Ich habe keine Angst von Niccolo Ammaniti

Buchvorstellung

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2001 unter dem Titel Io non ho paura, deutsche Ausgabe erstmals 2003 bei C. Bertelsmann.

  • Turin: Einaudi, 2001 unter dem Titel Io non ho paura. 256 Seiten.
  • München: C. Bertelsmann, 2003 Die Herren des Hügels. Übersetzt von Ulrich Hartmann. ISBN: 3-570-00628-X. 256 Seiten.
  • München: Goldmann, 2004 Ich habe keine Angst. Übersetzt von Ulrich Hartmann. ISBN: 3-442-45718-1. 252 Seiten.

'Leseprobe' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

Leseprobe

Aus dem Italienischen von Ulrich Hartmann

Ich war kurz davor, Salvatore zu überholen, als ich meine Schwester heulen hörte. Ich drehte mich um und sah sie verschwinden, verschluckt vom Korn, das den Hügel bedeckte.
Ich hätte sie nicht mitnehmen dürfen. Mama würde mich schwer dafür büßen lassen.
Ich blieb stehen. Mir lief der Schweiß. Ich holte Luft und rief nach ihr: »Maria? Maria?«
Ein leidendes Stimmchen antwortete: »Michele!«
»Hast du dir wehgetan?«
»Ja, komm.«
»Wo hast du dir wehgetan?«
»Am Bein.«
Sie schwindelte, sie war müde. Geh weiter, sagte ich mir. Und wenn sie sich wirklich wehgetan hatte?
Wo waren die anderen?
Ich sah ihre Schneisen im Korn. Sie kletterten langsam, nebeneinander, wie die Finger einer Hand, zum Gipfel des Hügels hinauf, hinterließen eine Spur umgeknickter Halme.

In jenem Jahr stand das Korn hoch. Im Spätfrühling hatte es viel geregnet, und Mitte Juni waren die Pflanzen üppiger denn je. Sie wuchsen dicht, waren über und über mit Ähren beladen und warteten nur darauf, geerntet zu werden.
Alles war mit Korn bedeckt. Die niedrigen Hügel folgten aufeinander wie Wellen eines goldenen Ozeans. Bis zum Horizont nur Korn, Himmel, Grillen, Sonne und Hitze.
Ich hatte keine Vorstellung davon, welche Hitze herrschte, ein Neunjähriger versteht nicht viel von Celsiusgraden, doch ich wusste, dass es nicht normal war.

Dieser verdammte Sommer 1978 blieb als einer der heißesten des Jahrhunderts in Erinnerung. Die Hitze drang in die Steine ein, ließ die Erde zerbröckeln, verbrannte die Pflanzen, tötete die Tiere und erfüllte die Häuser mit Glut. Die Tomaten im Garten waren ohne Saft, die Zucchini klein und hart. Die Sonne nahm einem den Atem, die Kraft, die Lust zu spielen, alles. Und auch in der Nacht meinte man vor Hitze umzukommen.

In Acqua Traverse gingen die Erwachsenen nicht vor sechs Uhr abends aus dem Haus. Sie verkrochen sich drinnen, die Fensterläden geschlossen. Nur wir wagten uns hinaus auf das sengend heiße, verlassene Land.
Meine Schwester Maria war fünf Jahre alt und folgte mir mit der Beharrlichkeit eines Hündchens, das man aus dem Tierheim geholt hat.
»Ich will das Gleiche tun wie du«, sagte sie immer. Und Mama gab ihr Recht.
»Bist du der große Bruder oder nicht?« Da half nichts, ich musste sie mitschleppen.
Niemand war stehen geblieben, um ihr zu helfen.
Normal. Es war ein Wettkampf.

»Geradeaus, den Hügel hoch. Keine Kurven. Es ist verboten, hintereinander zu gehen. Es ist verboten, stehen zu bleiben. Wer als Letzter oben ist, muss was zur Strafe tun.« Der Totenkopf hatte entschieden und mir ein Zugeständnis gemacht: »In Ordnung, deine Schwester zählt nicht. Sie ist zu klein.«
»Ich bin nicht zu klein!«, hatte meine Schwester Maria protestiert. »Ich will auch mitmachen!« Und dann war sie gefallen.
Verflixt, ich war Dritter.
Erster war Antonio. Wie immer.

Antonio Natale, genannt der Totenkopf. Warum wir ihn den Totenkopf nannten, weiß ich nicht mehr. Vielleicht weil er sich einmal einen Totenkopf auf den Arm gepappt hatte, eines von diesen Abziehbildchen, die man im Tabakladen kaufen konnte und anfeuchten musste, damit sie klebten. Der Totenkopf war der Älteste der Bande. Zwölf Jahre. Und er war der Anführer. Er hatte gern das Sagen, und wenn man nicht gehorchte, wurde er böse. Er war keine Leuchte, doch er war groß, stark und mutig. Und er kletterte diesen Hügel hoch, als würde er nach oben gezogen.
Zweiter war Salvatore. Salvatore Scardaccione war neun, genauso alt wie ich. Wir waren im selben Jahrgang. Er war mein bester Freund. Salvatore war größer als ich. Ein Einzelgänger. Manchmal kam er mit uns, doch oft kümmerte er sich um seine eigenen Sachen. Er war schlauer als der Totenkopf, er hätte ihn ganz leicht absetzen können, aber es interessierte ihn nicht, Anführer zu werden. Sein Vater, der Advokat Scardaccione, war ein wichtiger Mann in Rom. Und er hatte eine Menge Geld in der Schweiz. Das erzählte man sich.

Dann kam ich, Michele. Michele Amitrano. Und auch diesmal war ich Dritter. Der Aufstieg war gut gelaufen, aber wegen meiner Schwester saß ich jetzt fest.

Ich war mir noch nicht klar darüber, ob ich umkehren oder sie dalassen sollte, als ich auf den vierten Platz zurückfiel. Von der anderen Seite hatte mich Remo Marzano überholt, diese Flasche. Und wenn ich nicht sofort weiterkletterte, würde mich auch noch Barbara Mura hinter sich lassen.

Das wäre furchtbar. Überholt von einem Mädchen. Einem dicken Mädchen.
Barbara Mura kletterte auf allen vieren, wie eine wild gewordene Sau. Verschwitzt und verdreckt.
»Was ist, gehst du nicht zu deiner kleinen Schwester? Hast du sie nicht gehört? Sie hat sich wehgetan, die Arme«, grunzte sie glücklich. Dieses eine Mal wäre sie nicht die Letzte.
»Ich gehe ja schon …Und dich schlage ich trotzdem.« Ich konnte nicht einfach so aufgeben.
Ich machte kehrt und lief wieder nach unten, wirbelte mit den Armen durch die Luft und stieß ein Geheul aus wie ein Sioux. Die Ledersandalen rutschten über das Korn. Ein paar Mal setzte ich mich auf den Hintern.
Ich sah sie nicht. »Maria! Maria! Wo steckst du?«
»Michele...«

Na also, da war sie ja. Klein und unglücklich. Sie saß in einem Kreis umgeknickter Halme. Mit einer Hand massierte sie sich den Knöchel, mit der anderen hielt sie ihre Brille fest. Ihre Haare klebten an der Stirn, und die Augen glänzten. Als sie mich sah, verzog sie den Mund und blies sich auf wie ein Truthahn.

»Michele...?«
»Maria, wegen dir hab ich verloren! Ich hatte dir doch gesagt, du sollst nicht mitkommen, verflixt noch mal.« Ich setzte mich hin. »Was ist passiert?«
»Ich bin gestolpert. Ich hab mir am Fuß wehgetan und...« Sie riss den Mund auf, kniff die Augen zusammen, wackelte mit dem Kopf und fing an zu wimmern. »Die Brille! Die Brille ist kaputtgegangen!«
Ich hätte ihr am liebsten eine Ohrfeige verpasst. Es war das dritte Mal in diesen Ferien, dass sie die Brille kaputtgemacht hatte. Und wem gab Mama die Schuld?
»Du musst auf deine Schwester Acht geben, du bist der große Bruder.«
»Mama, ich...«
»Kein Mama ich. Du hast immer noch nicht verstanden, dass das Geld nicht auf der Straße herumliegt. Das nächste Mal, wenn die Brille kaputtgeht, kannst du dich auf was gefasst machen...«
Die Brille war in der Mitte zerbrochen, wo sie schon geklebt gewesen war. Jetzt konnte man sie wegwerfen.
Meine Schwester heulte immer noch.
»Mama …Sie wird bestimmt böse …Was sollen wir tun?«
»Was wir tun sollen? Wir machen sie mit Klebstreifen wieder ganz. Steh auf, los.«
»Die Brille sieht hässlich aus mit Klebstreifen. Ganz hässlich. Gefällt mir nicht.«
Ich steckte mir die Brille in die Tasche. Ohne konnte Maria nicht viel sehen. Sie schielte, und der Doktor hatte gesagt, sie müsse operiert werden, solange sie noch klein sei. »Das ist doch nicht so schlimm. Steh auf.«
Sie hörte auf zu weinen und fing an, die Nase hochzuziehen. »Mir tut der Fuß weh.«
»Wo?« Ich dachte immer noch an die anderen, sie waren bestimmt schon seit einer Stunde oben auf dem Hügel. Ich war der Letzte. Ich hoffte nur, dass der Totenkopf sich keine allzu harte Strafe für mich ausdachte. Einmal hatte er mich gezwungen, durch Brennnesseln zu laufen, bloß weil ich verloren hatte.
»Wo tut es dir weh?«
»Da.« Sie zeigte mir den Knöchel.
»Du hast ihn dir verstaucht. Das ist nichts. Geht gleich vorbei.«
Ich schnürte ihr den Turnschuh auf und zog ihn ganz vorsichtig aus. Wie es ein Doktor gemacht hätte. »Ist es jetzt besser?«
»Ein bisschen. Gehen wir nach Hause? Ich habe solchen Durst. Und Mama...«

Sie hatte Recht. Wir waren zu weit von zu Hause weg. Und schon viel zu lange. Es war längst Zeit fürs Mittagessen, und Mama stand bestimmt am Fenster und hielt nach uns Ausschau.
Ich sah schwarz für die Rückkehr nach Hause.
Doch wer hätte das ein paar Stunden vorher gedacht?

An jenem Morgen hatten wir die Fahrräder genommen. Normalerweise drehten wir zwei kleine Runden, um die Häuser, bis an den Rand der Felder und zum ausgetrockneten Bach, kehrten dann zurück und machten Wettkämpfe.
Mein Fahrrad war ein altes Eisen, mit geflicktem Sattel, und so hoch, dass ich mich biegen und krümmen musste, um auf den Boden zu kommen. Alle nannten mein Fahrrad »Schrottesel«. Salvatore sagte, es sei ein Gebirgsjägerrad. Aber mir gefiel es, es war das Rad meines Vaters.
Wenn wir nicht Rad fuhren, waren wir auf der Straße und spielten Ball, »Fahnenraub« und »Ochs vorm Berg«, oder wir blieben unter dem Dach des Schuppens und taten nichts Besonderes.
Wir konnten machen, was wir wollten. Es kamen keine Autos vorbei. Es gab nichts, das gefährlich war. Und die Erwachsenen verkrochen sich in den Häusern, wie Kröten, die das Ende der Hitze abwarteten.

Die Zeit verging langsam. Am Ende des Sommers konnten wir es kaum erwarten, dass die Schule wieder anfing.
An jenem Morgen hatten wir über Melichettis Schweine gesprochen.
Wir sprachen unter uns oft über Melichettis Schweine. Es hieß, dass der alte Melichetti sie abrichtete, Hühner zu zerfleischen, manchmal sogar Kaninchen und Katzen, die er auf der Straße auflas.
Der Totenkopf spuckte einen Strahl weißen Speichel aus. »Bis jetzt habe ich euch das nie erzählt. Weil ich es nicht sagen konnte. Aber jetzt sage ich es euch: Die Schweine haben den Dackel von Melichettis Tochter gefressen.«
Alle riefen wie aus einem Mund: »Nein, das ist nicht wahr!«
»Es ist wahr. Ich schwöre es euch beim Herzen der Madonna. Lebendig. Bei lebendigem Leib.«
»Das ist unmöglich!«
Was für Bestien mussten das sein, wenn sie sogar einen Rassehund fraßen?
Der Totenkopf nickte. »Melichetti hat ihnen den Dackel in den Pferch geworfen. Der Dackel hat versucht zu entkommen, Dackel sind schlau, aber Melichettis Schweine sind noch schlauer. Sie haben ihn nicht entwischen lassen. Zerfleischt in zwei Sekunden.« Dann fügte er hinzu: »Schlimmer als Wildschweine.«
Barbara fragte ihn: »Und warum hat er ihnen den Dackel vorgeworfen?«
Der Totenkopf dachte kurz darüber nach. »Er hat ins Haus gepisst. Und wenn du da drinnen landest, fett wie du bist, nagen sie dich bis auf die Knochen ab.«
Maria stand auf. »Ist Melichetti verrückt?«
Der Totenkopf spuckte noch einmal auf den Boden. »Verrückter als seine Schweine.«
Wir waren still und dachten an Melichettis Tochter, die einen so bösen Vater hatte. Keiner von uns wusste, wie sie hieß, doch sie war deshalb bekannt, weil sie um ein Bein herum eine Art eisernen Panzer trug.»Wir können hin und sie uns ansehen!«, platzte ich heraus.
»Eine Expedition!«, rief Barbara.
»Es ist sehr weit bis zum Hof von Melichetti. Da brauchen wir lange«, brummte Salvatore.
»Ach Quatsch, es ist ganz nah, los...« Der Totenkopf stieg auf sein Fahrrad. Er ließ keine Gelegenheit aus, sich gegen Salvatore durchzusetzen.
Mir kam eine Idee. »Warum nehmen wir nicht ein Huhn aus dem Stall von Remo mit? Und wenn wir dann da sind, werfen wir es in den Pferch und sehen zu, wie die Schweine es zerfleischen.«
»Stark!« Der Totenkopf stimmte zu.
»Mein Vater bringt mich um, wenn wir ein Huhn aus dem Stall holen«, jammerte Remo.
Nichts zu machen, die Idee war klasse.
Wir gingen in den Hühnerhof, suchten das magerste Huhn mit dem schäbigsten Gefieder aus und steckten es in einen Sack.
Dann fuhren wir los, alle sechs und das Huhn, um Melichettis berühmte Schweine zu sehen, radelten durch die Kornfelder. Und wie wir so in die Pedale traten, stieg die Sonne am Himmel immer höher und brachte alles zum Glühen.

Salvatore hatte Recht, es war sehr weit bis zu Melichettis Hof. Als wir ankamen, hatten wir furchtbaren Durst und heiße Köpfe.
Melichetti saß in einem alten Schaukelstuhl unter einem schiefen Schirm und hatte eine Sonnenbrille auf der Nase.
Das Gut sah verfallen aus, das Dach war behelfsmäßig mit Blech und Teer geflickt. Auf dem Hof lag ein Haufen Müll: Traktorreifen, eine verrostete Bianchina, durchgesessene Stühle, ein Tisch ohne Beine. An einem mit Efeu bewachsenen Holzpfahl hingen von Regen und Sonne verwitterte Kuhschädel. Und ein kleinerer Schädel ohne Hörner. Wer weiß, von was für einem Tier der stammte.
Ein Köter, nur Haut und Knochen, bellte an der Kette.
Hinten waren Baracken aus Blech und die Schweinepferche, am Rande einer jener Schluchten, die bei uns gravine heißen.
Es sind enge, lang gezogene Canyons, die das Wasser in den Stein gegraben hat. Weiße Nadeln, Felsen und spitze Zähne ragen von der toten Erde hoch ins Licht. Im Inneren wachsen häufig schiefe Olivenbäume, Baumerdbeeren und Mäusedorn, und es gibt Höhlen, wo die Hirten ihre Schafe hinbringen.

Melichetti wirkte wie eine Mumie. Die runzlige Haut hing an ihm herunter, und er war haarlos bis auf ein weißes Büschel, das ihm mitten auf der Brust wuchs. Um den Hals hatte er eine orthopädische Halskrause, die mit grünen Gummibändern verschlossen war, dazu trug er ein Paar kurze schwarze Hosen und braune Plastiklatschen.

Er sah uns auf unseren Rädern kommen, regte sich aber nicht. Wir mussten ihm wie eine Fata Morgana erscheinen. Auf dieser Straße kam nie jemand vorbei, höchstens einmal ein paar Lastwagen mit Heu.
Es roch nach Pisse. Und es gab Millionen von Pferdebremsen. Melichetti störten sie nicht. Sie setzten sich auf seinen Kopf und um die Augen herum, wie bei Kühen. Nur wenn sie auf seinem Mund landeten, schnaubte er.
Der Totenkopf trat vor. »Wir haben Durst, Signore. Hätten Sie ein bisschen Wasser für uns?«

Ich machte mir Sorgen, denn einer wie Melichetti konnte auf dich schießen, dich den Schweinen vorwerfen oder dir vergiftetes Wasser zu trinken geben. Papa hatte mir von einem in Amerika erzählt, der einen Teich mit Krokodilen besaß, und wenn einer anhielt, um ihn um eine Auskunft zu bitten, ließ er ihn ins Haus kommen, verpasste ihm einen Schlag auf den Kopf und warf ihn den Krokodilen zum Fraß vor. Und als die Polizei gekommen war, hatte er sich nicht ins Gefängnis bringen, sondern von den Krokodilen zerfleischen lassen. Melichetti konnte sehr gut auch so einer sein.

Der Alte schob die Brille hoch. »Was macht ihr hier, Kinder? Seid ihr nicht ein bisschen weit weg von zu Hause?«
»Signor Melichetti, stimmt es, dass Sie Ihren Dackel den Schweinen zu fressen gegeben haben?«, platzte Barbara heraus.
Ich dachte, ich müsste sterben. Der Totenkopf drehte sich um und schleuderte ihr einen hasserfüllten Blick zu. Salvatore versetzte ihr einen Tritt ans Schienbein.
Melichetti fing an zu lachen und bekam einen Hustenanfall, dass er fast erstickt wäre. Als er sich wieder gefasst hatte, sagte er: »Wer erzählt dir denn solch ein dummes Zeug, Mädchen?«
Barbara zeigte auf den Totenkopf. »Der da!«
Der Totenkopf lief rot an, senkte den Blick und betrachtete seine Schuhe.
Ich wusste, warum Barbara das gesagt hatte.

Ein paar Tage zuvor hatten wir einen Wettkampf gemacht, wer am weitesten Steine werfen könnte, und Barbara hatte verloren. Der Totenkopf hatte sie gezwungen, sich die Bluse aufzuknöpfen und uns ihren Busen zu zeigen. Barbara war elf Jahre alt. Sie hatte ein klein wenig Brust, einen Ansatz, nur eine Ahnung von dem Busen, den sie in ein paar Jahren haben würde. Sie hatte sich geweigert. »Wenn du es nicht machst, nehmen wir dich nicht wieder mit«, hatte der Totenkopf ihr gedroht. Ich hatte mich schlecht gefühlt, das war einfach nicht in Ordnung. Ich konnte Barbara nicht leiden, sie versuchte einen reinzulegen, wann immer es ging. Aber ihren Busen zeigen, nein, das schien mir zu viel.

Der Totenkopf hatte beschlossen: »Entweder du zeigst uns deine Titten, oder du gehst.«
Und Barbara hatte sich still gefügt und ihre Bluse aufgeknöpft.
Ich konnte nicht anders, ich musste ihren Busen anschauen. Es war der erste, den ich in meinem Leben sah, ausgenommen der von Mama. Vielleicht hatte ich einmal, als sie die Nacht bei uns verbrachte, den meiner Cousine Evelina gesehen, die zehn Jahre älter war als ich. Jedenfalls hatte ich schon eine gewisse Vorstellung von einem Busen, der mir gefiel, und der von Barbara gefiel mir überhaupt nicht. Ihre Brüste sahen aus wie Weichkäse, Hautfalten, nicht viel anders als die Fettröllchen auf ihrem Bauch.
Barbara war über diese Geschichte noch nicht hinweg, und jetzt wollte sie ihre Rechnung mit dem Totenkopf begleichen.

»Du erzählst also überall herum, ich hätte meinen Dackel den Schweinen zu fressen gegeben.« Melichetti kratzte sich die Brust. »Augusto, so hieß der Hund. Wie der römische Kaiser. Er war dreizehn Jahre alt, als er starb. Ein Hühnchenknochen ist ihm in der Kehle stecken geblieben. Er hat ein anständiges Begräbnis bekommen, mit einem richtigen Grab.« Er zeigte mit dem Finger auf den Totenkopf. »Du, Junge, könnte ich wetten, bist der Älteste, stimmt’s?«
Der Totenkopf antwortete nicht.
»Du darfst nie Lügen erzählen. Und du darfst den Namen von anderen nicht in den Schmutz ziehen. Du musst die Wahrheit sagen, vor allem denen, die kleiner sind als du. Die Wahrheit, immer. Den Menschen, dem lieben Gott und dir selber, hast du verstanden?« Er war wie ein Priester, der einem eine Predigt hält.
»Hat er denn auch nicht ins Haus gepinkelt?«, hakte Barbara nach.
Melichetti versuchte den Kopf zu schütteln, doch die Halskrause hinderte ihn daran. »Er war ein gut erzogener Hund, ein großer Mäusejäger. Friede seiner Seele.« Er zeigte auf den Brunnentrog. »Wenn ihr Durst habt, da unten ist Wasser. Das beste in der ganzen Gegend. Und das ist kein dummes Geschwätz.«

Wir tranken, bis wir fast platzten. Das Wasser war frisch und gut. Dann fingen wir an, damit herumzuspritzen und den Kopf unter das Rohr zu halten.
Der Totenkopf sagte, Melichetti wäre ein Scheißkerl. Und er wüsste mit Sicherheit, dass der verrückte Alte seinen Dackel den Schweinen zu fressen gegeben hätte.

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