, wenn aber jedes Kleidungsstück von Nebenfiguren genau katalogisiert wird oder die Kommissare ziemlich wild durch Berlin kreuzen und praktisch jede Straßenecke genannt und eingeordnet wird, siehts anders aus. Auch wenn die Orte oft mit biographischen Bezügen versehen werden  das sind einfach zu viele Details. Rainer Wittkamp sagt uns damit natürlich: Ich kenne Berlin bestens; und ich hab erstklassig recherchiert. Hätte Wittkamp mit seinen Rechercheergebnissen etwas weniger auf den Putz gehauen, wäre der Roman deutlich besser geworden.

Nein, schlecht ist Schneckenkönig wirklich nicht. Beispielsweise ist der Plot sehr schön und wohltuend ohne aufgesetzte Zufallsverwicklungen entwickelt. Am Anfang steht für den wiedergekehrten Ermittler mit seinem jungen Kollegen, dessen Urur-ur-urgroßvater den Schinderhannes erwischt haben soll, die Frage: Woher kommt der Schwarze? Natürlich kann er Berliner sein, er kann aus Afrika kommen, aus den USA  also wird ein Anthropologe aufgesucht, der aus den Narben im Gesicht des Toten schließt:

»Es handelt sich um einen Westafrikaner. Zweifelsfrei. Und zwar um einen Ghanaer. Vermutlich aus der Brong-Ahafo-Region, [...] ja, der Mann ist vom Stamm der Aduana. Könnte in der Umgebung von Sunyani aufgewachsen sein, an der Grenze zu Côte dIvoire. Aber im letzten Punkt möchte ich mich nicht festlegen.«

So verblüfft wie die Ermittler sind auch wir  das ist beabsichtigt und halbwegs okay. Na ja, jedenfalls fahndet das Duo wie im Fernsehkrimi fortan in der afrikanischen Gemeinde. Immer mit dem Misstrauen im Hintergrund, das seine ehemalige Konkurrentin und jetzige Vorgesetzte ihm entgegenbringt, schlägt sich Nettelbeck mit seinem Assistenten also durch die Hauptstadt. Dass schon die Identifizierung der Leiche schleppend verläuft, weil niemand die Wahrheit sagt, und dass die beiden schließlich auf ein dubioses Missionswerk stoßen, steht schon im Klappentext.

Unterbrochen wird der durchaus vorhandene Lesefluss immer wieder durch kursive gesetzte Einschübe, in denen es um den titelgebenden Schneckenkönig geht. Das ist clever gemacht und gut verschachtelt, stört aber manchmal; auch weil gerade hier die Sprache zwar literarisch sein will, es aber nicht schafft. Überhaupt begibt sich Wittkamp mit vielen Formulierungen, die Spannung erzeugen sollen, sprachlich an den Rand des Boulevardjournalismus.

Klingt das jetzt alles zu negativ? Nein: Schneckenkönig ist ein gut lesbarer, unterhaltsamer Roman, der immer spannend bleibt und auch mit Humor überzeugen kann. Die Hauptfiguren sind bestens entwickelt, allen voran Martin Nettelbeck: Seit Glausers Wachtmeister Studer funktioniert der Trick, einen eigentlich zurückgestuften Kriminaler ermitteln zu lassen. Und auch die Nebenfiguren sind lebendig, wenn auch hin und wieder der politischen Korrektheit wegen etwas zu leicht zu durchschauen  die blöden Nazis, die guten Afrikaner, die Karrierefrauen. Und die Dialoge, das wunderte mich bei einem mit allen Wassern gewaschenen Drehbuchautoren, holpern manchmal ganz schön. Vielleicht sind das gerade die Momente, in denen die Grenze zwischen Professionalität und Überheblichkeit verschwimmt:

»Das kannst du deiner Oma erzählen.«

Na, das will ich nicht unbedingt lesen in einem Krimi aus dem Jahre 2013.

Ein positiver Aspekt noch zum Schluss: Der eigenwillige, aber sympathische Nettelbeck ist nebenbei ein Posaunist, der sich viele Gedanken zu seinem Instrument macht und gelegentlich zu Music-minus-one-CCs spielt, also zu CDs, bei denen zu Übungszwecken der Posaunenpart fehlt. Und er schwadroniert über Komponisten und Spieler von Giovanni Pierluigi bis Urbie Green. Damit  und mit anderen Erwähnungen  liefert er einen ziemlich guten Soundtrack. Klar, auch hier gilt: Ein bisschen weniger wäre mehr gewesen.

Matthias Kühn, September 2013

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mkuehn zu »Rainer Wittkamp: Schneckenkönig« 11.11.2013
Lieber Mr. Smith,

wo die Grenze zwischen professionell und zu professionell verläuft? Schwierig; wohl auch teils Gefühlssache. Aber hier lässt es sich meines Erachtens belegen: Die Zutaten sind wie bei den meisten Tatort-Folgen eine Spur zu gesellschaftskompatibel. Auf diesen Roman könnte gut eine entsprechende Jauchsendung folgen. Mir ist das zu sehr auf den Markt und auf eine mögliche Verfilmung geschrieben, dafür fehlen Eigenständigkeit und Leidenschaft. Die Stimmungen sind durchaus erstklassig eingefangen; ich hatte auch das Gefühl, bei dem Kerl im Wagen zu sitzen, aber die Berlinbezüge schienen mir etwas übertrieben.
Und: Die kursiven Einschübe, so wichtig sie natürlich für die Story sind, halte ich stilistisch für misslungen. Dass uns das Boulevardmäßige etwas über das Innenleben sagt, na, bei dieser Ansicht ist viel guter Wille dabei, oder?
Übrigens: Danke für den Kommentar!

Herzliche Grüße

Matthias Kühn
Smith zu »Rainer Wittkamp: Schneckenkönig« 26.09.2013
Durchaus einverstanden: der „Schneckenkönig“ ist ein äußerst professionell geschriebener Kriminalroman. Aber zu professionell? Wo bitte verläuft da die Grenze? Und soll ein Profi-Autor absichtlich unter seinen Möglichkeiten bleiben? – Bitte nicht. Nettelbecks Umgang mit Bleistift- und Papiersorten oder seine Autofahrten durch die Stadt haben bei mir sofort das Gefühl ausgelöst, ich säße neben ihm im Büro oder bei ihm im Wagen auf dem Beifahrersitz. Zugegeben – wahrscheinlich hilft es dabei, wenn man die Stadt Berlin ein bisschen kennt und mag. Letztlich ist so was auch Geschmacksache. Aber es ist ja eine Stadtkrimi, wo um Gottes Willen sollte ein Berliner Kommissar herumfahren, wenn nicht in Berlin?

Was ich aber an Matthias Kühns Kritik gar nicht verstehe, ist seine Einschätzung der (kursiven) Schneckenkönig-Monologe. Hier bekommt die Geschichte eine zusätzliche, völlig neue Ebene und es entsteht eine mystische Spannung – die Offenbarung eines zutiefst verstörten Einzelgängers. Ist doch klar, dass der Autor seiner Titelfigur dafür eine andere, besondere Sprache in den Mund legen muss. Wenn die dann wirklich Ähnlichkeit mit der Sprache der Boulevardmedien hat, dann sagt uns das sicher etwas über die Innenwelt dieses „Schneckenkönigs“, aber es belegt doch kein stilistisches Unvermögen des Autors. Ganz im Gegenteil.
Smith zu »Rainer Wittkamp: Schneckenkönig« 26.09.2013
Durchaus einverstanden: der „Schneckenkönig“ ist ein äußerst professionell geschriebener Kriminalroman. Aber zu professionell? Wo bitte verläuft da die Grenze? Und soll ein Profi-Autor absichtlich unter seinen Möglichkeiten bleiben? – Bitte nicht. Nettelbecks Umgang mit Bleistift- und Papiersorten oder seine Autofahrten durch die Stadt haben bei mir sofort das Gefühl ausgelöst, ich säße neben ihm im Büro oder bei ihm im Wagen auf dem Beifahrersitz. Zugegeben – wahrscheinlich hilft es dabei, wenn man die Stadt Berlin ein bisschen kennt und mag. Letztlich ist so was auch Geschmacksache. Aber es ist ja eine Stadtkrimi, wo um Gottes Willen sollte ein Berliner Kommissar herumfahren, wenn nicht in Berlin?

Was ich aber an Matthias Kühns Kritik gar nicht verstehe, ist seine Einschätzung der (kursiven) Schneckenkönig-Monologe. Hier bekommt die Geschichte eine zusätzliche, völlig neue Ebene und es entsteht eine mystische Spannung – die Offenbarung eines zutiefst verstörten Einzelgängers. Ist doch klar, dass der Autor seiner Titelfigur dafür eine andere, besondere Sprache in den Mund legen muss. Wenn die dann wirklich Ähnlichkeit mit der Sprache der Boulevardmedien hat, dann sagt uns das sicher etwas über die Innenwelt dieses „Schneckenkönigs“, aber es belegt doch kein stilistisches Unvermögen des Autors. Ganz im Gegenteil.
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