Blutsverwandt von Michele Giuttari

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2009 unter dem Titel La donna della Ndrangheta, deutsche Ausgabe erstmals 2010 bei Ehrenwirth.
Ort & Zeit der Handlung: Italien / Kalabrien, 1990 - 2009.
Folge 4 der Commissario-Ferrara-Serie.

  • Mailand: Rizzoli, 2009 unter dem Titel La donna della Ndrangheta. 406 Seiten.
  • Bergisch-Gladbach: Ehrenwirth, 2010. Übersetzt von Karin Diemerling. ISBN: 978-3-431-03811-8. 383 Seiten.
  • Köln: Bastei Lübbe, 2012. Übersetzt von Karin Diemerling. ISBN: 978-3-404-16622-0. 400 Seiten.
  • [Hörbuch] Daun: TechniSat Digital, Radioropa Hörbuch, 2010. Gesprochen von Miachael Seeboth. ISBN: 3836805545. 10 CDs.

'Blutsverwandt' ist erschienen als HardcoverTaschenbuchHörbuch

In Kürze:

Ein Blutbad in Manhattan: Sechs Tote, unter ihnen Rocco Fedeli, ein italienischer Emigrant, der offenbar ein ganz normales Leben in New York geführt hatte. Doch der Schein trügt, denn Fedeli war maßgeblich an internationalen Drogengeschäften beteiligt – und gehörte zur 'Ndrangheta, einer der mächtigsten italienischen Mafiaorganisationen. Als Commissario Ferrara die Dinge in die Hand nimmt, weiß er genau, wo er suchen muss: im Herzen Kalabriens. Denn dort, in einem kleinen Gebirgsdorf, wo die 'Ndrangheta im Verborgenen ihre Fäden zieht, brodelt es gewaltig. Und das nicht nur, weil Fedeli anscheinend eines der Grundgesetze der »Familie« gebrochen hatte.

Das meint Krimi-Couch.de: »Che Pizza!« 52°

Krimi-Rezension von Jürgen Priester

Verlagspolitik muss (kann) man als Leser nicht immer verstehen. Da sind die ersten beiden Krimis der Commissario-Ferrara-Reihe von Michele Giuttari als Taschenbücher erschienen und haben sich wohl so gut verkauft, dass die Lübbe-Gruppe sich bei Band 3 (Rachefeuer) für eine Hardcover- Erstveröffentlichung entschied. Das ist stets ein gewagter Schritt, denn er schließt die nicht so finanzstarke Leserschaft erst mal aus, was schnell zu rückläufigen Absatzzahlen führen kann. Nichtsdestotrotz ist auch der vierte Band der Reihe als Hardcover beim Lübbe’schen Ehrenwirth-Verlag für stolze 19,95 Euro erschienen. Da hofft doch jeder potentielle Käufer, dass sich diese Ausgabe lohnt. Leider tut es das nicht!

In der Vergangenheit konnte Giuttari besonders durch seine gut recherchierten Plots, die sich sehr nahe an der Realität orientierten, überzeugen. Man merkte, hier schreibt einer vom Fach, denn der Autor ist Kriminalist und Fahnder im Anti-Mafia-Kampf gewesen. Als Leser nahm man da in Kauf, dass Giuttaris Alter Ego, der Commissario Michele Ferrara, ein eher bedächtiger und akribisch arbeitender Zeitgenosse war, der trotz seiner brisanten Fälle immer Zeit für sein halbes Zigärrchen fand.

Der italienische Titel des hier vorliegenden vierten Bandes heißt »La donna della \'Ndrangheta«. Die 'Ndrangheta ist das kalabrische Gegenstück zur sizilianischen Cosa Nostra, eine Mafia-Organisation, die der Cosa Nostra mittlerweile den Rang aufgelaufen hat. Bei einem geschätzten Jahresumsatz von 44 Milliarden Euro (2007) und einem weltweiten Operationsgebiet könnte man sie als global player bezeichnen. Kennzeichnend für den starken inneren Zusammenhalt der Organisation ist die Blutsverwandtschaft, deshalb liegt der deutsche Titel des Buches Blutsverwandt genau richtig.

Giuttaris Geschichte beginnt der Abwechslung halber mal nicht in Italien, sondern in New York. In einem Wohnkomplex werden 7 Personen quasi exekutiert. Die Tat ist spektakulär; das Medieninteresse groß; die Polizeikräfte stehen unter Druck. Die Detectives des zuständigen 17. Reviers des NYPD müssen sich mit den lokalen Agenten des FBI in einer Sondereinheit zusammenraufen. Obwohl es sich um altgediente, erfahrene Ermittler handelt, wie der Autor mehrmals hervorhebt, stellen sie sich so stümperhaft an, dass es eines deus ex telephona bedarf, um sie auf die richtige Spur zu bringen. Vier (der Wohnungsinhaber und seine Verwandten) der sieben Opfer stammen aus Kalabrien, was hätte da näher gelegen als in Richtung Mafia zu ermitteln, was die Sondereinheit dann auf Zuruf auch tut. Die deutschen Leser wird das an die Mafia-Morde von Duisburg im Jahre 2007 erinnern – eine ähnlich brutale Vorgehensweise und ähnliche Motive.

Rocco Fedeli, der Wohnungsbesitzer, war hochrangiges Mitglied der 'Ndrangheta und seine Vorstellungen vom Familiensinn kamen ihm teuer zustehen, aber es ging schließlich um sehr viel Geld aus dem Kokainhandel.

Auf der Suche nach dem Täter und dessen Hintermänner kommen die Ermittler nicht so recht voran. Deshalb beschließen sie zwei Mann nach Italien, genauer nach Kalabrien zu schicken, um dort den familiären Hintergrund der Opfer zu recherchieren.

Wer schon in Italien wäre besser für eine Zusammenarbeit geeignet als Dottore Michele Ferrara, Commissario und Mafia-Experte, der zu Beginn seiner Karriere in Kalabrien tätig war, dann über Florenz nach Rom versetzt wurde und dort Leiter der DIA (Direzione investigativa antimafia), einer Zentralstelle für alle Antimafia- Aktivitäten ist. Gemeinsam mit den amerikanischen Kollegen und einem Tross eigener Mitarbeiter macht sich Ferrara auf gen Süden in der trügerischen Hoffnung, die Mauer des Schweigens der dortigen Familien aufzubrechen.

Es gelingt zwar die Verbindung zum kolumbianischen Drogenkartell aufzudecken und den Seeweg nach Italien zu rekonstruieren. Auch einige unterordnete Mittelmänner fliegen auf. Doch den eigentlichen Drahtziehern ist nichts nachzuweisen. Der alte Don und seine Getreuen (La Donna) regeln Konflikte auf ihre spezielle Art und Weise. »Am besten sind die Probleme, die sich selber lösen«, denken die Ermittler und ziehen von dannen. Zurück bleiben zufriedene Mafiosi und unzufriedene Leser.

Guittaris Geschichte spielt mal in New York, mal in Kalabrien und hat leider viel gemein mit einer Konferenzübertragung zweier langweiliger Fußballspiele. Ist auf dem einen Spielfeld nichts los, wird umgeschaltet zum anderen, wo man auch nicht viel verpasst hat. Die Spieler aller Mannschaften sind unmotiviert und lustlos – ein müdes Gekicke, das die Zuschauer einschläfert. Alle warten nur auf den erlösenden Schlusspfiff. Nur das Halbzeitpausenprogramm mit dem kolumbianischen Koksartisten, der mit einem Stein eine Stahlkette durchrubbelt, sorgt für allgemeine Erheiterung.

Wie fast alle Serienschreiber tut sich auch Michele Giuttari  schwer damit, seine Ferrara – Reihe mit neuen Ideen und Abwechslung aufzupeppen. Ein Abstecher über den großen Teich bringt zwar eine räumliche Ausweitung, Wenn aber die neuen Akteure mit gleichem Laissez-faire handeln wie ihre italienischen Kollegen, dann ruft das beim Leser nur ein enttäuschtes Gähnen hervor. Vom sprichwörtlichen italienischen Temperament keine Spur. Ein Mafia-Roman ist doch prädestiniert für Tempo, Action und Spannung, wie viele andere Autoren bewiesen haben.
Was Giuttari bietet, ist gerade mal Durchschnitt.

Vielleicht sollte Commissario Ferrara auf seine Frau hören und einen ruhigen Schreibtischjob annehmen oder gleich die Gunst der Stunde nutzen, bevor in Italien das Renteneintrittsalter heraufgesetzt wird.

Jürgen Priester, Oktober 2010

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