Mord bei 45 Touren von Pierre Boileau & Thomas Narcejac

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1959 unter dem Titel A cœur perdu: Meutre en 45 Tours, deutsche Ausgabe erstmals 1962 bei Rowohlt.

  • Paris: Denoël, 1959 unter dem Titel A cœur perdu: Meutre en 45 Tours. 191 Seiten.
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1962. Übersetzt von Joachim Nehring. 151 Seiten.

'Mord bei 45 Touren' ist erschienen als

Das meint Krimi-Couch.de: »Das Drama ist ein psychologisches« 75°

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Ein Widerling ist ein, ein Ehebrecher, und er sieht aus wie Quasimodos älterer Bruder: Maurice Faugères, dem die unergründlichen Götter das Talent verliehen, die reine, hehre Liebe, die er im Alltag so verspottet, in Lieder zu gießen, denen die ganze Welt mit Tränen in den Augen lauscht. Steinreich ist Faugères darüber geworden, prominent sowieso, und er hat natürlich eine Königin als Gattin heimgeführt: Eve ist eine der berühmtesten Sängerinnen Frankreichs. Das Publikum liegt ihr buchstäblich zu Füßen, wenn sie Faugères’ Lieder singt.

Fraglos ist allerdings, ob dies noch so wäre, wenn es die Wahrheit wüsste …Eve ist die ständigen Seitensprünge ihres Ehemannes überdrüssig. Längst hat sie selbst Trost gefunden: bei ihrem Pianisten Jean Leprat, der sie nicht nur auf der Bühne begleitet. Die Liaison ist geheim; nicht nur der lauernden Presse wegen (die sicherlich ihr Wörtchen zu sagen hätte – Eve ist 45, Jean gerade 30 Jahre alt ...), sondern auch aus Furcht vor Faugères. Leprat möchte gern selbst als Komponist reüssieren, wobei ihm ein Skandal kaum förderlich wäre, und Eve sorgt sich ob des Gatten jüngster Geliebter, die wie der Zufall manchmal spielt selbst eine begabte Sängerin ist …

Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen haben Eve und Jean den alten Faugères unterschätzt. Dieser spürt längst die Hörner auf seinem Kopf, und gedenkt nicht, der Gattin zuzugestehen, was er selbst oft und gern praktiziert. Das sagt er den Liebenden auf den Kopf zu, als er sie in ihrem Nest überrascht, und fordert die sofortige Trennung. Weil er sich dabei recht höhnisch gibt, ist es nur für ihn, aber nicht für den Leser eine Überraschung, als der gedemütigte Leprat ihm den Schädel mit einem Kerzenleuchter einschlägt. Glücklicherweise hat niemand Faugères kommen sehen. Sein Mörder nutzt dies aus, um einen scheinbar tödlich ausgegangenen Verkehrsunfall zu inszenieren; seine Geliebte deckt das Verbrechen.

Endlich scheint der Weg frei zu sein für diese bisher im Verborgenen blühende Liebe, zumal die Polizei keinen Verdacht geschöpft hat. Aber der Schrecken unseres mörderischen Paars ist groß, als die Post ihm eine Schallplatte ins Haus bringt. Bei einer Umdrehungszahl von 45 Touren ertönt die Stimme des verhassten Faugères', der offenbar aus dem Grab ankündigt, sich für sein abruptes Ende grausam zu rächen. Da weder Eve noch Jean an Gespenster glauben, liegt der Verdacht nahe, dass jemand ein grausames Spiel mit ihnen treibt. Aber wer könnte ihr Feind sein, wo doch der einzige Mensch tot ist, der von ihrem Verhältnis wusste? Die Spannung steigt, während neue und immer bedrohliche Schallplatten-Nachrichten eintreffen – und bald beginnen die Liebenden einander zu misstrauen. Aber die böse Tat hat sie auf Gedeih und Verderb aneinander gefesselt; was das in der Realität bedeutet, müssen sie auf die ganz harte Tour lernen …

»Mord bei 45 Touren« ist ein Krimi-Klassiker des einst berühmten, aber heute allmählich in Vergessenheit geratenden französischen Schriftsteller-Duos Pierre Boileau (1906-1989) und Thomas Narcejac (1908-1998). Dieses verdankt seinen Ruhm hauptsächlich dem Roman »D’entre les morts«, den Alfred Hitchcock 1957 kongenial in den Kinofilm »Vertigo« (dt. »Vertigo – Aus dem Reich der Toten«, mit James Stewart und Kim Novak) verwandelte. Schon diese Geschichte trägt das Markenzeichen, das Boileau-Narcejac noch oft in Anspruch nehmen sollten: amour-fou, die tolle i. S. von verrückte Liebe, die alle Regeln bricht, kurz triumphiert oder aufflammt, aber schließlich vom System überrollt wird bzw. sich vorher bereits selbst zerstört hat. Eve und Jean spielen dieses Muster beispielhaft durch. Ihre Liebe ist von der ersten Sekunde zum Untergang verdammt. Nicht das Establishment trägt die Alleinschuld, auch nicht der fiese Gatte, der selbst nur das Opfer von Leidenschaften wird, die zu kontrollieren er außerstande ist. Die Liebenden selbst tragen in sich den Keim ihres Verderbens; erst wissen sie es nicht, dann wollen sie es nicht wahrhaben, und letztlich ergeben sie sich ihm. Wer meint, zumindest Jean käme mit heiler Haut aus dem Drama heraus, hat wahrlich flüchtig gelesen.

Die Liebe ist halt ein gefährliches Spiel. Wieso dies so ist, spielen Boileau-Narcejac auf 150 einerseits kurzen, andererseits endlosen Seiten konsequent und erbarmungslos durch. Die Chronik dieser mörderischen, sich selbst zerfleischenden Liebe übt auch heute noch ihre verstörende Wirkung, obwohl die Story an sich rettungslos veraltet ist – oder vielleicht doch nicht? Botschaften aus dem Totenreich werden längst nicht mehr per Schallplatte übermittelt, aber die Liebschaft zwischen einem recht jungen und einer deutlich älteren Frau dürfte weiterhin als Interesse der Öffentlichkeit finden.

Überhaupt überrascht »Mord bei 45 Touren« mit einer recht unverkrampften Haltung bezüglich der Alltäglichkeiten des Lebens. Während Anno 1961 »Krimi« für den deutschen Leser primär Edgar-No Balls, please!-Wallace, Pfäfflein Brown oder Grandma Christie bedeutete, riskierten Boileau-Narcejac den Untergang des Abendlandes mit ihrer durchaus realistischen Dreiecks-Geschichte. Noch siegt die Moral – dies aber nicht, weil sie halt immer siegt (oder siegen muss, so lange es politisch opportun ist), sondern weil Eve das Spiel freiwillig aufgibt; mit ein bisschen Nervenstärke hätte Kommissar Borel nämlich weiterhin in die Röhre geschaut. Ausserdem geht der wahre Mörder frei davon. Seine Strafe besteht darin weiterleben zu müssen in dem Wissen, dass die Geliebte sich nicht nur für ihn geopfert, sondern vor allem ihn in seiner ganzen Erbärmlichkeit durchschaut hat. Das ist wahrlich perfide und wirkt als Finale weitaus stärker als der kindliche Triumph von Gendarm Greif oder Detektiv Schlau, die der brave Bürger so liebt, weil sie ihm die beruhigende Illusion erhalten, in einer geordneten Welt zu leben.

Trotzdem sei an dieser Stelle durchaus warnend hervorgehoben, dass »Mord bei 45 Touren« seine eigentliche Spannung aus dem Untergang von Eve und Jean zieht. Kriminalistische Rätsel kommen zwar vor (wer begeht den zweiten Mord?), aber sie sind nicht wirklich wichtig. Auch sonst geschieht nur wenig, das Drama ist wie gesagt ein psychologisches. Wer dennoch das Risiko eingehen möchte, sich ein wenig hintergründiger unterhalten zu lassen, muss dann nur noch das Problem lösen, ein Leseexemplar von »Mord bei 45 Touren« zu ergattern. Das uralte (noch zitronengelbe!) RoRoRo-Thriller-Bändchen von 1961 ist recht selten geworden. Weil »Mord bei 45 Touren« aber nicht als Klassiker mit breiter Publikumswirkung gilt, ist es trotzdem preisgünstig geblieben. Dennoch ist es wohl besser, die Augen nach dem RoRoRo- Dreifach-Thriller Nr. 2623 von 1983 offen zu halten. Ihm beigebunden sind ausserdem Neuausgaben der Romane »Steckbrief für einen Unschuldigen« von Mario Lacruz und »Schwarzes Geld für weiße Gauner« von Chester Himes.

P. S.: »Mord bei 45 Touren« wurde bereits 1959 als »Meutre en 45 Tours« (daher der deutsche Titel, den Ihr Rezensent einfach genial findet) von Etienne Périer mit Danielle Darrieux, Michel Auclair und Jean Servais verfilmt.

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