Sherlock Holmes. Die unauthorisierte Biographie von Nick Rennison

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2005 deutsche Ausgabe erstmals 2007 bei Artemis und Winkler.

  • New York: Atlantic Monthly, 2005. 279 Seiten.
  • Düsseldorf: Artemis und Winkler, 2007. Übersetzt von Frank Rainer Scheck und Erik Hauser. ISBN: 978-3538072466. 279 Seiten.

'Sherlock Holmes. Die unauthorisierte Biographie' ist erschienen als Hardcover

In Kürze:

Als Arthur Conan Doyle 1886 seine erste Sherlock-Holmes-Geschichte schrieb, ahnte er nicht, welchen Ruhm er mit dieser Figur erlangen würde: Der eigenwillige Detektiv mit Pfeife und Tweedmütze wurde einer der bekanntesten Titelhelden der Literatur. Die spannenden Kriminalfälle des wohl populärsten Detektivs aller Zeiten erreichten weltweit Millionenauflagen und machten Doyle zum reichen Mann. Die Figur des Sherlock Holmes erlangte Kultstatus – heute stehen mehr als 200 Fan-Websites im Netz, Sherlock-Holmes-Gesellschaften gibt es in aller Welt.

Das meint Krimi-Couch.de: »Elementare Details eines gut verwischten Lebens« 90°Treffer

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Die Biografie des Kriminalisten William Sherlock Holmes (1854-1929) lässt Licht in viele dunkle Winkel eines außergewöhnlichen Lebens fallen. Aus meist zufälligen Äußerungen, zeitgenössischen Quellen und allerdings gut begründeter Spekulation resultieren vor allem die Angaben zur Geschichte der Familie Holmes (Kapitel 1: »Meine Vorfahren waren Landjunker«), in die nicht nur Sherlock, sondern auch der kaum weniger berühmte Mycroft 1854 bzw. 1847 geboren wurden.

Die schwierigen Jugendjahre des Sherlock Holmes, dessen Genie mit einer gleichzeitigen Ablehnung der rigiden viktorianischen Gesellschaftsordnung einher ging, ließen ihn nur schwer seinen Platz in der Welt finden. Dem gescheiterten Studium und einem Intermezzo am Theater folgte der Umzug nach London, wo Holmes viele saure Jahre darauf verwenden musste, sich als »beratender Ermittler« zu etablieren (Kap. 2: »Diese ungastliche Stadt«). Hier war es auch, wo er 1880 den ehemaligen Militärarzt John H. Watson kennen lernte, der nicht nur – mit Einschränkungen – zu seinem Biografen, sondern auch zu seinem besten Freund wurde (Kap. 3: »Sie sind in Afghanistan gewesen, wie ich sehe«).

Die 1880er Jahre brachten Holmes als Ermittler den Durchbruch. Geheim hielt er dagegen seine Aktivitäten für die Regierung. In Zusammenarbeit mit seinem Bruder Mycroft beobachtete und infiltrierte Sherlock potenzielle Aufwieglerbanden und echte Terroristengruppen. In diesem Umfeld erwuchs ihm sein größter Feind, der ihm geistig ebenbürtige Professor James Moriarty (Kap. 4: »Er ist der Napoleon des Verbrechens«), welcher ihm viele Jahre zu schaffen machte. Gleichzeitig intensivierte Holmes seine kriminalistische Arbeit (Kap. 5: »Sie sollten einen Bericht über den Fall veröffentlichen«, Kap. 7: »Die vielen ´causes célèbres’ und Sensationsprozesse«), wobei er u. a. Licht in das Rätsel der Jack-the-Ripper-Morde brachte, jedoch in den Strudel persönlicher Eitelkeiten und politischer Querelen geriet und als Ermittler ausgehebelt wurde (Kap. 6: »Ich hatte mit fünfzig Mördern zu tun«).

Dem deduktiven Scharmützel mit der Agentin Irene Adler (Kap. 8: »Ich selbst würde niemals heiraten ...«) folgte 1891 die finale Abrechnung zwischen Holmes und Moriarty an den Fällen des Reichenbachs, die scheinbar mit dem Tod beider Kontrahenten endete. Doch Holmes lebte und tauchte auf Weisung seines Bruders unter, um in den nächsten Jahren gewagte Missionen an diversen Brennpunkten des britischen Weltreiches zu unternehmen (Kap. 9: »Zwei Jahre lang bereiste ich Tibet«; Kap. 10: »Danach gelangte ich nach Persien«), bevor er nach London zurückkehrte und erneut als Detektiv tätig wurde (Kap. 11: »Überall spricht man nur von Sherlock«, Kap. 12: »Gelegentliche Unbesonnenheiten seinerseits«).

1903 zog sich Holmes angeblich auf einen Alterssitz außerhalb Londons zurück (Kap. 13: »Ein kleines Gehöft in den Downs«). Tatsächlich wurde er in den nächsten beiden Jahrzehnten stärker als zuvor in geheimdienstliche Aktionen eingebunden, die ihren Höhepunkt in den Jahren vor und während des I. Weltkriegs (1914-1918) fanden (Kap. 14: »Ein Sturm zieht auf im Osten«). Erst dann zog sich der alternde und kranke Sherlock Holmes wirklich ins Privatleben zurück; er starb 1929 an einem Krebsleiden im Bett seines Anwesens (Kap. 15: »Der allergrößte Geheimnis zum Schluss«).

Eine literarische Figur wird Mensch

Sir Arthur Conan Doyle würde es nicht gefallen, dass ausgerechnet jene literarische Schöpfung, die ihm das nötige Kleingeld einbrachte, mit dem er seine »wichtigen« Bücher finanzierte – die heute kaum mehr jemand kennt oder gar lesen möchte -, sich als so prominent und unsterblich erweist, dass sie von gar nicht wenigen Zeitgenossen als reale Person betrachtet wird. In seinem Nachwort weist Autor Rennison darauf hin, dass die »Abby National Building Society«, die in der Baker Street Nr. 221b residiert, viele Jahre einen eigenen Sachbearbeiter abstellte, der die Post beantwortete, die an diese Adresse und an Sherlock Holmes geschickt wurde. Kein Wunder also, dass es sich Menschen wie Nick Rennison zur Aufgabe gemacht haben, dem »Leben« des Meisterdetektivs nachzuspüren. Sie geben sich nicht mit der Chronik des Bekannten zufrieden, sondern interessieren sich vor allem für die Lücken, die Holmes’ Vita aufweist. Sie zu füllen ist eine dankbare Aufgabe, wie die hier zu besprechende »Biographie« belegt.

»Biografen« wie Rennison profitieren dabei von Doyles Gleichgültigkeit. Der Schöpfer des Sherlock Holmes nahm wie schon erwähnt den Detektiv längst nicht so ernst wie dessen unzählige Anhänger. Er war ein »professional writer«, der lieferte, wofür man ihn bezahlte. Man wünschte neue Holmes-Storys und bot ein kleines Vermögen? Doyle lieferte zuverlässig, ohne sich freilich um die Stimmigkeit der Holmes-Chronologie zu kümmern. Die daraus resultierenden Widersprüche zu klären überließ er gern jenen, die sich dazu berufen fühlten.

Ihre Reihen formierten sich schon zu Doyles Lebzeiten. Nach 1930 nahmen sie an Zahl kräftig zu. Diverse Vereine und Clubs entstanden auf der ganzen Welt, deren Mitglieder sich in der Welt des Sherlock Holmes besser auskennen als ihr Erfinder. Akribisch wird quasi jedes jemals von Doyle niedergeschriebene Wort auf mögliche Relevanz für das Holmes-Universum überprüft. Welche »Erkenntnisse« sich daraus ergaben, stellt uns Rennison immer wieder exemplarisch vor. Es ist ebenso schwer fassbar wie faszinierend, wie viel intellektuelle Energie Menschen in solche »Forschungen« investieren!

Gekonnte Mischung aus Fabel und Fakten

Rennisons Biografie gehört zu den gelungenen Beispielen. Sie ruht auf dem Fundament der etablierten »Fakten«, ohne sich diesen allerdings verpflichtet zu fühlen. Damit steht der Verfasser in der Tradition aller Holmes-Forscher, die sich schrecklich gern widersprechen und streiten – es gehört zum Vergnügen, das sich aus dem Thema ziehen lässt. Rennison filtert die Essenz derjenigen Informationen, die sich auf Sherlock Holmes´ (und Dr. Watsons) Lebensgeschichte nach Doyle beziehen, heraus – ein ungeheuerliche Fleißarbeit! – und benutzt sie als biografisches Gerüst.

Ein Gerüst freilich mit zahlreichen Lücken, die nun vom Verfasser mit Lust und Liebe zum Detail gefüllt werden. Er bedient sich eines klugen Kunstgriffs, indem er die Vita des Detektivs in Bezug setzt zur realen Zeitgeschichte. Dabei geht er von der Prämisse aus, dass ein Mann wie Sherlock Holmes wesentlich intensiver in zeitgenössische kriminalistische aber auch politische bzw. geheimdienstliche Aktivitäten involviert gewesen sein muss als Arthur Conan Doyle dies schilderte.

Hier spaltet sich der »Mensch« Sherlock Holmes endgültig von der »Figur« gleichen Namens ab. Doyle sah in Holmes ein Geschöpf, das der Unterhaltung diente. Deshalb hielt er ihn dem politischen Tagesgeschehen fern; die viktorianische Ära kannte noch nicht den Thriller, der sich aus dieser Quelle speiste; so etwas konnte damals noch als Landesverrat geahndet werden. Auch Holmes’ auffälliges Schweigen im Rahmen der Jack-the-Ripper-Morde lässt sich erklären: Doyle hätte sich als Gentleman keinesfalls in die Niederungen der Sensationslust begeben, in denen er Holmes niemals sah.

Rennison, ein Mann des 21. Jahrhunderts, kennt solche Zurückhaltung natürlich nicht mehr. Er geht sehr richtig davon aus, dass Holmes, hätte es ihn denn gegeben, nicht nur Spukhunden im Moor von Baskerville, Diamanten verschluckenden Gänsen oder Giftschlangen aussendenden Mördern, sondern auch Gegnern des Establishments, feindlichen Agenten oder nur zu realen Serienmördern hinterher jagte. Der Biograf geht sogar noch einen Schritt weiter: Er weist nach, dass Holmes sich über viele Jahre von der Regierung instrumentalisieren ließ. Die Verbindung stellt sein Bruder Mycroft her, dessen von Doyle stets nur vage beschriebene Rolle von Rennison entschlüsselt wird. Mycroft »rekrutiert« den jüngeren Bruder, der sich darauf einlässt, weil er eben nicht der allen Strukturen und Regeln enthobene Kopfmensch, sondern fest in der viktorianischen Gesellschaft verankert ist. Holmes mag das Empire hin und wieder in Frage stellen und seine Schwächen erkennen, doch er stellt sich trotzdem in dessen Dienst, nimmt Strapazen und Gefahren in Kauf, wenn er in der Unterwelt Londons, auf dem Festland oder an den Grenzen des britischen Weltreichs spioniert und intrigiert.

Seine »Biografie« hätte Verfasser Rennison vermutlich noch feiner spinnen und seinem Text beispielsweise Fotos und Karten jener Orte beifügen können, an denen Holmes angeblich ermittelte oder spionierte. Wirklich nötig ist es nicht, das Werk kann auch als schlichter Text überzeugen. Wer Sherlock Holmes und seine Welt liebt, wird es wie einen Roman lesen und sich über das Geschick freuen, mit dem Rennison Fiktion und Realität mischt. Der deutsche Holmes-Aficionado darf sich doppelt glücklich schätzen: Gleich zwei fähige Übersetzer haben für die englische Vorlage Worte und Sätze gefunden, die diese »unauthorisierte Biografie« in einen literarischen Achtzylinder verwandeln, der sprachliche Untiefen oder Steigungen so mühelos nimmt, dass es den Passagieren überhaupt nicht bewusst wird.

Michael Drewniok, März 2007

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