Die Spur des Korsen von Olivier Descosse

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2005 unter dem Titel Le pacte rouge, deutsche Ausgabe erstmals 2007 bei Blanvalet.
Folge 3 der Paul-Cabrera-Serie.

  • Paris: Stock, 2005 unter dem Titel Le pacte rouge. 558 Seiten.
  • München: Blanvalet, 2007. Übersetzt von Michaela Meßner. ISBN: 978-3-442-36588-3. 558 Seiten.

'Die Spur des Korsen' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Eine Bombe explodiert mitten im Finanzamt von Marseille. Die Antiterrorabteilung der Polizei tappt im Dunkeln. Die Zeit drängt, also wendet man sich an Leutnant Paul Cabrera. Denn er kennt das Milieu. Und er hat ein persönliches Anliegen, den Fall zu lösen: Eines der Opfer war sein Onkel. Die Spur führt über Bastia, London und Pakistan nach Palermo, wo Paul zusammen mit seiner Cousine Angela schließlich eine fürchterliche Wahrheit erfährt …

Das meint Krimi-Couch.de: »Langwierig-langatmig« 40°

Krimi-Rezension von Jochen König

Paul Cabrera ist wieder da. Der Vorzeige-Macho, diese Mischung aus Winnetou (nicht umsonst wird er im Roman gerne»Asphalt-Apache« genannt), Peter Fonda zu Easy-Rider-Zeiten und einem kantigen Steven Seagal, ermittelt in seinem dritten Fall. Und der hat es in sich.

Im Finanzamt von Marseille explodiert eine Bombe. Drei Feuwehrleute und ein Wachmann werden getötet. Einer der Feuerwehrmänner ist Paul Cabreras Onkel Fabio, was das Auftauchen seiner Cousine Angela, einer Rechtsanwältin aus Palermo erklärt, die in einem eigenen Erzählstrang Ermittlungen durchführt, die ohne große Umschweife von Marseille zurück nach Palermo und dort in ihre eigene Vergangenheit hinein reichen.

Als wären mit dem unorthodoxen Polizisten und seiner neugierigen Cousine nicht schon genug ermittelnde Personen an Bord, darf in den ersten beiden Teilen des Romans »Suchen« und »Finden« auch der junge Ermittlungsrichter Marco Reichmann sein Scherflein dazu beitragen, Licht ins Dunkel zu bringen. Was er erfolgreich tut, findet er doch bald heraus, dass nicht das Finanzamt Ziel des Bombenanschlags war, sondern ein anliegendes Büro, genauer gesagt ein getarnter Raum voller äußerst wichtigen Dokumenten und Materialien. Der vorgebliche Terrorakt war Teil der Tarnung und eines ungenauen Lageplans.

Im dritten Part »Verstehen« rückt dann Cabrera – endlich? – immer mehr in den Mittelpunkt und darf den Fall zu einer ebenso simplen wie endgültigen und zugleich unbefriedigenden Lösung bringen.

Descosse fährt in seinem Roman wieder schwere Geschütze auf, zu den vermuteten Drahtziehern gehören die korsischen Nationalisten, die korsische Mafia (das sogenannte »Milieu«, was in der deutschen Übersetzung immer ein bisschen albern wirkt), die Cosa Nostra, deren verschärfte Variante, die »Brise de mer« und – nahezu unvermeidlich – muslimische Extremisten. Das keine Yakuza- und Triadenmitglieder an der nächsten Ecke lauern, ist auch schon alles.

War In der Höhle des Kraken eine grotesk bunte Mischung aus Abenteuer- und Kriminalroman, die in ihrer Unbedarftheit durchaus Spaß bereitete, so ist Die Spur der Korsen ein mittleres Desaster. Schlecht geschrieben – mein Favorit: »Paul fühlte, wie ein reines Gefühl der Liebe ihn anwehte«; wobei ich nicht weiß, wie viel auf Kosten der Übersetzung geht. So gibt es z.B. keinen einzelnen Korsen, dessen Spur laut deutschem Titel verfolgt wird. Allein diese ideelle Schlamperei lässt vermuten, dass es um die Bearbeitung des Buchtextes nicht besser bestellt ist.

Unabhängig davon wird besonders in den ersten beiden Teilen viel zu ausschweifend und langatmig erzählt, von besorgniserregenden Pathosausbrüchen ganz zu schweigen. Da werden langwierige Ermittlungen betrieben und Ergebnisse ausgebreitet, als ginge es darum die scheinbar realistische und frustrierende Seite der Polizeiarbeit zu zeigen, doch die wirklichen Entwicklungen, die die Handlung vorantreiben, entstehen aus unglaubwürdigen Zufällen und Verbindungen.

Cabrera selbst agiert nur eigenmotiviert, vage abgesichert durch einen hohen Untersuchungsrichter. Dass er einer Polizeibehörde angehören soll, ist schlicht lachhaft; es sei denn, es gäbe irgendeine übergeordnete Dienstselle für das globale Dorf namens Erde. Sporadisch nimmt der träge dahinfließende Erzählstrom dann tatsächlich mal Fahrt auf und gewinnt an Spannung, wird aber durch ausgelutschte Klischees (Killerpaar auf Motorrad), haarsträubende Unglaubwürdigkeiten (willkürliche und nicht nachvollziehbare Einschüchterungsversuche und Befragungen, übertroffen noch durch einen mafiösen Fantomas-Verschnitt. Fehlt nur Louis De Funès) permanent ausgehebelt. Dass das Ende mal wieder ein einfältiger Akt der Selbstjustiz ist, beiläufig herbeigeführt und ziemlich interesselos erzählt, fällt da kaum noch ins Gewicht. Dass die gesamte Handlung vorhersehbar und wie aus schlechten Infotainment-Shows zusammengebastelt ist, handlungstragende Personen einfach aus dem Buch fallen und nur in Nebensätzen noch einmal Erwähnung finden, schon mehr.

Descosse in einem Atemzug mit Jean-Claude Izzo zu nennen wie es Le Figaro tut, war schon in Verbindung mit dem ersten Roman Humbug. Mit dem vorliegenden Buch grenzt Izzos Erwähnung an Rufmord, denn so viel Milieu in der Spur des Korsen auch beschworen wird, vor kommt es nirgends.

Jochen König, Dezember 2007

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