Die Tote ohne Namen von Patricia Cornwell

Buchvorstellung

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1995 unter dem Titel From Potter´s field, deutsche Ausgabe erstmals 1996 bei Hoffmann & Campe.
Ort & Zeit der Handlung: USA / New York, 1990 - 2009.
Folge 6 der Kay-Scarpetta-Serie.

  • New York: Scribner, 1995 unter dem Titel From Potter´s field. 412 Seiten.
  • Hamburg: Hoffmann & Campe, 1996. Übersetzt von Anette Grube. ISBN: 3-455-01034-2. 366 Seiten.
  • München: Goldmann, 1998. Übersetzt von Anette Grube. ISBN: 3-442-43536-6. 379 Seiten.
  • München: Goldmann, 2000. Übersetzt von Anette Grube. ISBN: 3-442-44793-3. 379 Seiten.
  • München: Goldmann, 2000. Übersetzt von Anette Grube. ISBN: 3-442-44822-0. 379 Seiten.
  • München: Goldmann, 2002. Übersetzt von Anette Grube. ISBN: 3-442-05493-1. 379 Seiten.
  • Augsburg: Weltbild, 2003. Übersetzt von Anette Grube. 366 Seiten.
  • München: Goldmann, 2008. Übersetzt von Anette Grube. ISBN: 978-3-442-46961-1. 384 Seiten.
  • München: Goldmann, 2011. Übersetzt von Anette Grube. ISBN: 978-3-442-47660-2. 384 Seiten.
  • Hamburg: Hoffmann & Campe, 2011. Übersetzt von Anette Grube. ISBN: 978-3-455-40166-0. 386 Seiten.
  • [Hörbuch] Hamburg: Hoffmann & Campe, 2000. Gesprochen von Ulrike Folkerts. gekürzt. ISBN: 3-455-30208-4. 4 CDs.
  • [Hörbuch] Augsburg: Weltbild, 2003. Gesprochen von Ulrike Folkerts. gekürzt. 4 CDs.
  • [Hörbuch] Hamburg: Hoffmann & Campe, 2008. Gesprochen von Ulrike Folkerts. gekürzt. ISBN: 3-455-30592-X. 3 CDs.
  • [Hörbuch] Hamburg: Hoffmann & Campe, 2011. Gesprochen von Ulrike Folkerts. gekürzt. ISBN: 3-455-30695-0. 4 CDs.

'Leseprobe' ist erschienen als HardcoverTaschenbuchHörbuch

ISBN, Seiten. Copyright © Verlagsgruppe Random House

Leseprobe

Aus dem Amerikanischen von Anette Grube

Er aber sprach: Was hast du getan? Die Stimme des
Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde.
Das erste Buch Mose 4, 10

7
Es ward die Nacht vor der Geburt des Herrn
S i c h e r e n S c h r i t t s g i n g e r d u r c h d e n h o h e n S c h n e e i m C e n t r a l
Park, und es war spät, aber er wußte nicht genau, wie spät. In
jenem Teil des Parks, der The Ramble hieß, ragten die Felsen
schwarz zu den Sternen empor, und er sah und hörte seinen
eigenen Atem, weil er nicht wie andere war. Temple Gault hatte
etwas Magisches, er war ein Gott im Körper eines Menschen.
Zum Beispiel glitt er nicht aus, wo andere gewiß ausgleiten
würden, und er kannte keine Furcht. Unter dem Schirm seiner
Baseballkappe schweifte sein Blick hierhin, dorthin.
An der Stelle – und er wußte genau, wo sie war – ging er in die
Hocke, schob die Schöße seines langen schwarzen Mantels beiseite.
Er stellte einen alten Armeerucksack in den Schnee und hob die
nackten, blutigen Hände in die Höhe, und obwohl sie kalt
waren, waren sie nicht eiskalt. Gault mochte keine Handschuhe,
nur solche aus Latex, und Latex wärmte nicht. Er säuberte
Gesicht und Hände mit dem weichen Neuschnee, formte daraus
einen blutigen Schneeball, den er neben den Rucksack legte. Beides
durfte er nicht zurücklassen.
Er lächelte sein schmales Lächeln und fühlte sich wie ein
übermütiger Hund, der ein Loch im Sand scharrt, während er die
jungfräuliche Schneedecke im Park zerstörte, seine Fußspuren
verwischte und den Notausgang suchte. Ja, da war er, und er
schob mehr Schnee zur Seite, bis er die Alufolie fand, die er
zwischen Deckel und Einfassung gesteckt hatte. Er faßte nach dem
Ring, der als Griff diente, und öff
nete den im Boden eingelassenen Deckel. Darunter lagen die
dunklen Eingeweide der Subway, ein Zug fuhr ratternd vorbei.
Er ließ Rucksack und Schneeball hineinfallen. Seine Schritte
hallten wider, als er auf der eisernen Leiter hinunterstieg
10
1
Der Abend des 24. Dezember war kalt, tückisches schwarzes Eis
bedeckte die Straßen, Verbrechen knisterten über den Scanner.
Es kam nur selten vor, dass ich nach Einbruch der Dunkelheit
durch das Armenviertel von Richmond chauffiert wurde.
Normalerweise saß ich selbst am Steuer. Normalerweise war ich
die einsame Fahrerin des blauen Leichenwagens, mit dem ich die
Schauplätze gewaltsamer, unerklärlicher Todesfälle aufsuchte.
Aber heute abend saß ich auf dem Beifahrersitz eines Crown
Victoria, Weihnachtslieder kamen über den Sender, Polizisten
sprachen in Codes miteinander.
»Sheriff Santa ist da vorne rechts abgebogen. Wahrscheinlich hat
er sich verfahren«, sagte ich.
»Tja, ich glaube, er ist high«, sagte Captain Pete Marino, der das
Morddezernat dieses gewalttätigen Viertels leitete, durch das wir
fuhren. »Schau dir seine Augen an, wenn wir das nächste Mal
anhalten.«
Es überraschte mich nicht. Sheriff Lamont Brown besaß einen
Cadillac, trug schweren Goldschmuck und wurde von den
Bürgern für die Rolle geliebt, die er im Augenblick spielte.
Diejenigen von uns, die die Wahrheit kannten, wagten es nicht,
auch nur ein Wort davon verlauten zu lassen. Schließlich ist es
ein Sakrileg zu behaupten, es gebe den Weihnachtsmann nicht,
aber im Falle dieses Santa Claus war der Heiligenschein eine
unglaubliche Anmaßung. Sheriff Brown schnupfte Kokain und
steckte jedes Jahr vermutlich die Hälfte dessen, was für die
Armen gespendet wurde, in seine eigene Tasche. Er war
Abschaum, und erst kürzlich hatte er dafür gesorgt, dass ich als
Geschworene antreten mußte. Die Abneigung zwischen uns
beruhte auf Gegenseitigkeit.Die Scheibenwischer quälten sich
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über das Glas. Schneeflocken streiften Marinos Wagen, wirbelten
darauf zu wie scheue, in Weiß gekleidete, tanzende Mädchen. Sie
schwärmten um Natriumdampflampen und wurden so schwarz
wie das Eis, das die Straßen überzog. Es war bitterkalt. Die
meisten Menschen in der Stadt waren zu Hause bei ihren
Familien, lichtergeschmückte Bäume erhellten Fenster, in
Kaminen prasselten Feuer. Karen Carpenter träumte von einer
weißen Weihnacht, bis Marino ärgerlich einen anderen Sender
suchte.
»Vor Frauen, die Schlagzeug spielen, habe ich keinen Respekt.«
Marino drückte den Zigarettenanzünder.
»Karen Carpenter ist tot«, sagte ich, als ob sie das vor weiteren
Beleidigungen schützte. »Und außerdem hat sie bei diesem Lied
nicht Schlagzeug gespielt.«
»Na klar.« Er zog eine Zigarette aus der Schachtel. »Stimmt. Sie
hatte eine dieser Eßstörungen. Hab vergessen, wie das heißt.«
Der Mormonen-Tabernakel-Chor stimmte ein Halleluja an. Am
nächsten Morgen wollte ich nach Miami fliegen und meine
Mutter, meine Schwester und Lucy, meine Nichte, besuchen.
Meine Mutter war seit Wochen im Krankenhaus. Früher hatte
sie soviel geraucht wie Marino. Ich kurbelte mein Fenster einen
Spaltbreit herunter.
»Und dann hat ihr Herz ausgesetzt – daran ist sie letztlich
gestorben«, sagte er.
»Daran stirbt letztlich jeder«, sagte ich.
»Nicht hier in dieser Gegend. Hier sterben die Leute an
Bleivergiftung. «
Wir fuhren zwischen zwei Streifenwagen – rote und blaue
Lichter blinkten – in einem Korso von Polizisten, Reportern
und Fernsehteams. Wann immer wir hielten, stellten die
Vertreter der Medien ihren weihnachtlichen Eifer unter Beweis,
indem sie sich mit Notizblöcken, Mikrophonen und Kameras
vordrängten. Begeistert und überaus sentimental berichteten sie,
wie Sheriff Santa, übers ganze Gesicht strahlend, vergessenen
Kindern und ihren vor Angst neurotischen Müttern Geschenke
12
und Lebensmittel überreichte. Marino und ich verteilten die
Decken, die ich dieses Jahr spendete.
Um die Ecke hielten die Wagen in der Magnolia Street vor
einem Gebäudekomplex namens Whitcomb Court. Weiter vorn
sah ich die leuchtendrote Kutte, als Santa durch das
Scheinwerferlicht ging, gefolgt von Richmonds
Polizeipräsidenten und anderen hohen Tieren. Fernsehkameras
schwebten in der Luft wie Ufos, Blitzlichter explodierten.
Marino beschwerte sich hinter einem Stapel Decken. »Diese
Dinger riechen billig. Wo hast du die gekauft, in einer
Tierhandlung?«
»Sie wärmen, sind waschbar, und falls es brennt, verströmen sie
keine giftigen Gase wie etwa Zyanid«, sagte ich.
»Himmel, wenn einen das nicht in Feiertagsstimmung versetzt!«
rief er aus.
Während ich zum Fenster hinaussah, fragte ich mich, wo wir
waren.
»Ich würde sie nicht mal in meine Hundehütte legen«, fuhr
Marino fort.
»Du hast weder einen Hund noch eine Hundehütte, und ich
habe dir auch keine Decke angeboten. Warum gehen wir in diese
Wohnung? Sie steht nicht auf der Liste.«
»Das ist eine verdammt gute Frage.«
Reporter, Polizisten, Sozialarbeiter drängten sich vor der Tür
einer Wohnung, die aussah wie alle anderen in diesem Komplex,
der an Betonbaracken erinnerte. Marino und ich zwängten uns
an Kameras vorbei, an Scheinwerfern, die die Dunkelheit
erhellten, und Sheriff Santa brüllte: »HO! HO! HO!«
Als wir eintraten, setzte Santa sich gerade einen kleinen
schwarzen Jungen aufs Knie und gab ihm ein paar in
Geschenkpapier verpackte Spielsachen. Der Junge hieß Trevi und
trug eine blaue Kappe mit einem Marihuanablatt auf dem
Schirm. Seine Augen waren riesengroß, und er wirkte verwirrt
auf dem samtenen roten Knie dieses Mannes. Daneben stand ein
silberner, mit Lichtern geschmückter Baum. In dem überheizten
13
kleinen Zimmer war kaum genug Luft zum Atmen, und es roch
nach altem Fett.
»Lassen Sie mich durch, Ma’ am.« Ein Kameramann schubste
mich aus dem Weg.
»Stell sie dort drüben auf.«
»Wer hat die restlichen Spielsachen?«
»Ma’ am, Sie müssen einen Schritt zurücktreten.« Der
Kameramann warf mich praktisch um. Ich spürte, wie mein
Blutdruck anstieg.
»Wir brauchen noch eine Schachtel . . .«
»Nein, nicht da. Dort drüben.«
»Süßigkeiten? Okay. Hab verstanden.«
»Wenn Sie Sozialarbeiterin sind», sagte der Kameramann zu mir,
»warum stellen Sie sich dann nicht da drüben hin?«
»Wenn Sie Augen im Kopf hätten, würden Sie sehen, dass sie
keine Sozialarbeiterin ist.« Marino starrte ihn böse an.
Eine alte Frau in einem sackartigen Kleid, die auf der Couch
saß, fing jetzt an zu weinen. Ein hochrangiger Polizist in weißem
Hemd und mit etlichen Auszeichnungen an der Jacke setzte sich
neben sie, um sie zu trösten. Marino kam näher und flüsterte
mir etwas zu.
»Ihre Tochter wurde letzten Monat umgebracht, Nachname ist
King. Erinnerst du dich an den Fall?«
Ich schüttelte den Kopf. Ich erinnerte mich nicht. Es gab so
viele Fälle.
»Der Schmarotzer, von dem wir annehmen, dass er sie
umgebracht hat, ist ein brutaler Drogendealer namens Jones«,
fuhr er fort, um meinem Gedächtnis nachzuhelfen.
Wieder schüttelte ich den Kopf. Es gab so viele brutale
Drogendealer, und Jones war nicht gerade ein seltener Name.
Der Kameramann filmte, und als Sheriff Santa mir aus glasigen
Augen einen verächtlichen Blick zuwarf, wandte ich das Gesicht
ab. Der Kameramann rempelte mich fast um.
»Ich würde das nicht noch einmal tun«, warnte ich ihn in einem
Ton, der keinen Zweifel daran ließ, dass ich es ernst meinte.
14
Die Journalisten hatten ihre Aufmerksamkeit der Großmutter
zugewandt, denn sie war der Star des Abends. Jemand war
ermordet worden, die Mutter des Opfers weinte, und Trevi war
ein Waisenkind, und Sheriff Santa, der jetzt nicht mehr im
Rampenlicht stand, setzte den Jungen ab.
»Captain Marino, geben Sie mir eine von den Decken«, sagte
eine Sozialarbeiterin.
»Warum sind wir überhaupt hier?« fragte er sie und gab ihr den
ganzen Stoß. »Können Sie mich vielleicht aufklären?«
»Hier wohnt nur ein Kind«, sagte die Sozialarbeiterin.
»Deswegen brauchen wir nur eine.« Sie tat so, als hätte Marino
irgendwelche Instruktionen nicht befolgt, nahm eine
zusammengefaltete Decke und reichte ihm den Rest zurück.
»Hier sollten aber vier Kinder leben. Ich sage Ihnen doch, die
Wohnung steht nicht auf der Liste«, murrte Marino.
Ein Journalist kam auf mich zu. »Entschuldigen Sie, Dr.
Scarpetta. Warum sind Sie heute abend hier? Rechnen Sie damit,
daß jemand stirbt?«
Er arbeitete für Richmonds Tageszeitung, die mich noch nie
freundlich behandelt hatte. Ich tat so, als hätte ich ihn nicht
verstanden. Sheriff Santa verschwand in der Küche, was mir
komisch vorkam, weil er schließlich nicht hier wohnte und auch
nicht um Erlaubnis gefragt hatte. Aber die Großmutter auf der
Couch war nicht in der Verfassung zu bemerken, wohin er
gegangen war, oder sich darüber zu wundern.
Ich kniete mich neben Trevi, der allein auf dem Boden saß und
seine neuen Spielsachen bestaunte. »Da hast du aber ein tolles
Feuerwehrauto«, sagte ich zu ihm.
»Es blinkt.« Er zeigte mir ein rotes Licht auf dem Dach des
Autos, das blinkte, wenn er einen Schalter umlegte.
Auch Marino setzte sich neben ihn. »Hast du auch
Ersatzbatterien dafür gekriegt?« Er versuchte, mißmutig zu
klingen, konnte die Anteilnahme in seiner Stimme jedoch nicht
verbergen. »Du brauchst die richtige Größe. Siehst du dieses
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kleine Fach hier? Da gehören sie hinein. Und du brauchst diese
kleinen länglichen . . .«
Der erste Schuß hörte sich an wie eine Fehlzündung eines Autos,
nur kam dies aus der Küche. Marinos Blick wurde starr, als er
seine Pistole aus dem Holster riß, und Trevi rollte sich auf dem
Boden zusammen wie ein Tausendfüßler. Ich legte mich
schützend über den Jungen, in schneller Folge explodierten
Schüsse, als das Magazin einer halbautomatischen Waffe in der
Nähe der Hintertür leergeschossen wurde.
»Auf den Boden! AUF DEN BODEN! «
»O Gott!«
»Himmel!«
Kameras und Mikrophone fielen krachend hin, als die Leute
aufschrien, zur Tür drängten oder sich auf den Boden warfen.
»ALLE RUNTER! «
Marino stürmte in Kampfhaltung zur Küche, die
Neunmillimeter in der Hand. Die Schüsse verklangen, und es
herrschte Totenstille.
Ich hob Trevi auf, mein Herz hämmerte, und ich begann zu
zittern. Die Großmutter saß immer noch auf der Couch,
vornübergebeugt, die Hände schützend über den Kopf gelegt, als
ob sie in einem abstürzenden Flugzeug säße. Ich setzte mich
neben sie, hielt den Jungen fest, der sich völlig versteift hatte.
Seine Großmutter schluchzte vor Entsetzen.
»Jesus. Bitte nicht, Jesus.« Sie stöhnte und wiegte sich vor und
zurück.
»Alles in Ordnung«, sagte ich mit fester Stimme zu ihr.
»Nicht schon wieder! Ich halte es nicht mehr aus. Lieber Gott,
bitte nicht! «
Ich nahm ihre Hand. »Alles in Ordnung. Hören Sie. Es ist
vorbei. Es hat aufgehört.«
Sie wiegte sich hin und her und weinte, Trevi hängte sich ihr an
den Hals.
16
Marino tauchte in der Tür zwischen Küche und Wohnzimmer
auf, mit angespannter Miene, sein Blick schoß durchs Zimmer.
»Doc.« Er winkte mich zu sich.
Ich folgte ihm hinaus auf einen armseligen Hinterhof, in dem
Wäscheleinen hingen, und Schneeflocken wirbelten über einen
dunklen Haufen auf dem weißen Gras. Das Opfer war jung,
schwarz, lag auf dem Rücken und starrte aus kaum geöffneten
Augen blind in den milchigen Himmel. Seine blaue
Daunenweste hatte winzige Risse. Eine Kugel war durch die
rechte Wange in den Kopf gedrungen, und während ich seinen
Brustkasten zusammendrückte und eine Mund-zu-Mund-
Beatmung versuchte, lief Blut über meine Hände und erkaltete
augenblicklich auf meinem Gesicht. Ich konnte ihn nicht retten.
Sirenen heulten und jaulten in der Nacht wie Geister, die gegen
den Tod wüteten.
Ich setzte mich schwer atmend auf. Marino half mir auf die
Beine, aus den Augenwinkeln sah ich schattenhafte Bewegungen.
Ich wandte mich um und sah, wie drei Polizisten Sheriff Santa
in Handschellen abführten. Seine Zipfelmütze lag nicht weit von
mir entfernt auf dem Boden. Im Strahl von Marinos
Taschenlampe blitzten Patronenhülsen auf.
»Was, in Gottes Namen, ist hier los?« fragte ich schokkiert.
»Sieht so aus, als hätte der gute alte Santa Claus den guten alten
Santa Crack verärgert, und dann hatten sie hier draußen eine
kleine Auseinandersetzung«, sagte Marino aufgeregt und außer
Atem. »Deswegen wurde die Parade zu dieser Bude umgeleitet.
Sie stand ausschließlich auf der Liste des Sheriffs.«
Ich war wie vor den Kopf gestoßen. Ich schmeckte Blut und
dachte an Aids.
Der Polizeichef tauchte auf und stellte Fragen.
Marino begann zu erklären. »Sieht so aus, als habe der Sheriff in
dieser Gegend mehr als nur Weihnachtsgeschenke abliefern
wollen.«
»Drogen?«
»Vermutlich.«
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»Ich hab mich schon gefragt, warum wir hier sind«, sagte Chief
Tucker. »Die Adresse steht nicht auf der Liste. «
»Tja, das ist der Grund.« Marino starrte ausdruckslos auf die
Leiche.
»Wissen wir, wer er ist?«
»Anthony Jones von den berühmten Jones Brothers. Siebzehn
Jahre alt, war öfter im Gefängnis als unser Doc hier in der Oper.
Sein älterer Bruder wurde letztes Jahr von einem Tec-9-Mitglied
umgebracht. In Fairfield Court, Phaup Street. Und wir glauben,
daß Anthony letzten Monat Trevis’ Mutter ermordet hat, aber
Sie wissen ja, wie es hier zugeht. Niemand hat etwas gesehen.
Wir hatten sozusagen keinen Fall. Vielleicht können wir ihn jetzt
klären.«
»Trevi? Sie meinen den kleinen Jungen da drinnen?« Die Miene
des Chief blieb unverändert.
»Ja. Anthony ist vermutlich der Vater des Jungen. Oder vielmehr
war er der Vater.«
»Wurde eine Waffe sichergestellt?«
»In welchem Fall?«
»In diesem.«
»Smith & Wesson, Kaliber .38, die Trommel ist leergeschossen.
Jones hatte sie noch nicht fallengelassen, und auf dem Boden
haben wir einen Schnellader gefunden.«
»Er hat fünfmal geschossen und nicht getroffen?« fragte der
Chief, der seine schicke Ausgeh-Uniform trug. Schnee bedeckte
seine Kappe.
»Schwer zu sagen. Sheriff Brown hatte eine kugelsichere Weste
an.«
»Er trug eine kugelsichere Weste unter der
Weihnachtsmannkutte.« Der Chief wiederholte die Fakten, als
würde er sich Notizen machen.
»Ja.« Marino inspizierte eine verbogene Wäschestange, der Strahl
seiner Taschenlampe suchte das rostende Metall ab. Mit dem
Daumen einer behandschuhten Hand fuhr er über eine Delle,
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die von einer Kugel stammte. »Tja«, sagte er, »dem Bimbo ist es
ordentlich an die Wäsche gegangen.«
Ich zuckte zusammen.
Der Chief, der ein Schwarzer war, schwieg einen Moment, dann
sagte er: »Ich schlage vor, Sie verzichten in Zukunft auf rassische
oder ethnische Anspielungen.«
Der Krankenwagen traf ein. Ich begann zu zittern.
»Verstehen Sie mich nicht falsch, ich wollte nicht – « setzte
Marino an.
Der Chief unterbrach ihn. »Meiner Meinung nach sind Sie der
ideale Kandidat für einen Kurs in multikultureller Toleranz.«
»Ich habe bereits einen absolviert.«
»Sie haben bereits einen absolviert, Sir, und Sie werden noch
einen absolvieren, Captain.«
»Ich habe drei Kurse hinter mir. Nicht nötig, mich noch einmal
hinzuschicken«, sagte Marino, der lieber zu einer
Darmuntersuchung gegangen wäre, als an einem weiteren Kurs
in multikultureller Toleranz teilzunehmen.
Türen wurden zugeschlagen, eine Metallbahre klapperte.
»Marino, hier gibt’ s nichts mehr für mich zu tun.« Ich wollte
nicht, dass er sich noch mehr Probleme an den Hals redete.
»Und ich muß ins Büro.«
»Was? Du willst ihn dir heute noch vornehmen?« Marino schien
zu schrumpfen.
»Angesichts der Umstände halte ich das für eine gute Idee«, sagte
ich ernst. »Und morgen fahre ich weg.«
»Sie verbringen Weihnachten im Kreis der Familie?« fragte Chief
Tucker, der ein erstaunlich junger Polizeichef war.
»Ja.«
»Schön für Sie«, sagte er, ohne zu lächeln. »Kommen Sie, Dr.
Scarpetta, ich fahre Sie beim Leichenschauhaus vorbei.«
Marino beäugte mich argwöhnisch, während er sich eine
Zigarette anzündete. »Ich schau rein, sobald ich hier fertig bin«,
sagte er.
19
2
Paul Tucker war vor ein paar Monaten zum Polizeichef von
Richmond ernannt worden. Wir hatten uns allerdings nur
einmal kurz bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung getroffen.
Heute abend waren wir uns zum erstenmal am Schauplatz eines
Verbrechens begegnet. Was ich von ihm wußte, paßte auf eine
kleine Karteikarte.
Er war ein Basketball-Star an der Universität von Maryland
gewesen und Empfänger eines Rhodes-Stipendiums. Er war
körperlich in Superform, außergewöhnlich intelligent und hatte
die FBI-Akademie absolviert. Ich glaubte, ihn zu mögen, war mir
jedoch nicht sicher.
»Marino meint es nicht böse«, sagte ich, als wir bei Gelb über
eine Ampel an der East Broad Street fuhren.
Ich spürte, wie mich Tuckers dunkle Augen neugierig musterten.
»Die Welt ist voller Menschen, die es nicht böse meinen und
eine Menge Schaden anrichten.« Er hatte eine wohlklingende
dunkle Stimme, die mich an Bronze und poliertes Holz
erinnerte.
»Das läßt sich nicht bestreiten, Colonel Tucker.«
»Nennen Sie mich Paul.«
Ich bot ihm nicht an, mich Kay zu nennen, weil ich es nach
vielen Jahren als Frau in dieser Welt besser wußte. »Es wird
nichts nützen, Marino noch einmal zu einem Kurs in
multikultureller Toleranz zu schicken«, fuhr ich fort.
»Marino muß Disziplin und Respekt lernen.« Er starrte wieder
auf die Straße.
20
»Auf seine Art verfügt er über beides.«
»Er sollte über beides auf die angemessene Art und Weise
verfügen.«
»Sie werden ihn nicht ändern, Colonel. Er ist schwierig,
provozierend, hat schlechte Manieren, und er ist der beste
Polizist in einem Morddezernat, mit dem ich je
zusammengearbeitet habe.«
Tucker schwieg, bis wir am Medizinischen College von Virginia
vorbeigefahren und nach rechts in die 14. Straße abgebogen
waren.
»Sagen Sie mir, Dr. Scarpetta, glauben Sie, dass Ihr Freund
Marino ein guter Dezernatsleiter ist?«
Die Frage verblüffte mich. Ich war überrascht gewesen, als
Marino zum Lieutenant befördert wurde, und wie vor den Kopf
gestoßen, als er Captain wurde. Er haßte die hohen Tiere, und
dann wurde er selber einer von denen, die er haßte, und er haßte
sie noch immer, als gehörte er nicht dazu.
»Ich glaube, dass Marino ein hervorragender Polizist ist. Er ist
unbestechlich, aufrecht, und er hat ein gutes Herz«, sagte ich.
»Wollen Sie meine Frage beantworten oder nicht?« Tucker klang
amüsiert.
»Er ist kein Politiker.«
»Daran besteht kein Zweifel.«
Die Uhr am Turm der Main Street Station verkündete die Zeit
von ihrer luftigen Höhe über dem alten Bahnhof mit seinem
Terrakotta-Dach und dem Netzwerk von Gleisen. Hinter dem
Consolidated Laboratory Building parkten wir auf dem für den
Chief Medical Examiner reservierten Platz, einem unauffälligen
Stück Asphalt, wo für gewöhnlich mein Auto stand.
»Er widmet dem FBI zuviel Zeit«, sagte Tucker.
»Er leistet dem FBI unschätzbare Dienste«, sagte ich.
21
»Ja, ja, ich weiß das ebensogut wie Sie. Aber in seinem Fall führt
das zu ernsthaften Problemen. Er ist verantwortlich für den
ersten Bezirk und nicht für die Verbrechensaufklärung in
anderen Städten. Und ich bemühe mich darum, dass meine
Truppe funktioniert.«
»Wenn es irgendwo zu Gewalttätigkeiten kommt, geht das alle
etwas an. Gleichgültig, wo unser Bezirk oder unsere Behörde ist.«
Tucker starrte nachdenklich auf das geschlossene Stahltor der
Leichenwageneinfahrt vor uns. »Um nichts in der Welt könnte
ich um diese Uhrzeit tun, was Sie tun, und niemand ist in der
Nähe, nur die Leute in den Kühlfächern.«
»Vor denen habe ich keine Angst«, stellte ich sachlich fest.
»Es mag irrational sein, aber ich hätte eine Riesenangst vor
ihnen.«
Das Scheinwerferlicht fiel auf schmutzigen Verputz und Stahl,
beide im gleichen langweiligen Beige. Ein rotes Schild an einer
Seitentür informierte Besucher, dass alles, was sich dahinter
befand, ein biologisches Risiko darstellte, und gab Instruktionen
für den Umgang mit Leichen.
»Ich muß Sie etwas fragen«, sagte Colonel Tucker.
Der Wollstoff seiner Uniform rieb am Polster, als er seine
Position veränderte und sich mir zuwandte. Ich roch Hermes. Er
sah gut aus: hohe Wangenknochen, kräftige weiße Zähne, sein
Körper strotzte vor Kraft unter der dunklen Haut.
»Warum tun Sie es?« fragte er.
»Warum tue ich was, Colonel?«
Er lehnte sich in seinen Sitz zurück. »Sehen Sie«, sagte er,
während Lichter über den Scanner tanzten. »Sie sind Anwältin.
Sie sind Ärztin. Sie sind ein Chief, ich bin ein Chief. Deswegen
frage ich. Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten.«
Ich glaubte ihm. »Ich weiß es nicht«, gestand ich.
22
Er schwieg eine Weile, dann sagte er: »Mein Vater war
Rangierarbeiter, meine Mutter putzte die Häuser reicher Leute
in Baltimore.« Er hielt inne. »Wenn ich jetzt nach Baltimore
fahre, wohne ich in teuren Hotels und esse in Restaurants im
Hafen. Man salutiert vor mir. In manchen Briefen werde ich
›The Honorable‹ angeredet. Ich habe ein Haus in Windsor
Farms. Ich befehlige in Ihrer gewalttätigen Stadt mehr als
sechshundert Menschen, die Waffen tragen. Ich weiß, warum ich
tue, was ich tue, Dr. Scarpetta. Ich tue es, weil ich als Junge keine
Macht besaß. Ich lebte mit Menschen zusammen, die keine
Macht besaßen, und ich lernte, dass all das Böse, über das in der
Kirche gepredigt wurde, im Mißbrauch dieser Macht wurzelt, die
ich nicht besaß.«
Dichte und Choreographie des Schneefalls waren unverändert.
Ich sah zu, wie der Schnee langsam die Motorhaube seines
Wagens bedeckte.
»Colonel Tucker«, sagte ich, »morgen ist Weihnachten, und
Sheriff Santa hat vermutlich in Whitcomb Court gerade einen
Menschen erschossen. Die Medien sind am Durchdrehen. Was
raten Sie mir?«
»Ich werde die ganze Nacht im Präsidium sein. Ich werde dafür
sorgen, dass dieses Gebäude überwacht wird. Wollen Sie
Polizeischutz für den Nachhauseweg?«
»Ich denke, Marino bringt mich nach Hause, aber wenn ich zu
der Ansicht gelange, dass zusätzlicher Schutz nötig ist, werde ich
Sie auf alle Fälle anrufen. Sie sollten sich darüber im klaren sein,
daß die Situation weiter kompliziert wird durch die Tatsache,
daß Brown mich haßt und ich jetzt eine wichtige Zeugin in
seinem Fall bin.«
»Wenn nur alle von uns soviel Glück hätten.«
»Ich habe nicht das Gefühl, Glück gehabt zu haben.«
»Sie haben recht.« Er seufzte. »Das hat nichts mit Glück zu tun.«
23
»Hier kommt mein Fall«, sagte ich, als der Krankenwagen auf
den Parkplatz fuhr, ohne Blaulicht und Sirene, denn es gibt
keinen Grund zur Eile, wenn Tote transportiert werden.
»Frohe Weihnachten, Chief Scarpetta«, sagte Tucker, als ich aus
seinem Wagen stieg.
Ich betrat das Gebäude durch einen Seiteneingang und drückte
auf einen Knopf an der Wand. Das Stahltor schwang
quietschend auf, und der Krankenwagen passierte. Die Sanitäter
öffneten die Hecktür, holten die Bahre heraus und schoben sie
eine Rampe hinauf, während ich eine Tür aufschloß, die ins
Innere des Leichenschauhauses führte.
Die Neonröhren, die blassen Wände und der Kachelboden
verliehen dem Korridor eine trügerische antiseptische
Atmosphäre. An diesem Ort war nichts keimfrei. Angesichts
sonst üblicher medizinischer Standards war es nicht einmal
sauber.
»Soll er in ein Kühlfach? « fragte mich ein Sanitäter.
»Nein. Fahren Sie ihn in den Röntgenraum.« Ich schloß weitere
Türen auf, die Bahre klapperte hinter mir, Blut tropfte auf die
Bodenkacheln.
»Sind Sie heute abend solo?« fragte ein Sanitäter, der wie ein
Latino aussah.
»Leider.«
Ich knöpfte eine Plastikschürze auf, zog sie mir über den Kopf
und hoffte, dass Marino bald käme. Im Umkleideraum nahm
ich den grünen Chirurgenanzug von einem Regal, zog
Schuhschoner und zwei Paar Handschuhe an.
»Sollen wir Ihnen helfen, ihn auf den Tisch zu legen?« fragte ein
Sanitäter.
»Das wäre großartig.«
»Los, heben wir ihn für den Doc auf den Tisch.«
»Klar.«
24
»Verdammt, dieser Sack hat auch ein Loch. Wir müssen neue
besorgen.«
»Wohin soll der Kopf?«
»An dieses Ende.«
»Auf den Rücken?«
»Ja. Danke.«
»Eins, zwei, drei und hoch.«
Wir hoben Anthony Jones von der Bahre auf den Seziertisch,
einer der Sanitäter wollte den Reißverschluß des Leichensacks
aufziehen.
»Nein, lassen Sie ihn drin«, sagte ich. »Ich will ihn erst röntgen.«
»Wie lange wird das dauern?«
»Nicht lange.«
»Sie werden Hilfe brauchen, wenn Sie seine Lage verändern
wollen.«
»Ich nehme alle Hilfe an, die ich kriegen kann«, sagte ich zu
ihnen.
»Wir können noch ein paar Minuten hierbleiben. Wollten Sie
das wirklich alles allein machen?«
»Ich erwarte noch jemanden.«
Kurz darauf schoben wir die Leiche in den Autopsieraum, und
ich entkleidete sie. Die Sanitäter verabschiedeten sich, und im
Leichenschauhaus waren nur noch die gewohnten Geräusche zu
hören: Wasser, das in Waschbecken ablief, stählerne
Instrumente, die klappernd gegen Stahl schlugen. Ich klemmte
die Röntgenfilme an Leuchtkästen, wo sich mir die Schatten und
Formen seiner Organe und Knochen offenbarten. Kugeln und
eine Unmenge scharfkantiger Splitter hatten in Leber, Lunge,
Herz und Gehirn wie ein tödlicher Schneesturm gewütet. In
seiner linken Pobacke steckte eine alte Kugel, und sein rechter
Oberarmknochen wies eine verheilte Fraktur auf. Mr. Jones war
wie so viele meiner Patienten gestorben, wie er gelebt hatte.

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