Das Monster von Florenz von Michele Giuttari

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2006 unter dem Titel Il mostro. Anatomia di un´indagine, deutsche Ausgabe erstmals 2007 bei Ehrenwirth.

  • Mailand: Rizzoli, 2006 unter dem Titel Il mostro. Anatomia di un´indagine. 442 Seiten.
  • Bergisch Gladbach: Ehrenwirth, 2007 Das Monster von Florenz. Anatomie einer Ermittlung. Übersetzt von Katharina Förs, Rita Seuß. ISBN: 978-3-431-03713-5. 442 Seiten.
  • Bergisch Gladbach: Lübbe, 2008. Übersetzt von Katharina Förs, Rita Seuß. ISBN: 978-3-404-60608-5. 442 Seiten.
  • [Hörbuch] Bergisch Gladbach: Lübbe Audio, 2007. Gesprochen von Simon Jäger. Gekürzte Fassung. Regie: Kati Schaefer. ISBN: 3-7857-3276-7. 4 CDs.

'Das Monster von Florenz' ist erschienen als HardcoverTaschenbuchHörbuch

In Kürze:

In der Zeit von 1974 bis 1985 wurde in der Umgebung von Florenz eine Serie von grausamen Morden verübt, die als Verbrechen des Monsters von Florenz in die Geschichte eingegangen sind. Jahrelang hielt sich die These vom in Eigenregie handelnden Serienkiller. Als Michele Giuttari 1995 die Leitung der Mordkommission von Florenz übernimmt und das umfangreiche Beweismaterial sichtet, stellt er fest, dass im Rahmen des Prozesses mehrfach wichtige Daten unterschlagen wurden. Er erwirkt, dass der Fall nachträglich wieder aufgerollt wird. Für Commissario Giuttari nimmt nun ein mühevoller Weg seinen Lauf, nicht zuletzt deshalb, weil der mysteriöse Fall immer weitere Kreise zieht. Und es gibt offensichtlich einflussreiche Persönlichkeiten, die großes Interesse daran hegen, dass die Wahrheit weiterhin ein wohlgehütetes Geheimnis bleibt.

Das meint Krimi-Couch.de: »Allein gegen das Monster oder die erfolglose Jagd auf einen rüstigen Neuzigjährigen« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Thorsten Sauer

Einer der bekanntesten Mafia-Jäger Italiens kommt nach einem spektakulären Schlag gegen das organisierte Verbrechen als Kopf der Sonderkommission Squadra Mobile nach Florenz, um eine bizarre Mordserie aufzuklären.
Das ist nicht etwa der Auftakt zu einem spannenden Kriminalroman, sondern ein Auszug aus dem Leben des Kommissars und Schriftstellers Michele Giuttari. Auch die Mordserie erschütterte Italien in den Jahren von 1974 bis 1985 tatsächlich und der ab 1995 mit den Ermittlungen für die Revisionsverhandlung betraute Giuttari legt nach zwei erfolgreichen Kriminalromanen hier eine fesselnde Dokumentation der Ereignisse vor.

Die Morde des Monsters

Ein Serienmörder tötet über einen Zeitraum von zehn Jahren in unregelmäßigen Abständen Liebespärchen, denen er an abgelegenen Orten auflauert. Da besonders das weibliche Opfer grauenvoll verstümmelt wird, konzentriert sich die Suche der Polizei schnell auf einen so genannten »Lustmörder«. Ein auf dieses Täterprofil passender Verdächtiger wird im Jahr 1985, als die Morde plötzlich aufzuhören scheinen, tatsächlich gefunden. Es ist ein Bauer aus dem Umland von Florenz, der durch einen zurückliegenden Totschlag und als Voyeur bereits polizeibekannt ist. In einem Prozess wird er als das Monster von Florenz schuldig gesprochen und zu lebenslänglicher Haftstrafe verurteilt. Doch es bleiben Zweifel.

Ermittlungsarbeit zeitversetzt

Da der Staatsanwalt zweifelt, dass ein nur minder bemittelter Bauer alleine die Morde über einen derart langen Zeitraum verübt und ganze Sonderkommissionen genarrt haben soll, wird der Fall neu aufgerollt. Michele Giuttari übernimmt die Leitung dieser 1995 um zehn Jahre zeitversetzten Mördersuche. Die Ermittlungen fördern unglaubliches über sexuelle Obsessionen, schwarze Messen und Omerta, die berüchtigte Verschwiegenheit der Italiener, zu Tage. Die Enthüllungen dieses realen Falls sind derart bizarr, dass sogar Thomas Harris einen Teil der Handlung seines Roman Hannibal nach Florenz verlegt und der Revisionsverhandlung als Beobachter beiwohnt.

Trotz der spektakulären Ermittlungsergebnisse endet der Revisionsprozess mit einem Freispruch und das vermeintliche Monster von Florenz entpuppt sich als Medienliebling, der sogar Liebesbriefe bekommt. Doch der unerschütterliche Glaube des Teams von Giuttari an die Theorie der mordenden Vereinigung mehrerer Täter, führt zu weiteren Enthüllungen und letztlich zu einem neuen Prozess, bei dem drei Angeklagte der Morde überführt und verurteilt werden. Damit ist der Gerechtigkeit scheinbar zum Sieg verholfen, doch Giuttari glaubt weiterhin, dass die wahren Schuldigen im Hintergrund geblieben sind. Er führt die Suche bis 2005 fort. Dabei stößt er jedoch nicht nur auf neue Geheimnisse, sondern unerwartet auch auf Widerstand aus den eigenen Reihen.

Anatomie einer Ermittlung

Der Untertitel von Giuttaris Dokumentation beschreibt treffend seine größte Stärke. Es gelingt dem Autor nicht nur die Fakten aufzuführen, sondern er lässt den Leser regelrecht an den Ermittlungsarbeiten teilnehmen und die Atmosphäre bei den über Monate dauernden Verhören miterleben.

Giuttari unterteilt seinen Bericht dabei in vier Teile. Im ersten Teil erläutert er die Fakten und führt chronologisch die Morde des Monsters auf. Dabei verlangt er dem Leser, aufgrund detaillierter Auszüge aus Obduktionsberichten, einiges ab. Selbst der abgebrühteste Krimifan muss schnell feststellen, dass die Realität um einiges erschütternder und abstoßender sein kann, als sie selbst ein Thomas Harris zu erfinden in der Lage ist.

Die Teile zwei und drei konzentrieren sich auf die eigentliche Ermittlungsarbeit der Squadra Mobile und bilden den Kern des Buches. Über weite Strecken befasst sich Giuttari mit der Rekonstruktion der Befragungen der Verdächtigen. Hier wird besonders deutlich, dass »Das Monster von Florenz« kein Kriminalroman ist, der von Verdichtungen der Handlung und von Übertreibungen lebt, sondern die Wiedergabe realer Ermittlungsarbeit.

»Anders als in Kriminalromanen gibt es bei echten Ermittlungen keine spektakulären Enthüllungen. Vielmehr geht es in kleinen Schritten voran, im Zuge einer scheinbar öden und langweiligen Alltagsroutine.« (S. 229)

Ermittlungsarbeit ist von daher vor allem eines: geduldiges und mühsames Zusammensetzen von Puzzleteilen aus Verhören, Indizien und Ermittlungsberichten. Doch gerade hier hilft Giuttari die Erfahrung als Autor von Kriminalromanen. Es gelingt ihm, die nüchternen Protokolle von Verhören anzureichern mit Beobachtungen und der Beschreibung von Empfindungen, welche die Atmosphäre sehr lebendig werden lassen. Das ist eindeutig der stärkste Teil des Buches und der Leser muss sich ständig vor Augen halten, dass es sich hier um die Wiedergabe realer Geschehnisse handelt.

»Es sind Menschen aus Fleisch und Blut, die in der lieblichen Toskana im Umkreis von Florenz leben. Keine Zerrbilder von hässlichen Primitiven...« (S. 288)

Da sei Giuttari auch verziehen, dass der rote Faden der Ereignisse angesichts der präsentierten Informationsfülle für den Leser nur schwer nachzuvollziehen ist und so einige Passagen mit deutlichen Längen entstehen, denen eine Kürzung gut getan hätte.

Gibt es den rüstigen Neuzigjährigen?

Bedauerlicherweise fällt der vierte und letzte Teil des Buches deutlich schwächer aus. Nach der Verurteilung der drei Mörder bleiben zwar nicht nur für Giuttari einige Ungereimtheiten und die Frage nach den wahren Hintermännern offen, doch die Lösung des Falls erweist sich als gordischer Knoten. Zudem sieht er sich einigem Widerstand aus den eigenen Reihen ausgesetzt und die Presse beginnt sich angesichts der bereits zwei Jahrzehnte zurück liegenden Morde darüber lustig zu machen, dass Giuttari allenfalls einen rüstigen Neuzigjährigen zur Strecke bringen kann. Es gelingt Giuttari nicht, seine Ermittlungsarbeit und ihren Erfolg zu reflektieren. Deshalb verläuft das Kapitel, genau wie die endgültige Lösung des Falls, weitgehend im Sande.

Trotzdem bleibt »Das Monster von Florenz« eine klare Empfehlung. Die bizarren Ereignisse haben verschiedene Autoren inspiriert und Giuttari zeigt, wie Ermittlungsarbeit tatsächlich abläuft. Selbst die spektakulärste Jagd findet in Verhörzimmern, Archiven und bei Tatortbesichtigungen statt. Keine Spur vom einsamen Ermittler, der den Fall mit gezogener Waffe bei ständig präsenter Lebensgefahr löst. Michele Giuttari jedenfalls hat in fast 30 Dienstjahren seine Waffe noch nie benutzt.

Thorsten Sauer, März 2007

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Leserin zu »Michele Giuttari: Das Monster von Florenz« 12.11.2010
Das Buch von Giuttari zeichnet eine ganz andere vermeintliche Wahrheit als das Buch von Preston/Spezi "Die Bestie von Florenz".
Giuttaris Ideen scheinen gar absurd, herbeigezogen und vor allem unreflektiert.
Bei Preston/Spezi wird das verkorkste Vorgehen der italienischen Behörden schön beleuchtet und zeigt, wie eigennützig sie zu einen Rundumschlag ausholen. Giuttari scheint mehr an seiner eigenen Darstellung interessiert zu sein, anstatt wirklich die Wahrheit zu finden. Denn inzwischen ist er wegen FALSCHAUSSAGEN VERURTEILT worden - wenn auch in einem anderen Fall, was aber nicht für seine Glaubwürdigkeit und Ehrlichkeit spricht...
Markus Ksionsek zu »Michele Giuttari: Das Monster von Florenz« 22.02.2009
Danke Dottore Giuttari.

Nach den drei Romanen mit seinem Ego Michele Ferrara hat mich dieser Roman auch mal wieder sehr beeindruckt und gefesselt. Ich lese gerne, aber ich brauche eigentlich Monate, um ein Buch mit 400 bis 500 Seiten durchzulesen. Aber in den letten drei Monaten habe ich zwei Romane von ihm verschlungen. "Das Monster von Florenz" hatte ich in weniger als zwei Wochen durch. Dottorte Giuttari ist ein begnadeter Schriftsteller. Ich hoffe, wir können noch einige Romane von ihm erwarten. Grazie Signore Giuttari!
Nettie zu »Michele Giuttari: Das Monster von Florenz« 17.07.2008
Achtung: Doulas Preston beschreibt in seinem Bich "The monster of Florence" eine ganz andere Seite des Inspektor Guitarri, die unbedingt auch gelesen werden sollte: demanch missbraucht der Inspektor und andere, die Verschwoerungstheorie ist eine sehr waghalsige und unbeweisbare Hexenjagd auf unter Umstaenden unschuldige Mitbuerger.
Im Zweifel fuer den Angeklagten - und gegen staatlich gefoerderten Amtsmissbrauch. Guittari steht oeffentlich nun selbst unter dem Verdacht des Amtsmissbrauchs - also bitte auch die andere Seite lesen und unbedingt Douglas Prestons Buch einbeziehen !!!
0 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Walki66 zu »Michele Giuttari: Das Monster von Florenz« 08.10.2007
Das Buch ist gerade auch weil es ein an den Ermittlungen unmittelbar Beteiligter geschrieben hat sehr fesselnd. Es ist allerdings auch nichts für schwache Nerven. Giuttari beschreibt eindrucksvoll, wie aufwendig und zeitintensiv die Ermittlungsarbeit ist. Kein Vergleich zu den Krimis, in denen nach zwei Tagen der Täter gefasst wird. Dies sorgt beim Lesen eben dafür, dass manche Stellen nicht sehr kurzweilig sind. Nachdem sich diverse Autoren an dem Thema versucht haben, ist es gut, dass der Leser aus erster Hand erfährt, was wirklich Wahrheit und was Dichtung ist.
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Gerda Valerius zu »Michele Giuttari: Das Monster von Florenz« 07.03.2007
Ich hatte -wie beim Lesen der zwei ersten Romane von Giuttari- zwei schlaflose Nächte. Obwohl eine Dokumentation mühevoller Ermittlungen, ist das Buch bis zur letzten Seite spannend. Mir hat auch der letzte, zu keinem endgültigen und befriedigenden Ergebnis führende Teil gefallen, zeigt Giuttari doch hier den Unterschied zwischen Fiktion und Realität. Einen Nebeneffekt hat die Lektüre: Man ist geneigt, mehr Vorsicht bei seinen Ausflügen zu den wunderschönen entlegenen Ortschaften in den lieblichen Hügeln der Toskana walten zu lassen.

Gerda Valerius
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