In der Höhle des Kraken von
Buchvorstellung
Bibliographische Angaben
Originalausgabe erschienen 2003
unter dem Titel Le couloir de la pieuvre,
deutsche Ausgabe erstmals 2006
bei Blanvalet.
Ort & Zeit der Handlung: Marseille, 1990 - 2009.
Folge 1 der Paul-Cabrera-Serie.
- Paris: Stock, 2003 unter dem Titel Le couloir de la pieuvre. 480 Seiten.
-
München: Blanvalet, 2006.
Übersetzt von Michaela Meßner.
ISBN:
978-3-442-36343-8. 480 Seiten.
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ISBN 3-442-36343-8, 480 Seiten. Copyright © 2006 Verlagsgruppe Random House
Leseprobe
Aus dem Französischen von Michaela Meßner
Insel Porquerolles, Departement Var.
Mittwoch, 4. Oktober, Spätnachmittag.
Clara ließ ihren glasigen Blick über die kleine Bucht wandern.
Von der Pointe Prime bis zum Bon Renaud räkelte
sich die Plage d’Argent in aller Unbekümmertheit unter
einem Sprühregen aus Gischt. Um diese Tageszeit entfaltete
die Natur ihren Glühzauber, überzog den Horizont mit
schwefelgelbem Prunk. Wie bei einem gewaltigen Vulkanausbruch
ließ der Himmel das Meer in einem Sturm aus
Rot und Gold erglühen.
Sie schloss die Augen, hielt den Atem an, als wolle die
Leere sie einsaugen. Die Luft war salzhaltig, wie erfüllt von
einer klebrigen Schlacke. Eine Sekunde lang hatte sie den
Eindruck, die Zeit gerate ins Wanken.
Mit einer eiskalten Ohrfeige, einem Peitschenhieb, rief
der Mistral sie wieder zur Ordnung. Widerstrebend folgte
sie dem Wanderweg, einer steinigen Schlange, die sich an
der anderen Seite des Strandes wieder zu den Pinien hinaufwand.
Sie legte zwei- oder dreihundert Meter zurück, kurzatmig,
mit klopfendem Herzen. Ihre grauen Strähnen kringelten
sich auf der Stirn unter dem Ansturm des Windes.
Fünfundfünfzig Jahre war sie im Juni geworden, am 16., um
genau zu sein.
Ihr Körper erinnerte sie wieder einmal daran.
Eine Möwe flog vorüber. Ein riesiger, silberweißer Vogel mit einer Flügelspannweite von über einem Meter. Eine Sekunde darauf streifte sie ein zweiter, viel näher, gefolgt von einem weiteren. Schließlich flog ein Dutzend kreischend
über sie hinweg. Für Clara hörte es sich an wie Kindergeschrei.
Oder Hyänengelächter.
Sie fühlte sich irgendwie bedrückt. Ein absurdes, völlig
grundloses Gefühl. Sie zog sich ihren Pulli über und versuchte
zu schätzen, welche Entfernung sie noch von der
Straße trennte. Fünfzig Meter. Anschließend würde sie ihr
Fahrrad nehmen, ein Mountainbike, das unter den Felsen
an einen Baum gekettet war. Würde sie erst einmal darauf
sitzen, bräuchte sie sich nur noch rollen zu lassen. Im Gehen
wühlte sie mit der Hand in der Tasche, um sich zu vergewissern,
dass ihre Schlüssel noch da waren. Als sie das
kalte Metall spürte, beruhigte sie sich ein wenig.
Bald blieb sie atemlos stehen. Ein paar Meter weiter saß
eine Schar von Vögeln, die mit dem Schnabel nacheinander
hackten, schrien und kreischten, eine regelrechte Rauferei.
Das bedrückende Gefühl wurde noch stärker. Clara war es,
als werde sie von einer unsichtbaren Gefahr bedroht, als
krieche da etwas Feindseliges unter dem Sandstrand auf sie
zu.
Sie suchte nach einem Stück Holz, nach irgendetwas,
egal was, um sich zu verteidigen. Das Zwerchfell tat ihr
weh, der Schmerz pochte in ihrer Brust, überall, nirgends.
Schon bald lachte ihr das Glück. Halb im Sand vergraben,
reckte ein bizarr geformter Rebstock ihr seinen
knotigen Arm entgegen. Krampfhaft schwang sie die behelfsmäßige
Waffe und stieß schüchterne Protestlaute aus.
Vergebens. Die Möwen ignorierten sie, waren wie besessen.
Clara biss die Zähne aufeinander. Sie beschloss weiter-
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zugehen, mit unsicheren Schritten. Hinter ihren Brillengläsern
löste sich die Welt in verschwommene Formen auf.
Plötzlich stieß sie mit dem Fuß an etwas. Sie schreckte
zusammen, blickte reflexartig auf das Hindernis. Ein Teppich
weißer Federn bedeckte den Boden. Der Rebstock
schlug blind zu, in vollem Schwung. Schwanzfedern rieselten
wie in Zeitlupe wieder herab. Dann versank die Welt
um sie herum. Angetan mit einer Haut aus Tang lag dort,
halb im Wasser, eine Leiche auf dem Bauch. Sie war vollkommen
nackt und wurde von den Wellen zärtlich hin und
her gewiegt.
Der Anblick zweier Details ließ Clara starr die Augen
aufreißen. Die zerfetzte Schädelbasis, die dem Seewind rote
Knötchen darbot. Die linke Hand, schlank, elegant, mit
einem schwarzen Ring geschmückt. Obgleich sie schon halb
abgefressen war, erkannte sie, dass es eine Frauenhand war.
Sie unterdrückte einen Schrei, machte kehrt und rannte
in die entgegengesetzte Richtung davon.
Unbeeindruckt von ihrer Flucht, stürzten sich die Vögel
auf die Leiche und setzten ihren Festschmaus fort. Ein Stück
weiter kroch eine Kolonie von Krebsen aus dem Sand, um
ihnen zu Hilfe zu eilen, und trippelte unter einem Kastagnettenkonzert
zu dem Festmahl.
Erster Teil
Marseille. Quartiers Nord. Die vier Wagen warteten. Kommissar Tomasinis Leute versuchten sich ihren Frust nicht anmerken zu lassen. Sie beobachteten die Nacht, einen Rußbottich, alle hundert Meter von der kreideweißen Krone einer Straßenlampe zerhackt.
Einen Zigarillo zwischen den Lippen, spielte Paul Cabrera
mit seinem neuen Handy herum, um dessen Geheimnisse zu
ergründen. Die aufgebrochenen Gebäude, die menschenleeren
Gänge, die feuchten Keller, das würde er sich alles später
anschauen, wenn der Befehl dazu käme. Unterdessen
brachte er Ordnung in sein Adressbuch. Auch eine Art, die
Anspannung in den Griff zu bekommen.
Heute Nacht war die BAC, die Brigade zur Kriminalitätsbekämpfung,
in der Cité de la Castellane im Einsatz,
eine bröckelige Hochhaussiedlung, die man wie eine Bosheit
mitten in die Garrigue de l’Estaque gepflanzt hatte.
Wie gewöhnlich hatte ein anonymer Anruf den Tanz eröffnet.
Eine wütende, aggressive Stimme, die berichtete, eine
Bande junger Leute treibe auf den Parkplätzen ihr Unwesen.
Eingeschlagene Scheiben, Autoradiodiebstahl, Sachbeschädigung
– immer die gleiche Liste. Die Cowboys von
Kommissar Tomasini bewegten sich gewissermaßen auf bekanntem
Terrain.
Im Radio des Renault knisterte es.
»Also los, Jungs. Wir gehen.«
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Die Bullen stiegen leise aus den Wagen und teilten sich
in zwei Gruppen auf. Ein wohldurchdachter Plan, immer
derselbe, der auf Überraschung und einer guten Portion
Glück basierte.
Paul prüfte seine Flash-Ball. Eine Zwölfkaliber, Gummigeschosse
zum Unschädlichmachen, eine Waffe, die von der
amerikanischen Polizei dazu benutzt wurde, Unruhen niederzuschlagen.
Harmlos, laut Angaben der Entwickler. Für
die jungen Leute aus den Vorstädten ein Albtraum. Richtig
eingestellt, streckte sie auf zehn Meter ein Pferd nieder.
Die Polizisten liefen los, die Stirn in Falten, die Muskeln
angespannt. Sie hatten alle denselben Gedanken: Bei der
Gruppe bleiben! Ohne Unterstützung gab ein Polizeibeamter
eine leichte Beute ab, eine erstklassige Trophäe.
Die erste Gruppe nahm den Gang rechter Hand, die Vergissmeinnichtallee,
ein Blumentraum für ein Betongewächshaus.
Sie kletterte über eine Rampe auf den Vorplatz, eines
der wenigen Zugeständnisse, das die Bauträger den Integrationsgesetzen
gemacht hatten. Wollte man hier ernst genommen
werden, war es besser, man war behindert.
Ein wenig weiter hinten, in Deckung, kam Paul mit der
zweiten Gruppe. Der junge Leutnant liebte diese Übung in
den baufälligen Ghettos, die direkte Konfrontation, ohne
Umschweife, ohne Schutz. Eine seiner persönlichen Methoden,
die Ängste in den Griff zu bekommen, sie zu überwinden.
Er trat seine Kippe aus und ging Richtung Untergeschoss.
Wenn die Gangs oben ihre Dinger gedreht hatten,
teilten sie vor fremden Blicken geschützt ihre Beute. Die
Bullen von der Brigade wussten, wie der Hase läuft. Eine
Mannschaft oben, eine unten, die Umzingelung zahlte sich
immer aus.
Sofern man sie überraschte.
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Paul zückte sein Funkgerät und sprach leise.
»512 Charly, wir sind vor den Garagen. Bitte kommen.«
Das Funkgerät knisterte.
»Verstanden, Charly. Wir umzingeln Block C. Wir nehmen
die Nottreppe und gehen zur Turnhalle runter.«
»Wie immer, altes Haus. Wir treffen uns dann im Untergeschoss.
«
Der Leutnant zog einen Gummi aus der Tasche und
band sich einen Pferdeschwanz. Mit seinen hohen Wangenknochen
und der nervösen Anspannung im Gesicht sah er
im Halbdunkel aus wie ein Apache. Dann lud er die Flash-
Ball. Seine Krieger, die dicht hinter ihm standen, die Taschenlampe
in der einen, die Maschinenpistole in der anderen
Hand, kannten das Ritual und hielten den Atem an.
Der Angriff stand unmittelbar bevor.
Plötzlich machte sich eine dürre Gestalt im Dunkeln aus
dem Staub. Grauer Trainingsanzug, Helm mit Visier, sonst
sahen die Bullen nichts.
Paul flüsterte: »Ein Späher. Sie haben uns entdeckt. Los,
vorwärts.«
Sie traten eine Tür ein, einen Haufen Blech, den man
schon oft aufgebrochen hatte, und stürmten die Tiefgaragen.
Der Gestank nach Müll und Urin schnürte ihnen die
Kehle zu.
Paul bewegte sich Richtung Rampe, eine zur Hälfte bemalte
Steinzunge, auf der kein Auto mehr fuhr. Er rückte
ohne Deckung vor, die Kanone auf die Dunkelheit gerichtet,
vor Aufregung einen Knoten in den Eingeweiden. Aufgebrochene
Garagen tauchten im Kegel seiner Lampe auf,
voll gestopft mit Plastiktüten, leeren Dosen, Spritzen.
Der Leutnant legte einen Finger auf den Mund. Mit der
rechten Hand machte er eine ausholende Bewegung. Seine
Mannschaft schwärmte aus, schlich sich wie eine Front
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dicht an den Mauern entlang, den Schatten auf der Spur.
Einen kurzen Moment lang hallte der Raum unter ihren
Schritten wie eine hohle Muschel.
Er ließ seine Waffe sinken, biss die Zähne aufeinander.
Die kleinen Drecksäcke waren ihnen zuvorgekommen, sie
hatten sich schon in den Schutz der Keller zurückgezogen,
ein verworrenes Knäuel von Fäden, uneinnehmbar.
Lichtpfeile kündigten die zweite Gruppe an, die aus
einer weiteren Zufahrt herauskam. Ein korpulenter Mann
ging voran, den Teleskopknüppel fest in der rechten Hand.
Brigadechef Atavian machte einen auf Milieu – rasierter
Schädel, Lederweste, Siegelring. Drei andere Bullen folgten
ihm auf dem Fuße, über die Ohren gerollte Seemannsmützen
auf dem Kopf.
»Die sind uns durch die Lappen gegangen, diese Blödärsche.
«
»Scheiße«, fluchte Cabrera.
»Lass es gut sein, der kann uns mal. Das war bestimmt
nicht das erste Mal.«
Sie tauschten Blicke. Der Armenier Atavian lächelte, Paul
tobte. Die Spannung kippte um in kalte Wut, in unverhohlene
Gewaltbereitschaft. Cabrera nickte: »Okay. Wir kämmen
hier trotzdem alles durch.«
Die beiden Mannschaften durchsuchten die Boxen halbherzig,
und dann drangen sie ohne größere Überzeugung
in die unterirdischen Gefilde vor. Dasselbe Gewirr von
aufgebrochenen Garagen, und überall dieser Geruch, eine
Mischung aus stinkenden Exkrementen und einer grauen
Staubschicht.
Die Brigade durchkämmte die Nacht. Nichts. Wortlos
ging die Gruppe zu den Autos zurück. Der Adrenalinspiegel
sank, ihre Muskeln entspannten sich.
Plötzlich ein Schaben. Die Herzen machten einen Sprung,
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die Lichtkegel huschten wild hin und her, Atavian schrie als
Erster.
»Da!«
Die Polizisten machten kehrt. Von den Taschenlampen
eingekreist, schlich jemand in einem dunklen Trainingsanzug
hinter einer Blechplatte entlang. Paul hängte sich ihm
an die Fersen, ohne weiter nachzudenken. Die Männer von
der Brigade, mit Atavian an der Spitze, folgten ihm kurz
darauf.
Die Hetzjagd begann.
Paul lief mitten durch einen mit Müll voll gestopften
Gang, in dem Kabel und Schläuche hingen und wo es nach
Moder stank. Hin und wieder spießte die Lampe grausame
Graffitis auf, Erkennungszeichen, die die Grenzen gesetzloser
Territorien markierten. Vor ihm, nur wenige Meter
weiter, wies ihm das Geräusch geschmeidiger Laufschritte
den Weg.
Plötzlich teilte sich der Gang. Instinktiv nahm er den linken
und lief schneller. Regel Nummer eins: sich nicht isolieren,
Kontakt zur Gruppe halten. Er drückte auf den Schalter
des Funkgeräts und gab seine Position durch, ein klein
wenig außer Atem: »Ich gehe nach links, erste Gabelung.«
Das Gerät gab ein Knistern von sich, Atavian folgte ihm.
»Verstanden, wir sind hinter dir.«
Paul lief weiter. In dieser allumfassenden Dunkelheit
hatte er das Gefühl, ein Phantom zu jagen. Oder eine Katze.
Wie machten das diese Typen? Sie konnten sich blindlings
in Mauselöchern verkriechen und dabei Hindernisse überfliegen,
sie umgehen, ohne sich je zu irren.
Eine neue Kreuzung. Hier fächerte sich der Tunnel auf zu
einem Stern der Ungewissheit. Er tastete die dunklen Gänge
ab. Immer die gleichen Rumpelkammern, der gleiche
Schutt, der gleiche Dreck. Der Ausreißer war verschwunden, verschluckt von den gekalkten Eingeweiden des Gebäudes. Plötzlich, am Ende eines Gangs, fing die Taschenlampe ein zweifaches Blitzen ein. Er beobachtete seine Beute ein paar Sekunden lang, eine reglose Form, wie ein im Schein der Lampe erstarrtes Insekt. Seltsamerweise schien sie ihn zu erwarten. Ohne auf einen Befehl zu warten, richtete er die Flash-
Ball darauf und drückte ab. Die Explosion hallte durch alle
unterirdischen Gänge. Daneben. Der junge Mann starrte
ihn immer noch an, spöttisch. Sofort knisterte es im Funkgerät.
»Cabrera, was machst du da, zum Teufel?«
»Meinen Job, Alter, meinen verdammten Job. An der
nächsten Kreuzung nimmst du den linken Gang. Versuch
ihn nicht zu verfehlen, es ist der zweite.«
Er stürzte sich in den schmalen Stollen mit dem klammheimlichen
Gefühl, eine Dummheit zu begehen und dass er
wieder einmal zu weit ging, zu schnell war. Seine Schläfen
pochten, und seine Wangen brannten wie in einem Flammenmeer
aus reiner Energie.
Dreißig Meter. Keller tauchten zu seiner Linken auf,
eine Ali-Baba-Höhle, gefüllt mit Hi-Fi-Kram, Fernsehern,
Stereoanlagen, Druckern, alles noch original verpackt. Ein
raues Hecheln bestätigte ihm, dass sein Wild immer noch
rannte, dort, vor ihm, keine paar Meter entfernt. Er gab
Gas. Der Stollen bog noch zweimal nach rechts ab, dann
öffnete er sich auf eine Metallleiter.
Ein kurzer Moment des Zögerns, ein Blick nach hinten,
der Leutnant ließ sich hinunter und klammerte sich dabei
fest an die rostzerfressenen Eisenstangen. Der Boden kam
ihm glitschig vor, er rutschte beim Aufkommen aus und
rollte zur Seite.
Mit einem Ruck stand er wieder auf, suchte die Nacht mit den Augen ab. Ein Gang aus Mauersteinen. In der Mitte, hinter einem geborstenen Stück Mauer, brachte ein zittriger
Schein die Schatten zum Tanzen. Mit drei großen Sprüngen
gelangte er in einen großen Saal. Aufgeschlitzte Matratzen,
abgewetzte Sessel, ein zusammengeschusterter Tisch,
auf dem leere Dosen standen. In der Mitte, anstelle einer
Lampe, ein brennender Bretterhaufen. Niemand.
Der Ausreißer hatte sich in Luft aufgelöst.
Im Bruchteil einer Sekunde explodierte der Schmerz in
seinem Rücken. Er fiel zu Boden, ließ die Flash-Ball fallen,
während drei wendige Gestalten eine Art Indianertanz
um ihn aufführten. Ein Fußtritt bearbeitete seine Rippen.
Er bekam keine Luft mehr. Dann setzte es eine gehörige
Tracht Prügel. Cabrera schützte reflexartig sein Gesicht
und suchte seine Waffe, eine Manurhin 357 Magnum, geladen
mit einer 38er Spezialmunition. Das Chrom der Kanone
blitzte im Schein der Flammen auf.
Ein Schlag auf den Hinterkopf, und der Revolver entglitt
ihm. »Du Scheißpolyp, dich machen wir alle.«
Instinktiv robbte Paul an die Wand und richtete sich,
den Rücken dicht am Beton, vor seinen Gegnern auf. Drei
Beurs, Franzosen nordafrikanischer Abstammung, achtzehn,
zwanzig Jahre, sportlich, bewaffnet mit amerikanischen
Schlagringen und Rasiermessern. Bedrohlich näherten
sie sich im goldenen Schein des Feuers.
Der größte, Narbengesicht und Gold im Mund, ließ die
erste Salve los. Der Bulle wich dem direkten Schlag aus und
setzte ihm einen Uppercut aufs Kinn. Knochen barsten.
Der Beur wälzte sich wimmernd auf dem Boden, mit zertrümmertem
Kiefer. Verblüfft über die Kampftechnik, sahen
sich die beiden anderen an. Kleiner, jünger, aber genauso
gemein.
Dann stürzten sie sich auf ihn. Eine Masse aus Eisen schoss rechter Hand vorbei. Paul hatte dem gerade noch ausweichen können. Mit an die Brust gezogenen Ellbogen
umkreiste er sie tänzelnd, wie beim Training. Ratlosigkeit
bei den Angreifern, eine Sekunde des Zögerns. Der Polizist
ergriff seine Chance und ging zum Angriff über. Eine rechte
Gerade – ein Nasenflügel zerplatzte in Perlen purpurfarbenen
Taus. Neue Finte, Ausweichen mit der Schulter, er
landete einen wohlgesetzten Haken. Der Bursche, der auf
die Flammen stürzte, brüllte vor Schmerz.
»Los, ihr Bande von Arschgeigen. Wollt ihr noch mehr?
Los doch! Jetzt wird’s erst lustig!«
Der Bulle hatte geschrien. Um seine Angst rauszulassen,
die blinde Wut auszutreiben, die seine Fasern verzehrte. Er
fuhr fort, vor den Angreifern herumzutänzeln, ein matter
Eisenblock, der im Dunkeln glänzte.
Die drei jungen Leute lagen auf dem Boden, benommen,
desorientiert.
Dann kippte das Ganze um.
Goldmund richtete eine Pumpgun auf den Polizisten,
eine 12-Kaliber wie die Flash-Ball, und schoss einen bläulichen
Blitz in die Nacht. Paul wurde von der Wucht des
Aufpralls vom Boden gehoben und taumelte gegen die
Wand.
Von Panik ergriffen, flüchteten die Jungs in die Gänge, ohne sich um ihn zu kümmern. Im selben Augenblick tauchte
die von Atavian angeführte Horde auf.
Der Armenier beugte sich über Cabrera und legte ihm die
Finger auf den Hals. Der Puls schlug noch. Er öffnete die
Jacke. Sein Gesicht hellte sich auf. Wenigstens einmal trug
dieser Verrückte seine Kevlarweste.
Atavian knöpfte den Panzer auf. Die Bleikugeln bildeten
eine kreisrunde Eisensonne. Er spürte eine ferne Vibration, wie ein vergessener Wecker. Er klopfte Paul kurz ab, dann zog er dessen Handy heraus. »Atavian, ich höre.« Paul schlug die Augen auf. Der Brigadier blinzelte ihm zu und sprach weiter: »Muss noch nicht zum Verschrotten, Kommissar. Er ist nur ein wenig
benommen. In zwanzig Minuten sind wir da.«
Er legte auf und lächelte den Leutnant an.
»Das war Tomasini. Er will dich sehen. Schnell.«
Paul legte seinen Helm auf den Sattel. Die Maschine roch nach heißem Plastik, nach angebranntem Karamel. Eine Dreiviertelstunde von Marseille bis hierher. Ein neuer
Rekord. Er betrachtete sein Stahlross – eine Honda CBR
Fireblade, neunhundert Kubik, frisiert, mit abgespeckter
Verkleidung – und lächelte breit. Die Maschine schaffte
zweihundertachtzig Stundenkilometer bei weniger als zweihundert
Kilo, da musste man beim Gasgeben ganz schön
den Po zusammenkneifen.
Die Sonne brannte allmählich heißer, er zog seine Lederjacke aus. Das Maul offen, den Schild aufgebläht, ringelte
sich eine Kobra in einer Spirale um seinen Bizeps. Er ging
zum Pier, Hände in den Taschen, mit federndem Gang. In
der Ferne ein lang gestrecktes Panorama aus Granitfelsenbuchten.
Nachdem der Mistral vier Tage wie ein Verrückter
gewütet hatte, verlor er allmählich an Kraft. Er hinterließ
in seinem Kielwasser einen ausgewaschenen Himmel,
ein müdes und erschöpftes Meer, das von einer kaum
wahrnehmbaren unterseeischen Woge bewegt wurde.
Der Leutnant trat vor den Schalter. Ein junger Typ mit Akne im Gesich riss den Blick von seinem Comic los und sah ihn verdrossen an. Paul fragte: »Wann geht das nächste?« »In zwanzig Minuten …Die Abfahrtszeiten hängen da rechts.«
Der Polizist drehte den Kopf. Auf Pupillenhöhe reihten
sich Fliegenbeine auf einem weißen Plastikschild. Alle
Stunde ein Fährschiff, es war zwanzig vor zehn. Zurück
noch mal dieselbe Leier, bis achtzehn Uhr dreißig.
»Geben Sie mir einmal hin und zurück.«
Er schob einen Zwanzig-Euro-Schein unter der Sprechanlage
durch. Der Picklige nahm den Schein argwöhnisch
unter die Lupe. Schließlich riss er zwei Fahrkarten ab.
Zwanzig Minuten.
Gerade noch Zeit, um schnell einen Kaffee zu trinken
und dabei aufs Meer zu schauen.
Paul ließ sich in einen Plastikstuhl fallen, der verloren am Rande der Felsen stand. Mit Kennerblick musterte er
den Ort. Etwa zwanzig Meter vor ihm klammerte sich das
Fort de la Tour-Fondue an eine Felsspitze. Nicht besonders
interessant, außer vielleicht für die Touristen, die im Sommer
in dichten Pulks dort einfielen. Gegenüber dem Parkplatz
war die Bar mit einer Terrasse, die weder ein Gesicht
noch eine Geschichte hatte. Hinten auf der Terrasse – niemand,
außer einem Pärchen in Shorts und zu langen Pullundern.
Aus ihrer Gesichtsfarbe schloss der Bulle auf Schweden
oder Deutsche.
Der Ober eilte herbei. In einem Hemd von zweifelhafter Sauberkeit, ein Birnenschädel, das Geschirrtuch in der
einen Hand, in der anderen ein gelbes Plastiktablett. Ein
Typ, der nach Langeweile roch, nach Ende der Saison. Paul
schenkte ihm ein Lächeln und bestellte einen Kaffee.
Der Ausflug begann ihm zu gefallen. Ein Tag auf Porquerolles im Frühherbst, das hatte was von Ferien. Vollkommen anders als seine nächtlichen Spritztouren in den Quartiers Nord, die improvisierten Schlägereien, das Gewirr der Straßen.
Eine Sache jedoch beschäftigte ihn: Wenn Tomasini ihn sich mitten in der Nacht gegriffen hatte, dann war ganz
offensichtlich irgendetwas faul an der Sache.
Faul, aber unmöglich abzulehnen.
Der Birnenschädel kehrte zurück, ein Schatten, der über den Kies huschte. Er stellte den Kaffee auf den Tisch und
klemmte den Kassenzettel unter die Tasse. Ohne ihn eines
Blickes zu würdigen, zündete Paul sich einen Zigarillo an.
Er wandte sich dem Meer zu. Port-Cros, le Levant, Porquerolles,
die Inseln zeichneten sich am Horizont ab, Felsenschiffe,
die im Blau wurzelten.
Es würde nicht leicht sein, sich da einzunisten, um an Infos
ranzukommen. Umso weniger, wenn er es unauffällig
tun wollte. Die Trottel von der Kripo aus Toulon waren
bestimmt schon eine gute Weile an Ort und Stelle. Ganz
zu schweigen von den Gendarmen. Die Insel war nicht sein
Bezirk, was er dort vorhatte, war ein gewagtes Unterfangen.
Ein Prickeln lief ihm über den Rücken. Allein auf sich
gestellt zu ermitteln, fern aller Routine, außerhalb jeder
Norm, das war dem Polizisten in gewisser Weise lieber.
Tomasini hatte ihm einen Dienstauftrag besorgt, getürkt
natürlich. Wie? Dem war er nicht auf den Grund gegangen.
Auf dem Papier stand nur, dass die Leiche, die man auf
der Insel aus dem Wasser gezogen hatte, mit einer Erpressungsgeschichte
in Zusammenhang stehen könnte, in der
die Marseiller Brigade zur Kriminalitätsbekämpfung ermittelte.
Paul lächelte unwillkürlich. Die BAC. Drei harmlose Buchstaben, wie ein Kinderalphabet. In Wahrheit eine der gefährlichsten Einheiten der Großstadtpolizei, eine der
brutalsten. In unmittelbarer Tuchfühlung mit der stinknormalen
Gewalt, mit dem unauffälligen, alltäglichen, gewöhnlichen
Wahnsinn.
Fünf Jahre mit dieser Bande von Spinnern, nachts zur Tarnung im Privatwagen Streife fahren – das hatte den Bullen immer wieder über seine eigenen Grenzen hinauswachsen
lassen. Jeder Einsatz zwang ihn, einer neuen Herausforderung
zu begegnen, die Wut zu kanalisieren, die ihm
die Gedärme zerfraß. Doch trotz dieser Dauertherapie
krochen immer noch Eisenschlangen unter seiner Schädeldecke
herum.
Ein Hornsignal verscheuchte seine Gedanken. Er packte seine Jacke und ging zum Landungsplatz. Dicht am Quai ließ das Fährschiff seinen Motor aufheulen,
zwei viel zu starke Dieselmotoren, die im Wasser gewaltige
Strudel aufwirbelten.
Er ging aufs Oberdeck, wo vier Personen ungeduldig auf die Abfahrt warteten, und setzte sich, mit Blick auf das weite Meer. Etwas weiter weg ließ sich ein Mann um die
sechzig nieder, in den Armen lauter alte Kartons. Paul beobachtete
ihn. Die schwieligen Hände, das von tiefen Falten
zerfurchte Gesicht – gewiss ein Fischer. Solche Gesichter
waren ihm vertraut, damit kannte er sich aus. Sein Vater
lebte im Vallon des Auffes und ernährte sich immer noch
vom Meer. Seine Passion. Sein Wahnsinn. Im Zeitalter der
Treibnetze wurden Selbstständige für Mohikaner aus einer
anderen Zeit gehalten.
Wieder ein Hornsignal, es vibrierte stärker, das Schiff fuhr los. Das schwedische Pärchen tauchte auf und lehnte sich an die Reling. Sie wollten nichts verpassen. Oktober in
Frankreich war wie Sommer für sie.
Das Fährschiff legte ab, passierte die Fahrrinne der Hafenausfahrt und fuhr ins offene Meer hinaus. Ein leichtes Schlingern entlockte ihm ein dumpfes Knarren. Paul streckte
die Beine aus. Die Überfahrt dauerte fünfzehn Minuten.
Er zog innerlich Bilanz.
Wie würden die Bullen von Toulon reagieren, wenn er ohne Vorwarnung auf ihrer Bühne antanzen würde? Laut dem jüngsten Stand der Ermittlungen war Spiaggi, dieses
Wrack, immer noch im Amt. Vielleicht würde ja sogar der
Chef des Regionaldienstes der Kripo Toulon dort sein und
so tun, als bringe er die Situation unter Kontrolle. Spiaggi
und er, das war nicht gerade die große Liebe. Er würde
ihm Knüppel zwischen die Beine werfen. Falls er seine Geschichte
überhaupt schlucken würde.
Der Bulle von der BAC bückte sich, um seinen Zigarillo wieder anzuzünden. Seit er damit angefangen hatte, diesen Mist zu rauchen, hatte er immer einen im Mundwinkel kleben.
Er sog den Tabak tief in die Lungen ein.
Warum interessierte sich Tomasini für diese Leiche?
Eine Frau unbestimmter Rasse, um die dreißig, die über
hundert Kilometer außerhalb seines Territoriums den Löffel
abgegeben hatte? Leichen fand man auch im eigenen
Garten genug.
Also? Warum sollte man sich noch mit denen der andern
rumschlagen?
»Excuse me. Please. You …Foto von uns.«
Paul nahm die Brille ab. Er blinzelte unter den dicken
Brauen. Er sah den Schweden – aber vielleicht war es auch
ein Engländer -, der ihn anlächelte und ihm eine Wegwerfkamera
hinhielt. Im Gegenlicht kam ihm der Tourist noch
blasser vor als an der Bar. Eine milchige, ungesunde Blässe.
Seine Frau stand neben ihm, reglos wie eine Krippenfigur,
eine Marbella-Mütze auf dem Kopf.
