Mord in der Josefstadt von
Buchvorstellung und Rezension
Bibliographische Angaben
Originalausgabe erschienen 2003
unter dem Titel Lord Mord,
deutsche Ausgabe erstmals 2010
bei Rowohlt Berlin.
Ort & Zeit der Handlung: Prag, 1890 - 1909.
- Prag: Argo, 2003 unter dem Titel Lord Mord. 352 Seiten.
-
Berlin: Rowohlt Berlin, 2010.
Übersetzt von Mirko Kraetsch.
ISBN:
978-3871346750. 352 Seiten.
'Mord in der Josefstadt' ist erschienen als
![]()
![]()
In Kürze:
Ende des 19. Jahrhunderts: Eine Mordserie erschüttert die Prager Josefstadt. Immer wieder werden Prostituierte tot aufgefunden. Adi, ein tuberkulosekranker und heroinsüchtiger junger Mann aus gutem Hause, verfolgt das Geschehen nicht ohne Voyeurismus. Als aber seine Geliebte umgebracht wird, macht er sich auf die Jagd nach dem Mörder. Dieser versetzt das Viertel auch deshalb in Angst und Schrecken, weil man in ihm Kleinfleisch vermutet, eine abgrundtief hässliche und zutiefst böse Gestalt aus der jüdischen Mythologie, vergleichbar mit dem Golem, was den Morden eine mythische Dimension gibt. Seine nächtlichen Streifzüge durch das Judenviertel, in dem mittelalterliche Häuser mit schiefen Schornsteinen und gotischen Kragsteinen sich in engen Gassen aneinanderducken, lehren Adi das Fürchten. Schon wieder wurde eine Frau umgebracht, hinter vorgehaltener Hand wird der Name Kleinfleisch geflüstert. Adi aber verfolgt längst eine ganz andere heiße Spur. Und eines Nachts steht er dem gesichtslosen Mörder plötzlich gegenüber.
Das meint Krimi-Couch.de: »Unzucht, Krankheit, Spitzelei und Assanierung«
Krimi-Rezension von Wolfgang Franßen überspringen
Das eigentliche Verbrechen, der Mord findet an Prag statt. Das ehemalige jüdische Ghetto fällt der Sanierungswut von Stadträten, Bauunternehmern und Investoren zum Opfer, die mit fadenscheinigen Argumenten die moderne Stadt aus dem Boden stampfen wollen. In der Beschreibung Prags liegen die Stärken von Milos Urbans Mord in der Josefstadt, dessen Orginaltitel Lord Mord auch nicht viel besser klingt. Der Untertitel »Ein Kriminalroman aus dem alten Prag« verrät das eigentliche Anliegen des Autors. Er berichtet vom Verlust einer anheimelnden Postkartenidylle, von der die Gegner behaupten, sie ziehe die Ratten an und verbreite womöglich die Pest. Angeblich liegt die Sterblichkeitsrate im Ghetto dreimal so hoch wie im restlichen Prag.
Nicht nur, dass er sich mit dem »Golem« und dem »Masícko« – zu deutsch: Kleinfleisch, der sein Gesicht hinter einem Fleischklumpen mit Öffnungen für Augen, Mund und Nase versteckt – zweier Mythen aus jüdischen Erzählungen bedient, die als nebelumflorten Horror herhalten müssen, das 19. Jahrhundert des Milos Urbans wirkt hölzern pittoresk.
Halbzerfallene Bruchbuden, geflickte Häuserkarrikaturen, Kasperletheaterkulissen
Der Ich-Erzähler, Graf Arco, ist nicht nur lungenkrank, dem Heroin, Hydrocholor, verfallen, er treibt es am liebsten auch mit »Freudenmädchen«. Kennen wir bereits von Arthur Schnitzler und Joseph Roth.
Graf Arco leidet unter einer Familie, in der ein Vater sich lieber den Problemen der Böhmen zuwendet, als den ländlichen Besitz zu verteidigen, und die Mutter den Sohn mit der Nachbarstochter Dorota zu verkuppeln versucht, damit der Vater sich von ihr abwendet. Außerdem trachtet ein Nachbar, nach dem Besitz der Familie. Ein weiteres literarisches Vorbild taucht auf: Der Kirschgarten» von Anton Tschechow. Taufer, der Emporkömmling, dessen Vorfahren Untertanen, dann Gutsverwalter waren, streckt die Hand nach dem Familienbesitz der Adligen aus, ist Sinnbild der Veränderungen, die das ganze Land befallen. Was bei Tschechow ein kraftvolles Bild einer untergehenden Epoche ist, verkümmert bei Urban zu einem Bericht aus der Gartenlaube.
Sein Prag leidet unter den Unruhen des Sprachenstreits zwischen Deutschen und Böhmen. Wobei es nicht wirklich um Revolutionäres geht, vielmehr weigert sich die kleinkrämerische Beamtenschaft, die Folgen des Sprachengesetzes umzusetzen. Ein Konflikt, der sich bis ins moderne Europa verfolgen lässt, wenn man Belgiens Kampf um nationale Identität betrachtet.
Gewisse Kreise hingegen glauben, ihre Interessen durch Bestechung, Erpressung, Nötigung durchsetzen zu müssen, nachdem Graf Arco sich ein Haus ausgerechnet im ehemaligen jüdischen Ghetto unter der Zusicherung gekauft hat, dass es nicht abgerissen werden soll. Die Stadt wird zum Sinnbild der Überwachung, des Auskundschaftens, des nackten Überlebens im Verrat. Schließlich muss Platz geschaffen werden für das moderne Prag. Für Prachtstraßen und vierstöckige Häuser. Für einen Boulevard á la Hausmann.
Es sterben junger Frauen im Stile Jack the Rippers. Es kommt zu einem blutrünstigen Duell, zu einer wortreichen Aufklärung der Hintergründe mit überraschendem Täter. Soweit bedient der Autor die Gesetze des Genres, aber Milos Urban «als tschechische Antwort auf Umberto Eco» zu bezeichnen, ihn gar mit «Kafka und Poe» in einen Topf zu werfen – wie auf dem Umschlag zu lesen ist – , muss trotz aller literarischer Verweise scheitern.
Die Mordserie in der Prager Josefstadt gebricht es an Angst und Schrecken, trotz dem Monster «Kleinfleisch». Graf Arco wirkt wie die männliche schwindsüchtige Variante aus «La Traviata». Zwar sind die Gassen des alten Prags verwinkelt, wird der Antisemitismus bemüht, doch die finsteren Zeiten leuchten plakativ, erreichen das Niveau eines Puppenspiels, einer ausgeschmückten Moritat.
Es ist das Prag der Kutschen, des Adels, der Landsitze und der amourösen Liebschaften, wobei Frauen sich prostituieren, um nicht vollkommen ins Elend hinab zu sinken. Urban will vom «amour fou" zu einer sterben Stadt erzählen. Das weniger mehr ist, hat Josef Roth in seinen Romanen vom Untergang des K. u. K.-Reiches vorgeführt. Seine Verbrechen sind weniger reißerisch. Er erzählt vom Verlust, der die Menschen wie selbstverständlich in den Abgrund zerrt. Urban hingegen vertraut seiner Geschichte zu wenig, um sie für sich sprechen zu lassen.
Das rächt sich.
Wolfgang Franßen, September 2010
Ihre Meinung zu »Miloš Urban: Mord in der Josefstadt«
Helfen Sie anderen Lesern, indem Sie einen Kommentar zu diesem Buch schreiben und den Krimi mit einem Klick auf die Säule des Thermometers bewerten. Und bitte nehmen Sie anderen Lesern nicht die Spannung, indem Sie den Täter bzw. die Auflösung verraten. Danke!
| tassieteufel zu »Miloš Urban: Mord in der Josefstadt« | 15.05.2012 |
|---|---|
| Nomadenseele zu »Miloš Urban: Mord in der Josefstadt« | 21.10.2010 |
