Leichendieb von Patrícia Melo

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2010 unter dem Titel Ladrão de Cadáveres, deutsche Ausgabe erstmals 2013 bei Tropen.

  • Rio de Janeiro: Rocco, 2010 unter dem Titel Ladrão de Cadáveres. 200 Seiten.
  • Stuttgart: Tropen, 2013. Übersetzt von Barbara Mesquita. ISBN: 978-3-608-50118-6. 200 Seiten.

'Leichendieb' ist erschienen als Hardcover

In Kürze:

Ein Päckchen Kokain liegt neben der Leiche eines jungen Mannes. Der Finder beschließt, es zu verkaufen, und verstrickt sich damit in eine Welt aus Betrug und Erpressung. Um zu überleben, muss er bald schon eine Menge Geld auftreiben. Mit einem perfiden Plan macht er sich an die schwerreichen Eltern der Leiche heran.

Das meint Krimi-Couch.de: »Koks, Tränen und große Gefühle« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Andreas Kurth

Ein Call-Center-Manager ohrfeigt in einem unbedachten Moment eine Mitarbeiterin – die sich kurz darauf das Leben nimmt. Ihm wird die Schuld dafür gegeben, er wird entlassen, und zieht frustriert zu einem Cousin in die Provinz . Um sich zu zerstreuen, geht er gerne zum Angeln – und sieht bei dieser Gelegenheit ein kleines Flugzeug abstürzen. Dem jungen Piloten ist nicht mehr zu helfen, und nach kurzem Zögern raubt der Ex-Manager – seinen Namen erfährt der Leser während der kompletten Geschichte nicht – den Sterbenden aus. Er nimmt dessen Rucksack mit Papieren, die Uhr des Piloten, und einen Rucksack, der unter anderem einen Ziegel Kokain enthält. Aus dem Rauschgift will er Profit machen, und so lässt er sich mit Kriminellen aus dem Nachbarland Bolivien ein. Um zu kaschieren, dass er plötzlich über mehr Geld verfügt, nimmt er einen Job als Chauffeur an – ausgerechnet bei der Familie des toten Piloten. Seine Freundin, einst bei der Polizei beschäftigt, jetzt Leiterin des Leichenschauhauses der Stadt, weiht er zunächst nicht ein. Schrittweise führt ihn seine kriminelle Karriere jedoch in immer stärkere Widersprüche – bis es schier ausweglos wird.

Patricia Melo präsentiert dem Leser in ihrem neuen Roman Leichendieb eine äußerst zwiespältige Figur. Den Namen des Protagonisten verschweigt die Autorin, deshalb will ich ihn hier den »Ex-Manager« nennen. Zwar wird er von den bolivianischen Drogenlieferanten alsbald Porco genannt, aber das erscheint mir eher unangemessen – schließlich wollen sie ihn mit diesem Spitznamen nur demütigen. Wie der Ex-Manager in seine »Verbrecherkarriere« hineingerät, ist schon bemerkenswert. Er sitzt beim Angeln, als vor seinen Augen in einer entlegenen Ecke Brasiliens ein Kleinflugzeug in den Fluss stürzt. Als er dann neben dem sterbenden Piloten kniet entscheidet sich in einer Sekunde der weitere Verlauf seines Lebens. Denn alles was danach kommt, ist im Grunde die Folge des Griffs nach dem Rucksack des jungen Mannes. Er biegt einmal falsch ab – und das wiederholt sich in der Folgezeit immer wieder.

Der Ex-Manager hat übrigens eine prägnante Marotte. Aus seiner Zeit im Callcenter ist eine sprachliche Angewohnheit zurück geblieben. Damals hat er die Mitarbeiter per Funk koordiniert, und auch jetzt noch beendet er – als Ich-Erzähler des Romans – hin und wieder Sätze mit »Over«. Die Häufigkeit variiert, unter Stress kommt das »Over« in kürzeren Abständen. Das Wort ist gewissermaßen ein Pegel seines Gemütszustandes. Und der wird nicht besser, seit er sich mit den Narcotraficantes aus dem Nachbarland eingelassen hat. Aber auch sein Privatleben sorgt für emotionalen und sonstigen Stress beim Ex-Manager. Er lässt sich mit der Freundin seines Cousins ein, obwohl er mit seiner eigenen Freundin konkrete Zukunftspläne hat. Irgendwie betrügt er beide Frauen mit der jeweils anderen, und die Verwicklungen führen auch dazu, dass sich seinen kriminelle Karriere immer schneller entwickelt.

Ein echter Coup der Erzählerin ist, dass sie den Ex-Manager als Chauffeur bei der Familie des toten Piloten landen lässt. Weil er Mitleid mit der Mutter des Toten hat, wird die Sache schließlich noch komplizierter. Patricia Melo zeigt hier viele denkbare Facetten menschlicher Empfindungen. Sie zeigt aber auch, zu wie viel Selbstverleugnung der Mensch fähig ist. Es geht um Liebe und Eifersucht, Besitzstreben, Gier, Skrupel und Familiensinn. Der Ex-Manager ist im Grunde nur ein Tagträumer, aber durch seine falschen Entscheidungen, die zuweilen von Opportunismus geprägt sind, wird es zum Verbrecher. Er zieht schließlich seine unbescholtene Freundin mit hinein, und redet sich und ihr das kriminelle Vorgehen auch noch schön.

Der Mann ist zutiefst verunsichert, seine Lebensperspektive ist mal unklar, mal durchaus hellsichtig. Stets lebt er in der Hoffnung, mit dem nächsten Schritt wieder Fuß zu fassen – um sich nur noch tiefer in die Probleme hinein zu reiten. Patrícia Melo zeigt sich hier als hervorregende Erzählerin, sie versteht es von Beginn an, den Leser mit ihrer faszinierenden Geschichte zu fesseln. Ein ungewöhnlicher Kriminalroman, der zwischen Schelmengeschichte und ernstem Geschehen hin und her schwankt. Am Ende fühlt man sich hervorragend unterhalten, und freut sich auf das nächste Buch dieser bemerkenswerten Autorin.

Andreas Kurth, Juni 2013

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Peter Feuer zu »Patrícia Melo: Leichendieb« 18.09.2013
Patrícia Melo war mir bislang unbekannt und ich habe das Buch auf Empfehlung der ZEIT gekauft. Es hat mir gefallen und wie die Autorin die Geschichte entwickelt, das ist schon sehr souverän. Vor allem die atmosphärischen Beschreibungen der Handlungsorte und Personen haben mich sofort in das Geschehen hineingezogen. Allerdings fehlte mir ein wenig das Spannungselement, was das angeht, schreibt Patrícia Melo eher mit angezogener Handbremse. Ich hatte den Eindruck, dass es der Autorin darauf auch nicht ankam und sie vielmehr ein Porträt des wie fremdgesteuert wirkenden Protagonisten schreiben wollte. Ein wenig gestört hat mich jedoch, dass der Ich-Erzähler sich bei seiner Arbeit als Call-Center-Agent offenbar die Marotte angewöhnt hat, seine Gedanken mit „Over“ zu beenden. Auf die Dauer fand ich das eher nervig. Trotzdem: Eine lakonisch erzählte Geschichte, stilistisch auf hohem Niveau und zugleich eine eindrucksvolle Kritik an der brasilianischen Gesellschaft.
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