Neun Drachen von Michael Connelly

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2009 unter dem Titel Nine dragons, deutsche Ausgabe erstmals 2011 bei Knaur.
Ort & Zeit der Handlung: USA / Kalifornien / Los Angeles, 1990 - 2009.
Folge 15 der Harry-Bosch-Serie.

  • New York: Little, Brown and Co., 2009 unter dem Titel Nine dragons. 377 Seiten.
  • München: Knaur, 2011. Übersetzt von Sepp Leeb. ISBN: 978-3-426-50789-6. 560 Seiten.

'Neun Drachen' ist erschienen als Taschenbuch E-Book

In Kürze:

Im Moloch Los Angeles lässt der nächste Mord nicht lange auf sich warten: Mr. Li, der chinesische Besitzer eines Liquor Store, wird erschossen. Zunächst sieht alles nach einem gewöhnlichen Raubüberfall aus. Doch Detective Harry Bosch ist sich schnell sicher, dass es in Wirklichkeit um Schutzgelderpressung und die schmutzigen Geschäfte chinesischer Triaden geht. Sein Verdacht bestätigt sich auf grausame Weise: In Hongkong wird Harrys 15-jährige Tochter Madeline entführt, die dort seit der Scheidung mit ihrer Mutter lebt und Harry muss mit allen Mitteln um ihr Leben kämpfen …

Das meint Krimi-Couch.de: »Ein Harry Bosch Spezial« 77°

Krimi-Rezension von Jürgen Priester

Serienheld Hieronymus (Harry) Bosch ist ein altgedienter Recke. Seit fast zwanzig Jahren ermittelt er in verschiedenen Funktionen innerhalb und außerhalb des Police-Department seiner Heimatstadt Los Angeles. Seinen Beruf hat er immer als Berufung verstanden und sein unbedingtes Engagement hat für sein Privatleben meist negative Auswirkungen. Auch beruflich ist er wegen seiner unorthodoxen Art bei Kollegen und Vorgesetzten nicht immer wohlgelitten. So hat sich mit der Zeit das Bild eines »lonesome cowboy« gefestigt. Neun Drachen ist die 15. Folge der Reihe und Fans sollten sich ihn nicht entgehen lassen, zumal er in einer Geldbeutel-freundlichen Taschenbuch-Ausgabe erschienen ist. Als Neueinstieg in diese Serie ist Neun Drachen weniger geeignet, da Michael Connelly den Schwerpunkt der Geschichte auf die Person Harry Bosch und dessen Privatleben, in dem es zu einschneidenden Veränderungen kommt, gelegt hat.

Wenn in einem Monat zwei neue Romane eines Autors erscheinen, dann steckt oft eine Absicht dahinter. Werfen wir einen Blick zu Wunderlich/Rowohlt. Dort wurden vor kurzem zeitnah 2 Romane von Simon Beckett veröffentlicht. Das Zugpferd (Verwesung mit David Hunter) soll den vermeintlich lahmen Klepper (Tiere) mit auf vordere Ränge ziehen. Ein Synergieeffekt, der nachweislich von Erfolg gekrönt ist. Auch von Michael Connelly gab es in diesem März zwei neue Titel. Einmal Sein letzter Auftrag mit dem reaktivierten Reporter Jack McEvoy bei Heyne und dann eben Neun Drachen aus der Harry-Bosch-Reihe bei Knaur. Doch hier ist ein Verlagswechsel der entscheidende Grund für die erfreuliche Doppel-Veröffentlichung. Für seinen Einstand bei Droemer-Knaur hätte man Connelly eine attraktivere Covergestaltung gewünscht. Eine angestaubte Libelle als Drachen-Ersatz ist kein Zeichen der Wertschätzung. Mit dem Titel Neun Drachen hat man sich tatsächlich mal am amerikanischen Originaltitel Nine Dragons orientiert. Beides ist die Übersetzung des chinesischen Kowloon, einem Stadtteil der Metropole Hongkong, in dem der Hauptteil der Handlung spielt.

Aber die Handlung beginnt in Los Angeles. Harry Bosch, der Spezialist für komplizierte Mordfälle in der Robbery-Homicide-Devision des LAPD, wird mit seinem neuen Partner Ferras auf einen scheinbar »simplen« Raubmord angesetzt. Der chinesisch-stämmige Inhaber eines Spirituosengeschäftes ist in seinem Ladenlokal erschossen worden. Aufnahmen aus Überwachungskameras legen die Vermutung nahe, dass es sich um eine fehlgeschlagene Schutzgeld- Übergabe handelte. Der mutmaßliche Täter, ein Geldeintreiber der chinesischen Mafia, der berüchtigten Triaden, wird schnell identifiziert und vorläufig festgenommen. Trotz einiger Ungereimtheiten am Tatort hält Bosch an der Täterschaft des Chinesen fest, zumal er eine telefonische Drohung erhält, nicht weiter in diese Richtung zu ermitteln. Endgültig überzeugt von einer China-Connection wird er, als ihm auf seinem Mobiltelefon ein Video-Clip zugespielt wird, der seine Tochter Madeline im fernen Hongkong zeigt gefesselt und geknebelt. Bosch lässt in LA alles stehen und liegen und macht sich auf nach Hongkong, um seine Tochter zu befreien …

In seinem bewegten Leben war Harry Bosch auch kurzzeitig mal mit der FBI-Agentin Eleanor Wish verheiratet. Aus dieser Beziehung war ihre Tochter Madeline entsprungen, von deren Existenz Bosch erst Jahre später erfuhr. Mutter und Tochter leben jetzt schon längere Zeit in Hongkong, wo Eleanor sich im nahegelegenen Macao als Profi-Pokerspielerin in einem Casino verdingt. Boschs Kontakte zu seiner Ehemaligen beschränken sich (zu seinem Leidwesen) aufs Allernötigste. Seiner Tochter ist er ein liebevoller Urlaubs- und Wochenendvater. Nun, im Ernstfall sind beide Elternteile gefordert, sich zusammenzuraufen.

Ob nun Harry schon in jungen Jahren eine Tendenz zum Eigenbrötler hatte oder nicht, ist nicht bekannt. In seinem den Lesern bekannten Leben ist er oft einsame Wege gegangen und hat seine Interessen unnachgiebig vertreten. Jetzt in Neun Drachen erleben wir zu Anfang einen resignierten, äußerst misstrauischen Harry Bosch, der nur noch für seine Arbeit zu leben scheint und diesen 24-Stunden-Einsatz auch von seinen Mitarbeitern einfordert. Kollegen, die pünktlich Feierabend machen, sind ihm obskur. Kollegen mit asiatischem Migrationshintergrund beäugt er mit Argwohn, der im Laufe der Geschichte paranoide Züge annimmt. Ungewohnt ist auch seine kleinliche Befolgung der Dienstvorschriften, um ja keinen Verfahrensfehler zu begehen. Auf der anderen Seite rastet Harry völlig aus, als der Fall ihn persönlich tangiert. Auch sein Verhalten bei der Suche nach seiner Tochter ist nicht das eines coolen, in sich ruhenden Ermittlers, sondern eines skrupellosen Draufgängers, dem mehr als einmal der Zufall zu Hilfe kommen muss.

Nicht ohne Grund hat Michael Connelly seine Geschichte in drei Teile gegliedert vereinfacht könnte man von den Vor, In und Nach Hongkong-Phasen sprechen. Der erste Teil Homicide special zeigt einen lethargischen, der zweite Teil Der 39-Stunden-Tag einen hyperaktiven, der dritte Teil Schützen und Dienen einen geläuterten Harry Bosch. Diese Wandlung wird von Connelly nachvollziehbar dargestellt und ist wesentlich für die Attraktivität der Geschichte.

Das große Manko des Plots, das auch eine bessere Bewertung verhindert hat, ist der eigentliche Kriminalfall, besser gesagt dessen Auflösung. Ausgehend von dem Mord an dem chinesischen Ladenbesitzer, die mögliche Verstrickung der Triade, die Verbindung nach Hongkong hat Connelly ein Szenario mit beachtlichem Bedrohungspotenzial und weit reichenden Konsequenzen entwickelt. Leider zieht er diesen Strang nicht konsequent durch, zerfasert ihn durch den Einbau willkürlicher Personen und Hintergründe, die in keinem kausalen Zusammenhang mit der Ausgangssituation stehen. Das führt den Leser zwar in die Irre, ist aber als Lösung nur bedingt akzeptabel. Dieses »Es kommt immer anders, als man denkt« macht in der Regel den Reiz eines Krimis aus, sollte aber nie Selbstzweck sein. Ein Endergebnis, das sich an den Vorgaben orientiert, kann mittlerweile genauso überraschend sein.

Neun Drachen ist ein Harry Bosch Spezial für Harry Bosch Spezialisten, die mitfühlend und geduldig das etwas langatmige Vorspiel überstehen, in dem der unspektakuläre Alltag im LAPD ziemlich realitätsnah dargestellt wird. Erst mit Harry Boschs Auftauchen in Hongkong kommt Dynamik und Spannung in die Handlung. Die Harry Bosch-Reihe ist ja nicht gerade bekannt dafür actionlastig zu sein, aber die Hongkong-Episode macht deutlich, was dem ersten Teil gefehlt hat: kritische Situationen mit Überraschungseffekten und direkte Konfrontationen mit dem Gegner.

»Schützen und Dienen« ist das Motto des real existierenden Los Angeles Police Department, wobei es die Romanfigur Harry Bosch mit dem Dienen nicht so hatte. Als Schützer und Beschützer wird er von nun an besonders gefordert. Das macht Lust auf eine Fortsetzung, die unter dem Titel The Reversal im englischsprachigen Raum schon erschienen ist.

Jürgen Priester, April 2011

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Andreas zu »Michael Connelly: Neun Drachen« 05.07.2011
Die Mordermittlung wird durch den den Abstecher von Harry Bosch nach Hongkong in den Hintergrund gerückt. Die Handlung erlebt dadurch einen Riss. Ich würde das Buch demnach ehr weniger als Ermittlungs- oder Kriminalroman sondern ehr als allgemeinen Thriller bezeichnen der mit der Polizeiarbeit an sich ehr weniger gemein hat. Insgesamt aber lesenswert.
manni zu »Michael Connelly: Neun Drachen« 31.05.2011
Fliessbandkrimi, schade um die Figur Harry Brosch. Auch Connelly schreibt mittlerweile viel zu viel, die ersten Romane waren einmal Meilensteine der Kriminalliteratur,
jetzt ist ganz die Luft raus. Leider ist Connelly zur Zeit nicht der einzige ehemalige Topautor der sein Renommee verspielt.
Es gilt neue Autoren zu entdecken, auf gehts!
Merry zu »Michael Connelly: Neun Drachen« 26.04.2011
Dieses Buch ist anders als die vorherigen Harry Bosch geschichten. Bislang war er der der Einzelgänger, offensichtlich hat sich inzwischen eine innige Beziehung zu seiner Tochter entwickelt. Harry der Einzelgänger wird verletzbar... und das nimmt der Roman dann gleich auf indem Maggie entführt wird. Ich fand die Geschichte bis zur letzten Seite spannend, auch wenn ich die Ermittlungen in Hongkong auch etwas befremdlich fand. Aber gut, es ist ein Roman und kein Einsatzbericht. Spannend wird es sein, wie es mit Harry weiter geht, wenn er von nun an seine Tochter an seiner Seite hat, die in diesem Buch erst 13 und nicht wie vorgenannt schon 15 Jahre alt ist. DiePupertät Maggies dürfte ihn auch im nächsten Fall noch beschäftigen.
Banon zu »Michael Connelly: Neun Drachen« 23.03.2011
Mein erstes Buch von Connelly und seinem Helden Harry Bosch. "Neun Drachen" fängt spannend an und macht Lust auf mehr.
Doch ziemlich bald wird daraus eine zähe Geschichte. Dabei hat mich vorallem der eigenwillige Charakter von Harry Bosch gestört. Niemand kann sein Vetrauen gewinnen und die späteren Ereignisse um seine Frau und seine Tochter wühlen ihn eher in Richtung Aggressivität auf, als eine entsprechende menschliche Reaktion hervorzurufen. Für mich ziemlich unrealistisch. Auch das ständige "in Bewegung bleiben müssen" von Bosch scheint nur ein Mittel zu sein einen Spannungsbogen zu erzeugen, der sich aus der reinen Handlung nicht ergibt.
Was sich im zweiten Teil des Buches in Hongkong abspielt, ist konstruiert und vorallem mit Leichen ausgestattet. Die Auflösung des eigentlichen Mordes legt hier erst mal eine ordentliche Pause ein und folgt im kurzen abschließenden Teil.
So richtig interessiert hat mich das nicht mehr, denn diese langatmige Ermittlung besticht vorallem durch ihre Belanglosigkeit.
Inge zu »Michael Connelly: Neun Drachen« 09.03.2011
Ich mag Conelly. Habe fast alles von ihm gelesen. Aber dieses Buch hat mich enttäuscht. Ich fand es unglaubwürdig, konstruiert, lieblos erzählt. Solange Harry zu Hause ermittelt, ist es o.k. Aber in Honkong wird es seltsam. In so einer Riesenstadt anhand eines Fotos ein bestimmtes Gebäude ausfindig zu machen, ist schon weit hergeholt. Und die Gewissheit, auf dem Boot seine Tochter zu finden, lässt sich kaum nachvollziehen. Daneben gibt es beiläufig ein paar Leichen. Harry's Trauer um seine Ex wird zwar erwähnt, genau wie das Trauma seiner Tochter, aber es bleibt an der Oberfläche. Es fehlt echte Empathie.
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