Tokio von
Buchvorstellung
Bibliographische Angaben
Originalausgabe erschienen 2004 unter dem Titel Tokyo, deutsche Ausgabe erstmals 2005 bei Goldmann.
- London: Bantam, 2004 unter dem Titel Tokyo. 416 Seiten.
- New York: Grove, 2005. 416 Seiten.
- München: Goldmann, 2005. Übersetzt von Ute Thiemann. 416 Seiten.
-
[Hörbuch] München: Random House Audio, 2005.
Gesprochen von Sophie Rois.
ISBN:
3866040105. 6 CDs. -
[Hörbuch] München: Random House Audio, 2007.
Gesprochen von Sophie Rois.
gekürzte Lesung.
ISBN:
3866045174. 4 CDs.
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ISBN 3-442-31018-0, 416 Seiten. Copyright © 2005 Verlagsgruppe Random House
Leseprobe
Aus dem Englischen von Ute Thiemann
Prolog
Nanking, China: 21. Dezember 1937
Jenen, die gegen den Aberglauben wettern und wüten, habe ich nur eins zu sagen: Warum? Warum erlaubt ihr euch sol-chen Hochmut und solche Eitelkeit, dass ihr sorglos die alte Tradition missachtet? Wenn ein Bauer euch erzählt, dass die erhabenen Gebirge des alten China von erzürnten Göttern zertrümmert wurden, dass vor Jahrtausenden das Himmelsgewölbe heruntergerissen und das Land aus dem Gleichgewicht gebracht wurde, warum glaubt ihr ihm dann nicht? Seid ihr so viel klüger als dieser Bauer? Seid ihr klü-ger als all die Generationen, von denen er abstammt?
Ich glaube ihm. Jetzt, endlich, glaube ich ihm.
Ich schreibe dies mit zitternder Hand, doch ich tue es, ich glaube, was der Aberglaube uns sagt. Und warum? Weil es nichts anderes gibt, um die Wechselfälle dieses Lebens zu erklä-ren, kein anderes Instrument, um dieses Unglück zu deu-ten. Also suche ich Trost im Volksglauben, und ich vertraue dem Bauern, wenn er mir erzählt, dass der Zorn der Götter dafür verantwortlich ist, dass das Land nach Osten hin ab-fällt. Ja, ich glaube ihm, wenn er mir sagt, dass alles, der Fluss, der Schlamm, die Städte, letztendlich im Meer ver-sinken wird. Selbst Nanking. Eines Tages wird auch Nanking im Meer versinken. Die Reise dieser Stadt mag die langsamste sein, denn sie ist nun anders als andere Orte. Diese letzten Tage haben sie bis zur Unkenntlichkeit verändert, und wenn sie sich in Bewegung setzt, dann ganz langsam, denn sie ist durch ihre unbestatteten Bürger ans Land gekettet und durch die Geister, die sie bis an die Küste und zurück verfolgen werden.
Vielleicht sollte ich mich glücklich schätzen, dass ich erkenne, wie sie jetzt ist. Ich kann durch das hölzerne Gitter dieses winzigen Fensters spähen und sehen, was die Japaner von ihr übrig gelassen haben: ihre ausgebrannten Gebäude, die verlassenen Straßen, die Leichen, die sich in den Kanälen und Flüssen türmen. Dann blicke ich auf meine zitternden Hände und frage mich, warum ich überlebt habe. Das Blut ist inzwischen getrocknet. Wenn ich meine Hände reibe, blättert es ab, und die schwarzen Schuppen fallen auf das Papier, dunkler als die Worte, die ich schreibe, da meine Tusche so verwässert ist. Das Tuschestäbchen ist auf-gebraucht, und ich habe weder die Kraft noch den Mut oder den Drang hinauszugehen und ein neues zu besorgen.
Wenn ich meinen Federhalter niederlegen, mich seitwärts gegen die kalte Wand lehnen und in dieser unbequemen Position meine Nase ganz dicht an den Fensterladen pres-sen würde, könnte ich den Purpurberg sehen, der schneebedeckt jenseits der zerstörten Dächer aufragt. Doch ich werde es nicht tun. Es besteht keine Notwendigkeit, meinen Körper in eine unnatürliche Haltung zu zwingen, denn ich werde nie wieder den Purpurberg anschauen. Wenn dieser Tagebucheintrag beendet ist, werde ich kein Verlangen mehr verspüren, mich daran zu erinnern, wie ich selbst auf jenen Hängen stand, eine zerlumpte, erbärmliche Gestalt, die verzweifelt versuchte, mit dem japanischen Soldaten Schritt zu halten, die wie ein Wolf seiner Fährte folgte, über die gefrorenen Bäche und Schneewehen …
Es ist keine zwei Stunden her. Zwei Stunden, seit ich ihn eingeholt habe. Wir waren in einem kleinen Wäldchen nahe den Pforten des Mausoleums. Er stand mit dem Rücken zu mir neben einem Baum, und der schmelzende Schnee tropfte von den Ästen auf seine Schultern. Sein Kopf war leicht vorgereckt, während er angestrengt in den Wald vor sich spähte, denn die Berghänge waren noch immer gefährliches Gelände. Die Filmkamera hing baumelnd an seiner Seite.
Ich hatte ihn so lange verfolgt, dass ich ganz zerschunden war und hinkte und meine Lunge von der kalten Luft brannte. Ich bewegte mich vorsichtig vorwärts. Jetzt kann ich mir nicht einmal mehr vorstellen, wie ich so beherrscht bleiben konnte, denn ich zitterte von Kopf bis Fuß. Als er mich hörte, wirbelte er herum und duckte sich instinktiv in Angriffshaltung. Aber ich bin nicht sonderlich männlich, nicht stark und einen ganzen Kopf kleiner als er, und als er mich erkannte, ließ seine Anspannung ein wenig nach. Er richtete sich vorsichtig auf und beobachtete mich, während ich ein paar Schritte näher kam, bis wir nur noch zwei Me-ter voneinander entfernt standen und er die Tränen in mei-nem Gesicht sehen konnte.
»Es wird dir nichts bedeuten«, sagte er fast bedauernd, »aber ich möchte, dass du weißt, dass es mir Leid tut. Es tut mir sehr Leid. Verstehst du mein Japanisch?«
»Ja, tue ich.«
Er seufzte und rieb sich mit seinem rissigen Schweinsle-derhandschuh die Stirn. »Es war nicht gerade das, was ich mir gewünscht hätte. Das ist es nie. Das musst du mir glau-ben.« Er hob seine Hand und zeigte vage in die Richtung des Linggu-Tempels. »Es stimmt, dass – dass er es genossen hat. Das tut er immer. Aber ich nicht. Ich bin ihr Beobach-ter. Ich filme, was sie tun, aber es bereitet mir kein Vergnü-gen. Bitte, glaub mir das, es bereitet mir kein Vergnügen.«
Ich wischte mir mit dem Ärmel das Gesicht ab, wischte die Tränen fort. Ich machte einen Schritt nach vorn und legte meine zitternde Hand auf seine Schulter. Er schreckte nicht zusammen, wich nicht zurück, sondern musterte nur verwirrt mein Gesicht. Es war keine Angst in seiner Miene zu erkennen: Er hielt mich für einen wehrlosen Zivilisten. Er wusste nichts von dem kleinen Obstmesser, das ich in meiner Hand verbarg.
»Gib mir die Kamera«, sagte ich.
»Das kann ich nicht. Glaub nicht, dass ich diese Filme für ihre Unterhaltung mache, für die Soldaten. Ich habe weit Wichtigeres damit vor.«
»Gib mir die Kamera.«
Er schüttelte den Kopf. »Kommt nicht in Frage.«
Bei diesen Worten schien es mir, als würde sich die Welt um uns herum verlangsamen. Irgendwo auf den fernen Hängen unter uns scheuchte die japanische Sampohei-Artillerie versprengte Einheiten der Nationalisten mit schwerem Geschützfeuer aus den Bergen und trieb sie zurück in die Städte, doch von den höher gelegenen Hängen hörte ich kei-nen Laut, abgesehen vom Klopfen unserer Herzen und dem schmelzenden Eis um uns herum.
»Ich habe gesagt, du sollst mir die Kamera geben.«
»Und ich wiederhole, nein. Kommt nicht in Frage.«
Ich beugte mich ein wenig vor und stieß ein schreckli-ches Geheul aus, ihm direkt ins Gesicht. Es hatte sich die ganze Zeit über in mir angestaut, während ich im Schnee seiner Fährte gefolgt war, und jetzt schrie ich wie ein ver-wundetes Tier. Ich stürzte mich auf ihn und rammte ihm das kleine Messer in den Leib, durch seine Uniform hin-durch, bohrte es durch den glücksbringenden Senninbari-Gürtel. Er gab keinen Laut von sich. Sein Gesicht zuckte. Er riss seinen Kopf so ruckartig zurück, dass seine Armee-mütze herunterfiel und wir beide überrascht einen Schritt zurückwichen, während wir auf das starrten, was ich getan hatte. Eine Fontäne von Blut ergoss sich in den Schnee, und das Innere seines Bauchs stülpte sich durch den Riss in seiner Uniform wie eine schleimige Frucht nach außen. Er stierte einen Moment lang verständnislos darauf. Dann registrierte er den Schmerz. Er ließ das Gewehr fallen und umklammerte seinen Bauch, versuchte verzweifelt, seine Gedärme wieder hineinzustopfen. »Kuso!«, entfuhr es ihm. »Was hast du getan?«
Ich taumelte zurück, und das Messer fiel aus meiner Hand, während ich blind nach einem Baum tastete, an den ich mich lehnen konnte. Der Soldat kehrte mir den Rücken und wankte tiefer in den Wald. Mit einer Hand umklammerte er seinen Bauch, mit der anderen hielt er noch immer die Ka-mera fest, während er sich ungelenk vorwärts bewegte, den Kopf seltsam würdevoll hoch erhoben, als würde dort inmit-ten der Bäume eine bessere, sicherere Welt warten. Ich folgte ihm, stolperte keuchend durch den Schnee. Nach etwa zehn Metern strauchelte er, verlor fast das Gleichgewicht und schrie etwas: einen japanischen Frauennamen, viel-leicht der Name seiner Mutter oder seiner Frau. Er hob sei-nen Arm, und die Bewegung musste Dinge in seinem Innern gelöst haben, denn etwas Dunkles, Langes schlängelte sich aus der Wunde und fiel in den Schnee. Der Soldat rutschte darauf aus und versuchte, sich wieder zu fangen, doch mitt-lerweile war er sehr schwach und schleppte sich benommen im Kreis weiter, zog dabei eine lange rote Spur hinter sich her, so als wäre dies eine Geburt und kein Tod.
»Gib sie her. Gib mir die Kamera.«
Er konnte nicht antworten. Er hatte jegliche Fähigkeit zu rationalem Denken verloren: Er wusste nicht mehr, was passierte. Er sank auf die Knie, seine Arme leicht erhoben, und kippte sacht auf die Seite. Im nächsten Moment war ich bei ihm. Seine Lippen waren blau, die Zähne blutver-schmiert. »Nein«, flüsterte er, als ich die Kamera aus sei-nen behandschuhten Fingern nestelte. Seine Augen waren bereits blind, doch er spürte, wo ich war, und tastete ver-zweifelt nach meinem Gesicht. »Nimm sie mir nicht weg. Wenn du sie mir wegnimmst, wer wird es dann der Welt erzählen?«
»Wenn du sie mir wegnimmst, wer wird es dann der Welt erzählen?«
Diese Worte haben sich mir ins Gedächtnis eingebrannt. Ich werde sie bis ans Ende meines Lebens nicht vergessen. Wer wird es dann erzählen? Ich starre lange auf den Him-mel über dem Haus, auf den schwarzen Rauch, der vor dem Mond wabert. Wer wird es dann erzählen? Die Antwort lau-tet: niemand. Niemand wird es erzählen. Es ist alles vorbei. Dies ist der letzte Eintrag in meinem Tagebuch. Ich werde nie wieder schreiben. Der Rest meiner Geschichte wird auf dem Film in der Kamera verewigt sein, und was heute ge-schehen ist, wird ein Geheimnis bleiben.
Tokio, Sommer 1990
Manchmal muss man einfach über seinen eigenen Schatten springen. Selbst wenn man müde und hungrig und an ei-nem völlig fremden Ort ist. So wie ich in jenem Sommer in Tokio, als ich vor Professor Shi Chongmings Tür stand und vor Nervosität zitterte. Ich hatte mein Haar platt an den Kopf gedrückt, damit es so eng wie möglich anlag, und viel Zeit darauf verwandt, meinen alten Secondhandrock zurechtzu-zupfen, den Staub abzuklopfen und die Sitzfalten glatt zu streichen. Ich hatte die abgewetzte Umhängetasche hinter meinen Füßen versteckt, damit sie ihm nicht gleich als Ers-tes ins Auge fiel, denn es war so unendlich wichtig, normal auszusehen. Ich musste bis fünfundzwanzig zählen und tief durchatmen, bevor ich den Mut hatte zu sprechen.
»Hallo?«, sagte ich zögernd, mein Gesicht ganz nah an der Tür. »Sind Sie da?«
Ich wartete einen Moment und lauschte angestrengt. Von drinnen konnte ich undeutliches Schlurfen hören, aber es kam niemand an die Tür. Ich wartete noch einen Augen-blick länger, während mein Herzschlag in meinen Ohren zu dröhnen begann, dann klopfte ich. »Können Sie mich hören?«
Die Tür ging auf, und ich wich verblüfft einen Schritt zu-rück. Shi Chongming stand in der Tür, sehr förmlich und korrekt, und sah mich schweigend an. Seine Hände hingen neben dem Körper, als würde er darauf warten, visitiert zu werden. Er war unglaublich klein, wie eine Puppe, und das
feine Dreieck seines Gesichts wurde von schulterlangem, schlohweißem Haar umrahmt, so als hätte er sich einen Schal aus Schnee um die Schultern drapiert. Ich stand mit offenem Mund da und brachte kein Wort heraus.
Er legte seine flachen Hände auf die Oberschenkel und verbeugte sich vor mir. »Guten Tag«, sagte er leise in fast akzentlosem Englisch. »Ich bin Professor Shi Chongming. Und wer sind Sie?«
»Ich …ich bin ...« Ich schluckte. »Ich bin eine Studentin. Wenn man so will.« Ich schob ungelenk den Ärmel mei-ner Strickjacke hoch und streckte ihm meine Hand hin. Ich hoffte, er würde meine abgekauten Nägel nicht bemerken. »Von der University of London.«
Er musterte mich aufmerksam, registrierte mein Gesicht, mein strähniges Haar, die Strickjacke und die große, form-lose Umhängetasche. Das tut jeder bei der ersten Begegnung mit mir, und um der Wahrheit die Ehre zu geben, sosehr man sich auch bemüht, man gewöhnt sich nie wirklich da-ran, angestarrt zu werden.
»Ich wollte Sie schon fast mein halbes Leben lang tref-fen«, sagte ich. »Ich habe neun Jahre, sieben Monate und achtzehn Tage auf diesen Moment gewartet.«
»Neun Jahre, sieben Monate und achtzehn Tage?« Er hob amüsiert eine Augenbraue. »So lange? Wenn das so ist, dann kommen Sie besser herein.«
Ich bin nicht sonderlich gut im Erraten, was andere Men-schen denken, aber ich weiß, dass man Tragödien, wahre Tragödien im Blick eines Menschen erkennen kann. Wenn man aufmerksam genug hinschaut, ist man in der Lage zu sehen, was eine Person durchgemacht hat. Ich hatte so lange
gebraucht, Shi Chongming zu finden. Er war über sieb-zig, und es erstaunte mich, dass er trotz seines Alters und trotz seiner Gefühle gegenüber den Japanern hier lebte, ein Gastprofessor an der Todai-Universität, der berühmtesten Universität Japans. Sein Büro bot einen Ausblick über die
Kyudo-Halle der Universität, wo dunkle Bäume um die verschachtelten Ziegeldächer wogten und das einzige Ge-räusch die Schreie der Krähen waren, die zwischen den spitzblättrigen Eichen umherhüpften. Im Zimmer war es heiß und stickig, und die staubige Luft wurde von drei elekt-rischen Ventilatoren, die sich surrend hin- und herdrehten, im Raum verteilt. Ich schlich hinein, eingeschüchtert von der Tatsache, dass ich endlich hier war.
Shi Chongming nahm einen Stapel Unterlagen von einem Stuhl. »Setzen Sie sich. Setzen Sie sich. Ich mache Tee.«
Ich nahm auf dem Stuhl Platz, meine Füße in den der-ben Schuhen nebeneinander gestellt, die Tasche an meinen Bauch gedrückt. Shi Chongming hinkte zu einem Waschbe-cken in der Ecke des Büros und füllte einen elektrischen Was-serkocher, ohne sich um das Wasser zu kümmern, das dabei auf seine im Mandarinstil gearbeitete Jacke spritzte. Der Ven-tilator bewegte sacht die Unterlagenstapel und vergilbten al-ten Bücher, die sich in den deckenhohen Regalen türmten. Als ich hereingekommen war, hatte ich in einer Ecke sofort einen Projektor entdeckt. Ein verstaubtes 16-mm-Gerät, das man gerade eben zwischen den hoch aufragenden Unterla-genstapeln ausmachen konnte. Ich wollte mich umdrehen und ihn mir ansehen, doch ich wusste, dass ich das besser nicht tun sollte. Ich biss mir auf die Lippe und richtete mei-nen Blick starr auf Shi Chongming. Er hielt einen langatmi-gen Monolog über seine Forschungsarbeit.
»Nur wenige haben eine Vorstellung davon, wann die chi-nesische Heilkunde ihren Weg nach Japan gefunden hat, aber man kann bis in die Tang-Periode gehen und entdeckt Beweise für ihre Existenz. Wussten Sie das?« Er brühte den Tee auf und förderte von irgendwoher einen eingeschweiß-ten Keks zu Tage. »Der Priester Jian Zhen hat sie gelehrt, hier, an diesem Ort, im achten Jahrhundert. Jetzt gibt es über-all, wo man hinschaut, Kampo-Läden. Man muss nur den Campus verlassen und ein paar Schritte gehen, und schon steht man vor einem. Faszinierend, finden Sie nicht?«
Ich blinzelte. »Ich dachte, Sie wären Linguist.«
»Linguist? Nein, nein. Früher, vielleicht, aber jetzt ist al-les anders. Wollen Sie wissen, was ich bin? Ich sag es Ih-nen – wenn Sie ein Mikroskop nehmen und sorgfältig den Schnittpunkt studieren, wo sich Ergonom und Soziologe treffen ...«, er lächelte und entblößte dabei lange gelbe Zähne,
» …da finden Sie mich: Shi Chongming, ein sehr kleiner Mann mit einem großen Titel. Die Universität sagt mir, sie hätten mit mir einen beachtlichen Fang gemacht. Was mich interessiert, ist, wie viel von all dem hier ...«, er machte eine ausholende Bewegung mit den Händen, die die Bücher, die Farbdrucke mumifizierter Tiere und eine Wandkarte mit der Überschrift Entomologie von Hunan einschloss, » …wie viel von dem hier mit Jian Zhen gekommen ist und wie viel 1945 von den Soldaten mit nach Japan zurückgebracht wurde.
Ein Beispiel nur, lassen Sie mich sehen ...« Er strich mit seinen Händen über die vertrauten Texte, zog einen ver-staubten Band heraus, legte ihn vor mich hin und schlug ihn auf einer Seite mit einem verwirrenden Diagramm eines Bären auf, aufgeschnitten, um seine in Pastellrosa und -mint kolorierten inneren Organe zu zeigen. »Hier haben wir ein Beispiel, den Kragenbär. War es nach dem Pazifikkrieg, dass sie anfingen, die Gallenblase ihres Karuizawa-Bären als Heil-mittel gegen Magenbeschwerden zu benutzen?« Er legte die Hände auf den Tisch und sah mich an. »Ich vermute, das ist der Grund, weshalb Sie hier sind, stimmt’s? Der Kragenbär ist eines meiner Fachgebiete. Er ist es, der die meisten Leute zu mir führt. Sind Sie eine Naturschützerin?«
»Nein«, antwortete ich, überrascht davon, wie fest meine Stimme klang. »Um ehrlich zu sein, nein. Das ist nicht der Grund, weshalb ich hier bin. Ich habe noch nie vom …vom Karuizawa-Bären gehört.« Und dann konnte ich mich nicht länger zurückhalten. Ich drehte mich um und schaute zu dem Projektor in der Ecke, riss meinen Blick los und sah wie-der Shi Chongming an. »Ich meine, ich bin nicht hier, um mit Ihnen über chinesische Heilkunde zu reden.«
»Nicht?« Er nahm seine Brille ab und musterte mich neu-gierig. »Sie sind nicht deswegen hier?«
»Nein.« Ich schüttelte den Kopf. »Nein. Ganz und gar nicht.«
»Dann ...«, er hielt kurz inne, » …dann sind Sie hier we-gen ...?«
»Wegen Nanking.«
Er setzte sich stirnrunzelnd an den Schreibtisch. »Ent-schuldigen Sie. Was sagten Sie noch mal, wer Sie sind?«
»Ich bin Studentin der London University. Zumindest war ich das. Aber ich habe nicht chinesische Heilkunde studiert. Ich habe Kriegsgräuel studiert.«
»Sie brauchen gar nicht weiterzureden.« Er hielt seine Hand hoch. »Da sind Sie beim Falschen gelandet. Ich kann Ihnen nicht helfen.«
Er wollte vom Schreibtisch aufstehen, doch ich zog eilig den Reißverschluss meiner Umhängetasche auf und holte einen eselsohrigen, von einem Gummiband zusammenge-haltenen Packen Notizen heraus, ließ in meiner Nervosität einige davon fallen, klaubte sie wieder auf und klatschte den ganzen Stapel zwischen uns auf den Schreibtisch.
»Ich habe mein halbes Leben lang den Krieg in China studiert.« Ich streifte das Gummiband ab und breitete meine
Unterlagen aus. Da waren Seiten mit Übersetzungen in meiner winzigen Handschrift, Fotokopien von Zeugenaus-sagen aus Bibliotheksbüchern, Skizzen, die ich angefertigt hatte, um mir die Geschehnisse besser bildlich vorstellen zu können. »Insbesondere Nanking. Sehen Sie«, ich hielt eine zerknitterte, mit sehr kleinen Schriftzeichen bedeckte Seite hoch, »das hier bezieht sich auf die Invasion – es ist ein Stammbaum der japanischen Befehlshierarchie, es ist alles in Japanisch geschrieben, sehen Sie? Das habe ich an-gefertigt, als ich sechzehn war. Ich kann etwas Japanisch und Chinesisch schreiben.«
Shi Chongming betrachtete das Ganze schweigend und schien dabei immer tiefer in seinem Schreibtischsessel zu
versinken. Ein seltsamer Ausdruck trat auf sein Gesicht. Meine Zeichnungen und Diagramme sind nicht sonderlich gut, aber es macht mir nichts mehr aus, wenn Leute darüber lachen – jede einzelne stellt etwas dar, das mir wichtig ist, jede hilft mir, Ordnung in meine Gedanken zu bringen, jede erinnert mich daran, dass ich mit jedem Tag der Wahrheit über etwas, das 1937 in Nanking passiert ist, näher komme.
»Und das hier ...« Ich entfaltete eine Zeichnung und hielt sie hoch. Es war ein DIN-A3-Blatt, in dem sich über die Jahre dort, wo es zusammengefaltet war, transparente Linien gebildet hatten. » …das hier soll die Stadt am Ende der Invasion darstellen. Es hat mich einen ganzen Monat gekostet, bis es fertig war. Das ist ein Leichenberg. Sehen Sie?« Ich starrte ihn erwartungsvoll an. »Wenn Sie genau hinschauen, erkennen Sie, dass alles stimmt. Sie können es gern überprüfen, wenn Sie möchten. Es sind exakt dreihun-derttausend Leichen auf diesem Bild ...«
Shi Chongming stand abrupt auf und kam hinter dem Schreibtisch hervor. Er schloss die Bürotür, trat an das Fens-ter, das auf die Kyudo-Halle ging, und ließ das Rollo herun-ter. Er lief ein wenig nach links gebeugt. Sein Haar war so licht, dass sein Hinterkopf beinahe kahl anmutete, und die Haut geriffelt, als ob da keine Schädeldecke wäre und man die Wölbungen und Windungen seines Gehirns sehen könnte.
»Wissen Sie, wie heikel in diesem Land die bloße Erwäh-nung von Nanking ist?« Er kehrte an seinen Schreibtisch zurück und nahm mit arthritischer Bedächtigkeit dahinter Platz. Dann beugte er sich zu mir vor und sprach in einem leisen Flüsterton. »Wissen Sie, wie mächtig die Rechten in Japan sind? Wissen Sie, wie viele Menschen angegriffen wurden, weil sie darüber gesprochen haben? Die Amerika-ner ...«, er deutete mit einem zittrigen Finger auf mich, als wäre ich ein Repräsentant Amerikas, » …die Amerikaner, MacArthur, haben sie in die Panikmacher verwandelt, die sie heute sind. Die Sache ist ganz einfach: Wir reden nicht darüber.«
Ich senkte meine Stimme ebenfalls zu einem Flüstern. »Aber ich habe eine weite Reise unternommen, um mit Ih-nen zu sprechen.«
»Dann müssen Sie eben wieder zurückfahren«, antwor-tete er. »Sie reden hier von meiner Vergangenheit. Ich bin nicht hier, in Japan, um über die Fehler der Vergangenheit zu sprechen.«
»Sie verstehen nicht. Sie müssen mir helfen.«
»Ich muss?«
»Es geht um eine spezielle Sache, die die Japaner getan haben. Ich weiß über die meisten der Gräueltaten Bescheid, über die Tötungswettbewerbe, die Vergewaltigungen. Aber ich rede hier von einer speziellen Sache, von etwas, dessen Zeuge Sie waren. Niemand glaubt, dass es tatsächlich pas-siert ist, alle denken, ich habe es mir ausgedacht.«
Shi Chongming beugte sich vor und sah mir ins Gesicht. Meist bedenken mich die Leute, wenn ich ihnen sage, was ich herauszufinden suche, mit einem gequälten, mitleidi-gen Blick, einem Blick, der sagt: »Das musst du dir ausge-dacht haben. Aber warum? Warum denkst du dir so etwas Abscheuliches aus?« Doch dieser Blick war anders. Dieser Blick war stählern und zornig. Als er schließlich sprach, hatte seine Stimme einen drohenden, grimmigen Ton ange-nommen: »Was haben Sie gesagt?«
»Es gab einen Augenzeugenbericht darüber. Ich habe ihn vor Jahren gelesen, aber es ist mir nicht gelungen, das Buch wiederzufinden, und alle behaupten, dass ich mir das auch ausgedacht, dass es das Buch nie gegeben hätte. Aber
das macht nichts, denn anscheinend existiert auch ein Film, aufgenommen 1937 in Nanking. Darauf bin ich vor sechs Monaten gestoßen. Und Sie wissen bestens über die-sen Film Bescheid.«
»Unsinn. Einen solchen Film gibt es nicht.«
»Aber – aber Ihr Name hat in einer akademischen Zeit-schrift gestanden. Ehrlich, ich hab es mit eigenen Augen gesehen. Dort stand, Sie wären in Nanking gewesen. Sie wä-
ren Zeuge des Massakers gewesen. Sie hätten diese Folter-methode mit angesehen. Dort stand, dass es 1957, als Sie an der Jiangsu-Universität lehrten, Gerüchte gab, Sie würden einen Film darüber besitzen. Und deshalb bin ich hier. Ich muss mehr darüber erfahren …ich muss mehr darüber er-fahren, was die Soldaten getan haben. Nur ein Beispiel von diesen Gräueltaten, damit ich weiß, dass ich sie mir nicht eingebildet habe. Ich muss wissen, ob sie den Frauen, die sie verschleppten ...«
»Genug!« Shi Chongming schlug mit den Händen auf den Schreibtisch und stand auf. »Kennen Sie denn kein Mitge-fühl? Das hier ist kein Kaffeeklatsch!« Er nahm den Stock, der über der Rückenlehne seines Sessels baumelte, hinkte zur Tür, schloss sie auf und hängte sein Namensschild ab. »Sehen Sie das?«, sagte er und stieß die Tür mit dem Stock zu. »Professor der Soziologie. Soziologie. Mein Fachgebiet ist chinesische Heilkunde. Ich habe Nanking hinter mir ge-lassen. Es gibt keinen Film. Die Sache ist vorbei. Und nun, bitte, ich habe viel zu tun und ...«
»Bitte.« Ich klammerte mich an die Schreibtischkante, mein Gesicht rotfleckig. »Bitte. Es gibt einen Film. Es gibt ihn. Es stand in der Zeitschrift, ich habe es mit eigenen Au-gen gesehen. Magees Film zeigt es nicht, aber Ihrer tut es. Es ist der einzige Film auf der ganzen Welt und ...«
»Sssch«, sagte er und wedelte mit dem Stock in meine Rich-tung. »Es reicht.« Seine Zähne waren lang und gelb, wie alte Fossilien, die in der Wüste freigelegt worden waren – blank gelb geschliffen von Reishülsen und Ziegenfleisch. »Bitte, ich habe große Achtung vor Ihnen und Ihrer hervorragen-den Lehranstalt. Sehr hervorragend. Aber lassen Sie es mich klipp und klar sagen: Es gibt keinen Film.«
Wenn man es sich zur Aufgabe gemacht hat zu beweisen, dass man nicht verrückt ist, sind Leute wie Shi Chongming wirklich keine Hilfe. Etwas zu lesen, es mit eigenen Augen schwarz auf weiß zu sehen, nur um dann in der nächsten
Minute gesagt zu bekommen, dass man es sich eingebildet hätte – nun, das kann einen wirklich so wahnsinnig ma-chen, wie man es nach Ansicht aller bereits ist. Es war im-mer wieder dieselbe Geschichte, genau dasselbe wie mit meinen Eltern und der Klinik, als ich dreizehn war. Alle dort behaupteten, die Folter wäre meine pure Einbildung, alles Teil meiner Wahnvorstellungen – dass es niemals solch schreckliche Grausamkeiten gegeben haben könnte. Dass die japanischen Soldaten brutal und skrupellos ge-wesen wären, aber selbst sie niemals so etwas getan hät-ten, etwas so Unaussprechliches, dass selbst die Ärzte und Krankenschwestern, die normalerweise nichts mehr scho-ckierte, ihre Stimmen senkten, wenn sie darüber sprachen. »Ich bin sicher, dass du glaubst, du hättest es gelesen. Ich bin sicher, dass es für dich real ist.«
»Es ist real«, hatte ich gesagt und auf den Boden gestarrt, während mir die Schamesröte in die Wangen schoss. »Ich habe es gelesen. In einem Buch.« Es war ein Buch mit einem orangefarbenen Einband gewesen und mit einem Foto von Leichenbergen im Hafen von Meitan. Es war voller Geschich-ten davon, was in Nanking geschehen ist. Bevor ich das Buch in die Hände bekam, hatte ich noch nie von Nanking gehört. »Ich habe es in meinem Elternhaus gefunden.«
Eine der Schwestern, die mich überhaupt nicht mochte,
kam immer an mein Bett, wenn das Licht ausgeschal-tet wurde. Sie dachte, niemand würde uns belauschen. Ich lag dann stocksteif da und tat so, als schliefe ich, doch sie beugte sich trotzdem über mich und flüsterte mir ins Ohr, so dass ich ihren heißen, säuerlichen Atem riechen konnte.
»Ich will dir mal eins sagen«, murmelte sie Nacht für Nacht, wenn die Blumenschatten der Gardinen reglos an der Stationsdecke hingen. »Du hast die perverseste Phanta-sie, die mir in meinen zehn Jahren in diesem beschissenen Job je untergekommen ist. Du bist wirklich verrückt. Nicht nur verrückt, sondern verdorben.«
Aber ich habe es mir nicht ausgedacht ...
Ich hatte Angst vor meinen Eltern, besonders vor meiner Mutter. Aber als mir niemand in der Klinik glaubte, dass das Buch existierte, als ich zu befürchten begann, dass sie Recht haben könnten, dass ich es mir tatsächlich eingebil-det hatte, dass ich tatsächlich verrückt war, nahm ich al-len Mut zusammen und schrieb einen Brief nach Hause, in dem ich sie bat, unter den Unmengen von Taschenbüchern nach einem Buch mit einem orangefarbenen Einband und dem Titel Das Massaker von Nanking oder so ähnlich zu suchen.
Fast umgehend kam ein Antwortbrief: »Ich bin sicher, dass es dieses Buch gibt, aber ich schwöre dir, ich habe in meinem Haus niemals solchen Schund gelesen.«
Meine Mutter war immer so überzeugt davon gewesen, dass sie völlige Kontrolle darüber besaß, was ich wusste und dachte. Sie wollte nicht, dass die Schule mir den Kopf mit falschen Dingen füllte, weshalb ich jahrelang zu Hause
unterrichtet wurde. Aber wenn man eine solche Verant-wortung übernimmt, wenn man solche Angst hat (aus wel-chem tief verborgenen, schmerzlichen Grund auch immer), seine Kinder könnten etwas über die Welt erfahren, dass man jedes Buch, das den Weg ins Haus findet, genauestens überprüft, manchmal sogar anstößige Seiten aus Romanen reißt – nun, dann ist eins sicher: Man muss gründlich sein. Zumindest etwas gründlicher, als meine Mutter es war. Sie bemerkte nicht die Laxheit, die sich in ihr Heim einschlich, die sich durch die efeuüberwucherten Fenster hereinstahl, zwischen den modrigen Taschenbuchstapeln entlangkroch. Irgendwie hatte sie das Buch über Nanking übersehen.
»Wir haben alles abgesucht, in der besten Absicht, dir, unserem einzigen Kind, zu helfen, aber ich muss dir leider mitteilen, dass du dich in diesem Fall geirrt hast. Wir ha-ben deinem zuständigen Arzt geschrieben, um ihn davon in Kenntnis zu setzen.«
Ich erinnere mich daran, wie ich den Brief auf den Bo-den der Station fallen ließ, während mir ein schrecklicher …
