Das letzte Revier von
Buchvorstellung
Bibliographische Angaben
Originalausgabe erschienen 2000
unter dem Titel The Last Precinct,
deutsche Ausgabe erstmals 2002
bei Hoffmann & Campe.
Ort & Zeit der Handlung: USA, 1990 - 2009.
Folge 11 der Kay-Scarpetta-Serie.
- New York: G. P. Putnams Sons, 2000 unter dem Titel The Last Precinct. 449 Seiten.
-
Hamburg: Hoffmann & Campe, 2002.
Übersetzt von Anette Grube.
ISBN:
3-455-01023-7. 544 Seiten. -
München: Goldmann, 2004.
Übersetzt von Anette Grube.
ISBN:
3-442-43905-1. 542 Seiten. -
Augsburg: Weltbild, 2006.
Übersetzt von Anette Grube.
ISBN:
978-3828979390. 477 Seiten.
-
[Hörbuch] Hamburg: Hoffmann & Campe, 2002.
Gesprochen von Franziska Pigulla.
gekürzt.
ISBN:
3-455-30308-0. 6 CDs.
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ISBN 3-442-43905-1, 544 Seiten. Copyright © Verlagsgruppe Random House
Leseprobe
Aus dem Amerikanischen von Anette Grube
Prolog
Nach der Tat
Die angeschlagenen Farben der kalten Dämmerung lösen sich in vollkommener Dunkelheit auf, und ich bin dankbar, dass die Vorhänge in meinem Schlafzimmer schwer genug sind, um auch die leiseste Andeutung meiner Silhouette zu verschlucken, während ich herumgehe und packe. Das Leben könnte nicht bizarrer sein, als es im Augenblick ist.
»Ich möchte einen Drink«, sage ich, als ich eine Kommodenschublade aufziehe. »Ich möchte ein Feuer im Kamin machen, was trinken und Pasta kochen. Gelbe und grüne Bandnudeln, Paprika, Wurst. Le pappardelle del cantunzein. Ich wollte schon lange ein Freisemester nehmen, nach Italien gehen und richtig Italienisch sprechen lernen. Nicht nur die Namen von Gerichten. Oder vielleicht auch Frankreich. Ich werde nach Frankreich gehen. Warum nicht?«, füge ich einerseits hilflos, andererseits wütend hinzu. »Ich könnte problemlos in Paris leben.« Das ist meine Art, Virginia und alles, was dazugehört, in Bausch und Bogen von mir zu weisen.
Captain Pete Marino steht in meinem Schlafzimmer wie ein dicker Leuchtturm, seine riesigen Hände stecken in den Taschen seiner Jeans. Er fragt gar nicht erst, ob er mir beim Packen des Kleidersacks und der Taschen helfen kann, die offen auf dem Bett liegen. Er kennt mich gut genug, um nicht einmal einen Gedanken daran zu verschwenden. Marino mag aussehen wie ein Prolet, reden wie ein Prolet, sich verhalten wie ein Prolet, aber er ist schlau wie ein Fuchs, sensibel und höchst aufmerksam. In diesem Augenblick zum Beispiel hat er eine schlichte Tatsache nicht vergessen: Vor noch nicht einmal vierundzwanzig Stunden schlich ein Mann namens Jean-Baptiste Chandonne im Vollmond durch den Schnee und verschaffte sich mit einem Trick Einlass in mein Haus. Ich war bereits bis ins letzte Detail vertraut mit Chandonnes Modus Operandi, deswegen kann ich mir haargenau ausmalen, was er mit mir angestellt hätte, wenn es dazu gekommen wäre. Aber bislang bin ich nicht in der Lage, mir anatomisch korrekt vorzustellen, wie meine eigene, grausam misshandelte Leiche ausgesehen hätte, dabei könnte niemand so etwas besser beschreiben als ich. Ich bin Gerichtsmedizinerin mit einem juristischen Abschluss und die Chefpathologin des Staates Virginia. Ich habe die beiden Frauen seziert, die Chandonne vor kurzem hier in Richmond umgebracht hat, und kenne die Akten von sieben weiteren, die er in Paris ermordet hat.
Leichter fällt es mir zu beschreiben, was er seinen Opfern angetan hat: Er hat sie auf brutalste Weise geschlagen, sie in Brüste, Hände und Füße gebissen, mit ihrem Blut gespielt. Er benutzt nicht immer die gleiche Waffe. Letzte Nacht war es eine spezielle Art von Maurerhammer. Das Werkzeug sieht in etwa so aus wie ein Pickel. Ich weiß, wie man damit einen menschlichen Körper zurichten kann, weil Chandonne mit einem Maurerhammer – demselben vermutlich – sein zweites Opfer in Richmond umgebracht hat, die Polizistin Diane Bray, vor zwei Tagen, am Donnerstag.
»Was ist heute für ein Tag?«, frage ich Captain Marino. »Samstag, oder?«
»Ja. Samstag.«
»Der achtzehnte Dezember. In einer Woche ist Weihnachten. Schöne Feiertage.«
Ich öffne eine Tasche des Kleidersacks.
Er beobachtet mich wie jemanden, dessen Verhalten jeden Augenblick ins Irrationale kippen könnte, in seinen blutunterlaufenen Augen spiegelt sich ein Argwohn, der mein ganzes Haus durchdringt. Misstrauen ist mit Händen zu fassen. Ich schmecke es wie Staub. Ich rieche es wie Ozon. Ich spüre es wie Feuchtigkeit. Das Zischen von Autoreifen auf der nassen Straße, der Missklang von Schritten, Stimmen und Funksprüchen klingt wie disharmonischer Höllenlärm, während die Polizei weiterhin mein Haus belagert. Meine Privatsphäre wird verletzt. Jeder Zentimeter meines Zuhauses wird unter die Lupe genommen, jede Facette meines Lebens bloßgelegt. Ich könnte genauso gut als nackte Leiche auf einem der Stahltische im Leichenschauhaus liegen. Marino weiß also, dass er mich gar nicht zu fragen braucht, ob er mir beim Packen helfen soll. O ja, er weiß verdammt gut, dass er es sich besser nicht einfallen lässt, irgendetwas anzufassen, und sei es auch nur ein Schuh, eine Socke, eine Haarbürste, eine Flasche mit Shampoo, nichts. Die Polizei hat mich gebeten, mein stabiles Steinhaus, mein Traumhaus, zu verlassen, das ich in diesem ruhigen, bewachten Viertel im West End gebaut habe. Man stelle sich das vor. Ich bin ziemlich sicher, dass einer wie Jean-Baptiste Chandonne – Le Loup-Garou oder Der Werwolf, wie er sich selbst nennt – besser behandelt wird als ich. Das Gesetz gesteht Menschen wie ihm jedes nur erdenkliche Menschenrecht zu: Komfort, Diskretion, freie Kost und Logis, kostenlose medizinische Versorgung auf der gerichtsmedizinischen Station des Medical College of Virginia, dessen Fakultät ich angehöre.
Marino hat während der letzten vierundzwanzig Stunden weder geschlafen noch geduscht. Als ich an ihm vorbeigehe, schlägt mir Chandonnes widerwärtiger Körpergeruch entgegen, und ich verspüre augenblicklich Übelkeit, mein Magen krampft sich so zusammen, dass ich nicht mehr denken kann und mir der kalte Schweiß ausbricht. Ich richte mich auf und atme tief durch, um diese olfaktorische Halluzination zu verscheuchen, während sich meine Aufmerksamkeit auf ein Auto richtet, das draußen auf der Straße verlangsamt. Ich bemerke inzwischen jede kleinste Veränderung der Verkehrsgeräusche und weiß, wenn ein Auto vor meinem Haus hält. Es ist ein Rhythmus, auf den ich seit Stunden horche. Die Leute glotzen. Die Nachbarn verrenken sich den Hals und bleiben mitten auf der Straße stehen. Ich drehe mich in einem unheimlichen Kreis virulenter Emotionen, bin im einen Augenblick verwirrt und im nächsten ängstlich. Ich schwanke zwischen Erschöpfung und Manie, zwischen Depression und Gelassenheit, und darunter brodelt es, als wäre mein Blut mit Kohlensäure versetzt.
Draußen wird eine Autotür zugeschlagen. »Und jetzt«, protestiere ich, »wer ist es diesmal? Das FBI?« Ich ziehe eine weitere Schublade auf. »Marino, ich habe genug.« Ich mache eine verächtliche Geste. »Schaff sie aus meinem Haus, alle. Sofort.« Wut flirrt wie eine Fata Morgana über heißem Asphalt. »Damit ich fertig packen und von hier verschwinden kann. Können die nicht wenigstens so lange abhauen, bis ich hier fertig bin?« Meine Hände zittern, während ich in Socken wühle. »Es ist schlimm genug, dass sie sich in meinem Garten rumtreiben.« Ich werfe ein Paar Socken in die Reisetasche. »Schlimm genug, dass sie überhaupt hier sind.« Noch ein Paar. »Sie können wiederkommen, wenn ich weg bin.« Ich werfe ein weiteres Paar Socken, verfehle die Tasche und bücke mich, um es aufzuheben. »Sie könnten mir zumindest gestatten, mich in meinem eigenen Haus frei zu bewegen.« Noch ein Paar. »Und mich ungestört packen und gehen lassen.« Ich lege ein Paar zurück in die Schublade. »Was zum Teufel haben sie in meiner Küche zu suchen?« Ich überlege es mir anders und nehme die Socken, die ich gerade zurückgelegt habe, wieder heraus. »Warum sind sie in meinem Arbeitszimmer? Ich habe ihnen doch gesagt, dass er dort nicht drin war.«
»Wir müssen uns umsehen, Doc.« Mehr hat Marino dazu nicht zu sagen.
Er setzt sich auf das Fußende meines Betts, und auch das ist verkehrt. Am liebsten möchte ich ihm sagen, dass er von meinem Bett runter und das Schlafzimmer verlassen soll. Ich muss mich beherrschen, um ihn nicht aus meinem Haus und möglichst noch aus meinem Leben zu schmeißen. Es spielt keine Rolle, dass wir uns lange kennen und viel gemeinsam durchgemacht haben.
»Was macht der Ellbogen, Doc?« Er deutet auf meinen eingegipsten linken Arm, der absteht wie ein Ofenrohr.
»Er ist gebrochen und tut höllisch weh.« Ich knalle die Schublade zu.
»Nimmst du deine Medizin?«
»Ich werd’s überleben.«
Er lässt mich keinen Augenblick aus den Augen. »Du musst das Zeug nehmen, das sie dir gegeben haben.«
Wir haben plötzlich vertauschte Rollen. Ich verhalte mich wie der ungehobelte Polizist, während er so logisch und ruhig argumentiert wie die Juristin-Ärztin, die ich eigentlich bin. Ich betrete wieder den begehbaren Schrank aus Zedernholz, hole Blusen heraus und lege sie in den Kleidersack, überprüfe, ob die obersten Knöpfe zugeknöpft sind, streiche mit der rechten Hand Seide und glänzende Baumwolle glatt. In meinem linken Ellbogen pocht es wie in einem entzündeten Zahn, meine Haut unter dem Gips schwitzt und juckt. Ich habe den Tag größtenteils im Krankenhaus verbracht – nicht, dass das Eingipsen eines Armes eine sehr langwierige Prozedur wäre, aber die Ärzte bestanden darauf, mich sorgfältig zu untersuchen, um sicherzugehen, dass ich keine anderen Verletzungen habe. Ich erklärte wiederholt, dass ich bei meiner Flucht die Treppe vor dem Haus hinuntergefallen sei und mir dabei den Ellbogen gebrochen hätte, nichts weiter. Jean-Baptiste Chandonne hatte keine Gelegenheit, mich anzufassen. Ich bin davongekommen, und damit hat’s sich, wiederholte ich gebetsmühlenartig zwischen einer Röntgenaufnahme und der nächsten. Bis zum späten Nachmittag musste ich zur Beobachtung dableiben, Polizeibeamte gingen ein und aus und nahmen meine Kleider mit. Meine Nichte Lucy musste mir etwas zum Anziehen bringen. Ich habe nicht geschlafen.
Das Klingeln des Telefons durchstößt die Luft, als ob sie Folie wäre. Ich greife zum Apparat neben dem Bett und nehme den schnurlosen Hörer. »Dr. Scarpetta«, sage ich, und der Klang meines Namens weckt Erinnerungen an Anrufe mitten in der Nacht, wo ich abnehme und die Polizei mich von einem schrecklichen Verbrechen unterrichtet. Als ich meine eigene, wie gewohnt geschäftsmäßige Stimme höre, sehe ich das bislang verdrängte Bild vor mir: mein verwüsteter Körper auf meinem Bett, überall im Raum, in diesem Raum, verspritztes Blut, und dann das Gesicht meines Stellvertreters, als die Polizei – wahrscheinlich Marino – ihn telefonisch davon in Kenntnis setzt, dass ich ermordet wurde und irgendjemand, Gott weiß wer, zum Tatort kommen muss. Mir schießt durch den Sinn, dass niemand aus meinem Institut auch nur im Entferntesten für diese Aufgabe in Frage käme. Dank meiner Hilfe hat Virginia den besten Katastrophenplan aller Staaten. Wir werden mit jedem größeren Flugzeugabsturz fertig oder mit einer Bombenexplosion im Stadion oder einer Überschwemmung, aber was wäre, wenn mir etwas zustieße? Man würde einen Gerichtsmediziner aus einem anderen, nahe gelegenen Zuständigkeitsbereich holen, aus Washington vermutlich. Das Problem ist nur, dass ich die Ostküste rauf und runter so gut wie jeden Gerichtsmediziner kenne, und mir täte es fürchterlich Leid, wenn einer von ihnen meine Leiche sezieren müsste. Es ist sehr schwierig, einen Fall zu bearbeiten, wenn man das Opfer persönlich kannte. Diese Gedanken jagen mir durch den Kopf wie aufgescheuchte Vögel, als Lucy mich fragt, ob ich irgendetwas brauche, und ich ihr versichere, dass es mir gut geht, was vollkommen lächerlich ist.
»Komm schon, es kann dir gar nicht gut gehen«, erwidert sie.
»Ich packe. Marino ist da, und ich packe«, wiederhole ich stur und fixiere Marino dabei kalt. Er sieht sich um, und langsam dämmert mir, dass er noch nie zuvor in meinem Schlafzimmer war. Ich will mir seine Fantasien nicht vorstellen. Ich kenne ihn seit vielen Jahren und war mir immer bewusst, dass sein Respekt für mich gewürzt ist mit einer Prise Unsicherheit und sexuellem Verlangen. Er ist ein Schrank von einem Mann mit einem dicken Bierbauch und einem großen, mürrischen Gesicht, sein Haar ist farblos und hat sich auf unattraktive Weise von seinem Kopf auf andere Körperteile ausgebreitet. Ich höre meiner Nichte zu, während Marinos Augen mein Privatestes abtasten: meine Kommoden, meinen Schrank, die offenen Schubladen, die Sachen, die ich gepackt habe, und meine Brüste. Als Lucy mir Tennisschuhe, Socken und einen Jogginganzug ins Krankenhaus brachte, dachte sie nicht an einen BH, und als ich hier war, zog ich nur einen alten weiten Laborkittel über, den ich als Schürze trage, wenn ich Hausarbeiten erledige.
»Schätze, sie wollen dich loswerden«, kommt Lucys Stimme über die Leitung.
Es ist eine lange Geschichte, aber meine Nichte ist Agentin des ATF, des Büros für Alkohol, Tabak und Feuerwaffen, und als die Polizei hier anrückte, konnten sie sie gar nicht schnell genug vom Gelände eskortieren. Vielleicht fürchteten sie, dass sich eine hochrangige Agentin in die Ermittlungen einschalten würde. Jedenfalls fühlt sie sich schuldig, weil sie gestern Abend nicht für mich da war und ich beinahe umgebracht worden wäre, und jetzt ist sie wieder nicht für mich da.
Ich gebe ihr zu verstehen, dass ich ihr nicht den geringsten Vorwurf mache. Aber ich frage mich auch, wie mein Leben wohl aussehen würde, wenn sie hier bei mir gewesen wäre, als Chandonne auftauchte – statt sich um ihre Freundin zu kümmern. Vielleicht hätte Chandonne gewusst, dass ich nicht allein war, und er wäre nicht gekommen, oder die Anwesenheit einer zweiten Person im Haus hätte ihn überrascht, und er wäre geflüchtet, oder er hätte meinen Tod auf morgen verschoben oder auf übermorgen oder Weihnachten oder bis ins nächste Jahrtausend.
Ich wandere auf und ab, während ich mir Lucys atemlose Erklärungen und Kommentare anhöre, und als ich an dem mannshohen Spiegel vorbeikomme, werfe ich einen Blick hinein. Mein kurzes blondes Haar ist zerzaust, meine blauen Augen sind glasig und von Erschöpfung und Stress gezeichnet, meine Stirn ist gerunzelt, als würde ich gleich in Tränen ausbrechen. Der Laborkittel ist schmutzig und voller Flecken und hat überhaupt nichts Chefmäßiges. Ich bin sehr blass. Das Verlangen nach einem Drink und einer Zigarette ist ungewöhnlich stark, nahezu unerträglich, als wäre ich augenblicklich zum Junkie geworden, nur weil ich fast ermordet worden wäre. Ich stelle mir vor, ich wäre allein. Nichts ist passiert. Ich sitze vor dem Kaminfeuer, rauche eine Zigarette, trinke ein Glas französischen Wein, vielleicht einen Bordeaux, weil Bordeaux nicht so kompliziert ist wie Burgunder. Bordeaux ist wie ein guter alter Freund, den man nicht mehr enträtseln muss. Ich vertreibe die Fantasie mit Fakten: Es spielt keine Rolle, was Lucy getan oder nicht getan hat. Irgendwann wäre Chandonne gekommen, um mich umzubringen, und ich fühle mich, als hätte ein schreckliches Verdikt mein Leben lang auf mich gewartet und meine Tür gekennzeichnet wie der Todesengel. Seltsamerweise lebe ich noch.
Kapitel 1
Ich höre an Lucys Stimme, dass sie Angst hat. Meine brillante, energische, Helikopter fliegende, fitnessbesessene Agentinnennichte hat nur selten Angst.
»Ich fühle mich wirklich mies«, sagt sie zum wiederholten Mal, während Marino weiterhin auf meinem Bett sitzt und ich auf und ab gehe.
»Das solltest du nicht«, sage ich. »Die Polizei will niemanden hier haben, und glaub mir, du möchtest auch nicht hier sein. Du bist vermutlich bei Jo, und das ist auch gut so.« Ich klinge, als ob es mir recht wäre, als ob es mir nichts ausmachen würde, dass sie woanders ist und ich sie den ganzen Tag nicht gesehen habe. Aber es ist mir nicht recht. Es macht mir etwas aus. Andererseits ist es eine alte Angewohnheit von mir, den Leuten immer einen Ausweg offen zu lassen. Ich werde nicht gern zurückgewiesen, schon gar nicht von Lucy Farinelli, die ich wie eine Tochter großgezogen habe.
Sie zögert, bevor sie antwortet. »Also, ich bin im Jefferson.«
Ich versuche, mir einen Reim darauf zu machen. Das Jefferson ist das beste Hotel der Stadt, und ich verstehe nicht, warum sie überhaupt in einem Hotel abgestiegen ist, noch dazu in einem eleganten und teuren. Tränen brennen in meinen Augen, und ich dränge sie zurück, räuspere mich, schlucke die Kränkung hinunter. »Oh«, sage ich. »Das ist gut. Vermutlich ist Jo dann bei dir im Hotel.«
»Nein, sie ist bei ihrer Familie. Ich habe gerade erst eingecheckt. Ich habe auch ein Zimmer für dich. Soll ich dich abholen?«
»Ich glaube, ein Hotel ist im Moment keine so gute Idee.« Sie hat an mich gedacht und will, dass ich zu ihr komme. Ich fühle mich ein bisschen besser. »Anna hat mir angeboten, bei ihr zu wohnen. In Anbetracht der Umstände ist es das Beste, wenn ich zu ihr ziehe. Dich hat sie auch eingeladen. Aber du bist jetzt vermutlich schon untergebracht.«
»Woher weiß Anna Bescheid?«, fragt Lucy. »Hat sie’s in den Nachrichten gehört?«
Da der Anschlag auf mein Leben zu einer sehr späten Stunde erfolgte, werden die Zeitungen erst morgen früh darüber berichten. Aber ich denke, dass die Radio- und Fernsehsender sich darauf gestürzt haben. Ich weiß nicht, wie Anna davon erfahren hat. Lucy sagt, dass sie im Hotel bleiben, aber später am Abend vorbeischauen will. Wir beenden das Gespräch.
»Das würde gerade noch fehlen. Wenn die Medien rausfinden, dass du im Hotel bist, wird sich hinter jedem Busch ein Journalist verstecken«, sagt Marino, runzelt die Stirn und sieht dabei grauenhaft aus. »Wo ist Lucy?«
