Ein paar Tage Licht von Oliver Bottini

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2014 bei DuMont.
Ort & Zeit der Handlung: Algerien / Algier, 2010 - heute.

  • Köln: DuMont, 2014. ISBN: 978-3832196608. 400 Seiten.

'Ein paar Tage Licht' ist erschienen als Hardcover

In Kürze:

Algerien: Afrikas größtes Land, mit Reichtum gesegnet, im Innersten zerrissen. Hier wird ein deutscher Rüstungsmanager entführt, angeblich von islamistischen Terroristen, so der algerische Geheimdienst. Doch für BKA-Mann Ralf Eley, an der deutschen Botschaft in Algier stationiert, passen zu viele Puzzlestücke nicht zusammen. Allerdings kann er nicht ermitteln, ohne die Ausweisung zu riskieren. Also tut er es diskret, mithilfe der algerischen Untersuchungsrichterin Amel, seiner heimlichen Geliebten. Bald wird klar, dass es um viel mehr geht als um das Leben eines Entführten. Denn zahlreiche Spuren führen nach Deutschland, zu einem schwäbischen Waffenhersteller. Und Eley begreift: Wenn er die Wahrheit ans Licht bringen will, muss er alles aufs Spiel setzen.

Das meint Krimi-Couch.de: »Tod aus Deutschland – der Exportschlager« 84°

Krimi-Rezension von Jürgen Priester

Auch wenn es eine Verallgemeinerung ist, Nationen sind stolz, wenn eine(r) der ihren aus der anonymen Masse der Menschen hervorsticht – sei es als Nobelpreisträgerin, Papst, IOC-Präsident oder Weltfußballer. Gerade im Sport sind wir gerne Weltmeister, in welcher Disziplin auch immer. Der Begriff »Weltmeister« ist positiv konnotiert und wir hinterfragen zu selten, auf wessen Kosten zum Beispiel der Titel »Exportweltmeister«, den die deutschen Politiker so stolz auf den Lippen führen, eigentlich zustande kommt. Im Inland bedeutet er Lohndumping und Subventionierung, im Ausland Verschuldung und Verarmung. Einer der größten Exportschlager unseres Landes sind Waffen aus heimischer Produktion oder deren Bau in Lizenz im Ausland, angefangen von Handfeuerwaffen über Panzer hin zu Fregatten. In dieser Sparte reicht es zwar nicht zum Weltmeistertitel, aber Deutschland befindet sich jedes Jahr unter den Top 5 der größten Exporteure.

»Deutsche Waffen, deutsches Geld morden mit in aller Welt.«

...skandierte die Friedensbewegung schon vor gut dreißig Jahren auf ihren Demonstrationen und diese Aussage ist heute treffender denn je. Die Ausfuhr von Kriegswaffen unterliegt zwar einem Kriegswaffenkontrollgesetz (Ausführungsgesetz zu Artikel 26 Abs. 2 des Grundgesetzes), doch das Gesetz lässt (leider) viele Interpretationen und Hintertürchen offen. Das Kontroll- und Genehmigungsorgan ist der Bundessicherheitsrat, der bisher einmal im Jahr im Nachhinein! Parlament und Öffentlichkeit über getätigte Entscheidungen informiert – der Rüstungsexportbericht des Bundesministers für Wirtschaft und Energie. Aktuell (Mai 2014) sind die deutschen Waffenexporte mal wieder in den Schlagzeilen, weil der zuständige Minister Gabriel für die Zukunft eine restriktivere Haltung bei der Proliferation von Kriegsgerät ankündigte. Aber der Mann erzählt ja viel.

Man möge dem Rezensenten den voranstehenden kleinen Exkurs gestatten, denn in Oliver Bottinis aktuellem Roman Ein paar Tage Licht geht es explizit um Waffenlieferungen an sogenannte Drittländer. Der Roman selbst spielt hauptsächlich in Algerien zu Anfang des jetzigen Jahrzehnts.

Auf dem Papier ist Algerien eine semipräsidentielle Republik (ähnlich Frankreich), doch seit der Befreiung von der Kolonialmacht Frankreich im Jahre 1962 herrscht dort ununterbrochen das Militär bzw. die Nationale Befreiungsfront (FLN). Als Hort der Demokratie und Menschenrechte ist das Land in seiner nun fünfzigjährigen Geschichte nicht bekannt geworden. Während es in vielen anderen Mittelmeer-Anrainer-Staaten (Arabischer Frühling) brennt, hat das Militärregime in Algerien das revolutionäre Feuer unter Kontrolle. Nicht zuletzt, weil es von seinen europäischen Handelspartnern gut versorgt wird.

»Algerien gehört zu jenen Ländern, die die Bundesregierung  befähigen will, für «Sicherheit und Frieden» in ihrer Region zu sorgen. In einer Rede auf der Bundeswehrtagung in Straußberg im Oktober 2012 hatte Merkel erklärt, dass ihre Regierung befreundete Staaten dazu auch mit Rüstungslieferungen unterstützen wolle. Die deutsche Rüstungsindustrie profitiert von dieser «Merkel-Doktrin». Das zeigen auch die Waffengeschäfte mit Algerien. 2012 genehmigte das Bundeskabinett zahlreiche Rüstungsexporte im Gesamtwert von 287 Millionen Euro nach Algerien.« (ZEIT online, 28.3.2013)

Zu Beginn des Romans wird in Constantine (Algeriens drittgrößter Stadt) der Mitarbeiter einer deutschen Rüstungsfirma samt eines Bodyguards gekidnappt. Die zeitversetzt eingehende Lösegeldforderung lässt einen islamistischen Hintergrund der Entführer vermuten. Ralf Eley, der zuständige BKA-Beamte an der deutschen Botschaft in Algier, ist da skeptisch. Er will sich dahinterklemmen, wird aber zurückgepfiffen, ermittelt dennoch und gerät zwischen die Fronten. Mit Hilfe seiner zahlreichen Kontaktpersonen versucht, er Licht in das Dickicht von Identitäten, Scheinidentitäten, Verbindungen und Seilschaften zu bringen. Seine Möglichkeiten sind limitiert.

Während Eley in Algerien den Durchblick sucht, steht Berlin in heller Aufregung. Nichts fürchten die Zuständigen und Verantwortlichen in den Ministerien mehr, als dass deutsche  Waffenexporte in die Schlagzeilen geraten. Das schmutzige Geschäft mit dem Tod ist nichts für die Öffentlichkeit. Von außen betrachtet, ist es ein ziemlich unwürdiges Geschachere. Hier stellt sich niemand vor, dass einmal Menschen im Visier der exportierten Waffen stehen könnten; hier wird Karriere gemacht, Pfründe gesichert und die Hand aufgehalten. Wen das Gewissen plagt, der gerät schnell ins Abseits und in Schlimmeres.

Das interdisziplinäre Krisenreaktionszentrum im Außenministerium bemüht sich um die Freilassung der Geiseln. Die Macher in der Zentrale sind jedoch zu sehr mit Interna beschäftigt oder richten den Blick allzu weit in die Ferne. Sie bemerken nicht, dass der Terror schon längst nach Deutschland gekommen ist und den Namen »Die Namenlosen« trägt.

Ein paar Tage Licht ist ein Polit-Thriller von internationalem Format, der durch seine Realitätsnähe besticht. Oliver Bottini verzichtet, vermutlich ganz bewusst, auf reißerische Actionszenen. Die Gewalt, die in repressiven Staatsgebilden vorherrscht, braucht keine Überhöhung. Das wechselhafte Schicksal einer algerischen Familie durch drei Generationen ist beredt genug, zu verdeutlichen, dass Gewalt immer nur Gegengewalt erzeugt und so fort. Waffenhändler wie (die in) Deutschland unterfüttern die Konflikte. Und es geht um mehr, als nur Profite zu machen. Bottini macht deutlich, dass Export, Beratung und Schulung auch dazu dienen, den Zugang zu Rohstoffquellen zu sichern. Algerien z.B. hat reiche Öl- und Gasvorkommen. In Deutschland arbeiten Politik, Behörden und Wirtschaft Hand in Hand. Moralische Bedenken verflüchtigen sich im kollektiven Bewusstsein des »Hauptsache, uns (mir) geht’s gut«.

Während deutsche Politiker – angefangen beim Bundespräsidenten – von einer neuen deutschen Verantwortlichkeit in der Welt, von mehr Engagement, auch militärischer Natur, faseln, nehmen deutsche (Krimi-) Autoren zunehmend eine Gegenposition ein. Sei es Sebastian Fitzek, der in Noah die Globalisierung anprangert, oder Marc Elsberg in Zero, der die massenhafte Bespitzelung und Überwachung durch private und staatliche Institutionen bloßstellt, oder eben Oliver Bottini im vorliegenden Roman. Ein paar Tage Licht bringt tatsächlich Licht in die klandestine Welt des Waffengeschäftes. Spannend zu lesen, informativ, überzeugend. Mehr davon!

Jürgen Priester, Juni 2014

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111fgh@web.de zu »Oliver Bottini: Ein paar Tage Licht« 07.01.2015
Ein sehr interessantes und vielschichtiges Buch, mit komplexen Charakteren und vielen Handlungssträngen, Die Den Leser gelegentlich auch ein wenig durcheinander wirbeln. Zu viele Tote, wäre für den Fortgang der Handlung nicht notwendig gewesen.
Allerdings ist es mir zu einfach, gegen Waffenexporte zu protestieren. wir brauchen eine Rüstungsindustrie, um uns zu verteidigen, Und diese Industrie braucht Exporte, um zu überleben. Der Autor scheint den wohlfeilem Weg gewählt zu haben, grundsätzlich immer dagegen zu sein. Das bringt Vielleicht im ersten Augenblick moralische Pluspunkte, hält aber einem Weiteren nachdenken nicht stand.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Wolfgang B. zu »Oliver Bottini: Ein paar Tage Licht« 22.12.2014
Muss mich dem Kommentar von Herrn Klein anschließen. Eigentlich interessiert mich das Thema "Diplomatie" , Waffengeschäfte, Widerstandsbewegung etc sehr. Aber auch mir gelang es überhaupt nicht Zugang zu diesem Buch zu finden. Habe es einige Male extra aus der Hand gelegt, um dann wieder neu zu starten. Finde die Handlung ebenfalls sehr zerrissen und auch die Handlungsweise von Eley fand ich ein ums andere Mal sehr fragwürdig.
Ulrich zu »Oliver Bottini: Ein paar Tage Licht« 04.10.2014
Das Werk ist als Krimi deklariert und man kann es auch als solchen lesen. Aber es ist ein Krimi, der dem Leser schon etwas mehr abverlangt als ein durchschnittlicher Titel dieses Genres. Das Thema ist hochaktuell und politisch. Es geht um die fragwürdige Praxis der Waffenlieferungen an halb- oder gar nicht demokratische Staaten. In diesem Fall ist es Algerien. Mehrere Rüstungsunternehmen sind hier aktiv und machen tolle Geschäfte, natürlich alles abgesegnet vom deutschen Staat. Der Krimiplot besteht in der Entführung eines Rüstungsmanagers durch eine angeblich islamistische Gruppe. Doch der BKA Mann Ralf Elay stellt fest, dass es dafür zu viele Ungereimtheiten gibt. Stattdessen scheint es eine neue Gruppe von Leuten zu geben, deren Ziel ein demokratisches Algerien ist.

Eine Vielzahl von Figuren bevölkern den Roman. Die direkten Protagonisten sind fiktiv, die indirekten Personen meist real. Zynismus, Ignoranz und Gier bestimmt das Handeln der Personen aber es gibt sogar eine Liebesgeschichte, die hoffnungslose Beziehung zwischen Elay und der Algerierin Amel. Bottini schreibt in hohem Tempo, geht aber sparsam mit Actionszenen um, vielmehr ist das Buch teilweise sehr dialoglastig. Die Spannung wird denn auch mehr durch das Thema erzeugt. Ein Krimi für Leser, denen ein interessantes Thema wichtig ist, für den Freund kuscheliger Couchkrimis ist es eher nichts.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Gunter Kreutz zu »Oliver Bottini: Ein paar Tage Licht« 08.09.2014
Ich kann die (negative) Kritik der Vorredner nicht nachvollziehen. Das Buch ist gut recherchiert und die Botschaft letztlich auch konsequent vermittelt. Die Verflechtung von unterschiedlichen, mehr oder minder lauteren Interessen und die nicht zu lösenden Konflikte, die eben weite Kreise ziehen und sich über Generationen erstrecken, ergeben eben ein unangenehm vielschichtiges Bild, das etwas Konzentration abverlangt. Warum sollte irgendwer in dem Buch unbedingt sympathisch sein? Das ist doch wohl kaum ein Qualitätskriterium. Und was bleibt denn außer Zynismus noch übrig, wenn über Waffenhandel und die Folgen eine Geschichte erzählt wird? Der Autor ist weite Wege für sein Buch gegangen. Die Leser, die bereit sind, dem zu folgen - und nicht gleich das Handtuch werfen, nur weil ein Schauplatz mehr ins Spiel kommt, - kriegen hier sehr gute Unterhaltung.
Anja S. zu »Oliver Bottini: Ein paar Tage Licht« 25.07.2014
nun ja, ich verstehe nicht nicht viel von Waffengeschäften bzw. den Verflechtungen der internationalen Politik.
aber: ich kenne Lichterfelde West, und da gibt es keine solchen Häuser mit derartig großen Swimming Pools wie von dem Autor beschrieben (als Bemerkung am Rande: bei den Krawallen um die besetzte Gerhart-Hauptmann-Schule in Kreuzberg wurde ein Teil der Sympathisanten als "Typ Abiturient aus Lichterfelde-West" beschrieben...das war zutreffend). derartige Villen gibt es in den Nobelvierteln Wannsee, Schlachtensee, Nikolassee oder Dahlem.
und: ich verstehe auch etwas von Intensivmedizin, es gibt keine Darmkatheter wie bei dem an einem Schlaganfall erkrankten Politiker beschrieben.
wenn solche, leicht zu vermeidenden, Recherchefehler sich auch in den Bereichen Waffenhandel bzw. Politik befinden...was anzunehmen ist, dann kann ich dieses Buch nicht glaubwürdig finden.
außerdem missfällt mir der vor allem in den Personenbeschreibungen zynische und unangenehme Schreibstil.
werde auf die anderen Bücher des Autors verzichten.
Werner Klein zu »Oliver Bottini: Ein paar Tage Licht« 19.07.2014
Also ob der Name des Autors richtig oder falsch genannt ist ist völlig unbedeutend.Dieses Buch in die Reihe der 1.Liga zu stellen finde ich unangebracht.Ich habe selten einen so zerrissenen, mit ständig wechselnden Personen und Handlungsorten gelesen.Es war mir nicht möglich auch nur zu einer Person Sympathie zu erlangen und von Spannung keine Spur.Sicher man erfährt eine Menge über Waffenhandel von Deutschen Firmen aber darüber kann ich auch einen Artikel im Spiegel lesen und brauche dazu nicht ein solch zerhacktes Handlungsgerüst.
Jürgen Priester zu »Oliver Bottini: Ein paar Tage Licht« 17.07.2014
Hallo Herr Thiel,

diese Unachtsamkeit ist mir sehr peinlich. Einmal den Namen des Autors falsch eingeprägt und dann konsequent falsch weitergeführt. Shit happens. Ich hoffe, dass in der Redaktion jemand Zeit findet, das zu korrigieren. Ich habe leider keinen Zugriff auf den Text.

Indes hätte ich mich gefreut, wenn Sie auch Ihre Einschätzung des Romans kundgetan hätten. Dafür ist diese Rubrik ja eingerichtet.

Sommerliche Grüße
Jürgen Priester
Albrecht Thiel zu »Oliver Bottini: Ein paar Tage Licht« 16.07.2014
Wenn ein Rezensent noch nicht einmal den Namen des Autors richtig schreiben kann... Dabei stand er ja durchaus richtig auf dem Titel: Bottini.
Na ja, ob er mit Sebastian Fitzek und Marc Elsberg in einer Liga spielt, ist für den Leser von Olen Steinhauer oder (klassisch) Ross Thomas nicht unbedingt eine Werbung.
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