Tödliches Rätsel von Paul Harding

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1996 unter dem Titel The Assassins Riddle, deutsche Ausgabe erstmals 1998 bei Eichborn.
Ort & Zeit der Handlung: , 700 - 1500 (Mittelalter).

  • London: Headline, 1996 unter dem Titel The Assassins Riddle. 280 Seiten.
  • Frankfurt am Main: Eichborn, 1998. Übersetzt von Rainer Schmidt. 303 Seiten.
  • München: Droemer Knaur, 2001. Übersetzt von Rainer Schmidt. 302 Seiten.
  • München: Droemer Knaur, 2003. Übersetzt von Rainer Schmidt. 302 Seiten.

'Tödliches Rätsel' ist erschienen als

In Kürze:

Im Sommer 1380: Ein Menschenfischer zieht die Leiche eines Schreibers aus der Themse. Es stellt sich heraus, dass der Tod nicht durch Ertrinken eintrat. Innerhalb kurzer Zeit kommen ein Geldverleiher und weitere Schreiber der Kanzlei vom Grünen Wachs, die für das Ausstellen königlicher Urkunden zuständig ist, auf mysteriöse Weise ums Leben. Bei jedem der Toten findet sich ein Stück Pergament mit einem Rätsel. Welches Geheimnis verbindet die Toten miteinander? Sir John Cranston, Coroner des Königs, und sein Sekretär, der Dominikaner Athelstan, müssen das Rätsel lösen, wenn sie weiteres Unglück verhindern wollen.

Das meint Krimi-Couch.de: Mörderisches Mittelalter = Lesespaß für die Gegenwart 65°

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Gar blutig präsentiert sich London im Sommer des Jahres 1380. Der hartherzige Geldverleiher Bartholomew Drayton liegt mit einem Armbrustbolzen in der Brust in seiner leer geräumten Schatzkammer. Mit eingeschlagenem Schädel treibt der Schreiber Edwin Chapler aus der Kanzlei zum Grünen Wachs in der Themse. Sein Kollege Luke Peslep endet, während er sich auf der Latrine der Schenke »Zum Tintenfass« erleichtert, unter den Degenstichen eines Meuchlers.

Für die Ermittlungen in allen drei Fällen ist Sir John Cranston, der Coroner (= Untersuchungsrichter) der Stadt London, zuständig – eine Kriminalpolizei gibt es noch nicht. An seiner Seite arbeitet wie immer Athelstan, ein Bruder des Dominikanerordens, der sowohl als sein Sekretär fungiert als auch auf Grund seiner kriminalistischen Fähigkeit ein wertvoller Assistent und zudem ein geschätzter Freund ist.

Normalerweise würden die Ermittlungen gründlich aber gemächlich ihren Gang gehen. Dieses Mal indes sitzt Sir John der mächtige John von Gaunt, Herzog von Lancaster und Regent anstelle des noch unmündigen Königs von England, ungeduldig im Nacken. 5000 Pfund Silber hat ihm, der ständig in finanziellen Nöten steckt, der verblichene Drayton leihen wollen. Der Vertrag gilt, der Regent will sein Geld, zumal er es jetzt nicht mehr zurückzahlen muss. Da John von Gaunt weder für seine Geduld noch seine Nachsicht bekannt ist, steckt Sir John in der Zwickmühle.

Athelstan kommt rasch dahinter, dass in der Kanzlei zum Grünen Wachs etwas faul ist. Wie soll es allerdings den Fall lösen, wenn die Zahl der Verdächtigen rapide abnimmt? Weitere Schreiber werden umgebracht, ein Komplott zeichnet sich allmählich in Umrissen ab, dessen Mitglieder sowohl in hoher Stellung als auch unter den Gefährten eines gefürchteten Räuberhauptmanns zu finden sind. Während die Ermittlungen nur zäh voranschreiten, müssen Sir John und Athelstan damit rechnen, dass auch auf sie irgendwo ein Heckenschütze wartet …

Fließband-Historienkrimi, solide montiert

Willkommen im Mittelalter des Paul Harding, das zwar finster aber offenbar trotzdem ein Ort ist, an dem sich zu leben lohnt. Der Verfasser ist Schriftsteller und Historiker; auf beiden Feldern beweist er sein Talent, indem er sie geschickt in seinen zahlreichen, luftig gestrickten doch unterhaltsamen Historienkrimis zusammenfließen lässt. »Tödliches Rätsel« ist keine Ausnahme, sondern bestätigt diese Regel: Ein trickreich eingefädeltes, freilich nicht allzu komplexes – Harding macht es sich hier leicht, indem er seinen Lesern entscheidende Indizien vorenthält, so dass ein primär er es ist der weiß, wohin der Hase laufen wird – Krimimysterium plätschert vor der bunten Kulisse einer versunkenen Epoche beliebig aber handlungsaktiv, wendungsreich und witzig dem Finale & seiner Auflösung entgegen.

Die Vergangenheit dient als Folie, mit dem sich dieses literarische Mittelmaß schmücken lässt. Harding versteht wie gesagt sein Handwerk: Er erfindet das für den größten gemeinsamen Nenner seines Publikums erträgliche Mittelalter. Bei ihm gibt es (lobenswerterweise) kein stolzes Präsentieren angelesenen Fachwissens, das zur Handlung eigentlich nichts beiträgt. Harding arbeitet hauptsächlich dort mit zeitgenössischen Namen, Fakten und Termini, wo sie seiner Geschichte dienlich sind und sie voranbringen. So wäre die Ermordung des unglücklichen Mr. Peslep ohne die historisch belegte Existenz recht rustikaler Gasthaus-Abtritte nicht wie beschrieben möglich geworden. Ganz zu schweigen von der Präsenz merkwürdiger Zeitgenossen wie dem »Menschenfischer«, den die Stadt London anstellt, damit er Leichen aus der Themse fischt.

Natürlich bedient sich Harding dennoch reichlich des Lokalkolorits und aus der Klischeekiste; es bleibt ihm angesichts des Tempos, mit dem er seine Krimis auf den Buchmarkt wirft, keine andere Wahl als der Einsatz von Versatzstücken. Mittelalter – das bedeutet für den historischen Laien Primitivität im Denken und Handeln, Leben in Unwissenheit, Dunkelheit und Schmutz, das unmittelbare Nebeneinander von bitterster Armut und zur Schau gestelltem Reichtum (gern personifiziert in Gestalt eines feisten, heuchlerischen Pfaffen), enge Straßen, Galgen, Ratten, Flöhe, zugige Burgen, verräucherte Wirtshäuser, in denen dralle Schankdirnen fröhliche Zecher bedienen (und das ist zweideutig gemeint). Bücher wie »Tödliches Rätsel« sind daher eigentlich keine historischen, sondern eher historisierende Krimis, die deutlich in der Gegenwart für moderne Leser geschrieben wurden.

Harding-Thriller sind darüber hinaus typische Serienware, die jenseits des kriminellen und kriminalistischen Geschehens den persönlichen/privaten Erlebnissen der im siebten Teil der Cranston/Athelstan-Saga bereits gut eingeführten Helden viel Raum bietet. Die Leser des Verfassers – und es sind ihrer sehr viele – lieben die stets ähnlich gestrickten Geschichten in gewohnten Kulissen und mit bekanntem Personal, in die sie ohne die Lektüre langer Einleitungskapitel oder Vorwissen über das historische Umfeld wie in ein Paar alter, bequemer Pantoffel schlüpfen können.

Derb, laut, schmutzig: das »typische« Mittelalter

Dazu passen die meist leicht karikierend angelegten Figuren. Sir John Cranston mimt den lebensprallen Kraftmenschen, der leicht vertrottelt wirkt, sich reichlich aus einem um den Hals gehängten Weinschlauch zu bedienen pflegt und grob umherpoltert. Andererseits erinnert Harding immer wieder daran, dass Cranston ein Ritter mit reicher Lebens- und Kampferfahrung ist, der immer noch zulangen kann, wenn es erforderlich ist.

Obwohl vom politischen und gesellschaftlichen Status her prinzipiell die Hauptfigur, verharrt Cranston tatsächlich in der Dr.-Watson-Rolle. Bruder Athelstan, seine rechte Hand und somit sein Bediensteter, ist der eigentliche Sherlock Holmes des Duos. Dazu passt seine dröge Art, die von Intelligenz und Ernst künden soll, was ohne den handfesten Cranston indes nur schwer zu ertragen wäre. Athelstan hat eine Bildung genossen, wie sie in dieser Qualität in der Tat nur in den zeitgenössischen Klöstern und Stiften vermittelt wurde, Cranston reich und adlig geboren; er ist deshalb mehr praktisch orientiert.

Was Status und Macht im Mittelalter wirklich bedeuteten, versinnbildlicht die Figur des Robert von Gaunt. Dem Herrscher »untertan« zu sein bedeutete viel mehr als sich nur vor ihm zu verneigen oder pünktlich seine Steuern zu zahlen. Wenn Robert »sein« Geld fordert, dann ist das eine ernste Sache für Cranston. Er hat zu gehorchen und es wieder aufzutreiben, sonst kann es geschehen, dass er sich vor Gericht und im Gefängnis, wenn nicht auf der Richtstätte wieder findet. (Hochverräter werden gevierteilt, wie uns Harding anschaulich informiert.)

Ein Verdienst Hardings ist seine Entscheidung, die ständige Präsenz von (gesetzlicher) Gewalt, Krankheit oder Tod in der mittelalterlichen Gemeinschaft nicht aus der Sicht des heutigen Zeitgenossen zu deuten oder gar zu verteufeln, um Betroffenheit (»Nein, wie furchtbar!«) zu evozieren. Sir John Cranston fürchtet den Zorn seines Herrn; alte Frauen halten sich mit ihren Kräuterkenntnissen zurück, um nicht als Hexen verfolgt zu werden; Schankdirne Meg muss es sich gefallen lassen, von angetrunkenen Gästen angetatscht und gekniffen zu werden – es ist wie es ist; nicht unbedingt gut aber eben alltäglich.

Schmal ist freilich der Grat zwischen Akzentuierung und Übertreibung. Was die Nebenfiguren betrifft, so arbeitet Harding quasi gern mit Matrizen. Der Bevölkerung ging im Mittelalter mehrheitlich eine Schulbildung im modernen Sinn ab. Das bedeutet natürlich nicht, dass die Menschen weniger intelligent waren als heute. Natürlich ist es schwierig ein solches abstraktes Phänomen in literarische Bilder zu fassen. Ist es jedoch zulässig das belletristische Mittelalter mit notorisch dummdreisten, ulkig radebrechenden Witzgestalten wie aus dem »volkstümlichen« Bauertheater oder aus Privatfernseh-Prollshows zu bevölkern?

Ihre Meinung zu »Paul Harding: Tödliches Rätsel«

Helfen Sie anderen Lesern, indem Sie einen Kommentar zu diesem Buch schreiben und den Krimi mit einem Klick auf die Säule des Thermometers bewerten. Und bitte nehmen Sie anderen Lesern nicht die Spannung, indem Sie den Täter bzw. die Auflösung verraten. Danke!

Christin Wolszczyniak zu »Paul Harding: Tödliches Rätsel« 26.11.2007
Ich liebe alle Doherty/Harding/Grace etc. Romane und lasse gar nichts darauf kommen. Die Fälle sind immer interessant und wer einmal einen Eco gelesen hat, weiß, wie Langatmigkeit WIRKLICH aussieht. Die auftretenden Personen sind durchweg interessant und in den meisten Fällen absolut liebenswert (Cranston, Athelstan, Benedicta, Kathryn, Colum usw). Ich habe jedes einzelne Buch mehrmals und mit großem Genuß gelesen. Wer sich nicht auf den heiteren Witz, die manchmal aufblitzende Melancholie und die große Herzlichkeit der einzelnen Ensemble einlassen kann, hat es nicht anders verdient als sich in die Lektüre von Büchern zu versenken, die ich gerne als "Lesen muß wehtun" bezeichne (Schöne Grüße an Herrn Drewniok !)
0 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Christin Wolszczyniak zu »Paul Harding: Tödliches Rätsel« 26.11.2007
Ich liebe alle Doherty/Harding/Grace etc. Romane und lasse gar nichts darauf kommen. Die Fälle sind immer interessant und wer einmal einen Eco gelesen hat, weiß, wie Langatmigkeit WIRKLICH aussieht. Die auftretenden Personen sind durchweg interessant und in den meisten Fällen absolut liebenswert (Cranston, Athelstan, Benedicta, Kathryn, Colum usw). Ich habe jedes einzelne Buch mehrmals und mit großem Genuß gelesen. Wer sich nicht auf den heiteren Witz, die manchmal aufblitzende Melancholie und die große Herzlichkeit der einzelnen Ensemble einlassen kann, hat es nicht anders verdient als sich in die Lektüre von Büchern zu versenken, die ich gerne als "Lesen muß wehtun" bezeichne.
0 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Mario Schubert zu »Paul Harding: Tödliches Rätsel« 29.03.2004
Ein schönes Easy-Reading-Buch für zwischendurch, die Hauptfiguren machen das lesen dieses Buches (wie überhaupt der ganzen Reihe) zu einem amüsanten Leseerlebnis! Die Story selbst ist durch viele Wiederholungen und Zusammenfassungen zwar teilweise enervierend aber die Nebenhandlungen (zB der Gemeinde Athelstans) machen das locker wieder wett.
Sehr gut auch geeignet zur Umsetzung als Abenteuer eines Fantasy-Rollenspiels (Mein Hauptgrund, es überhaupt zu lesen).
2 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Ihr Kommentar zu Tödliches Rätsel

Hinweis: Fragen nach einem fertigen Referat, einer Inhaltsangabe oder Zusammenfassung werden gelöscht.

Seiten-Funktionen: