Wolfsspuren von Nevada Barr

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2008 unter dem Titel Winter Study, deutsche Ausgabe erstmals 2009 bei Weltbild.
Ort & Zeit der Handlung: USA/Minnesota, 1990 - heute.
Folge 14 der Anna-Pigeon-Serie.

  • New York: G. P. Putnam’s Sons, 2008 unter dem Titel Winter Study. ISBN: 978-0399154584. 370 Seiten.
  • Augsburg: Weltbild, 2009. Übersetzt von Karin Dufner. 432 Seiten.

'Wolfsspuren' ist erschienen als Hardcover

In Kürze:

Im tiefsten Winter wird die Park-Rangerin Anna auf die Isle Ryale an der kanadischen Grenze geschickt, wo ein monströser Riesenwolf sein Unwesen treiben soll. Eingeschlossen in einem einsamen Blockhaus im Schnee heizt sich die Stimmung in der Forschungsgruppe schnell auf und bald herrscht ein Psychokrieg zwischen den Wissenschaftlichern und dem Regierungsbeamten Bob. Dann verschwindet eine Mitarbeiterin und kurz darauf findet man ihre völlig zerfetzte Leiche. Offenbar hat die mysteriöse Bestie zugeschlagen.

Das meint Krimi-Couch.de: »Wer zu oft «Wolf» schreit, dem glaubt man nicht« 70°

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Bevor Anna Pigeon ihre neue Stelle als oberste Polizistin im Rocky-Mountain-Nationalpark antritt, nimmt sie an einem besonderen Forschungsprojekt teil: Auf der Isle Royale, der größten Insel des Oberen Sees im Norden des US-Staates Minnesota und unmittelbar an der Grenze zu Kanada gelegen, wird seit fünf Jahrzehnten das Verhalten von Wölfen studiert. Sechs Wochen soll dieser Einsatz dauern, der Pigeon im eisigen Wintermonat Januar wider Erwarten in einen ganz und gar nicht der Wissenschaft gewidmeten Mikrokosmos verschlägt.

 Die Politik hat die Forschung instrumentalisiert. Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 wird die Regierung von der Furcht geplagt, dass Terroristen sich durch die unbesiedelten Naturschutzgebiete in die USA einschleichen könnten. Wie dies auszuschließen ist, soll ein Team der Heimatschutzbehörde auch im Isle-Royal-Park überprüfen. Bob Menechinn, der Chef, hat wenig Verständnis für Ridley Murray, den Leiter des Forschungsteam, dem die Wölfe wichtiger sind als die überall lauernden Terroristen.

 In der Winterwildnis weitgehend auf sich gestellt, bauen sich innerhalb der kleinen Gruppe schnell Spannungen auf. Menechinn erweist sich als lautstarker aber ängstlicher Mann; vor Wölfen fürchtet er sich panisch, was fatal ist, weil sich gerade jetzt ein ungewöhnlich großes und bedenklich dreistes Exemplar auf der Isle Royale herumtreibt. Als Menechinns Assistentin nach einem Streit in die Nacht hinausstürmt, finden die Gefährten später ihre zerrissene Leiche. Doch hat wirklich ein Wolf die Frau gepackt, oder wurde hier ein Mord getarnt? Annas detektivischer Instinkt erwacht, was innerhalb des zerstrittenen Teams nicht unbemerkt bleibt und auch sie das Leben kosten könnte …

 Der Mensch ist des Menschen Wolf

 Kommen sie zusammen – der politisch korrekte, hier ökologische sowie (sacht) feministische Impetus und der unterhaltsame Kriminalroman? Die Antwort lautet wie so oft: mal weniger, mal mehr – in dieser Reihenfolge. Das klingt nicht günstig, und in der Tat hinterlässt Wolfsspuren, der 14. Roman der Anna-Pigeon-Serie, bei aller Freude, die Autorin und ihre Heldin wieder in deutscher Übersetzung erleben zu können, einen zwiespältigen Eindruck.

 Zu den positiven Seiten gehören zweifellos die sorgfältigen Figurenzeichnungen sowie eindrucksvolle Beschreibungen einer gleichermaßen unwirtlichen wie faszinierenden Landschaft. Nevada Barr gelingt es, das polare Nordamerika im Winter wie einen fernen Planeten darzustellen. Geschickt konterkariert sie die Anwesenheit moderner Hightech wie Internet und Satellitentelefon mit der weiterhin realen Unmöglichkeit, einen Ort wie die Isle Royale tatsächlich zu erreichen. Im 21. Jahrhundert kann dich der Tod dort beim Googeln in Gestalt klirrender Kälte oder knurrender Wölfe erreichen.

 Hinzu kommen die nicht nur im Krimi üblichen zwischenmenschlichen Verwicklungen. Barr nutzt zum Aufbau von Spannung geschickt die Situation einer isolierten Gruppe, die ihrer sozialen Dynamik quasi ausgeliefert ist. Hehre Forschung ist das Ziel, doch Konflikte bleiben dabei keineswegs vor. Die Gruppe zieht an zwei unterschiedlichen Strängen, und auch privat gibt es zahlreiche Reibungspunkte, die zur Entzündung gefährlicher Leidenschaften führen.

 Den Menschen stellt Barr die Wölfe der Isle Royale gegenüber. Sie töten zwar unbarmherzig, aber dies nur mit dem Vorsatz, sich vor dem Hungertod zu bewahren. Heimtücke kennen sie nicht, sie folgen ihren Instinkten. Damit bilden sie einen integralen Bestandteil ihres Ökosystems, in dem der Mensch nur ungebetener und oft unfreundlicher Gast und zudem sein eigener Wolf ist, der sehr viel bösartiger umsetzt, was er dem echten Raubtier gern unterstellt.

 Die Globalisierung erreicht jeden Winkel

 Der Gipfel der Absurdität wird am zuverlässigsten noch immer im realen Leben erreicht. So hat sich der Gedanke, dass böse Terroristen sich unter einen Elchbauch binden, um so heimlich die Nordgrenze der USA zu passieren, tatsächlich in den Köpfen derer festgesetzt, die über die Macht verfügen, ihren paranoiden Gedanken Taten folgen zu lassen. Also treiben sich die Bob Menechinns dieser Welt dort herum, wo sie sich in sicherer Entfernung und außer Reichweite echter Terroristen wichtig machen können.

 Hilflos müssen die in ihrer Forscherwelt gefangenen Wissenschaftler die Eindringlinge gewähren lassen. Bisher waren sie, denen in der Regel die Ellenbogen für den Karrierekampf fehlen, wenigstens an Orten wie der Isle Royale zeitweise in Sicherheit. Nun folgen ihnen die Pfennigfuchser und Erbsenzähler auch dorthin. Die Reaktion ist ebenso kindisch wie verständlich, die Folgen sind tragisch: Im Bemühen, die Störenfriede zu vertreiben, werden die Wissenschaftler selbst zu Schuldigen.

 Während Barr die psychologischen Aspekte dieses Konfliktes gut herausarbeitet, wirkt ihr ´Lösungsansatz´ – der gleichzeitig integraler Bestandteil des Krimi-Plots ist – recht naiv. Vielleicht liegt es daran, dass Barr als Alter Ego von Anna Pigeon eindeutig Partei ergreift. Leider gehen sowohl Begeisterung als auch Empörung mit ihr durch. Die Natur ist schön, mysteriös und mächtig, und wer sich ihr nicht öffnen kann, ist entweder dumm oder böse oder beides. Damit gerät Barr in die ausgefahrene Spur jener Öko-Fanatiker, die man ob ihres Übereifers, ihrer epiphanischen Visionen und ihrer humorlosen Unduldsamkeit bespöttelt und unbeachtet lässt.

 Hat jetzt endlich jede/r begriffen?

 Selbstverständlich verschärft Barr um des Effektes willen die prägenden Charakterzüge ihrer Figuren. Dabei streift sie die Grenze zur Karikatur. Neben der allzu ätherischen Waldfrau Robin gerinnt ihr vor allem der schon mehrfach erwähnte Bob Menechinn, den Barr nicht nur als naturfernen Karrieristen, sondern auch als Chauvinisten-Schwein brandmarken will, im großen (und schier endlosen) Finale zum Schurken-Witzbold mit Werwolf-Touch, über dessen mörderische Possen man sich nicht entsetzen mag, sondern eher grinsen kann.

 Ausgerechnet Anna Pigeon, die Hauptfigur, ist im Grunde eine langweilige Person. Sie leidet unter einem Helfersyndrom, das die Natur ebenso einschließt wie junge und hilflose Mitschwestern, denen Anna gegen die bösen, groben Kerle notfalls auch ungefragt zur Hilfe eilt. Überall und ständig wittert sie chauvinistische Umtriebe, gegen die auch eigentlich ganz anständige Mannsleute nie völlig gefeit sind. Sie gesellen sich zu den anderen Finsterlingen von Pigeons Welt: Politiker, Urlauber, die ihre Trampelfüße in Annas geheiligte Wälder setzen wollen, und die sture Parkverwaltung.

 Bis die Fronten geklärt sind, müssen mehr als 250 eng bedruckte Buchseiten durchgehalten werden. Die bis dato erzählte Geschichte ist nicht langweilig, aber Barr bekommt die Kurve zum Krimi erst in letzter Sekunde und dann nur knapp. Das dem Plot zugrunde liegende Verbrechen erweist sich als Import aus der Zivilisation. Er verseucht die grundsätzlich unschuldige Forschergemeinschaft und kulminiert in einem Höhepunkt, der wie angeklebt wirkt, um der Geschichte abschließend ein wenig Dynamik förmlich einzuprügeln. In B-Film-Manier raufen Heldin und Schuft noch viele, viele Seiten, während die Auflösung längst erfolgt ist. Wahrscheinlich ist es besser so, denn was sich Barr einfallen ließ, um die Mysterien der Isle Royale zu erklären, ist dürftig und leidet als Mordintrige unter tiefen Logiklöchern.

 Der 14. Anna-Pigeon-Roman bietet somit zumindest den Krimi-Freunden solide, d. h. mittelmäßige Lektürekost und gehört nicht zu den Höhepunkten der schon (zu?) lange laufenden Serie. Erfreulich ist dagegen die deutsche Ausgabe als altbacken gestaltetes aber gut übersetztes und kostengünstiges Taschenbuch.

Michael Drewniok, Februar 2010

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