Die Übersetzung von Pablo de Santis

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1998 unter dem Titel La traducción, deutsche Ausgabe erstmals 2000 bei Unionsverlag.
Ort & Zeit der Handlung: Argentinien, 1990 - 2009.

  • Buenos Aires: Planeta, 1998 unter dem Titel La traducción. 156 Seiten.
  • Barcelona: Destino, 1999. 156 Seiten.
  • Zürich: Unionsverlag, 2000. Übersetzt von Gisbert Haefs. ISBN: 3293002722. 156 Seiten.
  • Zürich: Unionsverlag, 2002. Übersetzt von Gisbert Haefs. ISBN: 329320225X. 156 Seiten.
  • Zürich: Unionsverlag, 2010. Übersetzt von Gisbert Haefs. ISBN: 978-3293204942. 156 Seiten.
  • [Hörbuch] Berlin: Der Audio Verlag, 2003. Gesprochen von Gisbert Haefs. Hörspiel. ISBN: 3898132374. 1 CDs.

'Die Übersetzung' ist erschienen als HardcoverTaschenbuchHörbuch

In Kürze:

Puerto Esfinge – der Hafen der Sphinx – ist ein verwunschener Ort an der argentinischen Atlantikküste. Genau der richtige Platz für einen Kongress über Geheimsprachen, über Kryptologie, über ausgestorbene Sprachen. Eigentlich fährt Miguel De Blast nur hin, um seine Jugendliebe Ana wieder zu treffen, die er an seinen Rivalen Naum verloren hat. Naum ist jetzt ein Star im Literaturbetrieb und alle fiebern seinem Auftritt entgegen. Aber bevor der Meister eintrifft, beginnen die Rätsel: Erst werden Seehunde tot aufgefunden, dann mehrere Kongressteilnehmer. Die örtliche Polizei ist ratlos. Miguel De Blast gerät auf die Spur eines uralten Fluchs und einer magischen, vergessenen Sprache.

Das meint Krimi-Couch.de: »Die morbide Kraft der Sprache« 78°

Krimi-Rezension von Thomas Kürten

Hat sich schon mal wer vor Augen geführt, welche Macht in die Hände von Übersetzern gelegt wird? Ihr Handwerk und ihr Können entscheiden, ob Texte in einer anderen als der ursprünglichen Sprache den selben Sinn, die gleiche Aussagekraft, eine vergleichbare literarische Eleganz oder schlichtweg den identischen Inhalt besitzen. Das Problem dabei: Wer will Übersetzer nachhaltig kontrollieren? Unwahrscheinlich, dass zwei verschiedene Übersetzer auch nur ein Kapitel eines Buches identisch in ihre Muttersprache transferieren werden.

Ob Pablo de Santis von einem Übersetzer geärgert wurde, bevor er seine Novelle »Die Übersetzung« verfasste? Jedenfalls stellt er dem Werk folgendes Zitat voran:

»Als ich begeistert und gläubig die Übersetzung eines gewissen chinesischen Philosophen durchblätterte, stieß ich auf diesen denkwürdigen Passus: ´Einen zum Tod Verurteilten schreckt es nicht, am Abgrund entlangzuwandeln, denn er hat mit dem Leben abgeschlossen.´ An dieser Stelle hatte der Übersetzer ein Sternchen angebracht und teilte mir mit, seine Fassung sei der eines konkurrierenden Sinologen vorzuziehen, der folgendermaßen übersetzt hatte: ´Die Diener zerstören die Kunstwerke, um nicht ihre Schönheiten und Mängel beurteilen zu müssen.´ Wie Paolo und Francesca hörte ich hier auf zu lesen. Ein mysteriöser Skeptizismus hatte sich in meine Seele geschlichen.«

Breitseite, das saß. Nicht zu glauben, dass die beiden zitierten Übersetzungen wirklich für die gleiche Lebensweisheit gelten sollen. Zudem gibt de Santis den großen argentinischen Literaten Jorge Luis Borges als Urheber dieses Zitats an – alle in Frage kommenden argentinischen Kritiker hat er damit mundtot gemacht. Wer wagt es schon, etwas gegen Großmeister Borges zu sagen?

Linguistenkongress überschattet

De Santis lässt seinen Ich-Erzähler Miguel de Blast in düsteren Erinnerungen schwelgen. Er denkt zurück an einen Linguistenkongress im entlegenen Küstendorf Puerto Esfinge. Fernab von der nächsten Ortschaft trifft sich hier die Schar der Argentinischen Übersetzer in einem vor Jahren nur halb fertig gestellten Hotel, dem die niemals ernsthaft zu erwartenden Touristenscharen von vornherein ausgeblieben waren. Miguel selbst hatte eigentlich keine Lust, sich die Vorträge seiner Berufsgenossen, für die er hauptsächlich Verachtung empfindet, ernsthaft anzuhören, aber die Aussicht auf ein Wiedersehen mit seiner Jugendliebe Ana hat ihn letztlich doch zu der Reise bewogen.

In Anbetracht des Organisators der Konferenz, ein gewisser Kuhn, war Chaos zu erwarten gewesen. Die erste Katastrophe passierte, als der heimliche Star der Übersetzerszene, ein gewisser Naum, nicht erschien, um sein Eröffnungsreferat zu halten. Miguel sprang kurzerhand für ihn ein. Die zweite Katastrophe folgte schon sehr bald: Vallner, ein sehr streitbarer und diskussionsfreudiger Vertreter seines Fachs, wurde kurz nach seinem Vortrag tot auf dem Dach der unfertigen Seite des Hotels gefunden. Es starben noch zwei weitere Kollegen, die mit Vallner einen kleinen Workshop gebildet hatten; unter Leitung von Naum wollten sie magische, nicht aktiv gesprochene Sprachen wie die »verlorene henochische Sprache« und die »Sprache des Acheron« erkunden. Auf letzterer liegt angeblich ein Fluch. Und was ist das Geheimnis der toten Robben am Strand von Puerto Esfinge?

Wollt ihr denn ewig leben?

Was mag sich der renommierte Gisbert Haefs gedacht haben, als er dieses Werk aus dem Spanischen übersetzte? Hart und gnadenlos geht de Santis mit dem Berufsstand der Übersetzer ins Gericht. Beginnend mit dem immer wieder subtil angebrachten mangelnden Fachwissen bei der Übersetzung von Sachbüchern und Lehrtexten, dem selbst eingestandenen literarischen Unvermögen des Miguel de Blast hin zur offenen Scharlatanerie: Ein Kollege berichtet, dass er binnen zwei Tagen einen amerikanischen Krimi übersetzen musste, das Original aber verlegt hatte. Kurzerhand ließ er die gesamte zweite Hälfte seiner eigenen Phantasie entspringen: »Das Buch verkaufte sich nicht schlecht, erreichte drei Auflagen.« Besonders thematisiert er jedoch die Verblendung und die Versuchung, Erkenntnisse aus der Übersetzung für sich zu behalten. Soviel sei hier jedoch angemerkt: Wenigstens Haefs dürfte in den Augen von de Santis einen guten Job gemacht haben.

Zu wahren Begeisterungsstürmen verleiten die vielzähligen Metaphern, derer sich der Autor bedient. Allein die Kulisse ist ein kleines Meisterwerk, der abgeschieden gelegene Hafenort eine Welt für sich und das heruntergekommene, halbfertige Hotel ein Sinnbild für den gegenwärtigen Zustand der menschlichen Kommunikation. Der alte Leuchtturm, die Polizeiwache, der Strand, der Patient, der nach einer Kopfverletzung alle Sprachen spricht – das Buch bietet Interpretationsmöglichkeiten en masse. Zudem spannt es einen geradezu unfassbar weiten literarischen Bogen, nimmt Anleihen bei Dante Aligheri, Edgar Allan Poe und letztlich Jorge Luis Borges. Die Novelle verfügt über erstaunliche Tiefgründigkeit, die man erkennt, wenn man sich entsprechend Zeit nimmt, sich mit ihr auseinander zu setzen. Hat man diese Zeit nicht, bietet sie einfach nur kurzweilige Unterhaltung mit phantastischen Elementen, rätselhaften Todesfällen und humorvollen Passagen.

Bleibenden Eindruck hinterließ bei mir besonders die folgende Erkenntnis: »In einer Welt von Psychotikern ist für den Neurotiker Kopfweh ein Zeichen von Gesundheit.«

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S. Lorenz zu »Pablo de Santis: Die Übersetzung« 10.10.2006
Sprachlich nicht so vollendet wie "Der Kalligraph" gelingt es de Santis dennoch, eine Atmosphäre zu erzeugen, die aus meiner Sicht die eigentliche Handlung in den Hintergrund drängt und zum Nachdenken über Sprache und deren Macht an sich anregt.
Andrea zu »Pablo de Santis: Die Übersetzung« 05.11.2004
Habe es jetzt als Hörbuch kennengelernt, bisschen gruselig, sehr spannend und hintergründig. Ich weiss nicht, ob ich alles verstanden habe, es war mir auch etwas zu kurz. Vielleicht kommt im Buch manches besser raus. Wenn ich mal viel Zeit habe, werde ich das lesen nachholen....!
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Gunther E. Kreutz zu »Pablo de Santis: Die Übersetzung« 12.03.2003
Keine leichte Kost. Krimi einmal anders. Man muß sich schon sehr genau reinlesen um auch alle Hintergründe zu verstehen. Ob der Kommissar Guimar "Die Sprache des Acheron" verstanden hat, weiß ich noch nicht. Er hat es jedenfalls auf seinen Aktendeckel geschrieben.
0 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
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