Die Schuldlosen von Petra Hammesfahr

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2012 bei Wunderlich.

  • Reinbek bei Hamburg: Wunderlich, 2012. ISBN: 978-3805250399. 448 Seiten.
  • [Hörbuch] Berlin: Argon, 2012. Gesprochen von Franziska Pigulla. ISBN: 3839811422.

'Die Schuldlosen' ist erschienen als Hardcover Hörbuch

In Kürze:

Am Ostersonntag verbreitet sich die Nachricht wie ein Lauffeuer im Dorf: Janice Heckler ist tot in der Greve gefunden worden, halbnackt und offensichtlich ertränkt. Auf den Täter einigt man sich in Garsdorf schnell: der Nachbar: Alex Junggeburt – als Kind noch von allen bedauert, als Jugendlicher gefürchtet, als Erwachsener verteufelt. Sechs Jahre später kommt Alex frühzeitig aus der Haft frei. Sein erster Weg führt ihn in die Heimat, zurück an den Ort des Geschehens – in sein Elternhaus. Kaum jemand im Dorf ist darüber glücklich: Die einen fürchten seine Rache, die anderen weitere Gewalttaten. Alex kann es ihnen nicht verdenken, weiß er doch selbst nicht, was damals geschah …

Das meint Krimi-Couch.de: »Spießbürgerliche Abgründe« 45°

Krimi-Rezension von Brigitte Grahl

Petra Hammesfahr ist eine feste Größe in der deutschen Krimilandschaft. Seit über zwanzig Jahren schreibt sie charakter- und milieuorientierte Thriller. Über 30 Romane hat sie seit ihrem ersten Buch 1991 Das Geheimnis der Puppe veröffentlicht, inzwischen kommen sie in längeren Intervallen auf den Markt. Die Schuldlosen hat alles, was man von der Hammesfahr gewohnt ist und gerade das ist das Problem. Der Wiedererkennungswert ist hoch, selbst die Ausgangsidee – ist der Außenseiter Täter oder Opfer? – ähnelt diversen Vorgängern. Ort der Handlung ist wieder die Provinz, die Beteiligten sind Leute wie du und ich, hinter deren biederer Fassade Abgründe lauern. Jede Familie hat ein dunkles Geheimnis und zusammen sucht man sich gerne einen Sündenbock für die unschönen Sachen, die ans Tageslicht kommen.

Ist der Außenseiter unschuldig oder ein Mörder?

Diesmal ist es der Außenseiter Alex, der als Twen wegen Mordes an der »Dorfmatratze« Janice verurteilt wurde und nach sechs Jahren Haft in sein Heimatdorf Garsdorf zurückkehrt. Sein Auftauchen sorgt für Unruhe. Seine Ex-Freundin Heike hat ihn damals belastet und fürchtet seine Rache. Sein damals bester Freund Lothar will nichts mehr von ihm wissen. Nur Alex platonische Freundin Silvie glaubt immer noch an seine Unschuld. Schließlich war Alex, der »Satansbraten«, der »Teufel in Menschengestalt« damals so besoffen, dass er sich an nichts mehr erinnern kann. Oder behauptet er das nur? Es dauert nicht lange und es gibt wieder einen Mord in Garsdorf.

Der Leser hat es schwer, den Überblick zu erhalten

Das Buch ist in Prolog, Hauptteil und Epilog gegliedert. Nach einem atmosphärischen Prolog, der 1982 spielt und Unheilvolles ankündigt, springt der Hauptteil zwischen zwei Zeitebenen hin und her. Parallel zu den Entwicklungen in der Gegenwart des Jahres 2010 enthüllt sich Stück für Stück die Tat im Jahre 2004. Dabei nimmt sich Petra Hammesfahr viel Zeit, ihr umfangreiches Personal einzuführen, selbst die Nebenfiguren werden mit einer ausgearbeiteten  Biografie vorgestellt. Dazu kommt ein komplexes familiäres Beziehungsgeflecht. Auf dem Dorf sind alle irgendwie miteinander verwandt. Zusammen mit dem ständigen Zeit- und Perspektivwechsel fällt es schwer, den Überblick zu behalten, bzw. überhaupt erst zu bekommen.

Die Spannung lässt zu wünschen übrig

Der Spannung ist das ebenso abträglich wie die breit geschilderten Alltagsabläufe. Erst am Ende zieht Hammesfahr das Tempo an. Die Auflösung ist nicht wirklich überraschend, denn der Kreis der Verdächtigen hat sich bis dahin auf zwei Charaktere verengt. Auch die Motivation des Täters überzeugt nicht wirklich. Hammesfahr geht mit ihrer Charakterzeichnung eher in die Breite als in die Tiefe. Immerhin schafft es die Autorin über eine lange Zeit, mehrere Figuren verdächtig erscheinen zu lassen, indem sie Andeutungen und überraschende Enthüllungen einstreut.

Typisch Hammesfahr, aber nichts Neues

Hammesfahr setzt in ihren Büchern auf Charaktere statt Action. Aber statt sich auf die durchaus interessante Hauptfigur zu konzentrieren, geht sie ständig fremd. Ebenso hätte der Handlung eine Straffung gutgetan, sie verliert sich immer wieder in Nebensächlichkeiten. Das spießige Milieu schildert sie gekonnt und realistisch, aber ironiefrei. Nur selten würzt sie Die Schuldlosen mit einer Prise Humor. Alles in allem wirkt ihr neues Buch wenig originell und spannend und gehört zu den schwächeren Werken der Autorin. Ihre Fans bekommen das, was sie gewohnt sind, neue macht sie sich mit Die Schuldlosen nicht.

Brigitte Grahl, März 2012

Ihre Meinung zu »Petra Hammesfahr: Die Schuldlosen«

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Renate zu »Petra Hammesfahr: Die Schuldlosen« 17.02.2017
Auch mir hat das Buch sehr gut gefallen, solche vertrackten Familiengeschichten mit Geiheimnis, "Leichen im Keller" und den entsprechenden Verbrechen finde ich toll.

Ich mag es auch, wenn alle Charaktere ausführlich beschrieben werden, auch die Spießeigkeit in einer Kleinstadt darf Erwähnung finden. Keinesfalls war dieses Buch zu verwirrend oder gar langweilig, auf jeden Fall lesenswert!
Madita zu »Petra Hammesfahr: Die Schuldlosen« 06.07.2014
Ich kann die Kritik von Krimi Couch (wie so oft) auch nicht nachvollziehen. Das Ende war auch für mich vorhersehbar, ich habe es allerdings nicht als störend empfunden. Auch die Familiengeschichten sind sehr detailiert und real herausgearbeitet. Ich werde das Buch weiterempfehlen- und verschenken!!!
Jane zu »Petra Hammesfahr: Die Schuldlosen« 22.03.2014
Der Rezension von B. Grahl kann ich nicht zustimmen, mich hat das Buch zum neuen Fan gemacht. Obwohl man die Auflösung vorherahnt, hat mich die Handlung gefesselt! Auch die zahlreichen Rückblenden fand ich gut, trugen sie doch zum Verständnis der Gegenwart bei. Kann dieses Buch nur jedem empfehlen, der nicht nur seichte Kost lesen will, sondern auch gerne Hintergrundinformationen bekommt.
Miese Schwuchtel zu »Petra Hammesfahr: Die Schuldlosen« 20.03.2013
Toll !Toll !Toll ![die restlichen "Toll"s wurden von der Redaktion gestrichen.]
Krimi-Kathy zu »Petra Hammesfahr: Die Schuldlosen« 10.07.2012
"Die Schuldlosen" ist weniger ein Thriller als eine vertrakte Familienchronik.
Man braucht zunächst etwas Geduld um sich durch die zahlreichen Rückblenden zu arbeiten und die auf unterschiedliche Weise miteinander vernetzten Personen und deren Geschichte kennenzulernen. Im zweiten Teil wird man allerdings mit einer spannenden Handlung belohnt. Auch wenn die Auflösung wenig überraschend ist, bleibt der Leser nachdenklich und teilweise schockiert zurück. Wie doch die Handlung eines Einzigen das Leben so vieler Menschen zerstören und auf immer verändern kann...
Für geduldige Leser absolut empfehlenswert!
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
€nigma zu »Petra Hammesfahr: Die Schuldlosen« 06.05.2012
Alex Junggeburt wird zum Missfallen der Dorfbewohner vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen, nachdem er nur sechs von neuen Jahren wegen des Mordes an Janice Heckler abgesessen hat. Er hatte die leichtlebige junge Frau, die den Ruf der "Dorfmatratze" hatte, eines Nachts in betrunkenem Zustand "wie eine rollige Katze"ertränkt - dieser Meinung war jedenfalls das Gericht. Alex selbst kann sich an diese Nacht nicht erinnern, hat aber keine Zweifel an der Richtigkeit dieser Darstellung, die auch durch die Aussage seines besten Freundes Lothar gestützt wurde.
Im Dorf herrscht Alex gegenüber großes Misstrauen, besonders seine ehemalige Lebensgefährtin Heike fürchtet seine Rache, denn ihre Aussage führte damals letztlich zu seiner Verurteilung. Auch die Tatsache, dass sie nach Alex´Inhaftierung die gemeinsame Tochter Saskia zu ihren Verwandten abgeschoben hat, um ein Leben nach ihren Vorstellungen zu führen, erregt den Zorn von Alex, der immer ein liebevoller Vater war und sich stets mehr um das Kind gekümmert hatte als Heike.
Seine Jugendliebe Silvie, die inzwischen mit Alex´ Freund Lothar verheiratet ist, glaubt als Einzige an die Möglichkeit seiner Unschuld. Sie will sich mit der offziellen Darstellung und den Vorurteilen der Dorfbewohner Alex gegenüber nicht abfinden und bohrt hartnäckig in der Vergangenheit herum, wodurch sie an einem weiteren Todesfall mitschuldig wird.
Die in der Gegenwart (2010) angesiedelte Handlung wird immer wieder durch Rückblicke in die Fünfziger, Siebziger und Achtziger Jahre unterbrochen, in denen die gesamte komplizierte Familiengeschichte der Junggeburts und der Familie Jentsch, der Heike und Silvie angehören, seit der Großelterngeneration aufgerollt wird. Der Leser erfährt eine Menge über die Kindheit von Alex als Sohn eines lieblosen Vaters und einer psychisch gestörten Mutter, die den Tod seiner großen Schwester Alexa nicht verkraftet hat und ihn sozusagen als "Ersatzkind" in die Welt gesetzt hat. So sprach sie ihn als Alexa an und ließ ihn Mädchenkleidung und eine Mädchenfrisur tragen. Erst als er deswegen im Schulalter gemobbt wurde, schritten Außenstehende ein.
Als junger Mann hatte Alex nichts Weibisches mehr an sich, sondern im Gegenteil sogar sehr viele Affären. Die von ihm fallengelassenen "Discoschnecken" sammelte dann sein Freund Lothar als Tröster auf.

"Die Schuldlosen" ist ein sehr komplexer Roman mit einer großen Anzahl an Figuren und einer recht verwickelten Handlung, den man mit Konzentration lesen muss. Er thematisiert Familienkonstellationen, den Umgang von Eltern mit dem Verlust eines Kindes, die Lage von Kindern ohne engagierte Eltern und nicht zuletzt die Entstehung und Hinterfragung von Vorurteilen.
Die Charaktere sind größtenteils gut ausgearbeitet, lediglich die Figur der Janice Heckler kam mir extrem überzeichnet und damit unglaubwürdig vor. Über Alex´weiteres Leben hätte ich im Epilog gern noch etwas mehr Informationen gehabt.

Fazit: Obwohl die Handlung kaum Thriller-Elemente aufweist und der Leser schon früh den weiteren Verlauf erahnen kann, entwickelt das Buch von Anfang an einen Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann. Für Leser, die auch etwas komplizierter konstruierte Krimis, die nicht nur der leichten Unterhaltung dienen, zu schätzen wissen, vergebe ich eine Leseempfehlung.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
subechto zu »Petra Hammesfahr: Die Schuldlosen« 16.03.2012
Schuldlos schuldig

"Die Schuldlosen", der neue Roman von Petra Hammesfahr, ist eigentlich kein Krimi, auch wenn hier Menschen zu Tode kommen, sondern eher ein Psychothriller, über die Chronik zweier Familien, deren Schicksal miteinander verwoben ist. Gekonnt seziert die Autorin Schritt für Schritt Lug und Trug sowie menschliche Abgründe und deren Folgen. Doch worum geht es?

Erzählt wird - teilweise in Rückblenden - die Familiengeschichte von Franziska und Helene. Beide haben auf tragische Weise ein Kind verloren. Franziska ist nie wirklich über den Tod ihrer Tochter hinweggekommen und so kümmert sie sich mehr um das Grab von Marie als um ihre zweite Tochter Ria. Helene dagegen kompensiert den Verlust ihrer Tochter Alexa dadurch, dass sie ihrem spätgeborenen Sohn Alexander Zöpfe flicht und Mädchenkleider anzieht.

Die daraus resultierenden Probleme kann sich jeder vorstellen: Alex wird gehänselt und schlägt erbarmungslos zurück. Deshalb ist auch niemand erstaunt, als Janice Heckler eines Tages tot in der Greve aufgefunden wird, halbnackt und ertränkt. Angeblich hatte Alex seinem Freund Lothar die Tat gestanden. Aber Alex war betrunken und kann sich nicht erinnern. Dennoch wird er verurteilt, nicht zuletzt aufgrund der Aussage seiner damaligen Freundin Heike. Sechs Jahre später kommt er vorzeitig frei und kehrt in sein Elternhaus im rheinischen Garsdorf zurück.

Lothar ist inzwischen mit Alex' Jugendliebe Silvie verheiratet. Silvie ist die Tochter von Ria, ist aber bei ihrer Großmutter Franziska aufgewachsen, weil ihre Mutter keine Verantwortung übernehmen wollte und sich früh aus dem Staub gemacht hatte. Silvie ist die Einzige, die Alex für unschuldig hält und immer zu ihm gestanden ist. Heike dagegen fürchtet nun Alex' Rache. Besonders als der mehr Zeit mit der gemeinsamen Tochter Saskia verbringen will. Die Lage eskaliert, als Heike tot in ihrer Dusche aufgefunden wird. Schon bald entdeckt die Polizei Parallelen zum einstigen Fall Heckler...

Irrungen und Wirrungen, nichts ist wie es scheint. Auch für den geübten Krimi-Leser hält die Autorin viele Überraschungen bereit. Ihr Erzählstil ist erfrischend, manchmal sogar komisch. Und ganz nebenbei wird nicht nur der Tod von Heike, sondern auch der alte Fall gelöst und der wirkliche Täter entlarvt. Genau wie zuletzt "Der Frauenjäger" hat mir "Die Schuldlosen" wieder sehr gut gefallen und viel Vergnügen bereitet. Und so freu ich mich schon jetzt auf das nächste spannende Werk von Frau Hammesfahr.

Fazit: für alle Hammesfahr-Fans ein Muss, aber auch für Neueinsteiger zu empfehlen!
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