Silberfieber von Peter Wührmann

Buchvorstellung

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2007 bei Goldmann.

  • München: Goldmann, 2007. ISBN: 978-3-442-46285-8. 352 Seiten.

'Leseprobe' ist erschienen als Taschenbuch

Leseprobe 

Prolog

Rosa Schaumkronen, meine Güte, ich brauche eine Brille. Captain Frederic Ross ließ das Fernglas sinken und wischte sich mit der freien Hand den Regen aus dem Gesicht.
Dann hielt er sich erneut das Glas vor die Augen.
Der rosafarbene Schaum hob und senkte sich spielerisch auf der heranrauschenden Brandung. Ein trübgrauer Novembermorgen an der kanadischen Atlantikküste. Sichelförmige rosa Halbmonde zwischen kaltem braunen Wasser und salziger Gischt, etwa einen halben Meter lang an der Schnittfläche, schätzte Captain Ross.

»Kannst du irgendwas Bestimmtes erkennen?«
Absichtlich fragte er so vage wie möglich und hoffte, dass Sergeant Bill Grimsby, der sein Untergebener und fast zwanzig Jahre jünger war, seine Hilflosigkeit nicht heraushören würde. Je länger Bill schwieg, desto sicherer wurde sich Fred,
dass Bill ebenfalls rosa sah.
Bill zeigte keine Regung, nur sein Zeigefinger drehte emsig das Okular seines Feldstechers hin und her.
»Flamingos«, sagte er endlich, »rosa Flamingos, sie liegen flach auf dem Wasser, als ob sie tot sind.«
Der Seewind trieb ihnen den Regen in die Augen, als sie beide ihre Ferngläser an den Riemen baumeln ließen. Ihre Blicke kreuzten sich. Bill hob entschuldigend die Schultern, kaum zu bemerken unter dem dicken Polizei-Parka.

»Tut mir leid, Fred, auf die Entfernung sieht das aus wie ein
Schwarm von rosa Vögeln.«
Frederic Ross zog die Augenbrauen zusammen.
»Im November im Nordatlantik, bei Windstärke sieben und einer Wassertemperatur von höchstens zwölf Grad. Das dürfte eine biologische Sensation sein.« Er zog den Reißverschluss seines Anoraks bis unters Kinn nach oben.
»Komm, wir sehen uns deine Flamingos mal aus der Nähe an.« Er sprang vom Anleger herunter, und seine Gummistiefel landeten mit einem dumpfen Aufprall in einer Pfütze, die sich im Sand rund um einen Holzpfahl gebildet hatte, der den Steg abstützte.

»Na, ich sagte doch, dass sie mausetot aussehen«, verteidigte sich Bill und trat drei Schritte zur Seite, bevor er sprang, um nicht ebenfalls in der Pfütze zu landen. Bei seinem Gewicht hätte das aufspritzende Wasser die Uniformhose bis über die Gummistiefel durchnässt.

Zwanzig Minuten später musste Fred zugeben, dass Bill Recht hatte und auch wieder nicht. Jedenfalls hatte es nichts mit Biologie zu tun. Frederic Ross bückte sich und klopfte mit dem gekrümmten Zeigefinger gegen den dicken rosa Bauch des Plastikvogels. Ein tönernes, hohles Geräusch erklang.

Zierrat für den Garten, hergestellt für die Ewigkeit, in China oder Hongkong. Unterwegs in einem Zwanzig-Fuß-Container zu einem der Seehäfen an der nordamerikanischen Ostküste. Nur dass diese Ladung Gartendekoration ihr Ziel nie erreichen würde, da sie sich jetzt über den nassen Sandstrand der Küste Nova Scotias verteilte. Die rosa Plastikflamingos waren nicht das Einzige. Ein weißer Gartenstuhl wurde dreißig Meter von Frederic Ross entfernt vorsichtig von einer Welle abgeladen – ein Geschenk für Strandgutsammler. Ross fasste nach dem Flamingo zu seinen Füßen und wollte ihn gerade am Schnabel aufrichten, als Bill Grimsbys aufgeregtes Rufen durch den brausenden Wind zu ihm durchdrang. Er ließ den Plastikvogel fallen und blickte auf. Bill beugte sich über ein dunkelgrünes unförmiges Paket, von dem Fred nicht sagen konnte, was es darstellte. Er kannte kein Gartenzubehör, das eine solche Form hatte. Als er in Bills Richtung losmarschierte, hinterließen Freds Stiefel tiefe Abdrücke im nassen Sand, und kleine Seen bildeten sich in der Spur hinter ihm.

Es war ein menschlicher Körper. In der dunklen Brandung war er kaum zu erkennen gewesen. Die Kleidung hatte sich mit Wasser vollgesogen, das Gesicht war nach unten gewandt, und die Haare glichen den dunkelbraunen Fäden des Seegrases, die aus den grünen Gummistiefeln hervorquollen. Die abwandernde Strömung hatte die Leiche genauso behandelt wie den Gartenstuhl und die Flamingos. Sie hatte sie am Strand abgelegt und sie dann noch sieben, acht Mal wiedergeholt, bevor sie sie endgültig freigegeben und am Ufer zurückgelassen hatte.

Als Captain Frederic Ross neben ihm stand, packte Bill den Toten vorsichtig mit einem Handschuh an der Schulter und drehte ihn auf die Seite. Bills breiter Rücken versperrte ihm die Sicht, doch er konnte erkennen, dass Bill nicht zurückwich, als er in das tote Gesicht blickte. Das war gut. Dann konnte die Leiche nicht allzu lange im Wasser gelegen haben. Bill gehörte nicht zu den Hartgesottensten, und beim Anblick einer Wasserleiche mit aufgedunsenem Gesicht wäre er sicherlich zurückgeschreckt.
»Ein Mann, ziemlich jung, anscheinend ertrunken, war aber nicht sehr lange im Wasser«, sagte Bill. Frederic Ross ging in die Hocke. Das Gesicht war unscheinbar, bartlos und glatt, wie reingewaschen vom Seewasser. Selbst den Augen des Jungen schien der Atlantik seine graubraune Farbe aufgezwungen zu haben. Und es war ein fremdes Gesicht, niemand aus der Gegend, stellte Ross erleichtert fest. Das ersparte ihm unangenehme Besuche und bedrückende Stunden mit Bekannten. Sie untersuchten die Taschen seiner Kleidung nach Papieren oder Hinweisen auf seine Identität, fanden aber nichts. Jemand musste sie geleert haben. Niemand an der Küste trug eine Leinenhose mit vier großen aufgesetzten Außentaschen,
wenn er nicht etwas darin aufzubewahren hatte.
Nur oben links auf der dunkelblauen Daunenweste des Toten prangte ein Kreis mit dem Schriftzug: Ozeanographic Institute Quebec.

»Weißt du von irgendwelchen Forschungen hier in der Gegend?«, fragte Bill.
»Keine Ahnung, bei mir hat sich niemand gemeldet. Aus Quebec waren mal Leute da, aber das ist schon über ein Jahr her.«
Als sie die Leiche wieder auf den Bauch drehten, stutzte Ross. Er hob den Toten vorsichtig an den Schultern hoch.
»Bill, du musst genauer hinsehen, der Mann ist nicht ertrunken, er wurde erschlagen.«
Er hob den Oberkörper noch weiter an, und der Kopf knickte nach vorne, sodass ein Schwall Wasser aus den Haaren auf den Sandstrand tropfte. Am Hinterkopf war ein klaffender Riss sichtbar. Behutsam ließ Fred den Körper wieder zu Boden gleiten und richtete sich auf.

Er blickte zum Anleger hinüber, von wo aus sie die rosa Flamingos durch ihre Ferngläser gesichtet hatten. Er verfolgte den hölzernen Steg bis zum Ende und richtete seine Augen dann auf die lang gestreckte, gleichmäßig abfallende Sandkante dahinter. Die gesamte Landzunge von Cruden Bay war ein heller Schimmer, der sich nach und nach in einen kaum mehr sichtbaren, dünnen Strich zwischen Himmel und Meer verwandelte, je weiter er sich in Richtung Ozean davonmachte. Frederic Ross kannte die Gegend von klein auf und wusste, dass sich in sechs Stunden die Uferkante sehr viel deutlicher vor dem Horizont abzeichnen würde. Nach dem Ablaufen des Wassers konnte man bei Ebbe auch von hier aus die Verbindung zu der kleinen Insel erkennen, die als isolierter, weit entfernter Steinhaufen den Ausblick auf den Atlantik versperrte. Wavy Island.

Captain Ross schüttelte missbilligend den Kopf. Nach dem nahezu unversehrten Zustand des Leichnams und der Richtung und Geschwindigkeit der Strömung zu urteilen, musste er von dort herübergetrieben worden sein.

Nein, von Wavy Island war noch nie etwas Gutes gekommen.

1

Das Klingeln an der Wohnungstür überraschte Frank. Katja
konnte es nicht sein, mit ihr hatte er sich erst für später am
Abend verabredet.
Er ließ die Arbeitspapiere für seine Diplomarbeit auf dem
Fußboden liegen und öffnete arglos die Tür. Seine Hand lag
noch auf der Klinke, als sich schon ein schwarzer Lederhandschuh
um sein Handgelenk schloss. Bevor er reagieren konnte,
wurde ihm der Arm auf den Rücken gedreht, und ihm entfuhr
ein Schmerzensschrei, als sein Körper herumgewirbelt
wurde. Sein Oberkörper knickte nach vorn, während ein kalter,
harter Gegenstand gegen seine Stirn drückte.
»Keinen Ton«, zischte der Eindringling auf Englisch, während
Frank hörte, wie die Tür hinter ihm ins Schloss fiel.
»Was kann ich für Sie tun?«, fragte Frank ebenfalls auf
Englisch und drehte den Kopf so weit wie möglich zur Seite.
Er wollte seinen Gegner sehen. Doch der Druck auf seinen
Arm erhöhte sich nur.
»Erst mal die Klappe halten.«
Der Unbekannte, der sein Gesicht hinter einer schwarzen
Motorrad-Stoffmaske verbarg, war mindestens genauso groß
wie Frank, was bemerkenswert war. Immerhin spielte Frank
im Basketball-Auswahlteam der Hamburger Universität.
Als der Druck auf seinen verrenkten Arm nicht nachließ,
dachte er daran, sich zu wehren, ließ es dann aber sein. Er hat14
te Respekt vor dem unbekannten kalten Gegenstand, den ihm
der Fremde gegen die Stirn presste.
»Da rüber«, kommandierte der Maskenmann und zerrte
Frank durch den kleinen Flur in sein Arbeitszimmer. Er bewegte
Franks verdrehten Arm nur leicht nach oben und dirigierte
ihn damit in jede gewünschte Richtung. Frank gehorchte
mit zusammengepressten Zähnen.
Er stolperte vorwärts und fiel fast über seinen Staubsauger
und die auf dem Boden verstreuten Bücherstapel, bevor er
sich plötzlich kniend auf dem Wohnzimmerboden vor dem
Heizkörper wiederfand.
»So, jetzt können wir uns in Ruhe unterhalten«, sagte der
Fremde. Mit einer Hand sicherte er weiterhin Franks Arm
auf dem Rücken, doch Frank spürte, wie der Druck gegen seine
Stirn nachließ.
Auch jetzt blieb ihm keine Zeit, an Gegenwehr zu denken,
denn als der Eindringling ihn schließlich freigab, hatte er ihn,
ohne dass Frank seine hockende Haltung auf dem Boden aufgeben
konnte, mit Handschellen an den Heizkörper gekettet.
»Was soll das?«, beschwerte sich Frank lautstark, als er endlich
genug Luft bekam, um seine Wut und Überraschung zu
äußern. »Was habt ihr euch denn jetzt ausgedacht? Ihr bekommt
euer Geld schon zurück!«
»Dein Geld interessiert mich nicht«, sagte der Unbekannte
und machte es sich in Franks Ledersessel bequem. Er legte
den kalten harten Gegenstand zur Seite, den Frank an seiner
Stirn gespürt hatte. Frank erschrak nicht einmal mehr darüber,
dass es tatsächlich eine Pistole war. Dank der Handschellen
benötigte sein Peiniger die Waffe nicht mehr. Er legte sie
auf die rechte Sessellehne, zog seine Lederhandschuhe aus
und faltete sie sorgsam übereinander, um sie dann auf der lin15
ken Sessellehne abzulegen. Was Frank sah, gefiel ihm nicht.
Die Geste machte den Eindruck, als richte der Eindringling
sich auf einen längeren Aufenthalt in seiner Wohnung
ein. Versuchsweise ließ er die Handschelle an der Rippe des
Heizkörpers rauf- und runterlaufen. Für Frank klang es wie
die Blechdosen an den Stoßstangen eines Hochzeitskonvois,
doch den groß gewachsenen Mann, dessen Oberkörper den
Ledersessel komplett ausfüllte, schien das nicht zu interessieren.
Er wartete ab, bis Frank damit aufhörte. Dann stellte er
sich vor.

»Mein Name ist Einstein«, sagte er, noch immer die Motorradmaske
tragend, sodass Frank aus seinen Gesichtszügen
nicht ablesen konnte, ob das ernst gemeint war.
»Sehr witzig«, entgegnete Frank trotzig. Wut und Überraschung
wichen einer beträchtlichen Unsicherheit. Er konnte
den Fremden weder als Schuldeneintreiber noch als Teil eines
schlechten Halloweenscherzes einordnen.
Wenigstens wollte er seinem ungebetenen Besucher keine
Schwäche zeigen. Er gab seine kniende Haltung auf, soweit
die Handschellen das zuließen, setzte sich auf den Boden und
versuchte, möglichst lässig zu wirken, als er sich gegen die
harten Rippen des Heizkörpers lehnte und dem Mann, der
sich Einstein genannt hatte, das Gesicht zuwandte.
»Ich glaube, Einstein war viel kleiner als du«, setzte er noch
einen drauf, »kannst du dich ausweisen?«
»Oh, Verzeihung«, entschuldigte sich der Unbekannte
übertrieben und rollte den Rand seiner Motorradmaske so
weit nach oben, dass sie zwar immer noch sein Gesicht bedeckte,
die Innenseite aber nun nach außen zeigte.
In leuchtend roten Kursivbuchstaben erschien darauf deutlich
lesbar eine weltberühmte physikalische Formel: e = mc2.

»Das glaube ich nicht, was soll diese miese Show?«, rief
Frank und zerrte verärgert an den Handschellen. Auf die Art
konnte er immerhin ausprobieren, wie viel Bewegungsspielraum
ihm verblieben war und wie fest seine Heizung in der
Wand verankert war.
»Das reicht jetzt«, herrschte ihn der Mann barsch an.
»Hör auf, an der Heizung zu reißen. Halt still und beantworte
meine Fragen. Je schneller du mir sagst, was ich wissen
will, desto schneller sind wir hier fertig, und ich kann dich
losmachen. Dir wird es sowieso nicht gelingen, die Heizung
aus der Wand zu reißen.«
»Was für Fragen?«
Frank lehnte sich wieder zurück und zog seine langen Beine
an sich.
»Ich suche eine Landkarte, ziemlich alt, eine Karte von
Neuschottland, von Kanada und dem nordwestlichen Teil des
Atlantiks. Du bist Geografie-Student, du weißt, wovon ich
rede. Du benutzt die Karte doch für deine Diplomarbeit. Sie
gehört mir. Ich will sie zurückhaben«, erklärte Einstein.
Er beugte seinen breiten Oberkörper nach vorne und griff
wieder nach der Pistole. Durch den Sehschlitz der Maske
konnte Frank jetzt die dunkle Iris seiner Augen erkennen.
Die Pistole zielte auf sein linkes Knie.
»Geht es nicht wenigstens ein bisschen genauer?«, wollte
Frank wissen. »Mit so einer schwammigen Beschreibung
kann ich dir Hunderte von Karten ausdrucken lassen. Und in
der Universität gibt es Tausende über den Atlantik«, fügte er
hinzu.
»Ich rede nicht von irgendwelchen modernen Computerkarten.
Es geht um eine alte Seekarte, etwa einen halben Meter
breit und dreißig Zentimeter hoch. Du kennst sie, sie ge17
hört zu der Sammlung, die du für deine Diplomarbeit benutzt.
Stell dich also nicht dümmer an, als du bist, wo ist die Karte?«
Einstein bewegte seine Hand leicht nach rechts, sodass der
Pistolenlauf jetzt auf Franks Bauchgegend zeigte. Instinktiv
zog Frank seine Knie an seinen Körper.
»Für meine Arbeit habe ich jede Menge Karten zusammengesucht
«, sagte er ausweichend, »ich schreibe über die
klimatischen Auswirkungen, die beim Ausbleiben des Golfstroms
für das Festland in Nordamerika und in Europa ...«
»Verschone mich bloß mit deinem Wissenschaftsgequatsche.
Ich will nur diese eine Karte, und wenn dir nicht ziemlich
bald einfällt, wo sie ist, dann sorge ich dafür, dass deine
Diplomarbeit ein anderer zu Ende schreiben muss.«
Einstein legte die Pistole wieder auf die Sessellehne und zog
einweiteres Paar Handschellen aus seinerTasche.Er stand auf
und ging auf Frank zu. Erneut packte er seinen Arm und riss
ihn mit einem kräftigen Ruck nach oben. Frank schrie auf vor
Schmerz und warf Kopf und Oberkörper nach vorne, sodass
sein Gesicht jetzt knapp über dem Fußboden schwebte.
Wenn Einstein seinen Arm noch weiter im Schultergelenk
nach oben drehte, würde er Franks Kopf unweigerlich immer
weiter gegen den Boden pressen, bis die Halswirbel dem
Druck nachgeben und brechen würden.
»Hör auf, ich sag dir ja, wo sie ist. Die Karte ist bei meinem
Professor. Keine Ahnung, wo der sie aufbewahrt. Ich habe die
Karte nicht.«
Frank spürte erleichtert, wie der Druck etwas nachließ.
»Bei deinem Professor? Bei Pfleiderer? Das kann nicht
stimmen, seine Sekretärin hat mir gesagt, er hat sie dir gegeben,
für deine Arbeit. Ich warne dich, versuch nicht, mich zu
belügen. Noch einmal: Wo ist die Karte?«

Wieder presste Einstein Franks Gesicht mit voller Kraft
auf den Fußboden. Panik überkam Frank.
»Ich habe die Karte nicht, ich habe sie ihm zurückgegeben.
Wirklich. Ich konnte sie für meine Arbeit nicht brauchen,
seine Sekretärin weiß das nicht, lass mich los!«, presste Frank
verzweifelt hervor.
Unter dem Druck von Einsteins Griff hatte er Mühe, sich
zu artikulieren. Er bekam es jetzt ernsthaft mit der Angst zu
tun. Wenn er diesem durchgedrehten Spinner nicht klarmachen
konnte, dass er die Karte nicht hatte, würde der ihn glatt
umbringen.
Einstein lockerte den Griff und zog Franks Kopf an den
langen, blonden Haaren nach oben. Eine kleine Ewigkeit
blickte Frank aus kürzester Entfernung in die dunkelbraunen
Augen, die ihn anstarrten, ohne dass sich die Augenlider auch
nur ein einziges Mal schlossen.
»O. K.«, sagte Einstein endlich, »heute ist dein Glückstag.
Wenn du lügst, komme ich wieder. Ich finde dich, das weißt
du.«
Einstein nahm das zweite Paar Handschellen, griff nach
Franks linkem Arm, legte die eine Schelle um sein Handgelenk
und schloss ihn dann mit der anderen ebenfalls an die
Heizung an.
»Ich lüge nicht, durchsuch doch meine Wohnung, du wirst
hier nichts finden. Die Karte, die du suchst, ist bei Professor
Pfleiderer«, sagte Frank.
Einstein blickte im Zimmer umher, sah die überall verstreuten
Papiere, Zeitschriften und Bücher. Auf dem Fußboden,
in den Regalen, auf Franks Schreibtisch, auf dem Fensterbrett,
alles war mit Papierstapeln übersät.
»Ich glaube kaum, dass ich das tun werde. Wenn ich die

Karte bei Pfleiderer nicht finde, komme ich zurück. Wie versprochen.
Und dann wirst du sie mir geben, denn sonst werde
ich dir richtig wehtun.«
Einstein griff nach seinen Lederhandschuhen und richtete
sich auf. Die Handschellen, mit denen er an die Heizung
gekettet war, zwangen Frank, auf dem Fußboden kauernd,
zu Einstein aufzusehen. In voller Körpergröße aufgerichtet
stand Einstein über ihm und ließ ihm einige Sekunden lang
Zeit, um seine Worte wirken zu lassen. Er war ein riesiger,
schwarzer Koloss. Selbst wenn er Frank erlaubt hätte aufzustehen,
hätte er ihn noch um einen halben Kopf überragt, er
musste größer als zwei Meter sein. Abrupt wandte sich Einstein
ab.
Als Frank sah, dass er gehen wollte, unternahm er einen
letzten, verzweifelten Versuch.
»Wenn ich es doch sage, die Karte ist hier nicht, du kannst
mich genauso gut losmachen, ich werd ganz bestimmt nicht
hinter dir herlaufen«, rief er ihm nach.
Einstein, der bereits die Wohnungstür erreicht hatte, drehte
sich um, kam wieder zurück und stellte sich vor Frank auf.
»Es ist besser, wenn du mich nicht so schnell vergisst«, sagte
er und näherte sich seinem Gesicht. Frank kam es vor, als
habe Einstein hinter seiner Maske ein spöttisches Krächzen
von sich gegeben.
Dann wandte er sich ab, machte zwei Schritte zum anderen
Ende des Heizkörpers hin und drehte den Thermostat bis
zum Anschlag auf.
»He, bist du bescheuert? Hast du eine Ahnung, wie heiß
das hier in der engen Wohnung wird?«, protestierte Frank.
Aber Einstein stand schon wieder in der Tür. Er drehte
sich nicht mehr um, sondern hob nur noch die rechte Hand

und schwenkte zum Abschied die Pistole, bevor er so schnell
wieder verschwand, wie er gekommen war.

2

Michael Zylinski hockte in seinem Wohngemeinschaftszimmer
im dritten Stockwerk eines Hauses in Hamburg-St.Pauli
auf dem Fußboden vor seinem alten Compaq-Notebook. Er
korrigierte den Text einer Hausarbeit in Meeresgeografie, die
er in zwei Tagen abgeben sollte. Der Arbeit galt jedoch nur
ein kleiner Teil seiner Aufmerksamkeit. Mit einem Ohr kontrollierte
er die summenden Geräusche der achtzig Gigabyte
Festplatte seines PC-Towers, auf der gerade die neueste Version
des Computerspiels RollingTetris aus dem Internet heruntergeladen
und abgelegt wurde, mit dem anderen Ohr verfolgte
er die Spätausgabe der Tagesthemen, während er mit
der Nase den aktuellen Zustand seiner Fertigpizza überprüfte,
die er in der Küche in den Backofen geschoben hatte.
Zwischen dem leisen, kratzenden Geräusch der Festplatte
und der monotonen Fernsehstimme erklang plötzlich die Erkennungsmelodie
einer englischen Fernsehserie aus den sechziger
Jahren.
Michael drückte sofort auf die Empfangstaste seines Handys.
»Hallo Michael, hier ist Katja, ist Frank bei dir?«, hörte er
die Stimme der Frau sagen, die er schon seit Beginn seines
Studiums an der Universität Hamburg verehrte. Selbstverständlich
ohne es in den letzten drei Jahren jemandem verraten
zu haben.

»Nein, aber warte einen Moment«, antwortete Michael
und tastete mit einer Hand nach der Fernbedienung des Fernsehers.
Dabei stieß er gegen den Bildschirm des Notebooks,
das sofort zuklappte und die letzten beiden Seiten seiner
Hausarbeit im Nirwana verschwinden ließ. Noch bevor er
den Fernseher abstellen konnte, kollidierte sein rechter großer
Zeh mit dem Tischbein seines Schreibtisches, wodurch die
Festplatte augenblicklich zu surren aufhörte. Michael biss
sich auf die Unterlippe und fluchte leise. »Mist!« Er hielt die
Fernbedienung weiter in der einen und das Handy in der anderen
Hand und hüpfte auf einem Bein in die Küche, um wenigstens
dort das Schlimmste zu verhindern.
»Ist bei dir alles in Ordnung?«, hörte er Katja aus dem Hörer
fragen.
»Ja, alles bestens«, sagte Michael, während er die Fernbedienung
ins Spülbecken warf und den Schalter des Backofens
ausdrehte.
Katja Albers war eine dieser strahlend schönen Frauen mit
blonden Haaren und hellblauen Augen, von denen es in jedem
Semester nur wenige gab. Michael fand, dass man nicht
so genau einschätzen konnte, ob diese Traumfrauen tatsächlich
so gut aussahen, oder ob sich in ihren strahlenden blauen
Augen nur die grenzenlose Bewunderung widerspiegelte, die
ihnen durch die versammelte männliche Zuhörerschaft in den
ersten Vorlesungen zuteil wurde.
Katja Albers wurde schon bald in Begleitung eines Mitglieds
der groß gewachsenen männlichen Sportfraktion gesehen,
die zumeist ebenso blond war wie deren weibliche Eroberungen.
Bei Katjas Eroberer handelte es sich im Übrigen
um Michaels besten Freund, Frank Schönbeck.
Seinem Aussehen nach gehörte Michael Zylinski nicht zu

den auffallend attraktiven Studenten, ohne dass er das sonderlich
bedauert hätte. Er zählte eher zu den vielen normalen
und unauffälligen Studenten, schlank, aber weder durchtrainiert
noch muskulös. Er trug eine Brille, die nicht sehr modisch
war, aber auch keine extra dicken Brillengläser hatte. Er
ließ sich keinen Bart stehen, ging aber auch nicht alle drei
Wochen zum Friseur, um sich die lockigen, braunen Haare
nachschneiden zu lassen. Seine Professoren konnten sich
nicht unbedingt sofort an sein Gesicht in der dritten Sitzreihe
des Hörsaals und den dazugehörigen Namen erinnern.
Die Unauffälligkeit hatte jedoch den unwiderlegbar großen
Vorteil, fand Michael, dass man notfalls bei der nächsten Vorlesung
immer behaupten konnte, man sei auch bei der letzten
zugegen gewesen, selbst wenn das nicht unbedingt stimmen
musste.
»Ich dachte, ihr wolltet heute Abend ins Kino?«, fragte Michael
und rieb sich den immer noch schmerzenden großen
Zeh.
»Ja, wollten wir. Wir wollten uns auch um halb acht treffen,
aber jetzt rate mal, wer nicht da war? Dein großer Kumpel
Frank Schönbeck.« Katja klang hörbar genervt.
»Ich habe bis halb neun blöd in der Gegend herumgestanden,
und als er dann noch nicht da war, bin ich nach Hause
gefahren. Ich habe ihn gerade zum sechsten Mal angerufen,
aber er geht nicht ran. Weder zu Hause noch ans Handy.«
Halb neun, und jetzt war es Viertel nach elf, rechnete Michael
schnell nach. Kein Wunder, dass Katja sauer war, wenn
Frank sie versetzt und sich seit fast drei Stunden nicht gemeldet
hatte.
»Er ist bestimmt zu Hause und arbeitet an seiner Diplomarbeit.
Ich hol dich ab, und wir fahren hin«, schlug Michael vor.

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