Das Matratzenhaus von Paulus Hochgatterer

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

deutsche Ausgabe erstmals 2010 .

  • Wien: Deuticke, 2010. ISBN: 978-3-552-06112-5. 293 Seiten.

'Das Matratzenhaus' ist erschienen als Hardcover

In Kürze:

Frühlingsidylle in Furth am See, einer Kleinstadt in Österreich. Doch damit ist es mit einem Schlag vorbei, als eine rätselhafte Serie von Kindesmisshandlungen die Bewohner der Stadt in Unruhe versetzt. Der Psychiater Raffael Horn und Kommissar Ludwig Kovacs versuchen fieberhaft, den Täter zu finden, bevor die Sache noch weiter eskaliert. Das ungewöhnliche Ermittlerduo aus Hochgatterers Bestseller Die Süße des Lebens geht in diesem literarischen Krimi ein weiteres Mal auf gemeinsame Spurensuche.

Das meint Krimi-Couch.de: »Ein Benediktinermönch und sein Gott: «His Holy Bobness» Dylan« 95°Treffer

Krimi-Rezension von Georg Patzer

Besitzt Gott einen Gehstock? Immerhin ist er schon ein alter Mann. Trägt er Unterhemden, eine Lesebrille, isst er vegetarisch, raucht Pfeife und fährt Auto oder Motorrad? Die Lehrerin weiß es: »Motorrad, und er hat Probleme mit der Lendenwirbelsäule.« Und fährt fort, »dass bei Gottes letzter Gesundenuntersuchung der Prostatabefund nicht ganz in Ordnung gewesen sei, und außerdem sei sein Psychiater total unzufrieden mit der Zuverlässigkeit seiner Medikamenteneinnahme.« Das findet der Religionslehrer, Bruder Joseph Bauer, nicht so witzig.

Es ist eine verrückte Welt, die Welt in Furth am See in Niederösterreich, mit seltsamen, normalen Menschen. Da gibt es den Kommissar Ludwig Kovacs, der den Sternenhimmel liebt und das Fischen, mit seiner Freundin aber Probleme hat; den Psychiater Raffael Horn, der von seinem Sohn und seiner cellospielenden Frau beunruhigt wird, der anfängt seine Gedanken laut auszusprechen, ohne es zu merken, auf dessen Station ein sich selbst immer wieder aufschlitzendes Mädchen und ein Junge mit Gitarre eingeliefert werden, um die er sich kümmern muss; die Lehrerin Stella, die heimlich schon lange eine Affäre mit einem Benediktinermönch hat, der auf seinem iPod der Stimme seines Gottes lauscht: »His Holy Bobness« – Bob Dylan. Und ein indisches Mädchen, das adoptiert ist, sich für japanische Kampfmesser interessiert und von Pelikanen erzählt.

Es ist eine beunruhigende Welt, keiner versteht sie, keiner versteht auch den anderen so richtig. Ständig weichen sie einander aus, ohne es zu merken, selbst der Psychiater sieht seine eigenen schwarzen Löcher nicht und sieht die Welt so:

Die Luft über der Stadt war trüb und unruhig. Die Türme der Stiftskirche schienen zu schwanken, ebenso die Stahlschlote des Holzwerks, und mehrmals hatte er den Eindruck, als schwappe das Wasser des Sees über die Uferpromenade.

Hochgatterer, selbst Kinderpsychologe, erzählt in seinem zweiten Roman um Kovacs und Horn von Kindesmisshandlung und Kindesmissbrauch, aber nicht wie so viele andere mit moralischem Zittern in der Stimme und erhobenem Zeigefinger. Er nimmt den Fall, in dem Kinder von einer »schwarzen Glocke«, wie ein Mädchen sagt, geschlagen werden, sie aber schweigen warum, als Beispiel für eine aus den Fugen geratene Gesellschaft, in der keiner den anderen kennt – denn sie kennen sich ja selbst nicht. Sie können sich auch gar nicht kennen, denn es wird ihnen systematisch ausgetrieben, von den Adoptiveltern, die sie missbrauchen, von einer Erziehung oder Beziehung, die einen schnell von sich oder anderen entfremden, fremd werden lässt. So sehr, dass sogar aufgeklärte Menschen darüber nachsinnen, ob die Prügelstrafe nicht doch gerecht sei.

Hochgatterer ist ein Seismograph persönlicher Erschütterungen, von Menschen, denen etwas abhanden kommt – eine Schwester, eine geliebte Frau, ein Bruder. In wechselnden Perspektiven, in verschlungenen Handlungssträngen, die sich berühren, die nebeneinander herlaufen, und manchmal ins Leere gehen, schildert das Buch nichts als das normale Leben, das ja auch meist chaotisch und undurchschaubar ist. Ohne jede Erklärung, allein durch die Beschreibung der Brüchigkeit skizziert er die Personen, die so lebendig und direkt wirken, als sprächen sie im Kopf des Lesers. Auch wenn das manchmal schwer auszuhalten ist, eben weil sie so verstört sind. Manchmal nur von Kleinigkeiten, von der Art, wie der Sohn mit Raffael Horn spricht. Vieles erschließt sich erst im Nachhinein, dann werden die Kleinigkeiten, die man so schnell überlesen hat, bedeutsam. Und vieles wird gar nicht aufgeklärt. Was bleibt ist die Unsicherheit, über das Leben, die Welt und die eigene Existenz, die man ja eigentlich gar nicht richtig kennt.

Man kennt diese Art von emotional packender und gleichzeitig distanzierter, klirrend kühler und menschlich warmer, meisterhaften Prosa sonst nur von Ernst Augustin (auch er Psychiater) oder Astrid Paprotta. Und auch deren Schlussfolgerungen teilt Hochgatterer: Man kann nichts objektiv erkennen, weder sich noch die Welt. Man kann sich ihr nur annähern, wenn man weiß, dass sie doch fern und unbekannt bleibt.

Georg Patzer, Juni 2010

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Krilla zu »Paulus Hochgatterer: Das Matratzenhaus« 13.11.2011
In sehr gutem Stil geschriebenes Buch über das "richtige Leben". Ob es der Polizist ist - interessante Figur, zur schönen Abwechslung weder Alkoholiker noch depressiv und ausgebrannt, der eine schöne neue Liebe erlebt oder der Psychiater, der Probleme mit dem halbwüchsigen Sohn hat. Beide haben ein interessantes Privat- und Arbeitsleben. Etwas abgedreht (warum auch nicht) ist die Liebesgeschichte der jungen Lehrerin mit dem Mönch, der während der Messe Musik von seinem IPod hört...
und natürlich - sonst wäre es ja kein Krimi - die sehr einfühlsam und subtil geschilderte Situation der Kinder im Matratzenhaus - meine Wertung 95 Grad
Manfred Hüttmann zu »Paulus Hochgatterer: Das Matratzenhaus« 10.11.2011
Das ist mir noch nie passiert: ein Buch zu lesen, aus dem ich so gar nichts mitnehmen konnte. Vielleicht liegt es daran, dass ich das Buch mit mehreren zeitlichen Unterbrechungen gelesen habe - aber wenn ich eine Inhaltsangabe machen sollte, ich müsste ein weißes Blatt abgeben. Höchstens würde darauf stehen, dass da irgendwie ein Mädchen mit grünen Haaren vorkommt, dass eine oder mehrere Personen sich Schnittverletzungen zufügen und dass es wahrscheinlich um Kindesmissbrauch und ein paar sonstige Abartigkeiten geht. Ich habe mich bis zum Ende des Buches durchgequält in der Hoffnung, dass sich zum Schluss einige der unendlich vielen Rätsel auflösen, die der Autor permanent stellt - vergebens. Ganz ätzend ist es, wenn in zahllosen Kapiteln "er" dieses und "sie" jenes tut, ohne dass sich für mich jemals geklärt hätte, wer da eigentlich in welcher Zeit- oder Phantasieebene was tut und warum. Werde sicherheitshalber zukünftig um weitere Bücher dieses Autors einen großen Bogen machen (die Lebenszeit ist ja schließlich begrenzt) und dieses Exemplar, um mir keine Feinde zu machen, nicht an Bekannte weitergeben, sondern direkt in die Altpapiertonne entsorgen. Wenn ich mich vergewissern will, dass die Welt schlecht ist, brauche ich nicht solche Bücher; es genügt, die Zeitung aufzuschlagen.
Novak Viola zu »Paulus Hochgatterer: Das Matratzenhaus« 09.01.2011
Wer dieses Buch als langweilig betrachtet hat zu wenig mit der Realität zu tun, bzw denkt nicht über die momentane Situation was Kindesmisshandlung in Österreich betrifft nach, bzw hat das Buch nicht verstanden.

Ich finde es sehr bewundernswert mit welcher sanften Sachlichkeit, dezenten Andeutung, trockenen Aufklärung und unaufgepauschten Tatsachen Paulus Hochgatterer in diese Thematik eintauchen lässt und in mir als Lehserin ein Gefühl der höchsten Unruhe, Ärger, Trauer, Angst und Wut über das Böse im Menschen hervorgerufen hat. Ein sehr wichtiges Buch, dass gerade deshalb, weil es nicht alles offen darbietet zur intensiven Beschäftigung anregt und klar macht: So ist das Leben wirklich. Jeder Mensch hat sein Geheimnis; jeder Mensch kann ganz schnell kippen.
Liv zu »Paulus Hochgatterer: Das Matratzenhaus« 31.12.2010
ich fand den krimi sehr genial geschrieben, aber irgendwie fehlte mir die intelligenz, das ende zu verstehen.
ich hatte immer noch gehofft die aufklärung der zusammenhänge käme deutlicher.
diese rezension hätte ich eher lesen soillen, dnn hätte ich nicht soviel rätseln müssen.
zwei von mir befragten buchhändlerinnen ging es ähnlich...war auch irgendwie beruhigend...
Linda zu »Paulus Hochgatterer: Das Matratzenhaus« 13.08.2010
Ein packender Roman, der gar nicht die Absicht hat, die Handlung und die in ihr vorkommenden kriminellen Strukturen aufzuklären, sondern Platz lässt für die eigene Fantasie. Die beschriebenen Protagonisten sind authentisch und haben größere und kleinere Probleme des Alltags genauso zu lösen, wie die komplexe und bis zum Schluss im Halbdunkeln bleibende Serie an Kindesmisshandlungen.
Jo zu »Paulus Hochgatterer: Das Matratzenhaus« 29.07.2010
Mein Urteil: ein Mega-Langweiler.
Es handelt sich nicht in entferntesten um einen Krimi, es werden etliche Lebenläufe und Schicksale geschildert, die für sich betrachtet auch ganz ergreifend sein mögen. Aber die Geschichte ist weder spannend noch behandelt sie eines der vielen aufgegriffenen Probleme in der erforderlichen Tiefe. Allein die Beschreibungen der Tagesabläufe in einer psychatrischen Abteilung nehmen mit vielen unnötigen Details zuviel Raum ein.
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