Ich töte, Du stirbst von

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1994 unter dem Titel Acqua toffana, deutsche Ausgabe erstmals 2002 bei Klett-Cotta.
Ort & Zeit der Handlung: Brasilien / Sao Paulo, 1990 - 2009.

  • São Paulo: Companhia das Letras, 1994 unter dem Titel Acqua toffana. 140 Seiten.
  • Stuttgart: Klett-Cotta, 2002. Übersetzt von Barbara Mesquita. ISBN: 3-608-93559-2. 140 Seiten.

'Ich töte, Du stirbst' ist erschienen als Hardcover

In Kürze:

Sao Paulo. Ein Frauenmörder verbreitet im Stadtteil Lapa Furcht und Schrecken. Wer ist er? Ritas Ehemann, der schon als Kind den Liebhaber seiner Mutter umgebracht hat? Oder der unauffällige Angestellte, der auf elegant gebügelte Hemdkragen hält? Eine junge Frau, Rita, sucht einen Detektiv auf, weil sie vermutet, ihr Mann sei der berüchtigte Frauenmörder von Lapa. Sie fürchtet um ihr Leben. Es ist tatsächlich ein Geheimnis um ihren Mann, Rubem Marcondes, einen Fernsehproduzenten, dem sie langsam auf die Spur kommt: Rubem lügt. Sie findet in einem geheimen Versteck im Keller Ampullen: Aqua Toffana, jenes tückische Gift, das langsam tötet. Der Detektiv ist skeptisch. Ist sie nur eine Psychopathin? Dann wird die Leiche einer jungen Frau gefunden, das sechste Opfer. Rita. Der zweite Teil des Romans erzählt von einem unscheinbaren Angestellten, der besessen ist von Hemdkragen. Nur wenn sie richtig gebügelt sind, verleihen sie dem Träger jene lässige Eleganz. Die Obsession wird zur Psychose. Er beginnt Tagträume über eine Nachbarin, Celia, zu haben. Ich töte dich, du stirbst. Messer? Strick? Gift? Messer! Oder ist das auch nur geträumt?

Das meint Krimi-Couch.de: »Melo ist eine Entdeckung«

Krimi-Rezension von Michael Matzer

Die vernachlässigte Ehefrau Rita verdächtigt ihren Mann, ein berüchtigter Frauenmörder zu sein. Ist sie das nächste Opfer? – Ein pedantischer Bankangestellter will seine Nachbarin killen, muss sie aber zuerst verführen: ein todbringender Don Juan. Ist er der gesuchte Frauenmörder? – Zwei Episoden um Psychosen bilden diesen kriminell guten Roman einer Brasilianerin.

Die Hauptfigur und Ich-Erzählerin des 1. Teils ist die junge Brasilianerin Rita. Sie sucht ein Polizeirevier auf, um dem Beamten zu berichten, sie vermute, ihr eigener Gatte sei der berüchtigte Frauenmörder des Stadtteils Lapa. Sie fürchte um ihr Leben. Das macht den Beamten erst einmal skeptisch.

Und uns auch, denn Rita, die vernachlässigte Gattin, die den ganzen Tag im Fernsehen amerikanische Krimiklassiker anschaut (diese Szenen verschwimmen mit der Realität), schnüffelt ihrem Männe, Rubem Marcondes, hinterher. Rubem ist Fernsehproduzent, und tatsächlich scheint ihn ein Geheimnis zu umgeben.

Auf ihren Beschattungsfahrten entdeckt Rita, wie ihr Angetrauter andere Frauen trifft, attraktive Blondinen gar, in Cafés und Bars. Ihre Paranoia wächst: landet sie demnächst bald beim alten Eisen? Doch Rubem streitet natürlich alles als Einbildung und Unsinn ab. Rita zweifelt an ihrem Verstand.

Dann findet sie, ganz die Paranoikerin, in einem geheimen Versteck im Keller mehrere mysteriöse Ampullen: Darin befindet sich Aqua Toffana (vgl. O-Titel), jenes tückisch wirkende Gift aus der Renaissance, das so langsam tötet, dass es zwei Jahre (!) dauert, bis das Opfer verendet.

Der Polizeibeamte ist weiterhin skeptisch: Ist Rita nicht doch nur eine durchgeknallte Psychopathin? Wenig später wird die Leiche einer jungen Frau in Lapa gefunden, das sechste Opfer: Rita.

Auch am Geisteszustand der zweiten Hauptfigur und Ich-Erzählers des Romans gibt uns reichlich Anlass, ernsthaft an seiner geistigen Gesundheit zu zweifeln. Der unscheinbare, aber höchst penible Bankangestellte – er hat täglich nur Formulare abzustempeln, sonst nichts – und Vater zweier Kinder ist relativ besessen von Hemdkragen. Sie müssen a) von seiner Frau korrekt gebügelt sein und b) korrekt sitzen. Nur wenn sie richtig gebügelt sind, verleihen sie dem jeweiligen Träger jene lässige Eleganz (meint er).

In seine Alpträume mischen sich Bilder Stich- und Schneidewerkzeugen: Messer, Stichel, Dolche. Auch Revolver. Sein Hass richtet sich gegen seine etwas betagte Nachbarin Célia, eine gut erhaltene Vier- oder Fünfzigerin. Er schickt ihr Karten, Blumen. Irgendwie muss er ihr ja näherkommen. So nahe, dass er sie in ihrer badewanne ertränken kann. Denn das ist der trick: Den Mord so aussehen zu lassen wie einen Unfall: Das Badewasser läuft ihr in den Mund, ein Reflex hindert sie an der Gegenwehr, Affe tot.

Sein Wunschtraum geht in Erfüllung (oder ist alles nur Einbildung?): Er zerstückelt Célias Leiche und versenkt die Müllbeutel vor der Küste. Ha, wie soll man ihm nun auf die Spur kommen? Nie im Leben. Doch als ihm niemand verdächtigende Fragen stellt, wird er unruhig. Eines Morgens liest er die Zeitung: Der Frauenmörder von Lapa hat ein sechstes Opfer gefordert. Unverzüglich meldet er sich auf dem Kommissariat und gesteht: Ich bin der, den ihr sucht. Der Kommissar schaut ihn erschrocken an.

Patricia Melos Geschichten erinnern an die Mördergeständnisse in Edgar Allan Poes Geschichten »Die scharze Katze« und »Das geschwätzige Herz«: Der Mörder (?) empfindet mehr Einbildungen, leidet unter einer (imaginären?) Tat und stellt sich schließlich: entweder , wie bei Poe und Melo #2, dem Arm der Gerechtigkeit oder, wie bei Melo #1, dem unausweichlichen Schicksal.

Das Thema der beiden Novellen, die den Roman »Ich töte, du stirbst« ausmachen, ist in jedem Fall Gewalt: sei sie nun real oder »nur« eingebildet. Die Erzählweise ist brillant, vielseitig, schier atemlos dahinjagend in ihrer Paranoia. (Ich habe den Roman komplett an 1 Tag gelesen.)

Woher kommt er, dieser Verfolgungswahn? Er hat viele Quellen. Die vernächlässigte Rita erfindet sich einen Mörder nach dem Vorbild der amerikanischen Krimis. Sie findet ihr höhere Bedeutung als Opfer, eine Opfer von derart durchtriebener Mordlust und Tücke, das sie sozusagen die Krönung aller Opfer darstellt.

Auch der Bankangestellte stilisiert sich zu höherer Bedeutung: Direkte Einwirkung auf die Umwelt, nicht mehr nur denken, stempeln wie ein kleines Rädchen in der Maschine, nein, ein Mord muss her. Als ob eine solche Tat zum Heldentum tauge. So kommt man in die Zeitung. Berühmt oder berüchtigt – wo liegt da heutzutage der Unterschied?

In Washington, D.C., spielt heute einer Gott, indem er wahllos Menschen abknallt. Terror oder ultimativer Horror (bei Rita) als Vergegenwärtigung des verschwindenden, anonymen Individuums. »Selbsternannte Götter«, wie Gert Heidenreich sie nennt, sind vielleicht die Agonie im Kampf des Einzelnen um Selbstbehauptung: Träume von Gift, Dolchen, Messern, Revolvern überschwemmen, freigelassen von den visuellen Medien, das Bewusstsein der Massen. Der Mörder und sein Opfer als Doppelheldenpaar. Für 15 Minuten Ruhm.

Melo ist eine Entdeckung, nicht nur in Sachen Einfallsreichtum und Aussage des Inhalts, sondern auch in literarischer Hinsicht. So rasant und dennoch unter die Haut gehend erlebt man heute selten eine Erzählung. Das Thema sorgt ebenso wie seine brillante Umsetzung für wohlige Schauder beim Leser.

Ihre Meinung zu »Patrícia Melo: Ich töte, Du stirbst«

Helfen Sie anderen Lesern, indem Sie einen Kommentar zu diesem Buch schreiben und den Krimi mit einem Klick auf die Säule des Thermometers bewerten. Und bitte nehmen Sie anderen Lesern nicht die Spannung, indem Sie den Täter bzw. die Auflösung verraten. Danke!

Ihr Kommentar zu Ich töte, Du stirbst

Hinweis: Fragen nach einem fertigen Referat, einer Inhaltsangabe oder Zusammenfassung werden gelöscht.

Seiten-Funktionen: