Der Fall Hamilton von Michelle de Kretser

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2003 unter dem Titel The Hamilton Case, deutsche Ausgabe erstmals 2006 bei Klett-Cotta.

  • Milsons Point, N.S.W.: Random House Australia, 2003 unter dem Titel The Hamilton Case. 369 Seiten.
  • Stuttgart: Klett-Cotta, 2006. Übersetzt von Anke Caroline Burger. ISBN: 978-3-608-93740-4. 349 Seiten.
  • Zürich: Unionsverlag, 2008. Übersetzt von Anke Caroline Burger. ISBN: 978-3293204249. 352 Seiten.

'Der Fall Hamilton' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

In Kürze:

Ceylon in den Dreißigerjahren des letzten Jahrhunderts: Der junge Singhalese Sam gebärdet sich britischer als die Briten selbst. Der Mord an einem englischen Teepflanzer gibt ihm die Gelegenheit, seinen Scharfsinn in die Dienste der Kolonialherren zu stellen. Doch vergeblich. Fassungslos muss er mitansehen, wie Ceylon sich den Weg in die Unabhängigkeit sucht, während ihm sein eigenes Leben entgleitet.

Das meint Krimi-Couch.de: »Ein Fall, aber kein Krimi«

Krimi-Rezension von Thorsten Sauer

Ein Mordfall muss nicht zwangsläufig der Auftakt zu einer verzwickten Ermittlung sein und damit den Ausgangspunkt eines Krimis bilden. In Michelle de Kretsers zweitem Roman ist der Mordfall Hamilton viel mehr, nämlich nichts weniger als das Sinnbild des Zerfalls Ceylons und das ganz persönliche Scheitern der Hauptfigur Sam Obeysekere. Eines ist Der Fall Hamilton allerdings nicht: ein Krimi. Doch auch Krimi Fans sollten der hierzulande weniger bekannten Schriftstellerin eine Chance geben.

»To obey – Folge leisten«

Sam Obeysekere trägt seinen wesentlichen Charakterzug bereits im Namen. Zwar ist er nicht bis zur Selbstverleugnung gehorsam, aber als Singhalese, der 1902 mitten in der Zeit der britischen Herrschaft in Colombo geboren wurde, britischer als die meisten Briten selbst. Er ist ehrgeizig, studiert in England, wird Anwalt und verfolgt eisern das Ziel, lebender Beweis seiner These zu werden, dass man als Singhalese unter britischer Herrschaft ebenso in hohe Ämter gelangen kann, wie die Kolonialherren.

Unverhofft bietet sich ihm die Chance, seinen Scharfsinn unter Beweis zu stellen und die Kolonialherren von seiner Integrität gegenüber dem britischen Rechtssystem zu überzeugen. Hamilton, ein englischer Teepflanzer, wird erschlagen aufgefunden. Sam bewirbt sich um eine hohes Richteramt und die Zeit scheint gekommen, Ceylonesen mit hohen Ämtern auszustatten, da möchte er der erste sein. Die Aufmerksamkeit des Falls Hamilton kommt da gerade recht. Doch sein Einsatz ist vergebens, es entgleitet ihm nicht nur seine Karriere, sondern auch sein Privatleben und mit ihm scheint ganz Ceylon gerissen zu werden.

Ceylon – Sri Lanka

De Kretser bildet mit ihrer Geschichte Ceylons langen Gang in die Unabhängigkeit ab. Wesentliche Teile – der Fall Hamilton selbst – spielen in den Dreißigerjahren, Sam erlebt aber im Anschluss an seine Niederlage im Fall Hamilton, den ersten – für ihn niederschmetternden – Schritt Ceylons in die Unabhängigkeit im Jahre 1948 und muss mit ansehen, wie verhasste Altersgenossen Karriere machen, während ihm das Leben entgleitet und »sein« Ceylon aufgrund des schwindenden britischen Einflusses zerfällt. Er heiratet eine unansehnliche Frau, die er nicht liebt sondern verachtet, den gemeinsamen Sohn versucht er nach seinem Vorbild zu erziehen. Es gelingt ihm nicht. Parallel zur keimenden Unabhängigkeit seiner Heimat, erlebt er die Selbständigkeit seines Sohnes als Entfremdung. Er schiebt die Mutter auf den Landsitz der Familie ab und klammert sich krampfhaft an die Rituale seiner vermeintlich britischen Identität, die mehr und mehr fremd anmutet in einem Land im Umbruch. Er stirbt im nur wenige Monate vor der Geburt der Republik Sri Lanka, die für ihn nur Sinnbild eines gescheiterten Lebens gewesen wäre.

Michele de Kretser versteht ihr Handwerk, sie verfügt über eine wunderbare Sprache, mit der sie gekonnt ein ungeheuer vielfarbiges Gemälde Ceylons zeichnet, das trotz der exotischen Kulisse frei von Kitsch, dafür aber voller humorvoller und augenzwinkernder Episoden ist. Daher hat bereits das Erscheinen der deutschen Erstausgabe vor zwei Jahren zu einem äußerst positiven Kritikerecho geführt.

Trotzdem wird Der Fall Hamilton besonders bei Krimifreunden wohl eher verhalten aufgenommen werden. Die Geschichte Sri Lankas spielt sich nicht gerade im Zentrum des europäischen Interesses ab und Michele de Kretsers Geschichte entfaltet ihre Faszination erst dann, wenn man bereits ist, sich auch die Details zu erschließen. Ein derart aufgeschlossener Krimileser entdeckt dann aber sogar – verborgen in den Wirrungen des Falls Hamilton – de Kretsers Anleihen bei einer der ganz großen des Genres: Agatha Christie und »Poirots Weihnachten« haben de Kretser maßgeblich beeinflusst. Freilich nur, wenn man auf die Details achtet, denn selbst eine Agatha Christie als Quelle, ist nicht zwangsläufig die Gewähr für leichte und spannende Unterhaltung. Wer nur danach sucht, sollte einen Bogen um den den Fall Hamilton machen, allen anderen bietet sich jedoch die Chance auf ein höchst anregendes Leseerlebnis.

Thorsten Sauer, Oktober 2008

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