Schwerer Ausnahmefehler von Niels de Jong

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2006 bei Grafit. 187 Seiten. ISBN-10: 3-89425-321-5, ISBN-13: 978-3-89425-321-9.

'Schwerer Ausnahmefehler' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Der Journalist Klaas Merlin lernt auf der griechischen Insel Kreta den Mediziner Elmar Löhr und dessen inzwischen erwachsenes Mündel Lydia Schelling kennen. Merlin ist fasziniert von Lydia, allerdings scheint die junge Frau nicht frei von Problemen. Ein Traum verfolgt sie, so erzählt sie, in dem sie Leila heißt und der in ihr Erinnerungen hervorruft, die sie nicht zuordnen kann. Zurück in Köln holt Merlin der Alltag wieder ein – da steht eines Tages Lydia vor seiner Tür. Sie wirkt verängstigt, weiß nicht, wem sie trauen kann und an wen sie sich wenden soll. Sie zweifelt selbst an ihrem Verstand, denn die Merkwürdigkeiten häufen sich: Sie begegnet Menschen, die eigentlich tot sein müssten, erinnert sich an Dinge, die nie geschehen sein können. Merlin will ihr helfen und kommt einem geheimnisvollen Projekt auf die Spur …

Das meint Krimi-Couch.de: »Was ist Wahrheit?« 70°

Krimi-Rezension von Thomas Kürten

Nachdem Klaas Merlin der attraktiven Lydia Schelling auf der Suche nach der Wirklichkeit in ihrem Leben hat helfen können, nachdem er ihrem Leben die Identität hat wiedergeben können, gerät seine eigene Wahrheit ins wanken. Was für ihn selbstverständlich war, erhält Zweifel. Ist das, was er wahrnimmt wirklich Wahrheit? Ein verstörendes Ende für einen futuristisch angehauchten Psychothriller, der auch phasenweise einen philosophischen Anstrich erhalten hat.

Aber der Reihe nach. Merlin macht Urlaub auf Kreta, trifft die bildhübsche Lydia und beginnt, sich für die Frau zu interessieren. Sie schreibt Kurzgeschichten, in denen sie ihre Träume und Fantasien verarbeitet, die sie selbst jedoch als Wahrheiten empfindet. Merlin will ihr bei der Suche nach einem Verleger helfen, jedoch findet er ihre Ansichten ein bisschen wirr. Dann berichtet sie ihm von ihrer Begegnung mit einem Mann, der eigentlich seit Jahren tot sein müsste. Und wenige Tage später ist er tatsächlich tot – Opfer eines merkwürdigen Unfalls. Für Merlin erhalten Lydias Schilderungen plötzlich mehr Glaubwürdigkeit. Wer ist der merkwürdige alte Professor, bei dem sie sich aufhält? Wer der andere deutsche Arzt auf Kreta, der um Lydia buhlt? Warum erinnert sich Lydia an Ereignisse, von denen sie weiß, dass sie nicht stattgefunden haben können? Und warum heißt sie in ihren Träumen stets »Leila«?

Willkommen in der Matrix?

Für Klaas Merlin wie auch für den Leser wird es schwer, Wahrheit zu erkennen. Es dringt mit jeder gelesenen Seite mehr und mehr die Erkenntnis durch, dass die Wahrheit von Wahrnehmungen und Erkenntnissen beeinflusst und verfälscht wird. Von der Wahrheit bleibt nur die Wahrheit im Auge des Betrachters. So wird klar, dass es für jede Figur in dieser Erzählung eine eigene Wahrheit gibt. Wie aber die Realität dahinter aussieht, das bleibt bis zum Schluss ein Rätsel. Merlin und Lydia – gefangen in der Matrix.

Was ist Wahrheit? Damit muss man sich auch beschäftigen, wenn man die abenteuerliche Vita des Autors studiert. Die ist nämlich so offenkundig erfunden wie es auch der Name »Niels de Jong« ist. Wer sich letztlich hinter dem Pseudonym verbirgt, ist nicht bekannt. Auf keinen Fall ist »Schwerer Ausnahmefehler« das Erstwerk eines jungen Autors, denn er ist von vorne bis hinten durchdacht und mit spürbarer Routine geschrieben. Ist der Roman selber nur ein Experiment? Ein Psycho-Thriller, der seine eigene Wahrheit in Frage stellen kann? Die Reaktionen der Leser wird der Autor bestimmt mit Genuss aufnehmen.

»Schwerer Ausnahmefehler« kann dank seiner Grundidee überzeugen und gehört zu den interessanteren Neuveröffentlichungen des Jahres. Wer sich intensiv mit den wesentlichen Aussagen beschäftigen will, muss unweigerlich philosophische Betrachtungen anstellen. Als leichte Lektüre ist der ca. 190 Seiten umfassende Roman auch deshalb eigentlich nur bedingt geeignet. Gerade mit der Figur Lydia Schelling sollte man sich als Leser intensiv auseinandersetzen. Klaas Merlin hingegen bleibt, obwohl er der eindeutige Protagonist ist, gegenüber der rätselhaften Frau leider eher blass. Obwohl das vom Autor gewählte Ende eine tiefere Beschäftigung auch mit Merlin gerechtfertigt hätte.

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