Ein eisiger Tod von Ian Rankin

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1995 unter dem Titel Let it bleed, deutsche Ausgabe erstmals 2004 bei Goldmann.
Ort & Zeit der Handlung: , 1990 - 2009.
Folge 7 der John-Rebus-Serie.

  • London: Orion, 1995 unter dem Titel Let it bleed. 448 Seiten.
  • München: Goldmann, 2004. Übersetzt von Giovanni & Ditte Bandini. 448 Seiten.

'Ein eisiger Tod' ist erschienen als E-Book

In Kürze:

Inspektor John Rebus von der Kriminalpolizei Edinburgh legt sich dieses Mal mit der »schottischen Mafia” an, deren Vertreter höchste Posten in Politik und Wirtschaft einnehmen und sich gegenseitig lukrative Aufträge und Fördergeldern zuschustern. Da diese «Ehrenmänner” auf ihre lukrativen Schiebereien nicht verzichten oder sich gar bestrafen lassen wollen, versuchen sie Rebus kaltzustellen und jagen ihm dabei mehr Furcht ein als eine Horde Totschläger ... – Gewohnt souveräner Thriller, der einmal mehr in der unvergleichlichen Rankin-Mischung aus Spannung, Melancholie und Schwarzhumor seine Antihelden in eine Geschichte verwickelt, welche die angebliche Elite von Edinburgh als skrupellose, gierige und korrupte Raubritter demaskiert – im Thriller kein unübliches Feindbild, das hier jedoch außerordentlich subtil gezeichnet wird und dadurch um so beängstigender wirkt.

Das meint Krimi-Couch.de: »Krimi-Spaß nach Maß: spannend, tragisch, witzig« 80°

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Der neue Fall beginnt spektakulär aber trügerisch: Detective Inspector John Rebus von der Kriminalpolizei Edinburgh und sein Chef Frank Lauderdale verfolgen zwei junge Männer, die angeblich die Tochter von Lord Provost gekidnappt haben. Die Jagd endet im Desaster; Rebus und Lauderdale verunglücken mit dem Wagen, die in die Enge getriebenen »Entführer” stürzen sich in den Tod.

Rebus kann diesen Vorfall nicht verwinden. Er stellt Nachforschungen an, die wie üblich seine Vorgesetzten missmutig stimmen, sobald die Spur in höchste politische und wirtschaftliche Kreise weist. Offenbar arbeiten Beamte mit großen Konzernen zusammen. Gewaltige Fördergeldsummen und Privilegien werden zweckentfremdet, um Schottland in eine Hard- und Softwareschmiede zu verwandeln.

Schleunigst wird Rebus auf einen anderen, weniger brisanten Fall angesetzt. Vor den Augen des Stadtrats Tom Gillespie hat sich der Ex-Sträfling Hugh McAnally mit einer Schrotflinte den Schädel vom Hals gesprengt. Der zunächst verärgert Rebus leckt Blut, als er entdeckt, dass auch Gillespie zur Gruppe der Verschwörer gehört. Anscheinend sollte er eindringlich gewarnt werden, denn der Stadtrat beginnt offenbar die Nerven zu verlieren.

Der Rechtschaffende als Spielverderber

Für Rebus kommt es knüppeldick. Er ist den inneren Kreis der Verschwörer inzwischen zu nahe gekommen. Der Polizeichef selbst tanzt nach deren Pfeife. Rebus wird «beurlaubt”, was ihn jedoch nicht abhält, auf eigene Faust seine Nachforschungen fortzusetzen. Er öffnet den Deckel zur Büchse der Pandora. Dort lauern keine Monster, sondern die eiskalten Großspekulanten einer globalisierten Oberschicht, die sich an die Gesetze und Regeln der »normalsterblichen” Bürger nicht gebunden fühlen. Sie schicken Rebus keine Schläger auf den Hals, sie haben ganz andere, erschreckende Möglichkeiten, um ihren Gegner «legal” auszuschalten.

Freilich kennen sie John Rebus nicht. Dessen Privatleben ist wieder einmal ein Chaos, und die Angst, seinen Job und damit seine einzige Stütze zu verlieren, lässt ihn erst recht die Flucht nach vorn antreten. Mit dem Mut der Verzweiflung foppt er seine Feinde, tritt sie in die Kniekehlen, schreckt selbst vor nächtlichen Einbrüchen nicht zurück, um ihnen begreiflich zu machen, dass die Welt nicht ihr Spielfeld ist …

Die Monster mit den weißen Kragen

Kein irrer Serienmörder, kein Rätsel schmiedender Kidnapper, kein »richtiger” Verbrecher treibt dieses Mal sein Unwesen. Nicht zum letzten Mal trifft John Rebus auf eine viel gefährlichere Kategorie von Schurken. Es sind die Herrscher der Gegenwart, denen ihre Macht zu Kopf gestiegen ist. Längst haben auf dieser Welt nicht mehr Könige das Sagen. Auch ihre demokratisierten Nachfolger mussten das Feld längst räumen. Heute tanzen sie wie die Mehrheit ihrer Bürger nach der Melodie, die gesichtslose Großkonzerne anstimmen.

Mit perfider «Logik” verwischen diese die Grenze zwischen »Falsch” und «Richtig”. Simple Gesetze kümmern sie nicht, die das »Ganze” im Auge behalten. Naiv ist, wer glaubt, man könne eine Industrie ansiedeln, indem man sie einlädt zu kommen. Im Rahmen des Gesetzes sind gewisse Investitionsanreize möglich. Sie reichen längst nicht mehr aus. «Interessenten” müssen mit Fördergeldern, Steuernachlässen und anderen Sonderrechten massiv umworben werden.

Wenn das Gesetz keinen ausreichenden Spielraum bietet, solche Firmen zu locken, dann muss man dieses Gesetz halt biegen oder auch brechen: Arbeitsplätze sind der Preis für solche Mauscheleien, welche die Unbeweglichkeit der Justiz in einer schnellen, globalisierten und letztlich eigenen Regeln gehorchenden Geschäftswelt ausgleichen.

So reden sich jedenfalls jene ihr Handeln schön, die in dieses »Spiel” verwickelt sind. Nicht einmal die Tatsache, dass sie selbst finanziell von ihren Manipulationen profitieren, bringt ihre Selbstgerechtigkeit ins Wanken: Dies ist die Belohnung, die wagemutigen Kämpfern gegen die Rezession zusteht; wir kennen diese Argumentation aus diversen realen Prozessen gegen gestrauchelte, aber niemals einsichtige Finanzgenies.

Multi-Kulti ist auch Multi-Krimi

Wie Ian Rankin seinen John Rebus herausfinden lässt, ist es auch zu einfach: Besonders im angeblich vereinten Europa ist die Subventionspraxis so verwickelt, dass eigentlich niemand ihr Funktionieren wirklich begreift. Das öffnet dem Betrug Türen & Tore. Manche Kapitel lesen sich etwas zäh, wenn Rankin aufdröselt, wie dies in Schottland funktionieren könnte. Tatsächlich erfasst den Leser Verzweiflung, wenn er (oder sie) begreift, dass der Kontinent Europa wohl niemals eine echte Gemeinschaft bilden wird. Jedes Land blickt auf eine viele Jahrhunderte währende individuelle Geschichte zurück. Einheit lässt sich nicht erzwingen. Kompromisse sollen sie gedeihen lassen. Diese sind unendlich kompliziert in ihren Details. Wer sich in diesem Gestrüpp auskennt, kann sein Wissen kriminell in blanke Münze verwandeln.

Schottland ist ein ideales Beispiel. Einst war dies ein eigenes Königreich und erbitterter Feind des Herrschers von England. Die «Vereinigung” erfolgte durch Gewalt, und die britische Insel ist längst noch nicht zu einer Einheit zusammengewachsen. So existiert Schottland um des lieben Friedens willen heute als »quasi-selbstständiges” Land im Norden Großbritanniens. Die politischen Konsequenzen sind unendlich kompliziert – und teuer für die Bürger, die mit ihren Steuern die daraus resultierenden Streitigkeiten und Absurditäten brav finanzieren.

Gefangen in der Grauzone

Auch John Rebus ist keineswegs ein unbeirrbarer Idealist, der den gordischen Knoten der Korruption durchschlagen will. Er macht sich seine Gedanken darüber, dass sein Handeln die Schiebereien auffliegen lässt und das Aufblühen einer Industrie verhindern wird, deren Arbeiter sich einen Dreck um die Unrechtmäßigkeit ihrer Entstehung kümmern würden. Rankin hat die wichtigste Währung der Gegenwart und Zukunft bereits erkannt: Es sind Arbeitsplätze, die heute als politisches Druckmittel eingesetzt werden. Rankin gönnt sich die literarische Freiheit, noch einmal «das Recht” obsiegen zu lassen. Freilich ist er nicht so naiv zu glauben, dass die Entlarvung einzelner Konzernkrimineller das System noch aus dem Gleichgewicht bringen könnte.

Rebus – ein moderner Sisyphus?

Man glaubt es kaum, aber Ian Rankin gelingt es noch jedes Mal, die Welt für seinen John Rebus ein wenig düsterer zu gestalten, ohne damit aufdringlich oder unglaubhaft zu wirken (d. h. die sog. »Wallander”-Verdrießlichkeit heraufzubeschwören). Dieses Mal ist es vor allem die echte und gut nachvollziehbare Furcht unseres «Helden” vor Gegnern, die sakrosankt erscheinen und sich mit normalen kriminalistischen Methoden – die Rebus so perfekt beherrscht – nicht aus der Reserve locken lassen.

Darüber hinaus ist Rebus’ Privatleben sogar noch bemitleidenswerter als sonst. Seine geliebte Dr. Patience Aitken hat ihn vor die Tür gesetzt. An Versöhnung ist nicht zu denken, nachdem Rebus nach einer für ihn üblichen Unbedachtsamkeit auch noch ihre geliebte Katze gekillt hat (eine der für Rankin typischen, von knochentrockenem Humor geprägten Episoden, an denen »Ein eiskalter Tod” wieder einmal so reich ist).

Dieser Pechvogel kann sich wehren!

Im Büro setzt man ihm als neue Vorgesetzte ausgerechnet Gill Templer, eine andere Ex-Gefährtin, vor die Nase, die durch forcierte Unfreundlichkeit deutlich zu machen gedenkt, dass Rebus keine Sonderrechte genießt. Da ist dessen Kampf mit dem schleimigen Kollegen Flower fast eine Erleichterung, weil dieser dem ebenso boshaften wie einfallsreichen Inspektor nicht wirklich gewachsen ist.

In und um das Revier St. Leonard’s tummeln sich wie immer Rebus\' geplagte, verärgerte, schockierte, sarkastische, abgebrühte Kolleginnen und Kollegen. Ihr Auftritt bietet jeweils ein willkommene Ablenkung von den deprimierenden Heimlichkeiten der «Ehrenmänner”, mit denen es Rebus in diversen Ministerien, Konsulaten oder Firmenpalästen zu tun bekommt. Die Polizisten Siobhan Clarke und Brian Holmes, die es noch am besten mit Rebus aushalten, müssen sich freilich dieses Mal mit Nebenrollen begnügen.

Ihre Meinung zu »Ian Rankin: Ein eisiger Tod«

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kianan zu »Ian Rankin: Ein eisiger Tod« 23.10.2012
Auch das siebte Buch der Serie um den chaotischen und schrulligen John Rebus hat mir sehr gut gefallen. Und obwohl die Idee für den Krimi nicht wirklich neu war, fehlte es nicht an Spannung. Ein gut geschriebener Krimi gespickt mit viel Humor. Einzig die beschriebenen politischen Verwicklungen und Verstrickungen waren ein wenig mühselig nachzuvollziehen und etwas langatmig. Daher aus meiner Sicht nicht die "vollen Prozente". Ich kann die Serie nur empfehlen und wenn möglich, sollte man sie in der richtigen Reihenfolge lesen, um mehr Gefühl für die Protagonisten zu kriegen.
dottie62 zu »Ian Rankin: Ein eisiger Tod« 13.09.2011
Ein hervorragender Krimi für den man Geduld und Konzentration braucht um alle Zusammenhänge zu verstehen. Er ist nicht leicht zu lesen. Man erhält u. a. einen Crashkurs im Aufbau der schottischen Verwaltung um zu verstehen, wer wann und wie viel Geld verschoben hat.
Mein erster John Rebus Krimi aber bestimmt nicht mein Letzter.
THD zu »Ian Rankin: Ein eisiger Tod« 02.07.2011
Vor einem Jahr habe ich zufällig Ian Rankins "Puppenspiel" in die Hand bekom-men und war so angetan, dass ich be-schlossen habe, die ganze Serie von vorn zu lesen. "Ein eisiger Tod", der 7. Band der Reihe, ist also das 8. Rebus-Buch, das ich gelesen habe, und ich fand es bislang das Beste. Das unterscheidet mich offen-bar von den anderen Lesern, die eine ausführliche Kritik abgegeben haben! Die Gesamtbewertung aller Leser ist aber doch eindeutig postiv.
Die Verfolgungsjagd am Anfang ist sicherlich action-mäßig der Höhepunkt. Dennoch ist der Rest keineswegs lang-weilig, sondern beschreibt minutiös und entlarvend mafiöse politische Strukturen in einer Form, die ich im literarischen Krimi bislang nicht kannte. Und man kann sich ohne Weiteres vorstellten, dass Derartiges nicht nur im Schottland von John Rebus, sondern genausogut im Deutschland von hier und heute stattfinden kann, wohl täglich stattfindet - aber nicht öffentlich wird, weil Ermittler mit der Moral und den Fähigkeiten von Rebus wohl erher selten sind.
Mein Tipp: Unbedingt lesen, aber vielleicht nicht als erstes Buch der Reihe.
Stefan83 zu »Ian Rankin: Ein eisiger Tod« 17.04.2011
Obwohl das Buch „Ein eisiger Tod“ heißt und im tiefsten Edinburgher Winter spielt, ist es in Ian Rankins Haus in Südfrankreich entstanden, größtenteils bei sengender Sommerhitze. Überhaupt ist der deutsche Titel mal wieder irreführend, hat er doch keinerlei Bezug zum eigentlichen Inhalt zwischen den Buchdeckeln. Ganz anders als der englische Buchname „Let it bleed“, ein Wortspiel, das genauso „lass es bluten“ wie „lass die Luft aus der Heizung raus“ bedeuten kann. Und so ist auch das Einzige, was Rebus in diesem Buch zur „Ader lassen muss“, ein Heizkörper. Keine Spur von einer vereisten Leiche. Über reine Mordermittlungen ist Ian Rankin mittlerweile ohnehin erhaben. Stattdessen schafft er es erneut, Rebus' Nachforschungen auf eine komplexere Ebene zu heben und mit den zeitgeschichtlichen Ereignissen in Schottland zu verknüpfen. So jagt der hartnäckige schottische Bulle diesmal auch keinen soziopathischen Serienmörder, sondern das politische und wirtschaftliche Establishment, industrielle Großkonzerne und ambitionierte Volksvertreter, welche für das „große Ganze“ die Gesetze bis an die Grenzen ihrer Belastbarkeit biegen und notfalls auch brechen. Sie sind es gewohnt, dass alles nach ihrer Pfeife tanzt. Nur einer widersetzt sich diesem Rhythmus – Detective Inspector John Rebus.

Dessen neuer Fall beginnt für einen Krimi von Ian Rankin äußerst rasant mit einer nächtlichen Verfolgungsjagd durch Edinburgh. Detective Inspector John Rebus und sein Vorgesetzter Frank „Fart“ Lauderdale haben sich an die Stoßstange eines flüchtenden Wagens geheftet, dessen zwei Insassen möglicherweise die Tochter des Lord Provost Kennedy, einen der einflussreichsten und mächtigsten Männer der Stadt, entführt und Lösegeld gefordert haben. Bevor sie beide jedoch stellen können, kommt es auf der vom Schneesturm umtosten Forth Road Bridge zu einem spektakulären Unfall, in dessen Folge Lauderdale sein Bewusstsein verliert. Rebus, der sich gerade so aus dem Autowrack schälen kann, gelingt es zwar die beiden Flüchtigen zu stellen, kann aber nicht mehr beruhigend auf sie einwirken. Als er ihnen näher kommt, stürzen sich die beiden jungen Männer in den Freitod.

Auch wenn er nach außen hin derselbe bärbeißige Ermittler wie immer ist, setzt Rebus der schreckliche Vorfall sehr zu. Er fühlt sich für den Tod der Jungen verantwortlich und beginnt Nachforschungen anzustellen, nur um relativ schnell festzustellen, dass die Spur bis in die höchsten politischen Ämter Schottlands zu führen scheint. Und da man dort nicht will, dass zukünftige Investitionen und Prestigeprojekte wegen eines einzigen Polizisten in Gefahr geraten, lässt man Rebus bald kalt stellen. Doch den hält selbst seine „Beurlaubung“ nicht davon ab, die Ermittlungen fortzusetzen. Im Gegenteil: Rebus, dessen Privatleben auch wegen der Trennung von Patience mittlerweile ein einziger Schutthaufen ist, stürzt sich mit dem Mute der Verzweiflung ins Getümmel …

„Ein eisiger Tod“ ist diesmal weniger typischer Police-Procedual als vielmehr ein politischer Roman, da ein Großteil der Handlung von lokal- und landespolitischen Verwicklungen bestimmt ist und es letztlich um wesentlich mehr geht, als nur die simple „Whodunit“-Frage. Rankins Schurken hier sind nicht die Gegner, welche er sonst durch Edinburghs Gassen jagt, sondern seine Vorgesetzten, seine politischen Vertreter, illustre Industrielle und Immobilienspekulanten. Sie sind es, die jedes mögliche Schlupfloch im Gesetz ausnutzen, um (zum Vorteil aller und besonders für sich selbst) Schottland in eine neue, globalisierte Zukunft zu führen. Was ist die Leiche eines Sträflings gegen Millionen Arbeitsplätze? Was ist die Karriere eines Polizisten im Vergleich zum Image der gesamten schottischen Nation? „Nichts“ ist die Antwort, die von Seiten der elitären Verschwörer auf beide Fragen gegeben wird und die es John Rebus in seinem siebten Fall so schwer macht, für Gerechtigkeit zu sorgen. Denn was ist Gerechtigkeit überhaupt? Ian Rankin lässt seinen noch tiefer gefallenen Helden über dieselben Zweifel straucheln und stolpern, welche auch den Leser nicht unberührt lassen. Unwillkürlich versetzt man sich an Rebus' Stelle und fragt sich, wie man wohl an seiner statt handeln würde. Und wenn der verbissene Bulle, der nach Lauderdales Unfall nicht etwas selbst aufsteigt, sondern seine Ex-Geliebte Gill Templer als Vorgesetzte zugeteilt bekommt, seinen Kummer und Unmut im Whisky ertränkt, fühlt man mit.

In „Ein eisiger Tod“ sind die Grenzen zwischen „Gut“ und „Böse“ verschwommen, heben sich die Gegensätze auf eine Art und Weise auf, das die Nadel des moralischen Kompasses einfach nicht mehr zur Ruhe kommt. Rankin, dessen Buch immerhin schon 1995 veröffentlicht worden ist, beschreibt ein System, das wir auch im Deutschland der Jetztzeit nur zu gut kennen. Ein System, in dem Banker Milliarden verbrennen können, in dem Schmiergelder wie Bonbons verteilt werden, in dem ein Gewissen käuflich ist. Es zu Fall zu bringen fällt schwer, da man sich selbst an dem zu sägenden Ast befindet. Wen schert das Unrecht, das an einem Mann begangen wurde, wenn es dieses Unrecht war, das Perspektiven für tausende Menschen geboten hat? Es sind diese Denkansätze, welche auch nach der Beendigung der Lektüre von Rankins Roman im Gedächtnis bleiben und ihn aus der Masse des Mainstreams hervorheben. Gleichzeitig sorgen sie jedoch auch dafür, dass die gesamte Handlung nur äußerst zäh in Fahrt kommt.

Die gleichen verworrenen und für uns nicht nachvollziehbaren Praktiken innerhalb der Gremien der EU und den Großindustriellen, welche dem Missbrauch den Boden bereiten, sorgen passenderweise auch im Roman dafür, das man relativ schnell den Überblick verliert. Mehrere komplizierte Abkürzungen, politische Ämter und ganze Namensschwadronen machen von Beginn an eigentlich einen Notizzettel notwendig, um den roten Faden, der sich windet wie ein Lachs an der Angel, zu folgen. Das wird nicht jedermanns Sache sein und sicherlich viele dazu bringen, das Buch mit dem Prädikat „langweilig“ zu versehen oder gleich in die Ecke zu knallen. Dabei lohnt es jedoch sich gemeinsam mit Rebus den Kopf zu zermartern, da neben der üblichen Spurensuche weit größere Zusammenhänge ans Licht gezerrt werden, die als Spiegelbild ihrer Gesellschaft für Deutschland genauso gelten wie für Schottland. Denn dort wo der Bürger stumm und unkritisch bleibt, wo er alles glaubt und noch mehr glauben will, dort gedeiht das Verbrechen am Allerbesten.

Aufgelockert wird diese weit und ineinander verzweigte Handlung wieder mal von einer guten Prise schottischen Humors, den Rankin wieder punktgenau zu setzen weiß (Highlight ist sicherlich der ungewollte Tod von Patiences Kater Lucky – selbst ich als Katzenliebhaber konnte mir ein Lachen nicht verkneifen). Trotz all seiner privaten Probleme und Rückschläge, begeht der Edinburgher Autor gottseidank nicht den Fehler, bei dem Bemühen, seine Figuren menschlicher zu gestalten, John Rebus in der Düsternis versinken zu lassen. Während hinsichtlich dessen besonders die Skandinavier keine Grenzen zu kennen scheinen, bleibt Rebus stets glaubhaft, sein Handeln glaubwürdig. Auch deshalb weil ihm der Erfolg nicht immer zufällt und schon gar nicht bei jedem seiner Fälle sicher ist. Zur Not begibt sich der bissige Bulle auch in die unteren Ebenen der Gesellschaft, um zu bekommen was er will. Getrieben von dem Ziel für Recht zu sorgen und Recht zu haben, nimmt man schon mal die Hilfe von Berufsverbrechern in Kauf oder klaut Beweismaterial aus dem Müll von Verdächtigen. All das schildert Rankin mit schlafwandlerischer Sicherheit, durchsetzt von einer Spannung, die es trotz langatmiger Passagen unmöglich macht, das Buch aus der Hand zu legen.

Abschließend kann man sagen: Auch „Ein eisiger Tod“ wird Rebus-Freunde nicht enttäuschen, da Rankin sich treu bleibt und der Roman all das bietet, was die Reihe so einzigartig gemacht hat. Als langjähriger Leser der Bücher muss aber auch ich bemängeln, das sich der siebte Fall des sympathischen Arschlochs langsam entwickelt, sich äußerst sperrig liest und vergleichsweise wenig Höhepunkte bietet. Wer in die Serie reinschnuppern will, sollte lieber zu einem anderem Band greifen. Dieser ist, trotz aller Qualitäten („Ein eisiger Tod“ ist zweifelsfrei hervorragend konstruiert und literarisch auf höchstem Niveau), der bis hierhin schwächste.
2 von 3 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Frankie zu »Ian Rankin: Ein eisiger Tod« 09.04.2011
Auch für mich war dies der Erste Ian Rankin Roman. Doch dieses Buch war für meinen Geschmack viel zu langweilig. Ich bin schwer enttäuscht. Eigentlich hatte ich mir viel mehr versprochen,vorallem da er überall so hoch gelobt wird. Und das zu Unrecht wie mir scheint. Die Art zu schreiben ist okay,doch schlief ich bei der Story beinahe ein. Es fehlte an Spannung und auch an Power. Die Story ist sehr banal. Ich werde mir nochmals einen Rankin Roman kaufen,doch sollte auch dieser nicht das gelbe vom Ei sein,werde ich es sein lassen. An Stuart McBride und seine Figur DS Logan Mc Rae kommt Rebus nie und nimmer an.
0 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
theili zu »Ian Rankin: Ein eisiger Tod« 29.07.2008
Mein erster Rebus-Roman. Ich finde den Schreibstil von Ian Rankin gut. Der Fall den John Rebus aufzuklären hat ist auch ganz passabel. Zeitweise hat mir ein bisschen die Spannung gefehlt. Ich werde aber auf jedenfall noch weitere Bücher von Rankin lesen. Es hat sich gelohnt einmal von Skandinavien (Mankell, Edwardson, Egholm) nach Grossbritannien zu wechseln.
Micki zu »Ian Rankin: Ein eisiger Tod« 30.06.2008
Mein erstes Buch von Ian Rankin. Ich hatte vorher noch nie von ihm gehört und bin durch Zufall auf dieses Buch gestoßen. Ich habs angefangen und auch gleich wieder auf Eis gelegt. Hat mich bis dahin ich gelesen hab sehr entäuscht. Werde es vielleicht irgendwann nochmal versuchen.
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Sonnschein zu »Ian Rankin: Ein eisiger Tod« 31.12.2007
Der bisher schwächste aus der Rebus-Reihe.
Auch für meinen Geschmack hat es Rankin hier mit den Intrigen in der schottischen Politik und Großfirmen übertrieben. Richtig schleppend liest man sich durch die geschilderten und entdeckten Machenschaften. Dabei fing das Buch so spannend mit dem Selbstmord der vermeintlichen Entführer an! Auch blieben mir die bisher beim Lesen liebgewonnenen Charaktere wie Siobhan Clarke und Brian Holmes zu sehr im Hintergrund. Daher von mir schwache 80° (hoffe, dass der nächste wieder besser wird)
booktiger zu »Ian Rankin: Ein eisiger Tod« 04.09.2007
dies ist mein erster Rebus gewesen, ich habe ihn auf englisch gelesen. In Edinburgh. Hilfreich wenn man die Gegend ein bischen kennt, wo sich Rebus "aufhält" ;-)
Ehrlich hat mich die detailierte Beschreibung der Wirtschafts und Politik Intrigen irgendwann genervt - und ich gestehe, auch mehr verwirrt als interessiert. Zum Schluß schien jeder gegen jeden zu inrigieren, Rebus ist nur am trinken- was augenscheinlich normal ist... Das Ende war clever aber nicht überaschend. Ein paar weniger Details und ein paar weniger Charktere hätten dem Buch auch nicht geschadet. Hm. Einen Rebus habe ich noch. Wenn der auch so ist... dann werden Rebus und ich keine Freunde. ;-) ... aber meine Freundin findet ihn klasse...
heinrich zu »Ian Rankin: Ein eisiger Tod« 10.02.2007
langweilig und überbewertet?
ich habe spontan eine hohe Wertung abgeben, als ich mit dem Buch fertig war.
Wobei ich zugebe, das die Schilderung von Verwaltungsstrukturen und deren Verflechtungen mit der Wirtschaft recht mutig von Rankin war - das kann schnell langweilig werden. Aber die sonstige Handlung, der gute Erzählstil und die Neugier, wie es in Rebus' Leben weiter geht, retten das Buch.
Jenni zu »Ian Rankin: Ein eisiger Tod« 22.11.2006
Ich stimme meinem Vorschreiber zu, das ist der eindeutig schlechteste Krimi der Rebus-Reihe. Das Ende war enttäuschend, und die Geschichte hat sich nur so dahingeschleppt... Naja, dafür sind die anderen Bücher von Rankin es umso mehr wert, gelesen zu werden :-)
René zu »Ian Rankin: Ein eisiger Tod« 30.08.2006
"Ein eisiger Tod" dürfte der sechste Krimi mit Rebus sein, den ich gelesen habe. Und es ist - meiner Meinung nach - der deutlich schlechteste.
Einerseits kommen mir Menschen wie Zwischenmenschliches viel zu kurz, wodurch das Buch an Würze und Tiefgang einbüsst. Sir Iain Hunter & Co. sind blosse Sinnbilder des bösen Kapitalismus und darum eindimensionale Figuren. Gill Templer, Siobhan Clarke, Patience Aitken, Rhona Rebus & Co. wiederum bleiben im Hintergrund und sind dieses Mal blass.
Andererseits gelang es Rankin nicht, die komplexen Abläufe, die bei Wirtschaftskriminalität meist zu Tage tritt, auf ihre Quintessenz zu komprimieren. Eine Vielzahl von Namen von Menschen, Firmen, politischen Behörden (in Abkürzung) und nicht-politischen Organen werden dem Leser um die Ohren gehauen, wodurch der Überblick schnell einmal verloren geht. Da blendet der Leser diesen Belang schnell aus. Umso wichtiger wäre es in diesem Fall, dass das Zwischenmenschliche top ist.
Summa summarum: Das Thema wäre mit Blick auf die Subventionspolitik der EU durchaus interessant. Die Umsetzung ist aber gründlich misslungen.
Markus zu »Ian Rankin: Ein eisiger Tod« 21.12.2005
Reichlich unterkühlte Geschichte die nur sehr schwerlich in Schwung kommt. Mit Sicherheit eines der überbewertetsten Bücher das ich je gelesen habe. Was soll man auch mehr darüber sagen nur um die 200 Zeichen zu füllen? ;-) Für mich ein Langweiler.
1 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Paula zu »Ian Rankin: Ein eisiger Tod« 01.09.2004
So wie hier, beim Lesen dieses Krimis, habe ich noch nie gelacht. Bei all den endlosen Intrigen und Machenschaften, die da ablaufen, scheint der Antiheld Rebus trotzdem dem Leben noch etwas positives abringen zu wollen - und sei es nur die Freude sämtlichen Pubs und Lokalen der Stadt einen Besuch abzustatten...-
Friedel zu »Ian Rankin: Ein eisiger Tod« 27.07.2004
Rebus wie ich ihn schätze, durchtrieben, aber leidend, gradlinig und immer durstig.
Wenn man sich durch Hirarchien schottischer Behörden durchgeforstet und viele Charaktäre kennengelernt hat, ist das Buch fast schlüssig, aber spannend
und sehr unteerhaltsam.
Toni zu »Ian Rankin: Ein eisiger Tod« 24.04.2004
Etwas enttäuscht über die Tatsache, daß dieses Buch erst jetzt in Deutschland erschienen ist, konnte ich mich doch wieder einmal in John Rebus suchen und finden; spannend erzählt und wie immer fast bemitleidenswert muß Rebus sich mit der Ungerechtigkeit der nicht nur schottischen Macht von Politik und Wirtschaft beschäftigen und will sich doch nicht damit begnügen...
1 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
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