Blackhouse von Peter May

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2011 unter dem Titel The Blackhouse, deutsche Ausgabe erstmals 2011 bei Kindler.
Ort & Zeit der Handlung: , 1990 - 2009.
Folge 1 der Lewis-Serie.

  • London: Quercus, 2011 unter dem Titel The Blackhouse. 432 Seiten.
  • Berlin: Kindler, 2011. Übersetzt von Eberhard Kreutzer. 464 Seiten.

'Blackhouse' ist erschienen als

In Kürze:

Seit Fin Macleod seinen kleinen Sohn verloren hat, leidet er unter Alpträumen und lässt sich bei seinem Arbeitgeber, der Kriminalpolizei von Edinburgh, nicht mehr blicken. Als er von seinem Chef aufgefordert wird, nun endlich zu entscheiden, wie es weitergeht, überzeugt ihn seine Frau davon, die Arbeit wieder aufzunehmen. Fin wird auf die kleine, stürmische Isle of Lewis vor der Küste Schottlands geschickt. Dort ist er aufgewachsen, aber seit achtzehn Jahren nicht mehr gewesen. Auf der Insel ist ein grausamer Mord passiert, nach demselben modus operandi wie bei einem Fall in Edinburgh. Bei seinen Ermittlungen trifft er auf die Weggefährten seiner Jugend, darunter Marsaili, Fins erste Liebe. Und Artair, der Anführer ihrer alten Clique, mit dem Marsaili inzwischen verheiratet ist. Der Fall führt Fin immer tiefer in die eigene Vergangenheit und reißt alte Wunden wieder auf.

Das meint Krimi-Couch.de: »Die Geister der Vergangenheit« 75°

Krimi-Rezension von Jürgen Priester

»Warum denn in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah! – sagte ein Geist der deutschen Vergangenheit. Vom Schotten Peter May lagen dem deutschen Publikum bisher nur drei seiner China-Thriller in Übersetzung vor. Jetzt stellt der Kindler-Verlag mit Blackhouse den Schotten in heimischen Gefilden vor. Der Klappentext verspricht einen grausamen Mord auf einer kleinen,von Sturm und Regen gepeitschten Insel, doch die Isle of Lewis – nordwestlich des schottischen Festlandes gelegen – ist nun leider die größte Insel Schottlands. Ihr Hauptort Stornoway hat immerhin 8.000 Einwohner und über die Insel ziehen sich die Straßendörfer wie Perlen an einer Kette. Da kann eine intime Inselstimmung nicht so recht aufkommen und die Mordsache rückt schnell in den Hintergrund. Wenn ein Autor falsche Spuren legt, dann entspricht er damit den Wünschen des Krimilesers. Wenn ein Verlag das tut, indem er im Klappentext falsche Akzente setzt, führt das nur zu Irritationen beim Leser. Wenn daraufhin ein Vielleser in seiner Arroganz glaubt, den Plot zu erahnen, und dann auf ein ganz anderes Konzept trifft, kann er sich schon wie in einem falschen Film fühlen.

Die Geschichte beginnt mit einem ruhigen, fast melancholischen Intro. Detective Inspector Finley Macleod hat sich nach dem Unfalltod seines Sohnes eine Auszeit von seinem Job bei der Kripo Edinburgh genommen. Er hadert mit seinem bisherigen Leben. Seine Ehe steht vor dem Scheitern. Da kommt es ihm ganz recht, dass er zu einem Mordfall auf seiner Heimatinsel beordert wird. Im kleinen Küstenort Port of Ness ist die zur Schau gestellte Leiche eines Mannes entdeckt worden. Der Modus Operandi der Tat weist deutliche Parallelen zu einem Fall auf, den DI Macleod seit zwei Monaten in Edinburgh bisher erfolglos untersucht. Diese Vorgeschichte und seine Kenntnis der Lokalitäten prädestinieren ihn, die Ermittlungen zu übernehmen. In Stornoway angekommen muss er feststellen, dass sich hier schon ein ganzer Tross an Ermittlern eingefunden hat, die extra aus Glasgow eingeflogen wurden. Fünf Detectives und siebzehn Constables sind ein ziemlicher Aufwand für einen einzelnen Mord, dessen Aufklärung nach Dünken des Ermittlungsleiters schon kurz bevor steht, denn er hat sich schon auf einen Täter festgelegt.

Fin Macleod kann der Argumentation seines Chefs nicht folgen und schlägt ein anderen Weg ein. Dieser wird für ihn zu einer Reise in die Vergangenheit. Die vertrauten Örtlichkeiten, die Begegnung mit Marsaili, seiner ersten und wahrscheinlich auch einzigen Liebe, mit den Schulkameraden, mit Freunden und Bekannten, mit Menschen, an die er sich gar nicht so gerne erinnern mag – all diese Geister seiner Vergangenheit glaubte er, vor siebzehn Jahren zurück gelassen zu haben. Im Taumel seiner Erinnerungen wird der Mordfall zur Nebensache.

Peter May startet sein Blackhouse, fast thrillermäßig, mit großem Getöse: ein blutgetränkter, vollgekotzter Tatort, eine fast ausgeweidete Leiche, eine nicht minder eklige, bis ins kleinste Detail beschriebene Autopsie und das erwähnte Riesenaufgebot an Ermittlern. Doch dann macht May eine Zäsur und konzentriert sich auf die Lebensgeschichte seines Helden Finley Macleod. In ausführlichen Kapiteln, in denen May die Perspektive von der dritten Person in die erste wechselt, und mit immer wieder in die Gegenwartshandlung eingestreuten Anekdötchen lässt er seinen Helden von seiner Kindheit und Jugendzeit erzählen. Die Trivialität mancher Episoden ist für den Leser kaum erträglich, auch wenn sie letztendlich für ein stimmiges Bild vom Helden dienen und einiges sogar für den späteren Mordfall von Bedeutung ist.

Erst im weiteren Verlauf nimmt die Geschichte endlich an Fahrt auf. Je mehr Puzzleteile aus der Vergangenheit zusammen gebracht werden, desto enger wird der Kreis der Verdächtigen. Von besonderer Bedeutung ist dabei ist da ein Ritus, den die Insulaner alljährlich begehen. Jeden August macht sich eine Meute von 12 Männern auf, um auf An Sgeir , einem von Menschen unbewohnten, aber von Abertausenden von Seevögeln besiedelten Eiland im tiefen Grau des Atlantiks einer Jahrhunderte alten Tradition zu frönen. Innerhalb von 14 Tagen schlachten die «Guga-Jäger" 2000 Jungtiere des herrlichen Bass-Tölpels (Guga) ab. Das nach Fisch schmeckende Fleisch des Gugas gilt auf der Insel als eine Delikatesse und das Treiben auf An Sgeir ist für die jüngeren Inselbewohner eine Art Initiation bei der Mannwerdung. Für Außenstehende wirkt es eher wie ein Akt der Barbarei. Die einzige Fahrt, die Finley als Jugendlicher mitgemacht hat, legt den Grundstein für den Mord in der Gegenwart. Ein zweiter Besuch wird jetzt nötig, um das Rätsel zu lösen, und der wird zum dramatischen Höhepunkt der Geschichte.

Wenn man sich damit abgefunden hat, dass der reißerische Auftakt nur ein Strohfeuer war, das die Erwartungen des Lesers in eine falsche Richtung lenkt, muss man sich auf eine längere Durststrecke einstellen, die den Rezensenten fast zur Verzweiflung gebracht hätte. Erst wenn das Portrait des jungen Macleod Konturen annimmt, seine Unsicherheit, seine Fragilität und seine Feigheit deutlich werden, gewinnt die Story an Ausstrahlung, aber auf einer ganz anderen Ebene als anfangs erwartet. Der frühe Verlust seiner Eltern und die kühle Distanziertheit seiner Tante, bei der Finley untergekommen war, haben ihn isoliert. Sein Bedürfnis nach Zuneigung hat ihn seltsame Entscheidungen treffen lassen. Erst in der Rückschau wird ihm bewusst, wie viele Chancen er verpasst hat, wie anders hätte sein Leben verlaufen können. Das Ende der Geschichte birgt die Möglichkeit eines Neuanfangs.

Peter May hat ab Mitte seiner Story viel verlorenen Boden wiedergutgemacht. Bei der Charakterisierung der Hauptprotagonisten zeigt er eine gute Menschenkenntnis. Die verborgenen Tugenden und Abgründe, die nach und nach aufgedeckt werden, sorgen für einige Überraschungen. Besonders gelungen ist das bei der Darstellung der Motive des Täters, bei der viele von Mays Autorenkollegen versagen.

Die Blackhouses sind typisch für die Isle of Lewis, gehören aber der Vergangenheit an. Heute wohnen die Inselbewohner in Whitehouses. Ob aber mit dem äußerlichen Umzug auch der Wandel im Inneren einhergegangen ist, erzählt Mays Geschichte.

Jürgen Priester, Februar 2011

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berni zu »Peter May: Blackhouse« 26.06.2014
May hat eine geniale Geschichte konstruiert. Das funktioniert gut und die langsame zurückkehrende Erinnerung an Fin MacLeod’s Jugend und Kindheit ist atmosphärisch absolut dicht und sehr glaubwürdig dargestellt. Und dies setzt sich auch so im "Lewisman" und im "Chessmen" fort. Da steckt viel Wissen um menschliche Schwächen drin! Und das macht die Geschichte zu einem Konstrukt, welches fast etwas an die Film Noir der USA oder Frankreichs erinnert. Das Gute muss ständig neu erstritten werden. Die tiefergehende selbstreflektierende Erkenntnis über menschliche, eigene Schwächen hilft dabei. Und manchmal braucht es eben hierzu auch die Flucht aus einer Lebensrealität, die so nicht mehr zu ertragen war. Wer nie weg war wird auch nie „zu Hause“ ankommen können. Macleod ist geflohen, nimmt seine Geschichte mit und begeht viele weitere Fehler, kommt ungewollt zurück, wird mit seinem „zu Hause" nun konfrontiert und vielleicht auch am Ende etwas versöhnt. Das funktioniert gut! Da braucht es keineswegs die schier endlose Schilderung um eine Autopsie. Die Schilderung der mit den Wolken wechselnden Lichtstimmungen und der so typischen Details der Landschaft vor Ort ist gelungen und trägt natürlich mit zur dichten Atmosphäre bei. Die rostigen „Shielings“, die herumliegenden Autowracks, der Wechsel zwischen Regen und Sonne. Die unglaublich weißen Sandstrände. Sehr nachvollziehbar und nachfühlbar für den Schreiber dieser Zeilen, der die Landschaft seit den 70ern gut kennt. Mir hat das Lesen überwiegend Spaß gemacht, auch wenn ich manchmal das Gefühl hatte, dass hier auch Zugeständnisse an eine Leserschaft gemacht worden sind, welche einfach, wie im TV gewohnt, mit realistischen zum Teil ausufernden Details geschockt werden will. Das trübt den Lesegenuss etwas. Jedoch ist der ganze Handlungsbogen einfach sehr schön erdacht. Ich habe das Buch (alle Drei) in Englisch gelesen und wer wissen möchte wieviel Peter May in Fin McLeod steckt, sollte sich den Bildband: "Hebrides" (Englisch) zulegen!
Nittygritty zu »Peter May: Blackhouse« 21.08.2013
The Black House gehört zu den Büchern, die ich nicht gelesen, sondern schlicht verschlungen habe. Die unglaublich faszinierenden Schilderungen des Setting, der Atmosphäre und der Charaktere machen es zu einem Lesevergnügen, das noch lange nachwirkt. Ich habe viele packende Krimis gelesen, keiner war so dicht und so stimmig wie Blackhouse. Dabei ist es gerade die Verknüpfung des Mordes mit der Vergangenheit des Protagonisten, was die Faszination an diesem Buch auslöst - wie ein Puzzle, das nach und nach ein immer deutlicheres Bild ergibt und erst mit dem letzten Teilchen in all seiner Grausamkeit erkennbar wird. Keine blutrünstige, aber eine stille Brutalität, die damit nicht minder schockierend ist. Denn der eigentliche Krimi ist nicht die Rahmenhandlung des Mordes, den es für den Protagonisten aufzuklären gilt, sondern seine dem Schälen einer Zwiebel ähnelnde Auseinandersetzung mit der eigenen Erinnerung. Ein großartiges Buch!
Ida zu »Peter May: Blackhouse« 22.03.2013
Mir gefällt das Buch sehr gut und ich finde die ganze Handlung spannender als viele Krimis mit mehr Morden. Und ich mag die Beschreibungen des Lebens auf der Insel, "heute" und früher. Man erfährt langsam mehr und mehr über das Vorleben des Polizisten.
Meins bleibt sicher im Regal und ich werde die nicht auf Deutsch erschienen im Original kaufen.
Krimitante zu »Peter May: Blackhouse« 11.07.2012
ist ein buch gleich ein krimi "nur" wenn es einen mord gib und krimi auf dem umschlag steht? dieses buch jedenfalls nicht! es ist ein buch über die reise eines mannes in seine vergangenheit und als solches nicht schlecht. auch sind orts- und landschaftsbeschreibungen sicherlich lesenswert. doch als krimi ist dieses buch bei mir total durchgefallen. keinerlei spannung, eine völlig künstliche, unglaubwürdige auflösung und ein fast peinliches ende. fazit: wer sich für die insel "isle of lewis" interessiert und lebensbeschreibungen mag, kann dieses buch recht gut lesen. wer einen guten krimi will sollte es lassen! es reicht aber nicht für´s regal, mein exemplar landet bei oxfam.
MAK zu »Peter May: Blackhouse« 06.05.2012
Ich war 2 x auf der Isle of Lewis. Das Buch habe ich als Hörbuch (gelesen von Peter Forbes) auf Englisch gehört. Ich war so begeistert, dass ich mir sofort den Folgeband besorgt habe. Auch "The Lewis Man" ist absolut hörenswert! Mir gefällt die Mischung aus Gegenwart und Vergangenheit in beiden Bücher sehr gut.
Mrs BJ Smegma zu »Peter May: Blackhouse« 10.04.2012
Vielleicht liegt es daran, dass ich die Isle of Lewis besucht habe (übrigens NICHT die größte Insel Schottlands, das ist Skye). Mir gefiel die atmosphärisch glaubwürdige und offenbar in weiten Teilen autobiografische Schilderung des Lebens auf der Insel ausgezeichnet. Richtig, der Mord, dessen Entdeckung in der Einleitung geschildert wird, tritt im Buch weitgehend in den Hintergrund. Aber gerade das macht dieses Buch für mich besonders lesenswert. Packend geschrieben und schlüssig, meiner Meinung nach ein ausgezeichneter Krimi und wirklich mal etwas anderes.
Neuhausen zu »Peter May: Blackhouse« 07.04.2011
Das Buch kann ich nur empfehlen, ich habe es ganz schnell verschlungen. Heute Abend habe ich den Autor getroffen. Wisst ihr, dass er diesen Roman anfangs nicht in GB veröffentlichen konnte? Alle Verleger hatten ihn abgelehnt. Erst als ein Franzose die internationale Rechte abkaufte, haben sich die Engländer dafür interessiert, natürlich nachdem er in mehrere Sprachen übersetzt wurde! Aber zurück zum Buch. Die Krimihandlung selber ist schon spannend, aber ich fand die "Insel-Studie" noch spannender. Die Beschreibungen klingen sehr authentisch (er hat mehrere Jahre lang jeweils 5 Monate dort gelebt, bevor er das Buch schrieb) und manchmal möchte man beim Lesen seinen Hut halten (angenommen, man hat gerade einen auf), um zu verhindern, dass er vom Winde verweht wird. Und die Bewohner der Insel werden mit viel Gefühl beschrieben. Sie sind wie die Insel selbst: zäh, mysteriös, manchmal sogar grausam, großzügig, aber nie fade. Und wenn man bedenkt, dass die Tradition der Guga-Jagd real ist, liest man die zweite Hälfte des Romans mit wachsendem Interesse. Ah ja, noch etwas: Dieser Roman ist der erste Teil einer Trilogie mit Finn als Ermittler. Band 2 erscheint im September 2011 in Frankreich.
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