Das verschwundene Lächeln von Peter Robinson

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1992 unter dem Titel Wednesday´s Child, deutsche Ausgabe erstmals 2002 bei Ullstein.
Ort & Zeit der Handlung: , 1990 - 2009.
Folge 6 der Inspector-Alan-Banks-Serie.

  • Toronto: Viking, 1992 unter dem Titel Wednesday´s Child. 413 Seiten.
  • München: Ullstein, 2002. Übersetzt von Andree Hesse. ISBN: 3-548-25384-9. 413 Seiten.

'Das verschwundene Lächeln' ist erschienen als Taschenbuch

Das meint Krimi-Couch.de: »Wenn Robinson über ein Feuer schreibt, muss er näher an die Flammen« 70°

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Eastvale, das kleine Städtchen in der englischen Grafschaft Yorkshire, vermarktet sich gern als idyllischer Wohn- und Ferienort. Doch das moderne Verbrechen hat auch diesen scheinbar abgelegenen Winkel in seiner Brutalität und Rücksichtslosigkeit längst erreicht. Detective Superintendent Gristhorpe und sein Untergebener, Freund und potenzieller Nachfolger Detective Chief Inspector Alan Banks von der örtlichen Polizei wissen nur zu gut ein Lied davon zu singen. Dieses Mal werden sie in ein Viertel von Eastvale gerufen, über dass die Stadtväter allzu gern den Mantel des Schweigens breiten. Die Gestrauchelten und Gestrandeten hausen hier, arbeits-, antriebs- und hoffnungslos – Menschen wie Brenda Scupham, deren siebenjährige Tochter Gemma gerade entführt wurde. Die Kidnapper gaben sich als Mitarbeiter des örtlichen Sozialamtes aus, und Brenda, die glaubte, man sei ihr dahintergekommen, dass sie ihr Kind vernachlässigte, ließ dieses mit den Fremden gehen, die natürlich keineswegs für die genannte Behörde tätig waren.

Was ist mit Gemma geschehen? Wer hat sie entführt – und wieso? Lösegeld wird nicht gefordert, ein Sexualverbrechen seitens der Polizei befürchtet. Verdächtige gibt es genug. An oberster Stelle der Liste steht Les Poole, Brendas Lebensgefährte, ein kleiner Gauner, Säufer und Tagedieb, dem Gemma stets ein Dorn im Auge war. Aber hinter der Tat steckt kriminelle Energie, die Poole nie aufbringen könnte. Gristhorpe und seine Leute setzen die wenigen Indizien mit Unterstützung der Psychologie Jenny Fuller zu einem Furcht erregenden Bild zusammen: Offenbar treibt ein serienmordendes, eiskaltes und organisiertes Psychopathen-Pärchen sein Unwesen in den Yorkshires. Als Wanderer in einer aufgelassenen Bleimine eine Leiche finden, fürchtet die Polizei daher das Schlimmste. Aber sie birgt einen toten Mann: Carl Johnson, Teilzeit-Gärtner, Ex-Sträfling und Gelegenheits-Dieb, wurde ausgeweidet wie ein Fisch – eine Tat, die der Mörder mit Vorsatz und offensichtlichem Genuss begangen hat.

Zuletzt arbeitete Johnson für den reichen Geschäftsmann Adam Harkness, der sein Vermögen in Südafrika erwarb und sich dabei als so rücksichtslos erwies, dass er nach dem Ende der Apartheit schleunigst das Land verließ. Von Johnsons Doppelleben will er nichts gewusst haben: Inzwischen hat die Polizei entdeckt, dass dieser einst mit Les Poole eine Zelle teilte! Als Banks den Ganoven in die Zange nimmt, enthüllt dieser, dass jüngst zwei neue Gesichter in Eastvales nicht gerade kopfstarken Unterwelt auftauchten: Jeremy Chivers, genannt der Lächler, und seine ihm hörige Freundin jagten sogar abgebrühten Gewohnheitsverbrechern wie Poole und Johnson Schauder über die Rücken, denn sie zeigten sich bemerkenswert fasziniert von Gewalt und Leid …

Damit wären die angeblichen Sozialarbeiter grob identifiziert. Doch sie sind und bleiben verschwunden, und dasselbe gilt für Gemma, deren Blut verschmierte Kleidung auf einem einsamen Hügel gefunden werden …

Noch recht früh in der Inspector Banks-Saga anzusiedelnder, aber in Deutschland erst jetzt, nach dem Publikumserfolg der späteren Bände, erscheinender Krimi von Peter Robinson. Nun, wir wollen uns nicht beschweren – es hätte auch schlimmer kommen können: Wer zählt die Serien, die hierzulande unvollständig bleiben, weil nicht genug zahlende Kundschaft zu ihr findet, und welchen Verlagskonzern kümmert der Zorn der düpierten Leser?

Aber ich schweife ab: Die Lebensgeschichte und Fälle des Alan Banks und seiner wackeren Kameraden von der Polizeistation Eastvale konnten wir jedenfalls inzwischen kennen- und schätzenlernen. Das geschah sogar recht zügig, was freilich nicht wundert: Robinson plottet und schreibt zum einen grundsolide englische Polizei-Thriller, die zweitens zur Zeit genau den richtigen Ton beim deutschen Krimimainstream-Leser treffen: spannend, aber nicht zu aufregend oder gar düster und zynisch, platziert in der ländlich-heimeligen, typisch britischen Provinz und ordentlich versetzt mit Seifenoper-Elementen. Das Ergebnis ist die ideale Feierabend- und Ferienlektüre, was nicht abwertend gemeint ist: »Das verschwundene Lächeln« liest sich flott und ohne Längen, wobei man sich nie vom Verfasser für dumm verkauft vorkommt. Nur gibt es eben keine Überraschungen; nicht eine. Auch die angeblichen Ecken und Kanten der Figuren sind eigentlich gar keine. Robinson stattet seine Protagonisten nur damit aus, weil so etwas im modernen Kriminalroman üblich ist. Wie halbherzig er dabei vorgeht, verrät der lang erwartete Auftritt des berüchtigten Sergeanten Hatchley, der als Polizist angeblich so über die Stränge schlug, dass man ihn vorsichtshalber in die tiefe Provinz versetzen musste: Es erscheint ein großmäuliger, aber liebenswerter Bär, der ein bisschen brummt, um damit einen verstockten Berufskriminellen zum Reden zu bringen – eine Episode, die man als Leser mit Humor nehmen sollte, weil sie einfach nicht funktioniert.

Auf der Haben-Seite haben wir eine Geschichte, die zum Teil auf einer wahren Begebenheit basiert. Robinson macht auch gar kein Geheimnis daraus, dass er sich auf den Fall des Yorkshire-Rippers stützt, der zwischen 1975 und 1980 als einer der bis dato seltenen echten Serienkiller der britischen Inseln für Angst und Schrecken (und Furore) sorgte. Als Robinson »Das verschwundene Lächeln« 1992 niederschrieb, waren des Rippers Untaten (und das haarsträubende Versagen der Polizei) noch sehr präsent. Inzwischen kann dieses traurige Exemplar der Spezies Mensch schon längst keinen Ausnahme-Status mehr für sich beanspruchen: Auch England hat in Sachen Serienmord inzwischen gut aufgeholt. Man hat sich an diese seltsamen, furchtbaren Geschöpfe fast schon gewöhnt; jeder Grundschüler weiß heute, was ein »Profiler« ist. Das lässt jene Passagen in »Das verschwundene Lächeln«, in denen Jenny Fuller quasi für den Leser über den Serienkiller doziert, ein wenig in die Länge gezogen erscheinen. Dazu überkommt den Verfasser hier und da der Drang, über die Schlechtigkeit der Welt zu lamentieren, was leicht in eine Pflichtübung abgleitet; Alans Banks schier endloses Telefonat mit seinem Kollegen Piet Kuypers von der Amsterdamer Polizei über das Thema Kindesmissbrauch (ab S. 376) ist eine dieser der Handlung aufgepfropften Gardinenpredigten. Versucht sich Robinson hier als Mahner & Warner vor den Schattenseiten der modernen Gesellschaft? Dazu fehlt ihm definitiv das Format!

Was gut geschürt wird, ist die dunkle Furcht vor menschlichen Abgründen, die besonders von den politisch korrekten Zeitgenossen gern totgeschwiegen werden, da diese der festen Überzeugung sind, Problem ließen sich auf diese Weise am besten »lösen«. Robinson beschwört diese Angst beklemmend herauf. Das ist stets einfach, wenn Kinder zum Objekt des Verbrechens werden. Sofort greift der Reflex, die besonders Hilflosen und Schwachen dieser Gesellschaft zu schützen. Begleitet wird er von der deprimierenden Erkenntnis, dass dies selbst bei gutem Willen nicht immer gelingen kann. Als Autor spekuliert Robinson zunächst nicht auf diese beiden Reaktionen; nur notorisch unfähige Schriftsteller und C-Movie-Kurbler tun dies. Er bleibt zurückhaltend, arbeitet mit nur Andeutungen und überlässt es dem Leser, die Lücken selbst zu füllen – der Effekt ist noch weitaus Furcht erregender! Doch dann verrät Robinson sein scheinbares Anliegen durch ein allzu schmalziges, gut gemeintes, aber höchst unrealistisches und der Mainstream- Mehrheit nach dem Mund geredetes Final-Happy-End, und man erkennt, dass besagte Zurückhaltung womöglich nicht literarisches Instrument ist, sondern hauptsächlich aus der Angst vor der eigenen Courage oder dem Zorn der Leserschaft geboren wurde. Diese Kritik möchte ich auf keinen Fall mit dem Ruf nach plakativer Gewalt und Blutbädern gleichgesetzt wissen; die Tugendbolde sind da immer rasch bei der Hand. Nur: Wenn er über ein Feuer schreibt, muss der Chronist schon ein bisschen näher an die Flammen, um seinen Lesern mehr zu bieten als ein bisschen Qualm aus sicherer Entfernung!

Michael Drewniok, August 2011

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SisMorphine zu »Peter Robinson: Das verschwundene Lächeln« 04.09.2010
Es ist jetzt das 6. Buch von Peter Robinson, das ich gelesen habe und ich muss gestehen, ich fand es bisher das schwächste.
An schlechter Übersetzung kann es nicht gelegen haben, ich habe es auf Englisch gelesen.
Ich bin von Anfang an nicht richtig in die Geschichte hineingekommen und obwohl mir die Charaktere aus den anderen Büchern bereits vertraut waren, fand ich sie dieses Mal allesamt blasser als gewöhnlich (Banks, Gristhorpe, Richmond, etc).
Ja, klar, die übliche Betroffenheitsmühle wegen des Kindes, doch außer bei der Mutter der Kleinen schien mir alles zu sehr 08/15 und einfach flach.
Ansonsten war mir ohenhin alles ein wenig zu sehr verschiedene Ecken und am Schluß mühsam alles zusammengefrickelt.
Wie gesagt...dieses Mal bin ich ein wenig enttäuscht.
Habe dennoch vor, alle aus der Banks-Reihe zu lesen.^^
Krimi-Tina zu »Peter Robinson: Das verschwundene Lächeln« 23.10.2009
Ein kleines Mädchen wird von einem Paar entführt dass sich als Sozialarbeiter ausgibt. Dieser Fall erschüttert Superintendent Gristhorpe, derart dass er sich persönlich in die Ermittlung einschaltet. Parallel dazu wird in einer verlassenen Mine die Leiche eines ermordeten Mannes gefunden und Alan Banks mit der Aufklärung betraut.
Peter Robinson ist mit diesem Fall ein selbst für seine Verhältnisse sehr eindringliches Buch gelungen. Die sukzessiv hektischer werdende Suche nach dem kleine Mädchen, die Betroffenheit selbst abgebrühter Polizisten angesichts diese Falls, aber auch die Schlaglichter die auf das Gebaren der britischen Sozialbehörden gegenüber denen, die in der britischen Klassengesellschaft als Unterschicht betrachtet werden, das alles hinterlässt ein beklemmendes Gefühl.
Robinson gelingt es stets mit leisen Tönen mehr Spannung und Emotion zu erzeugen, als viele seiner Genrekollegen mit gewaltigen Blutbädern und hektischen Verfolgungsjagden schaffen
Hervorragend. Weiter so
evachen89 zu »Peter Robinson: Das verschwundene Lächeln« 05.04.2006
dieser krimi liest sich gut, dennoch bin ich der ansicht, dass Peter Robinson mehr drauf hat! ich wurde vom ende ein bisschen überrumpelt und enttäuscht, denn es war zu vorhersehbar. die spannung kommt somit nicht sonderlich auf.. man hätte mehr draus machen können! 75°
Anja S. zu »Peter Robinson: Das verschwundene Lächeln« 26.04.2004
sehr spannend mit einem originellen Plot, einfuehlsamer Psychologie (besonders gut ist die Mutter des veracgwundenen Maedchens portraetiert), aber leider mit etwas kitschigem und unglaubwuerdigem Ende.
0 von 3 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
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