Nebel am Montmartre von
Buchvorstellung und Rezension
Bibliographische Angaben
Originalausgabe erschienen 2001
unter dem Titel Les brouillards de la butte,
deutsche Ausgabe erstmals 2010
bei Nautilus.
Ort & Zeit der Handlung: Frankreich / Paris, 1910 - 1929.
- Paris: Gallimard, 2001 unter dem Titel Les brouillards de la butte. 221 Seiten.
-
Hamburg: Nautilus, 2010.
Übersetzt von Katja Meintel.
ISBN:
978-3894017200. 189 Seiten.
'Nebel am Montmartre' ist erschienen als
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In Kürze:
Nestor ist ein anarchistischer Privatdetektiv von zartem Gemüt. Zusammen mit seinem Freund Lebœuf, einem massigen Lumpensammler und Jahrmarktringer, versucht er, im Paris der Zwanzigerjahre für etwas Gerechtigkeit zu sorgen. Nebel am Montmartre ist eine Hommage an Léo Malet. Folgerichtig treiben sich auch bei Pécherot skandalumwitterte Grafen, verführerische Dienstmädchen und gewissenlose Großindustrielle zwischen Trödelmärkten, Cabarets und Gewerkschaftsräumen herum. Es entspinnt sich eine verwickelte Geschichte, in der jeder jeden zu erpressen scheint und der Detektiv den Mörder mit einer Ausgabe der Révolution surréaliste entlarvt. André Breton höchst selbst nimmt gar an einer nächtlichen Schießerei auf dem Friedhof teil und dient dem jungen Detektiv bald als BriefkastenAdresse : »›Was für eine Geschichte!‹, seufzte Breton. ›Als Poet sind Sie zwar ein Stümper, alter Knabe, aber langweilig wird einem in Ihrer Gesellschaft nicht.‹«
Am Ende wird das Verbrechen mittels eines Pamphlets über »Die surrealistische Revolution« aufgelöst. Mit einer Finte ein Geständnis entlockt. Dann sind fünf Menschen tot und eine wirtschaftliche Verschwörung entlang des ersten Weltkrieges ist aufgedeckt worden. Nur die Helden sammeln die Lorbeeren nicht ein. Sie ergreifen die Flucht übers Meer. Sie wirken wie die tragisch komischen Gestalten aus Becketts Warten auf Godot. Ihr Glück trifft niemals ein.
Patrick Pécherots Paris von 1926 ist die Zeit des André Bretons, des Antonin Artauds, des Eugene Bizeaus, selbst Abel Gance und seine Jahrhundert-Verfilmung von Napoleon tauchen am Rande auf. Große Namen, doch die kleinen Helden bestimmen die Atmosphäre des Romans, der 2002 den Grand Prix de Littérature Policière bekam und sich als Hommage an Léo Malet versteht. Nebel am Montmartre ist Auftakt zu Pécherots Trilogie über die Jahre zwischen den Weltkriegen in Paris.
Auch ohne all die Querverweise auf Malet und sein Werk, auf die Wortspielereien der Surrealisten ist die Geschichte um Pipette, der gerne Poet wäre, sich nach dem Leben eines Bohemiens sehnt, jedoch das Schicksal abertausender Zeitgenossen erleidet, indem er hungert, friert und sich mit Gelegenheitsjobs wie privaten Ermittlungen durchschlägt, äußerst kurzweilig. Sie besitzt den Charme der verklärten Vergangenheit, bei der Anarchisten, Gewerkschaftler und Illegalisten um die Wortführerschaft streiten, sich mitten im gesellschaftlichen Umsturz empfinden.
Fundgrube
Um sich in der Vielzahl der Anspielungen zurechtzufinden, hängt der Verlag extra ein Glossar an. Wir befinden uns im »Le Cyrano«, im »La Vache enragée« wieder, streifen über den Trödelmarkt, fliehen über die Dächer, lauschen den Worten Bretons, der sich sogar zu einem Schusswechsel auf einem Friedhof genötigt sieht, verfolgen hitzige Diskussionen über Poesie und Politik und dem Kunstverstand an sich, während sich allmählich herausschält, dass Erpressung zum Lieblingsspiel gewisser Kreise geworden ist. Wissen ist Macht. Das Wissen um die Verfehlungen anderer verleiht manchem die Hoffnung auf eine bessere Zukunft.
Pécherot gelingt es, sein Paris mit Glücksrittern zu bevölkern. Der Wirtschaftsmagnat weiß, seine Interessen zu wahren, indem er in den Verlauf der Geschichte eingreift und im Nachkriegsfrankreich alle Anschuldigungen und Unterstellungen überlebt, sich bereichert zu haben. Bis ausgerechnet der Schwiegersohn den Beweis erbringt und ihn erpresst.
Dies könnte zu einer schonungslosen Aufbereitung á la Jean-Pierre Manchette führen, doch Pécherot behauptet von sich, dass er beim Schreiben vor allem an der Melodie seiner Geschichte interessiert ist. So kommt es einem beim Lesen von »Nebel am Montmartre« beinah so vor, als höre man ein vielstimmiges Chanson voller Anspielungen auf ein Leben, das untergegangen ist.
Raymond, Cottet, Leboeuf und Pipette
Nebel am Montmartre kann seine Wurzeln im Roman noir nicht verleugnen. Allerdings ist er an vielen Stellen ironisch gebrochen und spielt versiert mit dem Etikett. Ein Raub geht gleich zu Anfang schief. Vier Ganoven stoßen bei ihrem Bruch auf eine Leiche und die verpestet die Luft, nachdem sie lange Zeit eingesperrt war. Pipette und sein Freund Leboeuf , einem Lumpensammler und Jahrmarktringer, ziehen das Pech förmlich an, so dass sie selber in Verdacht geraten und sich eingestehen müssen, dass ihnen wohl niemand Glauben schenken wird, wenn sie die Wahrheit sagen.
Zumindest darf Pipette im Verlauf der Geschichte seinem Traum nachkommen, ein Poet zu sein, auch wenn sein Vortrag nicht gerade auf enthusiastische Zustimmung trifft, so dass er sich eingestehen muss, dass Breton wohl weniger an ihm als Künstler als an dem Unwirklichen, dem Traumhaften seines Lebens interessiert ist.
Dass Pécherot dieses Leben einzufangen vermag, besitzt Spritzigkeit.
Wolfgang Franßen, März 2010
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| tassieteufel zu »Patrick Pécherot: Nebel am Montmartre« | 28.03.2010 |
|---|---|
| Stefan83 zu »Patrick Pécherot: Nebel am Montmartre« | 16.03.2010 |

