Cornwell, Patricia: Wer war Jack the Ripper? von

Buchvorstellung

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2002 unter dem Titel Portrait of a Killer. Jack the Ripper. Case Closed, deutsche Ausgabe erstmals 2002 .

  • Hamburg: Hoffmann & Campe, 2002. ISBN: 3-455-09365-5. 414 Seiten.

'Leseprobe' ist erschienen als HardcoverTaschenbuchHörbuch

ISBN 3-442-45806-4, 480 Seiten, 55 Abbildungen. Copyright © Verlagsgruppe Random House

Leseprobe

Aus dem Amerikanischen von Hainer Kober

Allgemeine Panik griff um sich, und viele Menschen von
leicht erregbarem Temperament erklärten, der Böse sei
auf die Erde zurückgekehrt.

H. M., anonymer Missionar aus dem East End, 1888

1
Mr. Nemo

Montag, der 6. August 1888, war ein Feiertag in London, und
die Stadt verwandelte sich in einen Jahrmarkt voll wunderbarer
Dinge, die sich für ein paar Pennys tun ließen, falls man sie
erübrigen konnte. In Windsor läuteten den ganzen Tag hindurch
die Glocken der Pfarrkirche und der St. George’s
Chapel. Auf den Schiffen wurden Flaggen gehisst, und aus den
Kanonen dröhnte der königliche Salut zu Ehren des Duke of
Edinburgh, der seinen 44. Geburtstag feierte.
Der Kristallpalast bot eine überwältigende Fülle von Veranstaltungen:
Orgelkonzerte, Militärkapellen, ein »monumentales
Feuerwerk«, ein großes Märchenballett, Bauchredner und
die »weltberühmten Minstrel-Shows«. Madame Tussaud’s präsentierte
ein Wachsmodell von der öffentlichen Aufbahrung
Friedrichs III. und natürlich die Schreckenskammer, die so beliebt
war wie eh und je. Andere köstliche Schrecken warteten
auf all jene, die sich Theaterkarten leisten konnten und denen
der Sinn nach einer Moralität oder einfach einem schönen altmodischen
Schauerstück stand. Dr. Jekyll und Mr. Hyde wurde
vor ausverkauften Häusern gespielt. In Henry Irvings Lyceum
brillierte der berühmte amerikanische Schauspieler Richard
Mansfield als Jekyll und Hyde. Auch die Opéra Comique
brachte eine Version dieses Stoffes, allerdings mit schlechten
Kritiken und skandalumwittert, weil das Theater Robert Louis
Stevensons Roman ohne Genehmigung für die Bühne bearbeitet
hatte.
An diesem öffentlichen Feiertag gab es Rinder- und Pferdeschauen,
»Sondertarife« für Bahnfahrten und auf den Basaren
in Covent Garden ein Überangebot an Bestecken aus Sheffield,
an Gold, Juwelen und gebrauchten Militäruniformen. Wer in

diesem ausgelassenen, aber auch recht rohen Treiben als Soldat
auftreten wollte, konnte das für wenig Geld und ohne lästige
Fragen tun. Oder man konnte sich als Polyp ausgeben, indem
man sich eine echte Polizeiuniform bei Angel’s Theatrical Costumes
in Camden Town auslieh – von der Wohnung des blendend
aussehenden Walter Richard Sickert ein Spaziergang von
nicht viel mehr als drei Kilometern.
Der 28-jährige Sickert hatte seine glücklose Laufbahn als
Schauspieler aufgegeben, weil er sich zu den höheren Weihen der
Kunst berufen fühlte. Er war Maler und Kupferstecher geworden,
der sein Handwerk bei James McNeill Whistler und Edgar
Degas gelernt hatte. Dabei war der jugendliche Sickert selbst ein
Kunstwerk: schlank, mit einem vom Schwimmen gekräftigten
Oberkörper, Nase und Kinn von vollkommener Form, dichte
blonde Locken und blaue Augen, die so unergründlich und so
durchdringend waren wie seine geheimen Gedanken und sein
rascher Verstand. Man hätte ihn sogar schön nennen können,
wäre da nicht sein Mund gewesen, der sich zu einem harten,
grausam wirkenden Strich zusammenziehen konnte. Seine exakte
Größe ist unbekannt, aber von einem Bekannten wurde sie als
etwas über dem Durchschnitt beschrieben. Fotografien und
mehrere Kleidungsstücke aus seinem Besitz, die in den 1980er
Jahren dem Archiv der Tate Gallery gestiftet wurden, lassen darauf
schließen, dass er wahrscheinlich zwischen einem Meter
siebzig und einem Meter fünfundsiebzig maß.
Sickert sprach fließend Deutsch, Englisch, Französisch und
Italienisch, Latein beherrschte er hinreichend, um es Freunden
beizubringen, er konnte etwas Dänisch und Griechisch und
möglicherweise auch ein paar Brocken Spanisch und Portugiesisch.
Es hieß, er lese die Klassiker im Original, aber beende
nicht alle Bücher, die er angefangen habe. Nicht selten lagen
Dutzende von Romanen bei ihm herum, aufgeschlagen auf der
letzten Seite, die seine Neugier gefesselt hatte. Geradezu süchtig
war Sickert aber nach Zeitungen, Klatschblättern und Zeitschriften.

Bis zu seinem Tod im Jahr 1942 sahen seine Ateliers und Arbeitszimmer
aus wie Recyclingcenter für jeden Fetzen Zeitungs-
und Zeitschriftenpapier, den Europas Druckerpressen
ausgespuckt hatten. Man fragt sich, woher ein viel beschäftigter
Mensch die Zeit nahm, vier, fünf, sechs, zehn Zeitungen pro
Tag zu lesen, aber Sickert hatte seine Methode. Er kümmerte
sich um nichts, was ihn nicht interessierte – egal, ob es um Politik,
Wirtschaft, Kriege oder Menschen ging. Nichts spielte für
Sickert eine Rolle, wenn es nicht in irgendeiner Weise Sickert
betraf.

Mit Vorliebe las er über die neuesten Vergnügungen, die in
der Stadt zu erwarten waren, studierte gründlich die Kunstkritiken,
wandte sich dann rasch den Kriminalberichten zu und
suchte schließlich nach seinem Namen, falls Grund zu der Annahme
bestand, dass er in den Blättern auftauchte. Leserbriefe
bereiteten ihm ein besonderes Vergnügen, vor allem diejenigen,
die er selbst geschrieben und mit einem Pseudonym unterzeichnet
hatte. Sickert wusste gar zu gern, was die Leute taten,
vor allem in der Privatsphäre ihres durchaus nicht immer
so wohlanständigen viktorianischen Lebensalltags. »Schreibt,
schreibt, schreibt!«, pflegte er seine Freunde zu bitten. »Berichtet
mir in allen Einzelheiten von allem, von den Dingen, die
euch amüsiert haben, wie, wann und wo das war, von allem
möglichen Klatsch, egal über wen.«
Sickert verachtete die Upperclass, aber er war ein Prominentenjäger.
Irgendwie gelang es ihm, sich im Umkreis der
Berühmtheiten seiner Zeit zu bewegen: Henry Irving, Ellen
Terry, Aubrey Beardsley, Henry James, Max Beerbohm, Oscar
Wilde, Monet, Renoir, Pisarro, Rodin, André Gide, Édouard
Dujardin, Proust, Parlamentsabgeordnete. Was aber nicht unbedingt
hieß, dass er auch viele von ihnen kannte, und niemand -
berühmt oder nicht – kannte ihn jemals wirklich, noch nicht
einmal seine erste Frau Ellen, die in knapp zwei Wochen vierzig
Jahre alt werden würde. An diesem Feiertag dürfte Sickert
kaum an den Geburtstag seiner Frau gedacht haben. Andererseits war es äußerst unwahrscheinlich, dass er ihn vergessen
hatte.

Für sein erstaunliches Gedächtnis erntete er nämlich viel
Bewunderung. Sein Leben lang unterhielt er Dinnergäste mit
Aufführungen langer Passagen aus Operetten und Theaterstücken,
bei denen er sich für seine Rollen kostümierte und sie
fehlerlos rezitierte. Sickert hatte sicherlich nicht vergessen,
dass Ellen am 18. August Geburtstag hatte, schließlich bot sich
damit eine gute Gelegenheit, ihr einen wichtigen Tag zu verderben.
Vielleicht würde er ihn »vergessen«. Vielleicht würde
er in eine der heimlich angemieteten Bruchbuden verschwinden,
die er Ateliers nannte. Vielleicht würde er Ellen in ein
romantisches Café in Soho ausführen und sie am Tisch sitzen
lassen, während er sich in ein Varieté davonmachte und den
Rest des Abends fortbliebe. Ellen liebte Sickert ihr ganzes trauriges
Leben lang, trotz seiner Kaltherzigkeit, seiner pathologischen
Lügerei, seiner Egozentrik und der Angewohnheit,
Tage – oder sogar Wochen – ohne Vorankündigung oder Erklärung
zu verschwinden.

Weit mehr als im Theater erwies sich Walter Sickert im Leben
als Schauspieler. Er bewegte sich auf der Bühne seiner geheimen,
von wilden Phantasien getriebenen Existenz und fühlte
sich im tiefen Schatten verlassener Straßen ebenso zu Hause wie
im pulsierenden Leben dicht gedrängter Menschenmengen.
Glänzend verstand er es, seine Stimme zu verstellen, Theaterschminke
zu verwenden und sich zu verkleiden – schon als Junge
hatte er die Kunst der Verstellung so perfekt beherrscht, dass
er oft von Nachbarn und Familienangehörigen nicht erkannt
worden war.

Während seines langen, gefeierten Lebens war er berüchtigt
dafür, dass er durch eine Vielzahl verschiedener Bärte und
Schnurrbärte ständig sein Aussehen veränderte, für seine bizarre
Kleidung, die manchmal ein regelrechtes Kostüm war,
und für seine Haartrachten – bis hin zur Rasur des Kopfes. Er
sei ein »Proteus«, schrieb sein Freund, der französische Maler Jacques Émile Blanche. Sickerts »Talent zur Verstellung durch
Kleidung, Haartracht und Sprechweise kann sich durchaus mit
dem Frégolis* messen«, schrieb Blanche. Auf einem Porträt,
das Wilson Steer 1890 von Sickert malte, prangt in seinem Gesicht
ein verdächtig falsch wirkender Schnurrbart, der aussieht,
als hätte er sich einen Eichhörnchenschwanz über den Mund
geklebt.

Außerdem hatte er einen Hang, seinen Namen zu ändern.
Als Schauspieler wie bei seinen Gemälden, Radierungen,
Zeichnungen und in zahlreichen Briefen an Kollegen, Freunde
und Zeitungen hat er viele verschiedene Identitäten angenommen:
Mr. Nemo (lateinisch für Mr. Nobody, Herr Niemand),
ein Bewunderer, ein Whistlerianer, Ihr Kunstkritiker, ein
Außenseiter, Walter Sickert, Sickert, Walter R. Sickert, Richard
Sickert, W. R. Sickert, W. S., R. S., S., Dick, W. St., Rd. Sickert
LL.D. (Doktor der Rechte), R. ST. A.R.A. (Mitglied der Royal
Academy) und RdSt A.R.A.

Sickert hat keine Memoiren geschrieben, weder ein Tagebuch
noch einen Terminkalender geführt, seine Briefe und
Kunstwerke hat er nur in den seltensten Fällen datiert, daher
lässt sich nur schwer in Erfahrung bringen, wo er sich an bestimmten
Tagen, Wochen, Monaten oder sogar Jahren befunden
oder was er getan hat. So konnte ich auch keine Aufzeichnungen
über seinen Aufenthaltsort und seine Beschäftigungen
an diesem 6. August 1888 finden, aber es gibt gute Gründe für
die Annahme, dass er sich in London aufgehalten hat. Aus Notizen,
die er auf Varieté-Skizzen gekritzelt hat, geht hervor,
dass er am 4. und 5. August in London gewesen ist. Da die Vorstellungen
der Varieté-Theater selten vor halb eins in der Nacht
zu Ende waren, kann man mit ziemlicher Gewissheit annehmen,
dass er sich am 6. August ebenfalls in der Stadt befunden
hat; außerdem hatte sich Whistler überraschend entschlossen, am 11. August zu heiraten. Zwar gehörte Sickert nicht zum
kleinen Kreis der geladenen Gäste, aber es entsprach nicht
seiner Art, ein solches Ereignis zu versäumen – selbst wenn er
nur heimlich zuschauen konnte.

Der große Maler James McNeill Whistler hatte sich heftig in
die »bemerkenswert hübsche« Beatrice Godwin verliebt, die
fortan die beherrschende Rolle in seinem Leben spielen und es
nachhaltig verändern sollte. Whistler wiederum spielte eine fast
ebenso wichtige Rolle in Sickerts Leben und hatte auch dessen
Verlauf nachhaltig verändert. »Netter Junge, der Walter«, pflegte
Whistler Anfang der 1880er Jahre zu sagen, als er dem ehrgeizigen
und außerordentlich begabten jungen Mann noch mit
großem Wohlwollen begegnete. Inzwischen war ihre Freundschaft
abgekühlt, aber Sickert dürfte schwerlich vorbereitet gewesen
sein auf das, was ihm als erschreckender, völlig unerwarteter
und vollständiger Bruch erscheinen musste, den der vergötterte,
beneidete und verhasste Meister vollzog. Wie sehr
Sickert sich auch bemühen mochte, als Mensch und als Künstler
seine Unabhängigkeit zu behaupten, er war dennoch sein
Leben lang geradezu besessen von Whistler und schwankte
zwischen Verehrung für seinen früheren Lehrmeister und dem
Verlangen, ihn zu vernichten. Später sollte man Sickert nachsagen,
dass er Whistlers Auftreten und sein elegantes Äußeres
nachzuahmen versuche – gelegentlich ging er dabei sogar so
weit, dass er die bekannten modischen Markenzeichen Whistlers
trug, ein Monokel und eine schmale, schwarze Krawatte.
Im August 1888 hatten Whistler und seine Braut vor, die Flitterwochen
und den Rest des Jahres in Frankreich zuzubringen
und sich dort, wenn möglich, dauerhaft niederzulassen.
Die zukünftigen ehelichen Freuden des exzentrischen, genialen
und egozentrischen James McNeill Whistler müssen auf
dessen ehemaligen Laufburschen und Schüler befremdend gewirkt
haben. Eine von Sickerts vielen Rollen war die des unwiderstehlichen
Schürzenjägers, doch jenseits der Bühne war
er nichts dergleichen. Sickert war von Frauen abhängig und hasste sie. Sie waren geistig minderwertige Geschöpfe und völlig
nutzlos, es sei denn, sie sorgten für einen oder ließen sich
manipulieren, vor allem in Sachen Kunst oder Geld. Frauen
waren gefährlich, denn sie erinnerten an ein bitteres und demütigendes
Geheimnis, das Sickert nicht nur mit ins Grab
nahm, sondern auch über das Grab hinaus bewahrte, denn eingeäscherte
Leichname verraten nichts über körperliche Eigenheiten,
selbst wenn sie exhumiert werden. Sickert war mit einer
Missbildung des Penis geboren worden, an der er als Kleinkind
mehrfach operiert wurde. Nach diesen Eingriffen war er entstellt,
wenn nicht verstümmelt, und möglicherweise impotent.
In jedem Falle war von dem Penis vermutlich nicht mehr genügend
für eine Penetration verblieben, und es ist recht wahrscheinlich,
dass er sich zum Urinieren hinhocken musste wie
eine Frau.

»Nach meiner Theorie über die Verbrechen ist der Täter
stark entstellt«, heißt es in einem Brief vom 4. Oktober 1888,
der sich bei den Akten zu den Whitechapel-Morden im Archiv
der Londoner Stadtverwaltung befindet, »- möglicherweise ist
sein privatestes Teil beschädigt – & er rächt sich nun mit diesen
Untaten an dem Geschlecht.« Der Brief ist mit violettem Bleistift
geschrieben und trägt die rätselhafte Unterschrift »Scotus
«. Es könnte das lateinische Wort für Schotte sein. »Scotch«
kann »leichter, oberflächlicher Einschnitt« oder »schneiden«
bedeuten. Scotus kann auch eine merkwürdige, gelehrte Anspielung
auf Johannes Scotus Eriugena sein, einen Theologen
und Lehrmeister für Grammatik und Dialektik aus dem neunten
Jahrhundert.

Die Vorstellung, dass Whistler verliebt war und eine sexuelle
Beziehung zu einer Frau hatte, könnte sehr gut der Auslöser
gewesen sein, der Sickert zu einem der gefährlichsten und verstörendsten
Mörder aller Zeiten machte. Er begann in die Tat
umzusetzen, was er sich sein Leben lang ausgemalt hatte, nicht
nur in Gedanken, sondern auch auf Jugendskizzen, die entführte,
gefesselte und erdolchte Frauen darstellten.

Die Psychologie eines gewalttätigen, erbarmungslosen Mörders
lässt sich nicht durch ein einfaches Schema erklären. Es
gibt keine simplen Erklärungen, keine eindeutigen Kausalbeziehungen.
Doch der Kompass der menschlichen Natur weist
in eine bestimmte Richtung, und Sickerts Gefühle müssen in
höchsten Aufruhr geraten sein, als Whistler die Witwe des
Architekten und Archäologen Edward Godwin heiratete, der,
bevor er Beatrice ehelichte, mit der Schauspielerin Ellen Terry
zusammengelebt hatte und der Vater ihrer Kinder war.
Die betörend schöne und sinnliche Ellen Terry war eine der
berühmtesten Schauspielerinnen des viktorianischen Zeitalters,
und Sickert war fixiert auf sie. Als Halbwüchsiger hatte er
sie und ihren Kollegen Henry Irving verfolgt. Jetzt hatte
Whistler Verbindungen nicht nur zu einem, sondern zu beiden
Objekten von Sickerts Obsessionen geknüpft, und diese drei
Sterne in seinem Universum bildeten eine Konstellation, der er
nicht angehörte. Die Sterne scherten sich nicht um ihn. Er war
wirklich Mr. Nemo.

Aber im Spätsommer 1888 legte er sich einen neuen Bühnennamen
zu, der zu seinen Lebzeiten nie mit ihm in Verbindung
gebracht werden sollte, aber schon bald viel bekannter
wurde als die Namen Whistler, Irving oder Terry.
Die Umsetzung von Jack the Rippers Gewaltphantasien begann
am 6. August 1888, diesem sorglosen Feiertag, als er sein
Debüt auf seiner neuen Bühne hatte und die erste jener entsetzlichen
Vorstellungen gab, die zu einem der berühmtesten
ungelösten Mordfälle aller Zeiten werden sollten. Allgemein
und fälschlicherweise wird angenommen, sein abscheuliches
Gemetzel habe so plötzlich aufgehört, wie es begonnen habe,
und er sei aus dem Nichts gekommen und wieder dorthin verschwunden.
Jahrzehnte sind vergangen, erst fünfzig, dann hundert Jahre,
und seine grauenhaften Sexualverbrechen sind mit der Zeit
blass und unwirklich geworden. Sie sind zum Stoff für Krimirätsel,
Mystery-Wochenenden, Spiele und »Ripper-Walks« verkommen – organisierte Spaziergänge auf den Spuren von
Jack the Ripper, die unweigerlich mit einem Bier im Pub Ten
Bells enden. Saucy Jack, der freche Jack, wie der Ripper sich
manchmal selbst nannte, ist in düsteren Filmen aufgetreten, die
berühmte Schauspieler, Spezialeffekte und Fluten von dem
präsentierten, wonach der Ripper nach eigenem Bekunden
gierte: Blut, Blut, Blut. Heutzutage wecken seine Metzeleien
keine Furcht und Wut mehr, nicht einmal Mitleid mit den Opfern,
die still vermodern, teilweise in anonymen Gräbern.

2
Die Besichtigung

Kurz vor Weihnachten 2001 war ich zu Fuß unterwegs zu meinem
New Yorker Apartment an der Upper Eastside und
wusste, dass ich trotz meines Bemühens, ruhig und gut gelaunt
zu wirken, einen niedergeschlagenen und unruhigen Eindruck
machte.

Viel von diesem Abend ist mir nicht im Gedächtnis geblieben,
nicht einmal der Name des Restaurants, in dem unsere
kleine Gruppe gegessen hatte. Vage erinnere ich mich daran,
dass Leslie Stahl eine unheimliche Geschichte über die neuesten
Recherchen für ihre Sendung 60 Minutes erzählte und dass
alle am Tisch über Politik und Wirtschaft sprachen. Ich ließ die
üblichen Autorensprüche vom Stapel – die Lasst-den-Kopfnicht-
hängen- und Tut-wozu-ihr-Lust-habt-Ermutigungen -,
weil ich nicht über mich und die Arbeit sprechen wollte, die,
wie ich befürchtete, dabei war, mein Leben zu ruinieren. Mein
Herz war schwer, als müsste der Kummer in meiner Brust es
jeden Augenblick erdrücken.

Meine Literaturagentin Esther Newberg und ich beschlossen,
zu Fuß in unser Viertel zurückzukehren. Ich hatte wenig
zu sagen auf dem dunklen Bürgersteig, während wir an den üblichen
Verdächtigen vorbeikamen, die ihre Hunde ausführten,
und dem endlosen Strom von lauten Menschen, die in ihre
Handys sprachen. Von den Taxis und Hupen nahm ich kaum
Notiz. Ich stellte mir vor, ein Räuber würde versuchen, uns an
die Brieftasche oder die Wäsche zu gehen. Dem würde ich
es zeigen, mich ducken, seine Beine umklammern und ihn zu
Fall bringen. Ich bin einen Meter fünfundsechzig groß, wiege
55 Kilo und bin schnell auf den Beinen. Ja, er hätte nichts zu
lachen. So malte ich mir aus, was ich täte, wenn irgendein psychopathisches Stück Dreck sich von hinten an uns heranschliche und plötzlich...
»Wie geht’s?«, fragte Esther.
»Um die Wahrheit zu sagen...«, begann ich, weil ich Esther
selten die Wahrheit sage.
Es gehört nicht zu meinen Gewohnheiten, gegenüber meiner
Agentin Esther Newberg oder meiner Verlegerin Phyllis
Grann zuzugeben, dass ich mich bei dem, was ich tue, manchmal
fürchte oder unwohl fühle. Die beiden Frauen sind die
Grundpfeiler meiner beruflichen Existenz und glauben an
mich. Als ich ihnen erzählte, ich hätte Recherchen über Jack
the Ripper angestellt und wüsste nun, wer er gewesen sei, zweifelten
sie nicht einen Augenblick an meinen Worten.
»Mir geht es mies«, bekannte ich und fühlte mich so elend,
dass ich hätte heulen mögen.

»Tatsächlich?« Für einen Augenblick unterbrach Esther auf
der Lexington Avenue ihren Nichts-hält-mich-auf-Schritt.
»Dir geht es mies? Wirklich? Warum?«
»Das Buch macht mich fertig, Esther. Ich weiß nicht, warum
um alles in der Welt ich …Dabei habe ich mich nur mit seinen
Bildern und seinem Leben beschäftigt, aber eins kam zum andern...«
Sie sagte kein Wort.
Mir fällt es seit jeher leichter, zornig zu werden, als Angst
oder Verlusterlebnisse zu zeigen, und ich war im Begriff, mein
Leben an Walter Richard Sickert zu verlieren. Er nahm es mir
weg. »Ich möchte meine Romane schreiben«, sagte ich. »Ich
will nicht über ihn schreiben. Das macht keinen Spaß. Nicht
den geringsten.«
»Hör mal«, sagte sie ganz ruhig und nahm ihren Schritt wieder
auf. »Du musst es nicht schreiben. Ich krieg dich aus der
Sache wieder raus.«

Sie hätte mich aus der Sache rauskriegen können, aber ich
mich selber nie und nimmer. Schließlich kannte ich die Identität
eines Mörders und konnte diese Tatsache nicht mehr aus meinem Bewusstsein ausblenden. »Ich hab mich da in die Position
einer Richterin manövriert«, erläuterte ich Esther. »Es
spielt keine Rolle, dass er tot ist. Hin und wieder fragt mich
diese leise Stimme in meinem Inneren: Und was ist, wenn du
dich täuschst? Ich würde mir nie verzeihen, wenn ich so etwas
über einen Menschen gesagt hätte und dann herausfände, dass
es nicht stimmt.«
»Aber du glaubst nicht, dass du dich irrst...«
»Nein, auf keinen Fall.«
Es hatte alles ganz harmlos begonnen, es war, als hätte ich
mich aufgemacht, eine idyllische Landstraße zu überqueren,
um plötzlich von einem Zementlaster überfahren zu werden.
Im Mai 2000 hielt ich mich in London auf, um mich für die
Ausgrabungen in Jamestown einzusetzen. Auch meine Freundin
Linda Fairstein, Autorin von Krimi-Bestsellern und frühere
Leiterin der Abteilung für Sexualverbrechen beim New
York District Attorneys Office, war in London und fragte
mich, ob ich Lust zu einer Besichtigung von Scotland Yard
hätte.

»Im Augenblick nicht«, wollte ich erwidern, aber sogleich
dachte ich, dass meine Leser wenig Verständnis dafür hätten,
wenn sie wüssten, wie sehr ich es manchmal leid war, noch
mehr Polizeireviere zu besichtigen, noch mehr Labors, Leichenhallen,
Schießstände, Friedhöfe, Gefängnisse, Tatorte, Strafverfolgungsbehörden
oder anatomische Museen.

Auf meinen Reisen, vor allem im Ausland, ist mein erster
Zugang zu einer fremden Stadt häufig die Einladung, ihre düstere,
gewalttätige Seite kennen zu lernen. In Buenos Aires führte
man mich stolz durch das Kriminalmuseum, einen Raum
voller abgetrennter Köpfe, die in Glasgefäßen mit Formalin
aufbewahrt wurden. Nur die berüchtigtsten Verbrecher schafften
es in dieses Gruselkabinett, und während sie meinen Blick
mit milchigen Augen erwiderten, hatte ich den Eindruck, sie
hätten bekommen, was sie verdienten. In Salta an der argentinisch-
bolivianischen Grenze zeigte man mir 500 Jahre alte Mumien von Inkakindern, die lebendig begraben worden
waren, um die Götter gnädig zu stimmen. Vor ein paar Jahren
wurde mir in London die VIP-Vergünstigung zuteil, in einem
Pestgrab herumstapfen zu dürfen, wo ich bei jedem Schritt auf
Menschenknochen trat.

Ich habe sechs Jahre lang in Richmond, Virginia, im Office
of the Chief Medical Examiner, dem Institut für Rechtsmedizin,
gearbeitet, wo ich Computer programmiert, statistische
Analysen erstellt und im Leichenschauhaus ausgeholfen habe.
Ich führte Protokoll für die Gerichtspathologen, wog Organe,
notierte Schusskanäle und Wundengrößen, inventarisierte die
Medikamente von Selbstmordopfern, die ihre Antidepressiva
nicht genommen hatten, half vollkommen steife Menschen zu
entkleiden, die unseren Bemühungen, ihre Kleidung zu entfernen,
starrsinnigen Widerstand entgegensetzten, versah Reagenzgläser
mit Etiketten, wischte Blut auf und sah, berührte,
roch und schmeckte den Tod sogar, weil sein Gestank mir ganz
tief in der Kehle haften blieb.

Ich vergesse weder die Gesichter noch irgendwelche winzigen
Details von Menschen, die ermordet wurden. Ich habe so
viele gesehen. Vermutlich könnte ich sie nicht zählen, und ich
wünschte, ich hätte sie in einem großen Raum zusammenbringen
können, bevor es geschah, und sie bitten können, ihre
Türen abzuschließen, eine Alarmanlage zu installieren – oder
sich wenigstens einen Hund anzuschaffen -, nicht an einer bestimmten
Stelle zu parken oder die Finger von den Drogen zu
lassen. Noch immer stockt mir der Atem, wenn ich an die verbeulte
Dose Deospray in der Tasche des Halbwüchsigen denke,
der angeben wollte und beschloss, sich auf der Ladefläche
des Pick-up aufrecht hinzustellen. Er hatte nicht bemerkt, dass
der Wagen sich anschickte, unter einer Brücke hindurchzufahren.
Noch immer kann ich die blinde Zufälligkeit des Schicksals
nicht begreifen, das den Mann ereilte, der beim Ausstieg
aus einem Flugzeug einen Schirm mit Metallspitze erhielt und
vom Blitz erschlagen wurde.

Schon vor langer Zeit verhärtete sich meine lebhafte Neugier
für Gewalttaten zu einer klinischen Ritterrüstung, die mich
zwar schützt, aber auch so schwer ist, dass ich manchmal nach
meinen Besuchen bei den Toten kaum noch gehen kann. Es
scheint, als ob die Toten nach meiner Energie verlangten und
verzweifelt versuchten, sie aus mir herauszusaugen, wenn sie in
ihrem eigenen Blut auf der Straße oder auf einem Edelstahltisch
liegen. Die Toten bleiben tot, und ich bin immer aufs Neue betroffen.
Morde sind keine Rätselspielchen, und es ist meine
Aufgabe, sie mit der Feder zu bekämpfen.

Es wäre ein Verrat an mir selbst und eine Beleidigung für
Scotland Yard und für jeden Strafverfolger des christlichen
Abendlands gewesen, wenn ich an dem Tag, an dem Linda Fairstein
sagte, sie könne eine Besichtigung arrangieren, »müde« gewesen
wäre.
»Das ist sehr freundlich von Scotland Yard«, sagte ich also.
»Ich bin noch nie dort gewesen.«
Am nächsten Morgen lernte ich den stellvertretenden Polizeipräsidenten
John Grieve kennen, den angesehensten Ermittlungsbeamten
Großbritanniens und, wie sich herausstellte, Experten in Sachen Jack the Ripper. Der legendenumwobene
viktorianische Mörder interessierte mich nur am Rande. Noch
nie hatte ich ein Ripper-Buch gelesen. Ich wusste nichts über
seine Morde. Weder war mir bekannt, dass seine Opfer Prostituierte
gewesen, noch, wie sie ums Leben gekommen waren.
Ich stellte ein paar Fragen. Vielleicht konnte ich Scotland Yard
in meinem nächsten Scarpetta-Roman verwenden, dachte ich.
In diesem Fall brauchte ich konkrete Einzelheiten über die
Ripper-Fälle. Wer weiß, vielleicht konnte Scarpetta neue Erkenntnisse
über sie liefern.* Leopoldo Frégoli (1867-1936), legendärer italienischer Verwandlungskünstler.

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