Vatermorde von Peter Hoefnagels

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1997 deutsche Ausgabe erstmals 2002 bei Claassen.

  • Amsterdam: Veen, 1997. 191 Seiten.
  • München: Claassen, 2002. Übersetzt von Barbara Heller. 247 Seiten.
  • München: List, 2004. Übersetzt von Barbara Heller. ISBN: 3-548-60416-1. 247 Seiten.

'Vatermorde' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Die Abgründe einer scheinbar normalen Ehe. Ein übermächtiger Vater. Und die Fallstricke einer Liebe, die nur durch Lügen aufrechtzuerhalten ist.

Das meint Krimi-Couch.de: »Ähnelt sehr seinem Landsmann Maarten´t Hart, ohne jedoch dessen Niveau zu erreichen« 46°

Krimi-Rezension von Peter Kümmel

Anfang der fünfziger Jahre lernt Thomas auf einem Schiff die junge Geeke kennen und verliebt sich auf den ersten Blick. Doch das junge Paar verliert sich wieder aus den Augen. Kurz danach trifft Thomas Lottie; und diese ist alles andere als prüde und kommt ziemlich schnell zur Sache.

Dem jungen Paar ist schnell klar, dass man heiraten möchte, doch bedurfte es dazu in den Niederlanden in den fünfziger Jahren noch bis zum 30. Lebensjahr der Zustimmung der Eltern. Und hier sieht Lottie schon im Vorhinein Probleme. Ihr Vater, ein Dozent, ist ein Tyrann und liebt seine Tochter mehr als alles andere, was auf Gegenseitigkeit beruht, denn auch Lottie zeigt ihrem »Papi« gegenüber eine ungewöhnlich innige Zuneigung. Zudem ist der alte Herr Donkerdal der protestantischen Kirche zugetan und verdammt alle anderen Glaubensrichtungen, insbesondere das Papsttum. Da Thomas katholisch erzogen wurde, sind das schon mal denkbar schlechte Voraussetzungen, obwohl Thomas gar nicht viel Wert auf die Kirche legt. Lotties Mutter starb sehr früh und ihr Vater heiratete später Nora, eine seiner Studentinnen. Diese wird von Lottie gehasst und nur »Stief« genannt. Und Nora ist schnell klar, dass sie in ihrer Ehe nur die zweite Geige spielt hinter Lottie.

Das Kennenlernentreffen verläuft natürlich alles andere als erfreulich. Eine Zustimmung von Lotties Vater für die Ehe kommt überhaupt nicht in Frage und Thomas lernt Nora auch noch als sehr nette Frau und gute Köchin kennen. Diese Meinung über die verhasste »Stief« bringt ihm natürlich postwendend Ärger mit Lottie ein.

Als Lottie schwanger wird, bekommt dann Lottie des Ansehens wegen zähneknirschend doch noch die Zustimmung ihres Vaters zur Ehe mit der Bemerkung, dass Thomas »noch nicht gewonnen hat«. Die Ehe jedoch verläuft keinerwegs so, wie Thomas sich das erhofft hat. Um ihre Tochter Klaar kümmert sich hauptsächlich Thomas, da Lottie mit sich selber genügend Probleme hat, Thomas jedoch anschließend ein zu inniges Verhältnis mit seiner Tochter unterstellt. Immer wieder kommt es zu Streit, da Lottie es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt und ihre Beziehung zu »Papi« alles andere überschattet. Thomas erträgt alle ihre Launen mit großer Geduld und versucht zudem, ihr ein guter Therapeut zu sein, wobei er jedoch absolut chancenlos ist. Schließlich kommt zu Launen und Lügen auch noch Untreue. Selbst das Kind, das Lottie von ihrem Liebhaber bekommt, wird von Thomas klaglos akzeptiert und als sein eigenes angenommen.

Als Thomas schließlich Geeke wiedertrifft und sich zwischen den beiden eine Beziehung anbahnt, reicht Lottie die Scheidung ein.

Nur ganz nebenbei erfährt der Leser dann, dass Lotties Vater ermordet wurde und Lottie im Verdacht steht, die Mörderin zu sein.

»Am Anfang steht ein ungeklärter Mord«, so behauptet der Verlag in seinem Klappentext. Am Anfang von was? Am Anfang vom Buch sicher nicht, am Anfang der Handlung erst recht nicht. Zwischendurch mal sporadisch erwähnt ohne jede nähere Information muß sich der Leser doch sehr lange gedulden, bis er sich durch die Vorgeschichte hindurchgekämpft hat, die etwa 80% des Buches einnimmt.

Der Prolog des Buches dient eher der Verwirrung als der Einleitung. Man hat es dabei sehr schwer, sich zurecht zu finden zwischen den verschiedenen Personen des Romans. Zwar schreibt Hoefnagels den Roman aus Sicht des Erzählers in der Ich-Form, doch springt er dabei innerhalb der Absätze sehr schnell nicht nur in seinen Gedanken, sondern auch in den Zeiten umher.

Außer Prolog und Epilog ist der Roman in zwei Teile untergliedert. Der erste davon, der wesentlich größere Teil ist überschrieben »Der Brief an die Untersuchungsrichterin« und besteht aus genau dem, was der Titel aussagt. Hier hat der Erzähler quasi als Aussage für das Gericht einen Rückblick seines Lebens verfasst, im Großen und Ganzen chronologisch erzählt, doch auch wieder mit einigen Sprüngen in der Zeit.

Der zweite – etwas zu kurz geratene – Teil beinhaltet die Geschehnisse der Geichtsverhandlung. Auf den Mord selber, quasi das Kernstück eines Kriminalromans, hat der Autor völlig verzichtet. Der Leser erfährt nur nach und nach durch die Aussagen der Beteiligten einige Details.

Für mich ist der Roman in erster Linie ein Beziehungsdrama, Kriminalroman ist er eher nur am Rande. Der Leser muß sich in Bezug auf das Verbrechen selber mehr zusammenreimen als ihm durch Fakten angeboten wird und dürfte schließlich das Buch relativ unbefriedigt zuklappen. Auch in Bezug auf einen Mißbrauch der Tochter durch den Vater, der dem Leser relativ früh und eindringlich suggeriert wird, werden nur Andeutungen gamacht, auch hier ist man völlig auf seine eigene Phantasie angewiesen.

Sowohl von der Schreibweise, doch insbesondere vom Erzählstil her ähnelt Hoefnagels sehr seinem Landsmann Maarten´t Hart, ohne jedoch dessen Niveau erreichen zu können. Große Abschnitte in direkter Rede wechseln mit längeren erzählten Absätzen ab.

Die Charaktere der Hauptfiguren sind sehr detailliert herausgearbeitet, so daß man es kaum schafft, den Roman emotionslos lesen zu können. Für Thomas empfindet man ob seiner schier unendlichen Geduld eher Mitleid als Bewunderung. Ein Mord von Thomas an seiner Frau Lottie, deren Launen schon beim Lesen Unverständnis und Zorn erzeugen können, wäre leicht nachzuvollziehen gewesen und auch vom Leser geduldet worden. Lotties Vater zeigt Wirkung als Ekelpaket und für seine liebenswerte und unterdrückte Frau Nora bleibt nur Mitleid.

Eine etwas ausführlichere Leseprobe verdeutlicht dies vielleicht besser, als ich es in Worte fassen kann:

Einmal kam ich am Nachmittag um vier nach Hause. Lottie war nicht da, und ich ging in Klaartjes Zimmer. Klaartje war hellwach, ich spielte mit ihr und erzählte ihr Geschichten. Wie viel sie davon verstand, weiß ich nicht, aber bei komischen Wörtern krähte sie vor Vergnügen, und ich freute mich darüber. Um fünf kam Lottie und wollte wissen, wie lange Klaartje schon wach sei.

»Als ich um vier gekommen bin, stand sie senkrecht im Bett.«

»Das kann nicht sein«, sagte Lottie

»Es war aber so.«

»Ich bin doch nur ganz kurz weg gewesen.«

»Eine Stunde mindestens.«

»Du lügst.«

Um des lieben Friedens willen, gab ich zu, mich geirrt zu haben; ich sei später nach Hause gekommen.

Lottie gab sich damit zufrieden, erfuhr aber gleich darauf von der Nachbarin, dass ich schon um vier da gewesen sei.

»Warum sagst du dann, du bist später gekommen?«, fragte sie scharf.

»Ich wollte keinen Streit.«

»Den hast du jetzt. Du belügst mich.«

Ich wusste nicht, ob sie wütend war, weil sie im Unrecht war oder weil ich ihr Recht gegeben hatte. Ich suchte nach einer psychologischen Erklärung, doch das machte den Nebel nur noch dichter. Ich fand mich nicht mehr zurecht. Jedes Mal, wenn wir uns stritten, hackte sie mit ihrem Schnabel ein Stück aus meinem Herzen. Ich ging nur noch verstandesmäßig mit ihr um, zumindest versuchte ich es.

Leider bilden die Nebendarsteller hier nur schmückendes Beiwerk. So bleiben Thomas Freunde Frits und Tinus trotz mehrfacher Erwähnung nicht greibar und auch über seine große Liebe Geeke und auch deren nur am Rande erwähnten Tod hätte man gern ein wenig mehr erfahren.

Vatermorde ist ein Kriminalroman der etwas anderen Art. Man kann ihn weder in die Sparte der »Whodunit«-Krimis noch zu den Thrillern einordnen, eher noch in den Bereich des psychologischen Krimis, betrachtet aus der Sicht eines in Bezug auf das Verbrechen Außenstehenden, der selber nur die beteiligten Personen charakterisiert. Ein Buch, das vermutlich bei reinen Krimiliebhabern weniger gut ankommt.

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Allard Mees zu »Peter Hoefnagels: Vatermorde« 12.01.2005
Ein Hervorrages Buch, dass man weder als Krimi noch als Thriller bestempeln kann. Es ist ein Muss fuer diejenigen, die sich ein Einblick in die Persoenlichkeitsstoerung der umgangsverweigernden Muetter verschaffen will. Also eher Pflichtlektuere fuer Ehe-Beratungsstellen, Jugendaemter etc.
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