Wolf von Mo Hayder

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2014 unter dem Titel Wolf, deutsche Ausgabe erstmals 2015 bei Goldmann.
Ort & Zeit der Handlung: England, Somerset, 2010 - heute.
Folge 7 der Jack-Caffery-Serie.

  • London: Bantam, 2014 unter dem Titel Wolf. 448 Seiten.
  • München: Goldmann, 2015. Übersetzt von Rainer Schmidt. ISBN: 978-3-442-31307-5. 448 Seiten.

'Wolf' ist erschienen als Taschenbuch E-Book

In Kürze:

Ein einsames Haus am Waldrand. Es war ihr Zufluchtsort. Jetzt ist es die Hölle. "Es hört sich an, als würden sie gerade meine Tochter oder meine Frau bedrohen. Ich weiß nicht, was passiert. Jetzt ist es still.“ Vor vierzehn Jahren wurde ein junges Liebespaar brutal ermordet. Der Hauptverdächtige gestand das Verbrechen und wurde verurteilt. Aber die Erinnerung an die Morde ist noch nicht verblasst. Als Oliver Anchor-Ferrers mit seiner Familie in das einsam gelegene Ferienhaus in der Nähe des damaligen Tatorts zurückkehrt, macht er eine schockierende Entdeckung: Ist der Täter von einst etwa wieder auf freiem Fuß? Noch kann er nicht ahnen, dass das schon bald nicht mehr seine größte Sorge sein wird. Der Albtraum kehrt mit voller Macht zurück, nur diesmal ist er die Hauptfigur …

Das meint Krimi-Couch.de: »Überleben im Kampf gegen das Unvermeidliche« 90°Treffer

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Mit einem Torpedosystem, genannt Wolf, hat Ingenieur Oliver Anchor-Ferrers sein Vermögen gemacht. Nach einer schweren Herzoperation musste er sich ins Privatleben zurückziehen. Mit Gattin Matilda und Tochter Lucia genießt er seine Altersruhe auf dem feudalen Landsitz »The Turrets«, der landschaftlich schön aber abgelegen in den Mandip Hills der englischen Grafschaft Somerset liegt.

Fünfzehn Jahre zuvor hatte eine Tragödie die Familie beinahe zerstört, als der Psychopath Minnet Kable Lucias Ex-Freund Hugo und dessen neue Freundin Sophie erst brutal ermordete, um dann ihre Gedärme in Herzform im Wald zu drapieren. Lucia hat dieses Geschehen nie überwunden, driftet seither haltlos durchs Leben und fürchtet noch immer Kables Rückkehr, obwohl dieser seit damals im Gefängnis sitzt.

Als nun wieder Därme in den Bäumen hängen, denkt die Familie an einen Ausbruch und informiert die Polizei. Doch »Detective Inspector Honey« und »Detective Sergeant Molina« entpuppen sich als Verbrecher, die mit Kable nichts zu tun haben. Die Anchor-Ferrers werden in ihrem Haus gefangen, mit Folter und Tod bedroht und mit zunehmender Intensität terrorisiert. Oliver glaubt an einen Racheakt im Zusammenhang mit Wolf, denn diese Waffe hat für viele Tode gesorgt.

Matilda gelingt es, den Familienhund Bear einen Hilferuf unter das Halsband zu schieben. Das Tier kann mit der Nachricht entkommen, wobei jedoch Adresse und Absender verlorengehen. Über einige Umwege gelangt der Zettel, auf dem nur noch »Helft uns« zu lesen ist, an (den echten) Detective Inspector Jack Caffery. Er muss so rasch wie möglich dieses Rätsel klären, hat jedoch nur diesen Anhaltspunkt für seine Ermittlung: Bears Magen ist prall gefüllt mit kostbarem Schmuck, dessen Herkunft sich womöglich nachweisen lässt …

Unwirklicher Irrsinn in gnadenloser Realität

Eigentlich ist es eine Selbstverständlichkeit: Neue Autoren betreten mit einem Donnerschlag = einem Buch, das Kritiker, Medien und Leser gleichermaßen entzückt, die Literaturszene. Über den grünen Klee gelobt und mit Erwartungen förmlich überhäuft, wird es für die Betroffenen doppelt schwierig, die Schriftstellerkarriere mit vergleichbarem Erfolg weiterzuverfolgen. Der Moment wird und muss kommen, in dem mindestens eine der oben genannten Gruppen missmutig zu dem Schluss kommt, dass »der neue Roman von X« keine der ursprünglichen Qualitäten aufweist.

Wer hoch fällt, wird umso tiefer stürzen: Nicht nur Luzifer, sondern auch Mo Hayder musste dies inzwischen erfahren. Mit Der Vogelmann und Die Behandlung – gleichzeitig die ersten beiden Bände ihrer Serie um den britischen Polizisten Jack Caffery – hatte sie allerdings die Messlatte ungemein hoch gelegt. Selten verschmelzen Spannung und explizites aber nie zum Selbstzweck gerinnendes Grauen plus eine Prise Mystik zu einer gleichermaßen unterhaltsamen wie erschreckenden Lektüre.

Doch wie sollte Hayder das entfesselte Grauen steigern? Sie bemühte sich redlich und verfasste serienunabhängige Romane, kehrte aber immer zu Jack Caffery zurück, dem sie jedoch die ursprüngliche Präsenz nahm, indem sie ihm eine zweite Hauptfigur zur Seite stellte. Die Polizeitaucherin Phoebe »Flea« Marley wurde nie ein Liebling der Leser, was angesichts allzu plakativer Neurosen kaum wundert.

An einem Tag wie jeder andere

Umso erfreulicher ist es, dass Caffery und Marley, die nicht nur beruflich zusammenarbeiteten, sondern auch ein privates Verhältnis pflegten, sich getrennt haben. Sie bleibt in Bristol und außerhalb des Geschehens, Caffery ist wieder solo und steht allein im Zentrum der Krimi-Handlung dieser Geschichte.

Eine zweite Ereignisebene bleibt der Familie Anchor-Ferrers reserviert, die ein Martyrium erleidet, das Hayder mit der bekannten Meisterschaft und ohne den Blick abzuwenden unbehaglich eindringlich schildert. So lange unklar ist, weshalb »Honey« und »Molina« die Anchor-Ferrers heimsuchen, ist die Stimmung hoffnungslos: Mit diesen Tätern ist nicht zu verhandeln. Sie sind Söldner, deren Alltagsgeschäft Terror und Tod sind. Jegliches Bemühen, sich als Menschen in Erinnerung zu bringen, scheitert. Stück für Stück verlieren die Anchor-Ferrers ihr Selbstbewusstsein, ihre Hoffnung, ihre Würde. Systematisch werden sie in den Wahnsinn getrieben.

Als Hayder zumindest dem Leser die Ungewissheit nimmt, indem sie enthüllt, wer aus welchem Grund hinter Honey und Molina steckt, kann dieser eine gewisse Enttäuschung nicht unterdrücken: Wie so oft kann die Lösung dem Rätsel nicht standhalten. Das Böse, das den Anchor-Ferrers widerfährt, ist einmal mehr schrecklich banal. Dies mag realistisch sein, ist aber der Stabilität des Spannungsbogens nicht förderlich, denn es mindert die Atmosphäre der Bedrohung, die bisher die Ereignisse in »The Turrets« prägte, als der Tod der Familie längst beschlossene Sache schien.

Das Pendel schlägt immer zurück

Womit genannter Leser Hayder planmäßig in die Falle gegangen ist. Sie weiß selbst, dass klassische Spannung nicht aufkommen kann, wenn eine Falle allzu perfekt zugeschnappt ist. Die Maus darin muss eine Schwachstelle erkennen und ihre Flucht vorbereiten, die mit der gewaltsamen Konfrontation mit dem Fallensteller einhergehen wird. Hier ist es der herzkranke Oliver Anchor-Ferrers, der seinen Verstand aktiviert, um einerseits den Verantwortlichen hinter dem Terror zu identifizieren, während er andererseits eine Methode gefunden hat, die Nachwelt über die Ereignisse in »The Turrets« zu informieren, sollte die Familie nicht überleben.

Hayder weitet die Szenerie, indem sie Honey und Molina individualisiert. Wir erfahren Persönliches über sie. Sie werden zu Menschen, wodurch sie für den Leser ihre bedrohliche Unbarmherzigkeit verlieren – scheinbar, denn als die Ereignisse zielgerade auf einen finalen Überlebenskampf unter polizeilicher Beteiligung hinauszulaufen drohen, gelingt Hayder ein unerwarteter Twist: Die Ereignisse sind gänzlich anders, als sie sich bisher darstellten – und als sich der Leser diese Überraschung verdaut hat, folgt gleich der nächste Schlag.

Gleichzeitig keimt an anderer Stelle ein neues Spannungsmoment auf. Dramatisch und abstrus zugleich – Hayders Markenzeichen – gerät Jack Caffery in die Handlung. Als wir ihn (wieder-) sehen, hat er gänzlich anderes im Sinn, als die Anchor-Ferrers zu retten, von deren Existenz er gar nicht weiß. Caffery ist nach dem Ende seiner Liason mit Flea Marley erneut ein Opfer der Erinnerungen an seinen Bruder Ewan, der vor vielen Jahren von einem Ring organisierter Kinderschänder entführt und umgebracht wurde. Er entdeckt eine bisher übersehene Spur und nimmt die Fährte wieder auf.

Dieses Anknüpfen an die Vergangenheit ist riskant, denn die Caffery-Vita hatte sich in den Bänden 3 bis 6 weiterentwickelt, und zumindest der Leser kennt die Umstände von Ewans Ende bereits. Nun lässt Hayder Caffery womöglich allzu Bekanntes aufrühren. Dazu gehört auch die neuerliche Bekanntschaft mit dem »Walking Man«, einer durchaus mythischen Figur, die mehr als ein Hauch Übernatürlichkeit umweht, wobei es Hayder wie Autorenkollege John Connolly glücklicherweise gelingt, die Balance zwischen Geheimnis und Übertreibung zu wahren.

Per Puzzle zum Finale

Während der Terror in »The Turrets« sich steigert und plötzlich eine gänzlich neue Dramatik entwickelt, übt sich Caffery in klassischer Ermittlungsarbeit. Der »Walking Man« hat ihn auf ein mögliches Verbrechen aufmerksam gemacht. Skurril aber glaubhaft bleibt der einzige Hinweis ein gravierter Ring, der aus dem Bauch eines Hundes zum Vorschein kommt! Natürlich findet Caffery darauf nicht den Besitzernamen, was die Nachforschungen allzu simpel gestalten würde, sondern obskure Symbole, die aufwändig entschlüsselt werden müssen.

Hayder gestaltet dies als Wettlauf zwischen Caffery und den Killern in »The Turrets«, wobei dort die Konstellationen mehrfach wechseln. Während die Anchor-Ferrers nervenzerrend in immer neue Lebensgefahren geraten, übt sich Caffery in Systematik und arbeitet sich langsam aber sicher zur Lösung vor. Dabei gerät er genretypisch in diverse Sackgassen, die er aber zügig hinter sich lässt, ohne dabei genial und damit langweilig zu wirken.

Im Finale laufen alle Fäden zusammen. Hayder greift noch einmal tief in die Trickkiste, um zumindest für ihr Publikum falsche Fährten zu legen. Das Ende ist konsequent aber bitter; auch dieses Mal ist die Verfasserin keine Freundin des Happy-Ends. In einer Coda erfährt Caffery endlich die bittere Wahrheit darüber, wie sein Bruder starb, und ist anschließend erst recht unglücklich, da ihm das Schicksal bzw. Hayder einen letzten, besonders gemeinen Streich spielen.

Mit Wolf hat Mo Hayder abermals ihren verqueren Einfallsreichtum unter Beweis gestellt: Sie versteht es, Schmerz und Demütigung so zu schildern, dass ihre Leser schaudern, denn hier teilt sich Leiden mit. Wie es mit Jack Caffery weitergeht, bleibt offen; das letzte Wort hat der »Walking Man«, der ebenso vielversprechend wie bedrohlich verkündet:

»Ihr Leben wird von heute an anders sein, aber Sie werden überleben. Sie werden weiterleben.«

Michael Drewniok, Mai 2015

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Erika L zu »Mo Hayder: Wolf« 31.01.2017
Habe gerade das Buch "Wolf" zu Ende gelesen, das recht spannend geschrieben war. Frage mich jetzt schon die ganze Zeit, ob ich da eigentlich irgendwas überlesen habe. Wie konnte es sein, dass der Walking Man den Namen des kleinen Hundes mit der kranken Pfote kannte (nämlich "bear"), den die kleine Amy so süß fand? Ist der Walking Man Hellseher?
Edith Sprunck zu »Mo Hayder: Wolf« 27.10.2015
Ein grandioser Psychothriller, der nicht für schwache Nerven geschaffen ist!
Einfach virtuos schildert Mo Hayder das Grauen, dem Familie Anchor-Ferrers ausgesetzt ist. Dabei nutzt sie relativ wenige blutige Details, aber um so mehr psychische Foltermethoden, die nicht minder grausam sind. Über den Inhalt wurde bereits ausgiebig in der Rezension der KC geschrieben. Dem ist nichts hinzuzufügen, ohne dabei zu viel zu verraten. Mich hat es gefreut, Jack Caffery und dem Walking Man, den beiden Männern, die das beredte Schweigen perfekt beherrschen und durch ein ähnliches Schicksal verbunden sind, wieder zu begegnen. Auch ein Hauch der esoterischen Note, dieses besondere Etwas, das zu Mo Hayder einfach dazu gehört, wurde nicht vernachlässigt. Extrem spannend!
lieschen1 zu »Mo Hayder: Wolf« 03.03.2015
Habe dieses Buch verschlungen, super spannend bis zum Ende.
Und das Ende ist unglaublich!

Finde alle Bücher von Mo Hayder sehr, sehr gut und freue mich immer, wenn ein neues Buch erscheint.

Auch in diesem Buch wird über Jack Caffreys vermissten Bruder Ewan geschrieben und Jack bekommt nach all den Jahren endlich
eine Antwort.
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