Kalter Hund von Rainer Wittkamp

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2014 bei Grafit.
Ort & Zeit der Handlung: Deutschland / Berlin, 2010 - heute.
Folge 2 der Martin-Nettelbeck-Serie.

  • Dortmund: Grafit, 2014. ISBN: 978-3-89425-430-8. 256 Seiten.

'Kalter Hund' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Eine Hitzeglocke nimmt den Berlinern die Luft zum Atmen und manch einer trifft Entscheidungen, die er mit kühlem Kopf vielleicht nicht getroffen hätte: Kriminalrätin Jutta Koschke, die Leiterin des Dezernats Delikte am Menschen, ordnet eine Razzia an, durch die sie auf die Abschussliste der Berliner Politprominenz gerät. Der Kleinkriminelle Bilal Gösemann gibt für seinen geliebten Hund Diego eine Luxusbestattung in Auftrag dabei besitzt er keinen Cent der 14.000 Euro, die so eine Beisetzung kostet. Walid Sharif, Clanchef der mächtigen libanesischen Shariffamilie, will seine älteste Tochter endlich verheiratet sehen und bestimmt ohne ihr Wissen einen Ehemann, der auch den Geschäften nützt. Hasso Rohloff dagegen bevorzugt eine finale Trennung, denn er hat genug von den Eskapaden seiner Frau. Vier Entscheidungen, die für Chaos in Berlins Unterwelt sorgen. LKA-Ermittler Martin Nettelbeck kommt kaum hinterher, alle Leichen einzusammeln.

Das meint Krimi-Couch.de: »Alles geht vor die Hunde« 80°

Krimi-Rezension von Lars Schafft

Das Motiv ist uralt: Ein Kleinkrimineller benötigt Geld, hat natürlich keine Möglichkeit dieses aufzutreiben, und wird so zu einen richtigen Kriminellen. Genauso geschieht es dem Deutsch-Araber Bilal Gösemann. Nur, und damit wird es von Anfang an richtig orignell, Bilal Gösemann benötigt eine fünfstellige Summe, um aus der Asche seines verstorbenen Freundes und Haustieres Diego einen Diamanten anfertigen zu lassen. Das, so meint er, sei er ihm schuldig. Dumm nur, dass ihm die paar Botengänge für die libanesische Mafia nicht das nötige Kleingeld einbringen …

Bilal Gösemann ist der eigentliche Protagonist in Rainer Wittkamps zweitem Roman Kalter Hund, der offiziell zu der Reihe Martin Nettelbeck gehört. Nettelbeck ist LKA-Ermittler in Berlin und passionierter Posaunist, was der Serienfigur allein schon eine singuläre Stellung einbringt. Doch Nettelbeck ist nicht wirklich die Hauptfigur in diesem Roman, denn es passiert eine ganze Menge, so dass der Leser lange Zeit nicht weiß, wo Autor Wittkamp hinmöchte.

Ein heilloses Tohuwabohu

Denn neben Bilal gibt es einen Mafiaboss, der händeringend auf der Suche nach einer Frau für seinen jüngsten Spross ist, zwei Restaurantbetreiber, die fernab jeglicher Legalität ihre Investitionen zu sichern suchen und einen millionenschweren Playboy mit Erektionsstörungen. Diese Figuren – unterschiedlicher die Herkunft kaum sein könnte – führt Wittkamp in einem wahren Clash of Cultures zusammen. Es muss ausgehen, wie es ausgehen muss: Ein heilloses Tohuwabohu, in dem auch Nettelbeck die Übersicht zu flöten scheinen geht.

Auf dem Buchrücken wird Rainer Wittkamp mit Quentin Tarantino verglichen – das ist vielleicht ein bisschen zu viel des Guten. Großes Chaos beherrschen die Amerikaner vielleicht doch besser als wir Deutschen. Nichtsdestotrotz erfindet Wittkamp seinen eigenen Stil. Der Leser wird ihn finden zwischen Zeilen aus Gangsterthriller, Gaunerkomödie, Slapstick und Polizeiroman.

Ein ganz eigener Stil zwischen den Zeilen

Die große Leistung des Autors liegt darin, diese Genres miteinander zu verweben und die gelungene Balance zwischen Komödie und Spannung zu halten und so den Kalten Hund zu etwas werden zu lassen, was weit über das 08/15 der deutschen Krimiproduktion herausragt.

Kalter Hund ist etwas außerordentliches in der deutschen Kriminalliteratur, weil es sich vom üblichen Ermittlung-Täter-finden-Fall-geklärt wohltuend abhebt. Wenn es Rainer Wittkamp gelingt, die bewussten Stilbrüche dieses Romans in Zukunft konsequent zu seinem eigenen Stil zu machen, dürfen wir uns durchaus auf weitere Werke des gebürtigen Münsteraners freuen.

Lars Schafft, Mai 2014

Ihre Meinung zu »Rainer Wittkamp: Kalter Hund«

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Marlene Martenkraut zu »Rainer Wittkamp: Kalter Hund« 08.03.2015
Es sind schon lustige Vögel, die Rainer Wittkamp in seinem „Kalter Hund“ aufmarschieren lässt. Zunächst denkt man: Gibt’s doch gar nicht. Dann kommen einem Berliner Größen wie Rolf Eden und der Abou-Chacker-Clan in den Sinn. Die Leserin erkennt: Doch, solche Leute gibt es. Wer schon mal auf einem Tierfriedhof war, kann bestätigen: Stimmt. Und überhaupt, warum soll Kommissar Nettelbeck nicht ein ausgefallenes Hobby haben und in seiner Freizeit Posaune spielen? Interessanteste Figur für mich Bilal Gösemann, mit dem der Autor als verbindender Figur den Spagat zwischen den doch leicht unterschiedlichen Milieus hinbekommt. Aus ungewöhnlichen Protagonisten und einer zunächst absurd anmutenden Handlung schmiedet Rainer Wittkamp einen überaus spannenden Krimi. Sehr empfehlenswert.
Ruthild Görschen zu »Rainer Wittkamp: Kalter Hund« 05.08.2014
Schon der erste Roman von Rainer Wittkamp, der "Schneckenkönig" hat mir sehr gut gefallen und viel Spaß beim Lesen bereitet. Auch darin gibt's eine genial-kreative Hundeszene! Und wieder ermittelt der Berliner LKA-Ermittler Martin Nettelbeck, gemeinsam mit seinem Kompagnon Täubner im Milieu. Mit Jutta Koschke, der Vorgesetzten gibt es immer wieder Schwierigkeiten, sie gerät zusehends in die Kritik. Bei genauerem Hinlesen entdeckt man sogar Berliner Prominenz. Lassen Sie sich überraschen, dieser coole Sommerkrimi passt genau in die Jahreszeit.
leseratte1310 zu »Rainer Wittkamp: Kalter Hund« 12.05.2014
Berlin liegt unter einer Hitzeglocke.
Bilal hat ein Problem. Er trauert um seinen besten Freund. Erst nach einer Weile erfährt man, dass mit Freund sein Hund gemeint war. Die Beerdigung soll pompös werden. Dafür brauch Bilal Geld.
Der Chef eines libanesischen Clans hat ein Problem, er muss seine hässliche, ab er intelligente Tochter Fatima verheiraten, aber alle in Betracht kommenden Schwiegersöhne haben Ausreden.
Auch Hasso hat ein Problem. Die Potenz will nicht so wie er. Seine Frau hat einen Liebhaber und will sich von Hasso trennen. Dann fällt sie vom Balkon.
Auch bei der Polizei geht es nicht ohne Probleme, eine Razzia bringt keinen Erfolg, aber Ärger.
Die Geschichte ist sehr bildhaft geschildert und birgt viele Überraschungen. Es ist eine Mischung aus Humor und Spannung. Anfangs ist es schwierig die vielen Personen auseinander zu halten. Manche Charaktere sind ziemlich schräg. Kommissar Nettelbeck ist sympathisch und unterstützt Kriminalrätin Jutta Koschke, obwohl die beiden selten einer Meinung sind. Die verschiedenen Handlungsstränge werden im mit der Zeit verwoben.
Ein Krimi aus Berlin, der spannend und lesenswert ist.
mabuerele zu »Rainer Wittkamp: Kalter Hund« 01.05.2014
Bilal hat seinen besten Freund verloren. Diego ist tot. Nun muss Geld für eine Beerdigung her. Diese soll etwas Besonderes werden.
Kriminalrätin Jutta Koschke weist Martin Nettelbeck an, eine Razzia in Leitners neu eröffnetem Lokal durchzuführen. Martin ist dagegen, weil er ahnt, dass es Probleme geben wird. Sie sind auf den Spuren des Baulöwen Ploog, der wegen Vergewaltigung gesucht wird.
Das sind nur zwei der Handlungsstränge, die den in Berlin spielenden Krimi durchziehen. Der Autor hat gekonnt die Großstadtatmosphäre mit ihrer unterschiedlichen Verstrickungen des alltäglichen Lebens genutzt, um ein vielfältiges kriminelles Szenarium aufzubauen.
Selbst im Kommissariat spielen Zuneigungen und Abneigungen eine entscheidende Rolle. Im Mittelpunkt steht Martin Nettelbeck. Er hat einen eigenen Kopf, steht aber loyal zu seiner Chefin.
Seine Liebe gehört der Musik, insbesondere dem Spiel der Posaune.
Der zweite Protagonist, auf den ich kurz eingehen möchte, ist Bilal. Seine Schlitzohrigkeit gibt der Geschichte ein besonderes Flair.
Der Autor führt mich als Leser gekonnt durch den Großstadtdschungel. Nach und nach werden die verschiedenen Handlungsstränge zusammengeführt. Dabei nimmt mich der Autor auch auf Ausflüge in die weitere Umgebung mit.
Der Roman besticht durch die exakte Beschreibung von Land und Leuten, durch den hohen Spannungsbogen und durch immer neue überraschende Wendungen. Zwischendurch hatte auch den Eindruck, dass der Kriminalfall des Anfangs nur noch untergeordneter Bedeutung hat, doch erneut wird der Bogen dahin gezogen. An vielen Stellen ermöglicht der Autor einen Einblick in die Psyche seiner Protagonisten. Das macht sie verwundbar, ihr Handeln aber nachvollziehbar. Es ist eben nicht nur Sturheit, die Jutta auf der Razzia beharren lässt.
Die Sprache passt sich dem jeweiligen Inhalt an. Ernste Gespräche stehen neben unterschwellig humorvollen Unterhaltungen. Der Roman lässt sich zügig lesen und hat mich schnell in seinen Bann gezogen. Alle Handlungsstränge werden konsequent und logisch zu Ende geführt.
Während ich nach dem ersten Betrachten das Cover mit der balancierenden Person vor dem Berliner Fernsehturm interessant fand, kann ich die Gestaltung nun besser einordnen. Nicht nur einer der Protagonisten balanciert lange Zeit am Rande der Legalität.
Das Buch hat mir sehr gut gefallen. Die Handlung war abwechslungsreich und gekonnt gestrickt.
Baerbel82 zu »Rainer Wittkamp: Kalter Hund« 01.05.2014
Liebe ist…

„Kalter Hund“ ist bereits der zweite Fall für den Berliner LKA-Ermittler Martin Nettelbeck. Dennoch handelt es sich um einen eigenständigen Roman, der auch ohne Vorkenntnisse gelesen werden kann. Worum geht es?

Bilal Gösemann braucht Geld für die Verabschiedung seines besten Freundes. Walid Sharif, genannt Abu Halil, will seine Tochter Fatima verheiraten. Hasso Rohloff, ein alternder Playboy, hat Potenzprobleme und Kriminalrätin Jutta Koschke will endlich den Verbrecher Richard Ploog hinter Gitter bringen. Was haben all diese Personen und Handlungsstränge miteinander zu tun?

Bevor die eigentliche Geschichte beginnt, gibt es schon den ersten Toten. Als dann auch noch eine Frau unter ungeklärten Umständen vom Balkon stürzt, bekommen Martin Nettelbeck und sein Team alle Hände voll zu tun…

Ein Heer von Protagonisten, das Rainer Wittkamp sich da ausgedacht hat. Die teils skurrile Figurenzeichnung entspricht dem unterhaltsamen Geschehen. Schnell ist klar, dass das Schlitzohr Gösemann die Verbindung zwischen den Erzählsträngen ist. „Kalter Hund“ ist eine extrem tiefenscharfe und nicht selten bissige Milieu-Beobachtung.

Mein Favorit ist Nettelbeck: Klug und smart, erfolgreich im Job, aber nicht zu ehrgeizig. Zudem hat er viel Empathie und spielt Posaune. Leidvolle Erfahrungen (siehe Vorgänger „Schneckenkönig) haben ihn nicht zynisch oder sarkastisch werden lassen. Im Gegenteil: er überrascht als Teamplayer! Und er hat sogar ein Privatleben, das ihm zunehmend wichtiger zu werden scheint.

Den Spannungsaufbau finde ich gelungen. Der Erzählstil ist knochentrocken, die Sprache schnoddrig, oft politisch inkorrekt und provokant. Auf 250 Seiten kein Wort zu viel, keins zu wenig. So lässt sich die Geschichte flott lesen. Aber ich mag es ja, wenn sich jemand kurz fassen kann.

Schon das erste Kapitel (schräg!) hat meine Neugier geweckt. Dass der Autor im Finale noch mal richtig Gas gibt, rundet mein Lesevergnügen ab. Die Figur Martin Nettelbeck - einschließlich seines Teams - hat meiner Meinung nach noch reichlich Potenzial. Und so freue ich mich schon heute auf den nächsten Fall.

Fazit: Ganz großes Kino, bitte mehr davon!
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