Ein Fall für Kay Scarpetta von
Buchvorstellung
Bibliographische Angaben
Originalausgabe erschienen 1990
unter dem Titel Postmortem,
deutsche Ausgabe erstmals 1992
bei Droemer Knaur.
Ort & Zeit der Handlung: USA / Virginia, 1990 - 2009.
Folge 1 der Kay-Scarpetta-Serie.
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London: Macdonald, 1990 unter dem Titel Postmortem.
ISBN:
0356190730. 640 Seiten. -
New York: Scribner, 1990.
Book Club.
ISBN:
0762188596. 293 Seiten.
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München: Droemer Knaur, 1992 Mord am Samstagmorgen.
Übersetzt von Daniela Huzly.
ISBN:
3-426-03241-4. 397 Seiten. -
München: Goldmann, 1998.
Übersetzt von Daniela Huzly.
ISBN:
3-442-44138-2. 383 Seiten. -
München: Goldmann, 2003.
Übersetzt von Daniela Huzly.
ISBN:
3-442-05506-7. 383 Seiten. -
München: Goldmann, 2004 Ein Fall für Kay Scarpetta.
Übersetzt von Daniela Huzly.
ISBN:
3-442-31071-7. 351 Seiten. -
München: Bertelsmann, 2005.
Übersetzt von Daniela Huzly.
ISBN:
3-570-06817-X. 379 Seiten. -
München: Goldmann, 2006.
Übersetzt von Daniela Huzly.
ISBN:
978-3-442-46416-6. 383 Seiten. -
Hamburg: Hoffmann & Campe, 2009 Post mortem.
Übersetzt von Daniela Huzly.
ISBN:
978-3-455-40161-5. 340 Seiten.
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[Hörbuch] Köln: Random House Audio, 2004.
Gesprochen von Gudrun Landgrebe.
gekürzt.
ISBN:
3898306933. 6 CDs. -
[Hörbuch] Köln: Random House Audio, 2006.
Gesprochen von Gudrun Landgrebe.
gekürzt.
ISBN:
3866042221. 6 CDs. -
[Hörbuch] Hamburg: Hoffmann & Campe, 2009 Post mortem.
Gesprochen von Gudrun Landgrebe.
gekürzt.
ISBN:
3-455-30628-4. 6 CDs.
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ISBN 3-442-05506-7, 384 Seiten. Copyright © Verlagsgruppe Random House
Leseprobe
Aus dem Amerikanischen von Daniela Huzly
Am Freitag, dem 6. Juni, regnete es in Richmond.
Es begann bei Tagesanbruch und goss in solchen Strömen, dass von den Lilien nur nackte Stängel übrig blieben und der Asphalt und die Gehsteige voller Blätter lagen. Bäche flossen über die Straßen, und auf Rasenflächen und Spielplätzen entstanden Teiche. Das Geräusch von Wasser, das gegen das Schieferdach klopft, begleitete mich in den Schlaf, und während die Nacht sich in dem Dunst des beginnenden Samstags auflöste, hatte ich einen schrecklichen Traum.
Ich sah ein weißes Gesicht hinter der regennassen Glasscheibe, ein Gesicht, das so formlos und unmenschlich aussah wie die Gesichter von unförmigen Puppen aus Nylonstrümpfen. Mein Schlafzimmerfenster war dunkel, bis plötzlich das Gesicht auftauchte, etwas Böses, das hereinsah. Ich wachte auf und starrte in die Dunkelheit, ohne etwas zu sehen. Ich wusste nicht, was mich geweckt hatte, bis das Telefon erneut klingelte. Ohne lange herumzusuchen, fand ich den Hörer.
»Dr. Scarpetta?«
»Ja.« Ich tastete nach der Lampe und knipste sie an. Es war zwei Uhr dreißig. Mein Herz pochte wie wild.
»Pete Marino hier. Wir haben wieder eine. Berkley Avenue 5602. Schätze, Sie kommen wohl besser her.«
Der Name des Opfers, so erklärte er weiter, war Lori Petersen, eine weiße Frau, dreißig Jahre alt. Ihr Ehemann hatte die Tote vor ungefähr einer halben Stunde gefunden.
Einzelheiten waren nicht nötig. In dem Moment, als ich den Hörer aufnahm und Sergeant Marinos Stimme erkannte, wusste ich Bescheid. Vielleicht wusste ich es bereits, als das Telefon klingelte. Wer an Werwölfe glaubt, fürchtet den Vollmond. Ich hatte angefangen, mich vor den Stunden zwischen Mitternacht und drei Uhr morgens zu fürchten, wenn der Freitag zum Samstag wird und die Stadt schläft.
Normalerweise wird der ärztliche Leichenbeschauer, der Bereitschaftsdienst hat, zum Fundort der Leiche gerufen. Aber das hier war nicht normal. Nach dem zweiten Fall hatte ich ausdrücklich darum gebeten, persönlich gerufen zu werden, falls ein weiterer Mord geschehen sollte, egal zu welcher Zeit. Marino war nicht begeistert von dem Gedanken. Von dem Augenblick an, als ich zum Chief Medical Examiner, das heißt zum obersten Gerichtspathologen von Virginia, ernannt worden war, hatte ich Probleme mit ihm. Ich war mir nicht sicher, ob er Frauen im Allgemeinen nicht mochte oder ob er nur mich nicht mochte.
»Berkley’s in Berkley Downs, Southside«, sagte er herablassend. »Kennen Sie den Weg?«
Ich gab zu, dass ich ihn nicht kannte, und kritzelte die Angaben auf den Notizblock, der immer neben meinem Telefon liegt. Ich legte auf und war auch schon aufgestanden, Adrenalin wirkte wie starker Kaffee auf meine Nerven. Im Haus war es ruhig. Ich griff meine schwarze Arzttasche, die vom jahrelangen Gebrauch schon ganz abgewetzt und mitgenommen aussah.
Die Nachtluft war kühl und feucht, und es brannte kein Licht in den Fenstern der Nachbarhäuser. Ich fuhr mit meinem dunkelblauen Kombi rückwärts aus der Einfahrt und sah zu dem Licht, das über der Veranda brannte, zu dem Fenster im ersten Stock, wo das Gästezimmer lag, in dem meine zehnjährige Nichte Lucy schlief. Das würde ein weiterer Tag im Leben des Kindes werden, an dem ich nicht teilhaben konnte. Ich hatte sie am Mittwochabend vom Flughafen abgeholt, und bis jetzt hatten wir noch nicht oft gemeinsam gegessen.
Auf den Straßen war kein Verkehr, bis ich auf den Parkway kam. Minuten später fuhr ich über den James River. Weit vorn brannten Rücklichter wie Rubine, die Skyline des Stadtzentrums spiegelte sich geisterhaft im Rückspiegel. Zu beiden Seiten breitete sich fächerförmig die Dunkelheit aus, an ihren Rändern feine Ketten aus Lichttupfern. Irgendwo da draußen ist ein Mann, dachte ich. Es konnte jeder sein. Er geht aufrecht, schläft in einem Haus und hat die normale Anzahl Finger und Zehen; er ist wahrscheinlich weiß und viel jünger als ich mit meinen vierzig Jahren. Er ist in nahezu jeder Hinsicht durchschnittlich und fährt vermutlich keinen BMW, besucht keine Bars in teuren Stadtvierteln und keine Bekleidungsgeschäfte auf der Main Street.
Aber er könnte es auch tun. Er könnte jeder Beliebige sein und war niemand. Mister Niemand. Die Art von Mensch, die man sofort wieder vergisst, auch wenn man zwanzig Stockwerke in einem Aufzug mit ihm gefahren ist.
Er war zum selbst ernannten, unheimlichen Herrscher der Stadt geworden, verfolgte Tausende von Menschen, die er nie gesehen hatte, bis in ihre Gedanken, und verfolgte auch mich. Mr. Niemand.
Die Morde hatten vor zwei Monaten begonnen, es könnte also sein, dass er vor kurzem aus einem Gefängnis oder einer psychiatrischen Klinik entlassen wurde. In diese Richtung gingen die Vermutungen letzte Woche, aber es wurden täglich neue Theorien aufgestellt.
Meine Theorie war von Anfang an dieselbe gewesen. Ich hatte den starken Verdacht, dass er noch nicht lange in der Stadt war, dass er es vorher irgendwo anders getan hatte und dass er nie in irgendeinem Gefängnis oder einer Klinik gewesen war. Er ging nicht ohne System vor, war kein Amateur und ziemlich sicher nicht »verrückt«.
Wilshire lag zwei Ampeln weiter unten auf der linken Seite, Berkley dann die nächste rechts.
Ich sah die blauen und roten Lichter zwei Häuserblöcke weiter blinken. Der Teil der Straße, der hinter der Nummer 5602 lag, war beleuchtet wie ein Katastrophengebiet. Ein Krankenwagen stand mit laut brummendem Motor neben zwei nicht gekennzeichneten, blinkenden Einsatzfahrzeugen und drei weißen Funkstreifenwagen, deren Blaulicht auf vollen Touren lief. Das Team von Channel-12-News war eben eingetroffen. Blinkende Lichter zogen sich die Straße entlang, und mehrere Leute standen in Schlafanzügen und Hausmänteln vor ihren Häusern.
Ich parkte hinter dem Aufnahmewagen der Fernsehgesellschaft, ein Kameramann lief gerade auf die andere Straßenseite hinüber. Mit gesenktem Kopf, den Kragen meines khakifarbenen Regenmantels hochgeschlagen, ging ich zügig den Kiesweg zum Eingang hinauf. Ich habe es schon immer gehasst, mich in den Abendnachrichten zu sehen. Seit die Morde begonnen hatten, hatte mein Büro keine ruhige Minute mehr, die Reporter riefen immer wieder an und stellten immer dieselben taktlosen Fragen.
»Wenn es ein Serienmörder ist, Dr. Scarpetta, heißt das nicht, dass es wahrscheinlich wieder passiert?«
Als ob sie wollten, dass es wieder passierte.
»Stimmt es, dass Sie bei dem letzten Opfer Bisswunden entdeckt haben, Doc?«
Es stimmte nicht, aber egal, wie ich so eine Frage beantwortete, ich hatte keine Chance. Sagte ich »Kein Kommentar«, dann meinten sie, es sei wahr. Sagte ich »Nein«, dann stand in der nächsten Ausgabe: »Dr. Kay Scarpetta gibt an, dass auf den Leichen keine Bisswunden entdeckt wurden ...« Der Mörder, der die Zeitung wie jeder andere liest, bekommt Inspirationen.
Die letzten Nachrichtenmeldungen schilderten die Tatsachen dramatisch und bis in beängstigende Details. Sie erfüllten längst nicht mehr den Zweck, die Bürger der Stadt zu warnen. Die Frauen, vor allem diejenigen, die allein lebten, wurden immer ängstlicher. Der Verkauf von Handfeuerwaffen und Sicherheitsschlössern war nach dem dritten Mord um fünfzig Prozent gestiegen, und der Tierschutzverein hatte bald keine Hunde mehr – ein Phänomen, das natürlich auch auf der ersten Seite der Zeitungen stand. Gestern hatte die skrupellose, aber preisgekrönte Polizeireporterin Abby Turnbull eine Kostprobe ihrer Dreistigkeit geliefert, indem sie in mein Büro kam, meinen Leuten einen Vortrag über Pressefreiheit hielt und erfolglos versuchte, an Kopien der Autopsieberichte heranzukommen.
Die Kriminalberichterstattung in Richmond war aggressiv in einer alten Stadt mit zweihunderttausend Einwohnern in Virginia, die letztes Jahr vom FBI als die Stadt mit der zweithöchsten Mordrate pro Kopf in den Vereinigten Staaten geführt wurde. Es war nichts Ungewöhnliches, wenn Gerichtsmediziner aus ganz England für einen Monat in mein Institut kamen, um mehr über Schusswunden zu lernen. Es war nichts Ungewöhnliches, wenn ehrgeizige Polizisten wie Pete Marino dem Wahnsinn von New York oder Chicago entflohen, nur um festzustellen, dass Richmond noch schlimmer war.
Was ungewöhnlich war, waren diese Sexualmorde. Der Durchschnittsbürger kann zu Drogen- und sonstigen privaten Schießereien keinen Bezug herstellen, ebenso wenig zu einem Penner, der einen anderen wegen einer Flasche billigen Weins umlegt. Aber diese ermordeten Frauen waren die Kolleginnen, neben denen man bei der Arbeit saß, die Freundinnen, die man zum Einkaufsbummel oder zu einem Drink einlud, die Bekannten, mit denen man auf Partys plauderte, die Menschen, mit denen man in einer Schlange an der Kasse stand. Sie waren irgend jemandes Nachbarin, Schwester, Tochter, Geliebte. Sie lebten in ihren eigenen Häusern, schliefen in ihren eigenen Betten, wenn Mr. Niemand durch eines der Fenster stieg.
Zwei Streifenbeamte standen an der Eingangstür, die weit offen stand und durch ein gelbes Band versperrt war, auf dem stand: Polizeiliche Ermittlungen – Betreten verboten.
»Doc.« Er hätte mein Sohn sein können, dieser Junge in Blau, der auf der obersten Stufe zur Seite trat und das Band hob, um mich darunter hindurchzulassen.
Das Wohnzimmer war tadellos und ansprechend eingerichtet, in warmen rosa Tönen. Auf einer hübschen Kirschholzkommode in einer Ecke stand ein kleiner Fernseher und ein CD-Player. Daneben war ein Regal, auf dem Notenblätter und eine Violine lagen. Unter einem Fenster mit Vorhang, das auf den Vorgarten blickte, stand ein aufklappbares Sofa, und auf dem gläsernen Couchtisch davor lag ein halbes Dutzend Zeitschriften ordentlich gestapelt. Unter ihnen waren der Scientific American und das New England Journal of Medicine. Auf einem chinesischen Drachenteppich mit einem roten Medaillon auf cremefarbenem Grund stand ein Bücherregal aus Walnussholz. Zwei Reihen davon waren voll gestellt mit medizinischen Lehrbüchern.
Eine offene Tür führte auf einen Gang, der die gesamte Länge des Hauses einnahm. Auf der rechten Seite befanden sich einige Zimmer, auf der linken war die Küche, wo Marino und ein junger Beamter mit einem Mann sprachen, von dem ich annahm, dass es der Ehemann war.
Ich registrierte die sauberen Oberflächen, das Linoleum und die Einrichtung in einem gedeckten Weiß, das die Hersteller »Mandel« nennen, und das blasse Gelb der Tapete und der Vorhänge. Meine Aufmerksamkeit wurde auf den Tisch gelenkt. Auf ihm lag ein roter Nylonbeutel, dessen Inhalt von der Polizei untersucht worden war: ein Stethoskop, eine Stablampe, eine Tupperdose, in der einmal eine Mahlzeit gewesen war, und die letzten Ausgaben der Annals of Surgery, des Lancet und des Journal of Trauma. Ich war irritiert.
Marino sah mich kalt an, als ich bei dem Tisch innehielt, dann stellte er mich Matt Petersen, dem Ehemann, vor. Petersen saß zusammengesunken auf einem Stuhl, sein Gesicht war von dem Schock gezeichnet. Er war außerordentlich gut aussehend, fast schön, seine Gesichtszüge makellos geschnitten, das Haar pechschwarz, seine Haut weich, mit einem Hauch von Bräune. Er hatte breite Schultern und einen schlanken, gut geformten Körper, und er hatte ein einfaches Hemd und verwaschene Bluejeans an. Seine Augen schauten nach unten, seine Hände lagen verkrampft in seinem Schoß.
»Sind die von ihr?« Ich musste es wissen. Die medizinischen Utensilien konnten ihm gehören.
Marinos »Ja« bestätigte es.
Petersens tiefblaue, rot unterlaufene Augen hoben sich langsam. Er schien erleichtert zu sein, als er mich erblickte. Der Arzt war gekommen, ein Funke der Hoffnung, wo es keine gab.
Er murmelte in den abgehackten Sätzen eines verstörten überraschten Geistes: »Ich habe sie gestern am Telefon gesprochen. Gestern Abend. Sie sagte, sie würde gegen halb zwölf nach Hause kommen, aus der Uniklinik, Notaufnahme. Ich kam hier an, sah, dass die Lichter aus waren, dachte, sie wäre schon zu Bett gegangen. Dann ging ich dort rein.« Seine Stimme hob sich, zitterte, und er atmete tief ein. »Ich ging dort hinein, in das Schlafzimmer.« Seine Augen waren verzweifelt und verquollen, und er flehte mich an. »Bitte. Ich möchte nicht, dass die Leute sie sehen, sie so sehen. Bitte.«
Ich sagte sanft: »Sie muss untersucht werden, Mr. Petersen.«
Eine Faust knallte auf den Tisch in einem überraschenden Wutausbruch. »Ich weiß!« Seine Augen funkelten wild. »Aber all die anderen, die Polizei, jeder!« Seine Stimme zitterte. »Ich weiß, wie das ist! Reporter und alle möglichen Leute, die überall herumwimmeln. Ich will nicht, dass jeder verdammte Wichser sie ansieht!«
Marino zeigte keine Regung: »Hey, ich habe auch eine Frau, Matt. Ich weiß, was in Ihnen vorgeht, okay? Ich gebe Ihnen mein Wort, dass sie mit allem Respekt behandelt wird. Denselben Respekt, den ich erwarten würde, wenn ich an Ihrer Stelle wäre, okay?«
Der süße Klang von Lügen.
Die Toten können sich nicht verteidigen, und die Vergewaltigung dieser Frau, wie auch die der anderen, hatte erst begonnen. Ich wusste, dass das Ganze erst ein Ende hätte, wenn Lori Petersen vollkommen auseinander genommen worden war, jeder Zentimeter von ihr fotografiert, und alles für die Experten, die Polizei, Staatsanwälte, Richter und Geschworenen auf dem Präsentierteller lag. Es würden Überlegungen über die Merkmale an ihrem Körper geäußert werden. Es würden kindische Witze und zynische Bemerkungen fallen, als ob das Opfer und nicht der Täter auf der Anklagebank säße, es würde jede Einzelheit ihrer Person und ihrer Lebensweise genau unter die Lupe genommen, beurteilt und in mancher Hinsicht abgeurteilt werden.
Ein gewaltsamer Tod ist ein öffentliches Ereignis, und dies war die Seite meines Berufs, die mich am meisten belastete. Ich tat, was ich konnte, um die Würde der Opfer zu wahren. Aber wenn die Person zu einer Nummer, einem Beweisstück, das weitergereicht wird, wurde, konnte ich nicht mehr viel tun. Die Intimität wird genauso zerstört wie das Leben.
Marino führte mich aus der Küche heraus und ließ seinen Officer Petersen weiter befragen.
»Haben Sie schon Ihre Fotos gemacht?«, fragte ich.
»Die ID ist gerade drinnen, bestäubt alles«, sagte er und meinte die Leute von der Spurensicherung, die am Tatort arbeiteten. »Ich habe ihnen gesagt, dass sie einen großen Bogen um die Leiche machen sollen.«
Wir blieben im Korridor stehen.
An den Wänden hingen mehrere hübsche Aquarelle und eine Reihe von Fotos von ihrem Mann und ihr selbst in den jeweiligen Examensklassen und ein kunstvolles Farbfoto, auf dem das junge Paar vor dem Hintergrund eines Strandes an einem verwitterten Zaun lehnte, die Hosenbeine bis über die Waden hochgekrempelt, ihre Haare vom Wind zerzaust, die Gesichter von der Sonne gerötet. Sie war hübsch gewesen, als sie noch lebte, blond, mit feinen Gesichtszügen und einem gewinnenden Lächeln. Sie war in Brown zur Schule gegangen, hatte dann in Harvard Medizin studiert. Ihr Mann hatte seine ersten Studienjahre in Harvard verbracht. Dort mussten sie sich kennen gelernt haben, er war offensichtlich jünger als sie.
Lori Petersen. Brown. Harvard. Dreißig Jahre alt. Kurz davor, ihren Lebenstraum zu erfüllen. Nach acht Jahren des Medizinstudiums. Ärztin. Alles in ein paar Minuten von einem Fremden und seinen perversen Gelüsten zerstört.
Marino berührte meinen Arm.
Ich drehte mich weg von den Fotos, da er meine Aufmerksamkeit auf die offene Tür links vor uns lenkte.
»Hier ist er reingekommen«, sagte er.
Es war ein kleiner Raum mit einem weißen Teppichboden und blauen Tapeten an den Wänden, mit einer Toilette, einem Waschbecken und einem Wäschekorb aus Rattan. Das Fenster über der Toilette stand weit offen, ein dunkles Viereck, durch das kühle, feuchte Luft hereinwehte und die gestärkten Vorhänge bewegte. Dahinter, in der Dunkelheit, dichte Bäume und das drohende Zirpen der Zikaden.
»Das Gitter ist herausgeschnitten worden.« Marinos Gesicht war ausdruckslos, als er mich ansah. »Es lehnt an der Rückseite des Hauses. Direkt unter dem Fenster ist eine Bank. Es sieht so aus, als habe er sie hochgestellt, damit er hereinsteigen konnte.«
Meine Augen glitten über den Boden, das Waschbecken, die Oberfläche der Toilette. Ich sah weder Schmutz noch Fußabdrücke, aber von meinem Standort aus war es schwer zu beurteilen, und ich hatte nicht die Absicht, das Risiko einzugehen, irgendetwas zu berühren.
»War dieses Fenster verschlossen?«, fragte ich.
»Sieht nicht so aus. Die anderen Fenster waren alle verschlossen. Schon nachgesehen. Sie hätte eigentlich besonders darum besorgt sein müssen, dass dieses hier geschlossen war. Von allen Fenstern ist es das gefährdetste, nicht weit vom Boden, auf der Rückseite, wo niemand sehen kann, was passiert. Im Gegensatz zum Schlafzimmerfenster kann der Kerl, wenn er leise ist, hier ungehört das Gitter herausschneiden, einsteigen und nach unten gehen.«
»Und die Türen? Waren die verschlossen, als der Ehemann nach Hause kam?«
»Er sagt, sie waren es.«
»Also ist der Mörder auf demselben Weg gegangen, wie er gekommen ist«, schlussfolgerte ich.
»Sieht so aus. Ziemlich reinliches Kerlchen, finden Sie nicht?« Er hielt sich am Türrahmen des Bades fest und lehnte sich vor, ohne einzutreten. »Ich sehe nichts, als ob er irgendwie hinter sich hergewischt hätte, um keine Fußspuren auf dem Teppich oder dem Boden zurückzulassen. Es hat den ganzen Tag geregnet.« Seine Augen waren leer, als sie mich ansahen. »Seine Schuhe hätten nass, vielleicht auch verdreckt sein müssen.«
