Das Geheimnis der Juwelen von R. Austin Freeman

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1936 unter dem Titel The Penrose Mystery, deutsche Ausgabe erstmals 1976 bei Heyne.
Ort & Zeit der Handlung: , 1930 - 1949.
Folge 23 der Dr.-John-Thorndyke-Serie.

  • London: Hodder & Stoughton, 1936 unter dem Titel The Penrose Mystery. 317 Seiten.
  • München: Heyne, 1976. Übersetzt von Hans Maeter. ISBN: 3-453-10300-9. 123 Seiten.

'Das Geheimnis der Juwelen' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Der Rechtsanwalt Ernest Lockhart lernt den etwas undurchsichtigen Mr. Daniel Penrose in einem Antiquitätengeschäft kennen. Mr. Penrose ist ein leidenschaftlicher Kunstfreund, und er zeigt dem Rechtsanwalt eine wertvolle Sammlung von kostbaren Juwelen. Als der Anwalt Monate später wieder einmal Mr. Penrose besuchen will, ist er und seine Juwelensammlung wie vom Erdboden verschwunden. Dr. John Thorndyke, der berühmte Detektiv, bemüht sich zwar eifrig, den Vermißten und seine Schätze zu finden, aber er hat dabei nicht viel Glück, und erst als er begreift, warum Mr. Penrose überhaupt verschwunden ist, kommt er weiter.

Das meint Krimi-Couch.de: »Der Tod ist ein Sammler« 83°

Krimi-Rezension von Stefan Heidsiek

In Deutschland ist der englische Kriminalautor R. Austin Freeman bis zum heutigen Tag ein unbeschriebenes Blatt geblieben. Daran hat selbst die Neuveröffentlichung seines Buches Das Auge des Osiris im Rahmen der Fischer Crime Classics Reihe nichts Wesentliches ändern können. Worin liegt diese Nichtbeachtung begründet? Fakt ist: Autoren des Golden Age wie Agatha Christie und Dorothy L. Sayers finden auch im 21. Jahrhundert noch ihr Lesepublikum, während es der klassische Whodunit reinster Prägung auf den Büchertischen der Buchhandlungen ziemlich schwer hat. Und obwohl ein Großteil von Freemans Werken in den 20er und 30er Jahren des letzten Jahrhunderts auf den Markt kam, müssen seine Kriminalromane zu letzterer Kategorie gezählt werden. Bestes Beispiel dafür ist Das Geheimnis der Juwelen, der 23. Fall des intelligenten und scharfsinnigen Amateurdetektivs Dr. John Evelyn Thorndyke.

London, irgendwann in den 30er Jahren. Rechtsanwalt Ernest Lockhart schlendert durch die Seitenstraßen Sohos, als sein Auge auf ein Antiquitätengeschäft fällt, das in einem Gebäude beherbergt ist und das älter scheint, als alle Schätze, die im Schaufenster zu sehen sind. Lockhart, angelockt von der Aussicht ein antikes Möbelstück für einen guten Preis zu erwerben, tritt ein und macht drinnen die Bekanntschaft des exzentrischen Mr. Daniel Pembrose. Dieser ist leidenschaftlicher Sammler alter Kunstgegenstände, welche er, ob wertvoll oder nicht, seiner immer größer werdenden Kollektion einverleibt. Fasziniert von dem kleinen Mann, der ihm wegen seines ungebremsten Sammeltriebs an eine Elster erinnert, begleitet Lockhart diesen nach Hause. Nach einem Rundgang durch das völlig zugestellte Wohnzimmer, zeigt ihm der zunehmend nervösere Pembrose, schließlich eine Zusammenstellung von kostbaren Juwelen und Edelsteinen. Lockhart ist beeindruckt und gleichzeitig schockiert, da der Sammler seine Stücke bisher vollkommen unversichert gelassen hat. Nachdem er ihm eine Versicherung der Steine nahegelegt hat, verlässt er das Haus. Er trifft den Sammler noch ein Weiteres mal im Antiquitätengeschäft … einige Monate später ist Mr. Daniel Pembrose spurlos verschwunden.

Dr. Thorndyke bekommt über Umwege Kenntnis von dem Fall und beginnt auf eigene Faust Nachforschungen anzustellen. Während sein Freund Christopher Jervis im Zuge der Ermittlungen völlig im Dunkeln tappt, kann Thorndyke das Rätsel ziemlich schnell entwirren … und dem Verbrecher, der bereits glaubte sicher davongekommen zu sein, eine geschickte Falle stellen.

Auch in diesem Kriminalroman aus der Reihe um Dr. Thorndyke pflegt R. Austin Freeman einmal mehr den Anachronismus. So mag die Handlung zwar Mitte der 30er Jahre angesiedelt sein, die Beschreibungen allerdings lassen den Leser eher an das Gaslichtzeitalter Königin Victorias denken. Wenn zum Beispiel im Buch von »Wagen« die Rede ist, sieht man unwillkürlich Droschken und Kutschen vor sich. Zumindest so lange, bis dann, völlig überraschend, von Kotflügeln und Gangschaltungen die Rede ist. Im Gegensatz zu Christie, Sayers und Co. ist bei Freeman das gute, alte England halt noch äußerst lebendig. Seit den Zeiten von Sherlock Holmes scheint sich nicht viel verändert zu haben. So wundert es dann wenig, dass auch der Ermittler selbst Züge des großen Detektivs trägt. Emotional mehr als zurückhaltend und ein kühler Denker, wirkt Thorndyke wie das Relikt einer vergangenen Ära. Dies wird insbesondere dann deutlich, wenn man sich vor Augen hält, dass zur gleichen Zeit ein Sam Spade bereits auf ganze andere Art und Weise Jagd auf Verbrecher gemacht hat. Was zehn bis fünfzehn Jahre früher noch gut funktionierte – hier wirkt es bereits etwas verstaubt.

Freemans Versuch den Gentleman-Detektiv vergangener Tage in die Neuzeit zu retten, ist löblich, krankt aber an einigen Widersprüchlichkeiten. Während in vielen Dingen die Zeit stehen geblieben zu sein scheint, ist man an anderer Stelle plötzlich auf dem allerneuesten Stand. Freeman, selbst praktizierender Arzt, lässt nicht nur viel seiner eigenen naturwissenschaftlichen Kenntnisse einfließen, sondern beruft sich auch stets auf das zeitgenössische Wissen der Kriminologie. In Punkto Forensik und Spurensicherung marschiert Thorndyke stets in vorderster Reihe, wobei er seine sachlichen Schlussfolgerungen in der Regel mit soliden Beweisen untermauert. Daran kann auch bei Das Geheimnis der Juwelen der Leser teilhaben. Wie Jeffery Deaver heutzutage, gibt Thorndyke regelmäßig »Wasserstandsmeldungen« ab, die es ermöglichen, selbst den Täter zu identifizieren. Das man dabei, wie auch Christopher Jervis, nur wenig Erfolg hat, ist Beweis für Freemans schriftstellerische Fähigkeiten.

Äußerst routiniert und gleichzeitig sehr raffiniert, führt er uns immer wieder geschickt aufs Glatteis. Lässt der unspektakuläre Anfang noch wenig erwarten, entwickelt sich im weiteren Verlauf ein äußerst launiges und kurzweiliges Ratespiel, von dem man jedoch nicht allzu viel Tempo erwarten sollte. Wie auch schon in den anderen Fällen mit Dr. Thorndyke ist die Jagd nach dem Mörder eine eher ruhigere Angelegenheit, wo mit britischer Fairness und viel Nachsicht dem Schuldigen nachgespürt wird. Ganz ohne Dramaturgie kommt dann das Buch aber auch nicht aus, denn gegen Ende, das nach gerade mal 122 Seiten äußerst schnell kommt, wird sogar ein Revolver abgefeuert.

Insgesamt ist Das Geheimnis der Juwelen ein unterhaltsamer, gekonnt umgesetzter Whodunit der alten Schule, dessen deutsche Übersetzung jedoch im Vergleich zur originalen Vorlage wohl einiges an Umfang einbüßen musste.

Stefan Heidsiek, April 2010

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