Das rote Zeichen von Peter May

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2000 unter dem Titel The Fourth Sacrifice, bei Coronet.
Ort & Zeit der Handlung: China / Peking, 1990 - 2009.

  • London: Coronet, 2000 unter dem Titel The Fourth Sacrifice.
  • München: Goldmann, 2002. ISBN: 3-442-35568-0. 540 Seiten.

'Das rote Zeichen' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Vier Menschen werden in Peking unter Drogeneinfluss enthauptet. Jedes der Opfer trägt eine Karte, auf der eine Zahl und ein Name steht. Die amerikanische Pathologin Margaret Campbell und der chinesische Hauptkommissar Li Yan nehmen sich des Falls an. Mit diesem attraktiven, aber unberechenbaren Mann wollte Margaret eigentlich nie wieder zu tun haben. Deshalb hält sie es auch für total überzogen, als ihr neuer Verehrer, der charismatische Archäologe Michael Zimmermann, der einen Film über Chinas berühmte Terrakotta-Armee dreht, von Li Yan verdächtigt wird …

Das meint Krimi-Couch.de: »Trotz Herz-Schmerz-Schwulst eine solide Kriminalgeschichte« 55°

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Nr. 6 – Schweinchen
Nr. 5 – Null
Nr. 4 – Affe
Nr. 3 – Wühler

Werden solche Schriften am Tatort eines Mordes entdeckt, ist davon auszugehen, dass man es mit einem Serienverbrechen zu tun hat, das noch nicht ganz abgeschlossen ist. Vier Leichen hat die Kriminalpolizei der chinesischen Millionen-Metropole Peking bisher entdeckt – betäubt, mit einem scharfen Schwert geköpft und mit einem wie oben beschrifteten Schild um den Hals. Zwei potenzielle Opfer laufen noch ahnungslos durch die Straßen, aber das wird sich ändern, denn Kommissar Li Yan und seine Männer haben bisher nicht die geringste Spur entdeckt.

Kompetenzrangeleien, Intrigen und Schlendrian behindern die Ermittlungen. Zusätzlich wird der frustrierte Li unter politischen Druck gesetzt. Ohnehin steht er unter scharfer Kontrolle: Vor einigen Monaten hatte er eine Affäre mit einer Ausländerin, was von den kommunistischen, d. h. chronisch misstrauischen und fremdenfeindlichen Behörden gar nicht gern gesehen wurde. Als das Duo dann noch in einen Aufsehen erregenden Kriminalfall verwickelt wurde, der die Chinesen gar nicht gut vor der Welt dastehen ließ (vgl. Chinesisches Feuer) war das Maß voll: Li musste sich aus Gründen der Staatsräson von seiner Geliebten trennen.

Diese – die US-amerikanische Pathologin Dr. Margaret Campbell – ist verletzt und ratlos. Im Rahmen eines wissenschaftlichen Austauschprogramms hält sie sich als Dozentin in Peking auf. Nun zieht es sie zurück in die Vereinigten Staaten, wohin das Böse ihr nicht zu folgen traut. Aber das Schicksal macht ihr einen Strich durch die Rechnung: Das bisher letzte Opfer des Mörders entpuppt sich als amerikanischer Staatsbürger. Sofort schaltet sich die US-Botschaft in die Ermittlungen ein und fordert die Teilnahme einer eigenen Vertrauensperson.

So trifft die quasi zwangsrekrutierte Margaret unverhofft wieder auf ihren Li. Sie stellt ihn – nicht ohne Rachegelüste – sogleich vor seinen Leuten bloß, indem sie feststellt, dass eigentlich zwei Mörder für die Bluttaten verantwortlich sind. Außerdem verliebt sie sich in den amerikanischen Archäologen und Filmemacher Michael Zimmerman, was Lis Eifersucht erregt.

Die Vergangenheit scheint ohnehin eine besondere Rolle in diesen Mordfällen zu spielen. Tief sind die vier Toten in die unheilvolle Vergangenheit der chinesischen Kulturrevolution der 1960er und 70er Jahre verstrickt. Grausames Unrecht ist damals geschehen, für das sich eines der einstigen Opfer offenbar endlich rächen wollte. Als sich »Wühler«, Leiche Nr. 4, dann als Mörder ermittelt wird, ist die Verwirrung komplett. Anscheinend gibt es noch eine weitere, bisher unbekannte Partei in diesem mörderischen Spiel – aber vielleicht geraten Li und die allzu neugierige Margaret auch in eine ganz andere, nicht minder tödliche Intrige …

Anderthalb Jahrzehnte post Hannibal Lecter ist aus dem Serienmörder-Subgenre die Luft ziemlich ´raus. Seine zahllosen Epigonen haben immer gemeiner, bizarrer und haltloser gemeuchelt, bis es – Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel – sowohl albern als auch langweilig oder sogar widerlich wurde.

Ähnliches gilt für Krimis, in denen Pathologinnen – in diesem Metier dominieren die Frauen – das Skalpell schwingen. Seit Kay Scarpetta zerlegen sie lustvoll Leichen in den Seziersälen der alten und neuen Welt. Nun dehnen sie ihr Tätigkeitsfeld auf den Fernen Osten aus. Wie sie zeigt, sehen die Menschen dort von innen auch nicht anders aus. Die ausführlichen Details ihrer Ausweidung kommen dem erfahrenen Leser daher eher blutleer vor.

Peter May unternimmt es nun unverdrossen, das alte Garn vor neuer Kulisse gleich doppelt noch einmal abzuspulen. Er hat noch einen weißen Flecken gefunden: Peking, Hauptstadt eines gewaltigen, fremdartigen Landes, bevölkert von Menschen, deren Mentalität oft ebenfalls rätselhaft bleibt. Die Regierung ist – Gipfel der Exotik – kommunistisch; man glaubt es kaum, dass es auf dieser Erde immer noch Staaten gibt, die sich den seltsamen, in der Theorie recht ehrenwerten, in der Praxis jedoch stets menschenverachtenden Idealen dieser Ideologie verschrieben haben.

Die exotische Kulisse nimmt anschaulich Gestalt an, denn Verfasser May ist vor Ort gewesen und hat die Augen offen gehalten. Leider spielt er trotzdem auf einer recht alten Leier das Lied von der Unvereinbarkeit fremder Kulturen, während wir gleichzeitig erfahren, dass alle Menschen irgendwie doch Brüder und Schwestern sind. Anders ausgedrückt: Mays Peking kommt einem bald auch nicht fremder als irgendeine andere Krimi-Großstadt dieser Welt – ein altes Problem von Schriftstellern, die redlichen Herzens über Orte und Menschen schreiben, die ihnen nicht wirklich vertraut sind, und deshalb an der Oberfläche der Dinge verharren müssen.

Ärgerlich ist Mays Hang zur Seifenoper. Selbst die gar traurige Geschichte vom ungewollten kleinen Chinesenmädchen, um das sich sicherlich fürderhin Onkel Li kümmern wird, lässt ziemlich kalt, weil sie aufgesetzt wirkt, obwohl sie ein alltägliches chinesisches Drama thematisiert. Wesentlich aufdringlicher sind freilich die endlosen Passagen, in denen die Elemente des Dreiecks Li, Margaret und Zimmerman sich in mehr oder weniger erfüllter Liebe und Eifersucht umkreisen.

Über solchen Herz-Schmerz-Schwulst gerät manchmal in Vergessenheit, dass hier eine solide Kriminalgeschichte erzählt wird. Der Plot ist verwickelt, wenn auch nicht wirklich überraschend, aber er funktioniert. Die Kulturrevolution ist ein ausgezeichneter Aufhänger dafür, denn hier versteht es May begreiflich zu machen, wieso altes Unrecht manchmal nicht in Vergessenheit gerät, sondern weiterschwärt und neues Unheil hervorruft. Das Finale in der Gruft der Terrakotta-Krieger ist wiederum ein wenig dick aufgetragen, aber so läuft es nun einmal in der Welt des Mittelklasse-Thrillers.

Bei den Charakteren verließ den in der Recherche so fleißigen Verfasser fast jede Inspiration. Li Yan muss politisch korrekt und heldentypisch auf vielen Hochzeiten tanzen. Er gibt den exotisch- aufregenden Lover, den unbestechlich-hartnäckigen Bullen, den gutherzigen Menschenfreund und – sich aus letzterem quasi ergebend – den sacht regimekritischen Reformer, der sich das freie Denken nicht verbieten lässt. Alles addiert ergibt trotzdem einen wenig aufregenden Charakter mit nur behaupteten Ecken und Kanten.

Margaret Campbell bleibt noch konturenärmer. Sie ist eine Amerikanerin in Peking, eine tüchtige Pathologin (gibt es auch andere?) mit kompliziertem Privatleben, ein weiterer Klon ihrer ebenfalls austauschbar gewordenen Scarpettantinnen. Geradezu lästig lässt May sie um ihre verlorene bzw. neu entfachte Liebe barmen, aber so verlangt es vermutlich das breite Publikum. Und wer weiß: Wenn Hollywood einst aufmerksam wird, ist eine Lovestory ohnehin obligatorisch …

Michael Zimmerman: ein schleimiger Schwätzer, den nur die begriffsstutzige, weil reinen Herzens verliebte und ohnehin auf das Gute im Menschen fixierte Margaret nicht sogleich durchschaut. Weil May wohl selbst gemerkt hat, dass er hier seinen Lesern keine Überraschung mehr bieten kann, zieht er im Finale den heute fast obligatorischen Nebenschurken hervor, der bisher am Rande der Handlung umhergeisterte und sich nun plötzlich als großer Marionettenspieler im Hintergrund entpuppen soll.

Was die übrigen Darsteller dieses Dramas betrifft, so fällt es sogar während des Lesens schwer, sich ihre Namen zu merken (obwohl diese in China meist nur zwei oder drei Buchstaben umfassen) was sicherlich keine Empfehlung ist …

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Jürgen zu »Peter May: Das rote Zeichen« 04.09.2005
Kann mich der Krimi-Couch Bewertung nur anschließen: das Buch ist zu langatmig, die herz-Schmerz-Geschichten zwischen Margaret und Li sowie Michael Zimmerman viel zu sehr im Vordergrund und der rote Faden der eigentlichen Ermittlung köchelt so lauwarm vor sich hin... Dadurch legt man das Buch doch öfter aus der hand als geplant, auch weil im Text erscheinende Fingerzeige nicht konsequent weiterverfolgt werden. Das einzig Positive: die Schilderung Chinas.
Liza Temme zu »Peter May: Das rote Zeichen« 18.04.2004
Das Buch ist wirklich gelungen. Einerseit ist der Krimi richtig spannend andererseits lernt man die chinesische Kultur etc kennen!
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
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