Jäger in der Nacht von Oliver Bottini

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2009 bei Scherz.
Ort & Zeit der Handlung: , 1990 - 2009.
Folge 4 der Louise-Bonì-Serie.

  • Frankfurt am Main: Scherz, 2009. ISBN: 978-3-502-11018-7. 368 Seiten.
  • Frankfurt am Main: Fischer, 2010. ISBN: 978-3-596-17268-9. 526 Seiten.

'Jäger in der Nacht' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

In Kürze:

Sommer 2005. innerhalb weniger Tage verschwindet eine Freiburger Studentin, wird ein Familienvater auf grausame Weise ermordet, ertrinkt ein Junge unter ungeklärten Umständen im Rhein. Louise Bonì, Hauptkommissarin der Freiburger Kripo, und ihren Ermittlerkollegen wird schnell klar, dass die drei Fälle zusammenhängen – und dass noch mehr Menschen in größter Gefahr schweben. Darunter: Louise Bonì selbst. Bonìs vierter Fall konfrontiert sie mit den düstersten Geheimnissen gut situierter Freiburger Familien und führt ihr erneut vor augen, dass manchmal wenig genügt, um die Bestie im Menschen freizusetzen.

Das meint Krimi-Couch.de: »Langweilig. Wie das ganze Leben.« 80°

Krimi-Rezension von Wolfgang Franßen

Oliver Bottini ist Krimipreisträger, einer der arrivierten Autoren im Lande. In seinem Erstling Mord im Zeichen des Zen schaffte er es, eine dichte Atmosphäre zwischen Verbrechen, Landschaft und der inneren Zerstörung seiner Hauptkommissarin Louise Boni zu weben, die gegen den Alkohol ankämpfte. Seitdem wendet er sich immer wieder politisch brisanten Themen wie Waffenhandel oder den Gräueln auf dem Balkan zu und lässt ihre Auswirkungen, ihre Abgründe bis ins beschauliche Freiburg schwappen.

Zu Anfang von Jäger in der Nacht zeichnet der Autor das Innenleben eines Jungen nach, der unter Gewalt und Unterdrückung aufgewachsen ist und sich plötzlich der Möglichkeit gegenübersieht, sein Leiden weiterzugeben. Er findet ein misshandeltes Mädchen, das sich in einer Scheune versteckt und plant, die Chance nicht ungenützt verstreichen zu lassen. Was hier im Kleinen wie eine Übersprungshandlung erscheint, wie ein aus der Verzweiflung heraus geborener Befreiungsschlag, wächst im Verlauf der Geschichte zu der Fratze männlichen Machtphantasien an.

Gewalt gegen Frauen führt auf den Bestsellerlisten dazu, dass dies möglichst reißerisch dargestellt wird. Bottinis Welt hingegen besteht aus dem Team um Louise Boni und Hugo Chervel auf der französischen Seite. Es ist die deutsche Amtstube mit ihren kleinen und großen Katastrophen, ihren Eifersüchteleien und ihren Karrieren. Bottinis Hang, immer wieder Vor- und Familiennamen seiner Personen aufzuführen, nervt allerdings. Es klingt allzu Deutsch immer zu spüren, dass der Autor sich in Dienstgrad und Dienstweg bestens auskennt, als müsse er unter Beweis stellen, dass die Realität gewahrt bleibt.

Es gibt einen Punkt, an dem Menschen nicht nur sich selber sondern anderen zur Gefahr werden, sich einreden, an der Reihe zu sein, sich nehmen zu dürfen, wonach es sie gelüstet, davon überzeugt sind, dass für sie keine Regeln, keine Gesetze mehr gelten. Am Ende wird eine Handvoll Menschen ihrer perversen Lust nachgegeben haben und doch aus ihrer Haut nicht heraus können. Bis auf den Drahtzieher, jenem Mann, der selbst Louise Boni gefährlich werden wird, jenem Mensch, der zu nah am Verbrechen gelebt hat, um es für sich nicht zu verharmlosen. Er muss Frauen Leid zufügen, um sich selber zu spüren. Womit eine Spirale der Gewalt losgetreten wird, die nicht zu stoppen ist.

Was scheinbar harmlos am Rand der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland beginnt, wie ein Scherz anmutet, über den man eigentlich nicht lachen sollte und trotzdem lacht, verfestigt sich allmählich zum Planspiel, zum Verbrechen, das allein dadurch auffliegt, dass es amateurhaft durchgeführt wurde. Bottini vermag, Kriminalfälle zu entwickeln, die aus versteckten geheimen Kanälen an die Oberfläche drängen, gleichermaßen um den Häuserblock schleichen, um in die guten Stuben zu dringen.

Burn out

Nicht nur die skandinavische Krimiwelt hat in ihrem Harry Hole von Jo Nesboe einen Alkoholabhängigen zum Helden. Hauptkommissarin Bonì hat sich in Freiburg durch die Höhen und Tiefen der Sucht geschlagen und en passant Verbrechen aufgeklärt. Sie ist immer noch gefährdet, vor allem, wenn sie sich nicht an den gesetzlichen Rahmen ihrer Arbeit hält, sich auf ihren Bauch verlässt. Ben Liebermann, der Mann an ihrer Seite stellt plötzlich Fragen nach der Perspektive zwischen ihnen und, dass er nie zufrieden mit sich und seinem Leben ist. Alltägliche Probleme reißen da in Freiburg auf. Das macht Bottinis Helden sympathisch. Auch diesmal wird sie wieder einen Kollegen verlieren, der sich nach langen Jahren im Dienst plötzlich vor dem Aus sieht.

Andere sagen sich wiederum, vor dasselbe Aus gestellt: Wenn das Leben so langweilig ist, muss man doch etwas Spaß haben. Sei es drum, dass Gedankenspiele zum Schrecken werden. Und die Frage taucht auf: Wie viele Spielarten von Gewalt tummeln sich unter der Decke einer Gesellschaft, die das alles gar nicht aufnehmen kann, was sie an gebrochenen Tabus hinterlässt.

Wolfgang Franßen, Mai 2009

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Jossele zu »Oliver Bottini: Jäger in der Nacht« 25.06.2017
Oliver Bottini: Jäger in der Nacht
Wieder ein gut gelungener Krimi von Oliver Bottini. Louise Bonì ist mit einem Vermisstenfall beschäftigt, die Studentin Nadine Rohmueller ist verschwunden, als ein Mord an dem Jugendlichen Eddie geschieht, von dem der Leser etwas früher erfährt als die Polizei. Ein Zusammenhang zwischen den Ereignissen wird schnell offenkundig. Auch wird schnell klar, dass ein Polizist beteiligt ist. Louise scheint schon ganz nahe an der Auflösung zu sein, als ein weiterer Mord geschieht, diesmal an einem der Tatbeteiligten an Nadines Vergewaltigung. Die letztendliche Auflösung des Falls wird schön über die Ermittlungen der Polizei geschildert. Da ist kein Zufall dabei, sondern akribische Ermittlungsarbeit und vor allem bei Louise eine Menge Deduktion. Bis dahin alles ganz super, aber was ein kleiner Wermuttropfen in dem Roman ist: Louise Bonì – vielleicht ist das die Absicht des Autors – ist unglaublich unstet. Auf der einen Seite analysiert sie brillant Begegnungen und Gespräche, die sie geführt hat und zieht Schlüsse daraus, wohl wissend, dass sie dabei Vermutungen anstellt, die es erst noch zu bestätigen gilt. Auf der anderen Seite tappt sie in Fallen und begibt sich in Gefahr wie der letzte, minderbegabte Depp unter Auslassung jeglicher Ermittlerlogik. Auch das Ende ist etwas an den Haaren herbeigezogen. Trotzdem 70°, weil ein Lesevergnügen.
Mia Völker zu »Oliver Bottini: Jäger in der Nacht« 10.07.2016
Langsam finde ich es anstrengend, die Verweise auf alte Fälle, die Bottini immer wieder macht. Man muss also alle vorigen Bücher gelesen haben. Aber wenn man sie gekesen hat, wird es einfachnur langweilig.
Am meisten ihat mich allerdings an " Jäger in der Nacht" irritiert, dass im Roman immer wieder die Fussballweltmeisterschaft erwähnt wird. Und das im Sommer 2005.
Theatermichel zu »Oliver Bottini: Jäger in der Nacht« 16.07.2010
"Seelenmüll" ist der richtige Ausdruck, und damit überfrachtet Bottini leider nicht nur diesen Krimi. Wie will der Autor sich denn noch steigern können, wenn er ständig die Beschädigungen seiner Protagonisten referiert und dabei die Handlung gelegentlich vollkommen aus dem Blickfeld verliert? Nein, auch wenn ich keine Krimis mag, über die Harmoniesoße ausgegossen wurde, aber Bottini wird mir zu düster, zu unrealistisch, zu anstrengend.
M.Brunnemann zu »Oliver Bottini: Jäger in der Nacht« 03.07.2009
Ich las, bis auf einen, alle Krimis von Bottini. Wirklich gut gemacht. Womit ich Probleme habe, das ist die Kommissarin Louis. Die ist so randvoller Probleme, dass ich mich wie in einem "Tatort" fühlte. Gibt es denn keinen Kriminalfall, der sachlich und fachmännisch gelöste werden kann? Muss man den ganzen Seelenmüll der Kommissare mitschlucken, um ein Krimivergnügen zu erleben? Zum Kotzen die Geschichte mit Anatol oder die Episode mit der ausgeflippten Pfarrerin, der überall gef... werden möchte. Die Kommissarin ist nichts als ein verkommener Gutmensch. Im Prinzip habe ich keine Hoffnung, dass Bottini irgendwann von dem Seelenquatsch weg kommt. Nichts gegen Psychologie oder Pfarrerinnen, aber der Rhytmus eines Krimis sollte anders klopfen.
Captain Friendly zu »Oliver Bottini: Jäger in der Nacht« 22.05.2009
Sehr geehrter Herr Bottini,

Ihre "Jäger in der Nacht" habe ich verschlungen, wie im Bereich Kriminalroman bisher nur die Bücher von Craig Russell und die Sachs & Rhyme- Romane von Jeffery Deaver.
Leider hatte ich nicht überrissen, daß es sich hierbei um den vierten Roman einer fortlaufenden Reihe handelt, so waren mir einige der Ereignisse aus den Vorbänden, die ich mir natürlich umgehend zugelegt habe, bereits bekannt, was das Lesevergnügen nur unerheblich minderte.
Unglaublich finde ich, daß Louise Boní ein Charakter ist, der aus der Feder eines Mannes stammt, ein solches Einfühlungsvermögen in die großen und kleinen Laster einer Frau kann man eigentlich nur haben, wenn es sozusagen "aus erster Hand" stammt.
Das Buch weist gerade so viel Humor auf, daß die Spannung dadurch nicht beeinträchtigt wird und liest sich so flüssig, daß man es kaum aus der Hand legen kann, bevor man durch ist.
Spitze, lieber Mit-Franke, ich freue mich auf viele weitere ihrer hervorragend recherchierten Kriminalromane (aber nicht hetzen lassen, die Qualität soll ja nicht leiden).

Alles Gute (und fahren Sie vorsichtig),

Captain Friendly
Sachertörtchen zu »Oliver Bottini: Jäger in der Nacht« 21.03.2009
Obwohl ich ein großer Bottini-Fan bin, hat der neue Band mich nicht vollends überzeugt. Zu unrealistisch sind einige Charaktere ausgebaut und manches wird oberflächlich angekratzt. Sprachlich brillant, aber einige Klischees wurden so überzeichnet dargestellt, das es einen Hang zum Lächerlichen hatte. Die Auflösung war etwas flach- lässt aber auf einen neuen guten Louise Boní -Krimi hoffen.
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