In seiner Hand von Nicci French

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2002 unter dem Titel Land of the Living, deutsche Ausgabe erstmals 2003 bei Bertelsmann.

  • London: Michael Joseph, 2002 unter dem Titel Land of the Living. 309 Seiten.
  • München: Bertelsmann, 2003. Übersetzt von Birgit Moosmüller. ISBN: 3-570-00594-1. 412 Seiten.
  • München: Goldmann, 2005. Übersetzt von Birgit Moosmüller. 412 Seiten.

'In seiner Hand' ist erschienen als Hardcover

In Kürze:

Eines Morgens erwacht Abbie Devereaux in einem Alptraum. Gefesselt, mit einer Kapuze über dem Kopf und ohne Gedächtnis findet sie sich in der Gewalt eines Mannes wieder. Er hält sie wie ein Tier in einem dunklen Keller. Er berührt sie. Er erniedrigt sie. Er verspricht, sie umzubringen. Mit dem letzten Rest an Überlebenswillen gelingt Abbie die Flucht zurück ins Leben. Doch dort will niemand ihre Geschichte glauben. Polizei, Ärzte und Psychologen halten ihren Bericht für das Hirngespinst eines pathologischen Opfers. Verbittert erkennt Abbie, dass man ihr erst dann glauben wird, wenn der Mann aus dem Keller sie getötet hat. Allein macht sie sich auf die Suche nach ihrem Peiniger. Sie will ihm um jeden Preis in die Augen sehen und sich aus seiner Macht befreien. Doch zuerst muss sie herausfinden, wer sie selbst ist.

Das meint Krimi-Couch.de: »Der ´inner space´ erzeugt den Thrill«

Krimi-Rezension von Michael Matzer

Eines Morgens erwacht die 25-jährige Engländerin Abigail Devereaux in einem Alptraum. Sie weiß nicht, wo sie sich befindet, noch wie sie an diesen Ort kam. Gefesselt und geknebelt, mit einem Kapuze über dem Kopf und einem partiellen Gedächtnisverlust findet sie sich in der Gewalt eines Mannes wieder, dessen gesicht sie niemals zu sehen bekommt. Nur sein keuchendes Lachen und Kichern jagt ihr Entsetzen ein.

Ihr Entführer gibt ihr zu Trinken, etwas zu Essen und hilft ihr, ihre Notdurft zu verrichten. Er sagt nie, was er von ihr will. Ohne dass er sie vergewaltigt, erniedrigt er sie, würdigt sie auf die Stufe eines gefangengehaltenen Tieres herab. Er ezählt ihr von den Anderen: der ständig weinenden kelly, der betenden lauren, der feilschenden Fran und den zwei anderen. Abbie ist die Gefangene Nummer 6. Auch sie werde sterben, wie die anderen, nachdem sie einen Abschiedsbrief geschrieben habe.

Mit einem letzten Funken Überlebenswillen gelingt Abbie die Flucht zurück ins Leben, in die Freiheit. Doch der Alptraum hört damit keineswegs auf. Denn Polizei, Ärzte und Psychologen halten ihren Bericht für das Hirngespinst eines pathologischen Opfers. Verbittert erkennt Abbie, dass man ihr erst glauben wird, wenn der Mann, der sie entführte, sie getötet hat.

Als Kämpfernatur verspürt sie den Zwang, Gerechtigkeit zu erlangen. Und sei es um den Preis ihres eigenen Leben, das sie dem Entführer als Köder anbietet. Sie will sich aus befreien von der alptraumhaften Macht, die er in ihren Träumen über sie ausübt. Sie muss ihm in die Augen sehen, die sie nicht kennt. Allerdings muss sie zuerst herausfinden, warum auch sie von ihm als Opfer ausgewählt wurde. Wer ist Abigail Devereaux wirklich?

Nach diesem beklemmenden Auftakt bemüht sich die Hauptfigur über den größten Teil der Handlung hinweg, ihre Leben zu rekonstruieren, an das sie sämtliche Erinnerungen verloren hat – entweder wegen der schlechten Behandlung oder wegen des posttraumatischen Schocks, den sie erlitten hat. Sie findet heraus, dass sie nicht mehr dieselbe ist wie vor ihrem Martyrium. Daraus ergeben sich neue Hoffnungen, aber auch neue Ängste: Da sie SEIN Gesicht nicht kennt, kann praktisch jeder Mann, mit dem sie DAVOR zu tun gehabt hatte, der Täter sein. Die Welt ist ein Schattenreich geworden.

Was es für Abigail besonders schmerzhaft macht, das Martyrium zu verarbeiten, ist die Missachtung, die ihr die Behörden, die dafür zuständig wären, zuteil werden lassen. Insbesondere Inspektor Cross von der Polizei ist ein Mann, der nur nach Fakten handelt, weil er sich ständig für seine Aktionen verantworten muss. Wie aber kann er, so sein Argument, nur auf den Verdacht und die Befürchtungen einer traumatisierten Frau ohne Erinnerung einen Einsatz veranlassen? Wenn es nach ihm ginge, denkt Abbie, so müsste sie erst tot sein, bevor Cross etwas unternimmt.

Allerdings: Es gab doch bereits eine ganze Reihe vermisster Frauen. Leider reiche der Vorname nicht aus, um eine Verschwundene suchen, geschweige denn finden zu können, so Cross. Am Ende bleibt Abbie nichts anderes übrig, als sich selbst auf die Suche zu begeben, ja: sich selbst als Köder anzubieten. Wenigstens führt dieser Akt der Verzweiflung zum gewünschten Erfolg. Doch über den Showdown soll hier nichts verraten werden.

Anders als bei Minette Walters oder Patricia Cornwell stehen nicht die Polizei- oder Forensikerarbeit, die Aktionen eines sozialen Umfelds im Vordergrund der Darstellung, sondern vor allem die rein private Ermittlung eines schutzlosen Opfers eines Verbrechens. Ähnlich wie bereits in Der Sommermörder liegt über dem Mittelteil eine ungemütliche Vorahnung kommenden Unheils, denn jeden Moment könnte ja der Täter wieder zuschlagen. Als eine weitere Frau ermordet aufgefunden wird, Abbie vor ihrer neuen Verkleidung ähnlich gesehen hatte, weiß Abbie, dass der Verfolger sie noch sucht. Alle ihre Ängste sind wieder da.

Diese Ängste, die sich gegen fast jeden in Frage kommenden Mann richten, stehen im Mittelpunkt der Schilderung, mit der sich die Autorin bemüht, ihr Anliegen zu vermitteln: Allzuoft sind die Opfer eines Verbrechens, bei dem der Täter nicht gefasst wurde, schutzlos weiteren Attacken preisgegeben. Einer Rechts- oder Selbstschutzorganisation solcher Opfer begegnen wir im Roman vergeblich. Ihr würde in Deutschland der Weiße Ring entsprechen. Auch psychologische Betreuung erhält Abbie nicht. Kein Wunder, dass sie unter Alpträume leidet. Dass Abbie so alleingelassen wird, verwundert durchaus.

Abbie ist eine ganz durchschnittliche junge Frau ohne intellektuellen Hintergrund. Ja, sie selbst schimpft sich des öfteren »du dumme, dumme Frau!«, wenn sie wieder etwas vergessen oder übersehen hat. Viele Frauen werden sich mit ihr identifizieren können. Denn Abbie verfügt über die Kraft des intuitiven Einfühlungsvermögens in eine menschliche Situation: Sie kann mit praktisch jedem Menschen schon nach wenigen Augenblicken zurechtkommen – außer wenn sich ihr gegenüber unzugänglich zeigt. Dann tritt sie den Rückzug an. Ihre emotionale Stärke und Empathie machen sie sympathisch und bringen uns dazu, gespannt ihren zaghaften Ermittlungen zu folgen, selbst wenn sie noch so abwegig erscheinen: »Wo ist eigentlich die Katze?« …

Nach dem hammerharten Auftakt und der darauf folgenden Ablehnung von Abbies Fall durch die Behörden erschien mir der Mittelteil zunächst wie ein spannungsloses Zwischenspiel. Aber hier sind wir bereits richtig: Abbie muss erst herausfinden, wer sie war, dann aber auch, wer sie jetzt ist. Nachdem sie ein erstes Koordinatensystem gefunden hat, kann sie schließlich unter dem Eindruck mehrerer schockartiger Entdeckungen in ihrer nächsten Umgebung daran gehen, den Täter aktiv zu suchen. Und von da an bricht die Spannung nicht mehr ab.

French hat einen sauber konstruierten Psychothriller abgeleifert, in dem sie Wert darauf legt, mit Hilfe der Psychologie, des »inner space«, den Thrill zu erzeugen, als auf irgendwelche spaktakuläre Aktionen. Im Grunde ist es ein Buch, das Hoffnung macht: Ein Opfer, das sich nicht aufgibt, hat die Chance, sich zu retten und obendrein auch noch Gerechtigkeit zu erlangen. Traurig ist jedoch, dass die moderne Gesellschaft diesem Opfer keinen Beistand leistet. Vielleicht hilft die Empörung über diesen Skandal, etwas zu verändern.

Ihre Meinung zu »Nicci French: In seiner Hand«

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leo zu »Nicci French: In seiner Hand« 02.09.2008
Für meinen Geschmack in Sachen Krimis ist dieser Roman der beste von Nicci French. Besonders beeindruckend die logische Handlungsführung. Nicht immer hat das Autorenduo die Sache so im Griff. In einigen Romanen bezweifelt man etwas, ob der Täter tatsächlich so motiviert (oder krank) ist, um derart zu reagieren. Beim Sommermörder ist man geneigt, das ganze Buch als Gemoschele zu bezeichnen, so wenig überzeugend ist der Täter gezeichnet.
Schrodo zu »Nicci French: In seiner Hand« 29.02.2008
Eine junge Abbie wird entführt, kann aber fliehen. Keiner Glaubt ihr. So stehts auf dem Umschlag. Die kleine Abbie entpuppt sich als ein leicht verrücktes Huhn, was die ganze Geschichte für mich lesenswert machte. Gute Story, gut zu lesen, auch wenn das Ende ziemlich früh zu erahnen ist.
cinx zu »Nicci French: In seiner Hand« 16.09.2007
ich fand das Buch auch sehr gut. Vor allem ist es doch mal interessant zu wissen wie ein Opfeer sich fühlen muss, dass, diese art von Folter überlebt hat.sehr gut geschrieben. Keine Frage doch eines gebe ich zu bedenken: wer von uns würde versuchen, seinen peiniger im Alleingang zu finden und in ihm nochmals in die Augen sehen wollen? ist das jetzt realitätsfremd oder nicht? Ich glaube das muss jeder für sich entscheiden. Deshalb bitte lesen.
Günter Zech zu »Nicci French: In seiner Hand« 03.06.2007
Meine Frau hat mir dieses Buch von Nicci French als ihr Bestes empfohlen.
Ich habe miterlebt wie sie es verschlungen hat-sie fand es grossartig.

Ich habe es nun auch gelesen-da sind unsere Meinung aber sehr unterschiedlich.Ich fand es am Anfang auch gut geschrieben-jedoch wollte die Spannung sich nicht aufbauen.
Es wiederholte sich zuoft und wurde dann zum Ende hin zu langweilig.
Ich würde es zum Lesen nicht weiterempfehlen
Tanja zu »Nicci French: In seiner Hand« 10.09.2006
Der Anfang des Buches hat mich richtig gefesselt, auch der Mittelteil war sehr gelungen, allerdings war das Ende zu kurz und nachdem ich alle anderen Bücher von N.F. gelesen habe hat mich dieses diesmal nicht wirklich überzeugt. Insgesamt würde ich es im Mittelfeld aller Nicci French Bücher einstufen.
dino zu »Nicci French: In seiner Hand« 21.05.2006
Mein erstes Buch von Nicci French und es war einfach nur genial. Ich hab es auch innerhalb von 2 Tagen durchgelesen. Ich hatte das Gefühl, selbst gefesselt zu sein und dieses ekligen Knebel im Mund zu haben. Der 2. Teil war sehr beängstigend, keiner glaubt Abbie. Man kann es gar nicht fassen, daß die Polizei sowas nicht ernstnimmt.
Guter Psychothriller und mit Sicherheit nicht mein letztes Buch von dem Journalistenpaar.
0 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Rote Zora zu »Nicci French: In seiner Hand« 30.04.2006
Nach zwei Tagen hatte ich auch dieses Nicci French Buch ausgelesen. Bereits auf der ersten Seite wurde ich spannungsmäßig gefesselt. Als sehr "geschickt" empfand ich die Erzählweise in der Ich-Form. So hatte ich das Gefühl, ganz nah dran zu sein.
Beeindruckend war meiner Meinung nach der gesamte Mittelteil, wo Abby niemand glauben mag, was ihr zugestoßen ist. Diese Furcht und Unruhe und das Gefühl, JEDER könnte ihr Peiniger sein, lassen echte Psychothriller-Atmosphäre entstehen.
katie zu »Nicci French: In seiner Hand« 04.11.2005
man wird sofort mitten ins buch katapultiert sobald man beginnt zu lesen, nach ein paar seiten braucht man schon eine verschnaufpause.. super klasse buch von french.. der schluss vielleicht ein wenig zu schnell aber doch super. ich hoffe es kommen noch viele bücher von diesen brillanten autorenpaar. grüssle an alle frenchis.
1 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
lucy feitknecht zu »Nicci French: In seiner Hand« 30.03.2005
Ich finde es ein sehr guetes Buch am Anfang seh spannend und gut erklährt. In der Mitte lässt die Spannung ein wenig nach. Doch wird anschliessend wider sehr spannend und psychologisch. Es hat gute zusammenhänge.
Milva, CH zu »Nicci French: In seiner Hand« 22.03.2005
Der Buchanfang ist hammerhart. Das finde ich das tolle am Schreibstil von N. F., es wird auf eine langfädige Einführung bzw. Vorgeschichte verzichtet. Gerade bei diesem Buch ist man ab der ersten Seite mitten im Geschehen. Sehr empfehlenswert, eines der besten Bücher bis jetzt (habe bereits 4 Bücher von N.F. gelesen, die nächsten zwei warten schon auf dem Nachtisch!)

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