Connelly, Michael: L.A. Crime Report von Michael Connelly

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2006 unter dem Titel Crime Beat, deutsche Ausgabe erstmals 2007 bei Heyne.

  • New York: Little, Brown, 2006 unter dem Titel Crime Beat. 415 Seiten.
  • München: Heyne, 2007. Übersetzt von Sepp Leeb. ISBN: 978-3-453-81095-2. 415 Seiten.

'Connelly, Michael: L.A. Crime Report' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

»Der Tod ist mein Revier. Ich verdiene meinen Lebensunterhalt mit ihm. Ich verbinde meine berufliche Karriere mit ihm. Ich behandle ihn mit der Leidenschaft und Korrektheit eines Bestattungsunternehmers – ernst und mitfühlend im Beisein der Hinterbliebenen, ein versierter Handwerker, wenn ich allein bin. Ich bin der Überzeugung, das Geheimnis im Umgang mit dem Tod besteht darin, ihn nicht zu nah an sich heranzulassen. Man darf sich von ihm nicht ins Gesicht hauchen lassen.« So beschreibt Michael Connelly in seinem Bestseller »Der Poet« seinen Berufsstand, als er noch Gerichtsreporter bei der »L. A. Times« war. · Was »L. A. Crash« als Film war, leistet Connelly mit »L. A. Crime Report« im Buch · Mit Nachwort zum Leben und Werk des Autors.

Das meint Krimi-Couch.de: »Grau-rote Streiflichter aus der Parallelwelt des Verbrechens« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

In drei Großkapitel gliedert der Verfasser in den Jahren 1984 bis 1992 als Kriminalreporter veröffentlichte Berichte. Connelly arbeitete zunächst in Florida und ging später nach Los Angeles. L. A. Crime Report berichtet im ersten Teil über »Die Cops« (S. 23-150). Sie üben einen Beruf aus, der aufreibend und gefährlich ist, wobei die Gefahr nicht selten von ihnen selbst ausgeht. »Der Anruf« informiert über einem ganz normalen Tag im Leben der Beamten des Morddezernats von Fort Lauderdale, die den 38. Mord des Jahres 1987 untersuchen, im ihn in mühsamer aber konzentrierter Polizeiarbeit klären.

»Open Territory« wurde Broward County im Süden Floridas lange genannt. Hier siedelten sich viele Jahrzehnte hohe Mafiosi an, die in der Sommerfrische Abstand vom 'Geschäft’ suchten. Seit den 1980er Jahren behält sie jedoch die eigens gegründete »Metropolitan Organized Crime Intelligence Unit« im Auge. Ihre Arbeit wird am Beispiel des Mafiabosses »Little Nicky« Scarfo erläutert, der ihnen 1987 ins sorgfältig gespannte Netz ging. Einen Schritt weiter geht die US-Polizei im Kampf gegen Verbrecher, die ihr Heil in einer Flucht nach Mexiko suchen. »Grenzüberschreitungen« garantieren Kriminellen längst nicht mehr die ersehnte Sicherheit vor den US-Behörden. An diversen Beispielen erläutert Connelly die mühsame Zusammenarbeit zweier recht unterschiedlicher Rechtssysteme, in die sich immer wieder nationale Befindlichkeiten mischen.

»Polizisten auf der Anklagebank« und »Todesschwadron« erinnern an die kapitale Krise, in die das Los Angeles Police Department Anfang der 1990er Jahre geriet. Rassistische Übergriffe und die unverhältnismäßige Anwendung von Gewalt, die offenbar die Hinrichtung von Verdächtigen 'in Notwehr’ einschloss, führten zu einer grundlegenden, längst überfälligen Umstrukturierung des Departments. Eine Erklärung für den nervösen Zeigefinger der Polizisten bietet Connelly in »Von einem Jungen getötet«. Hier rollt er die Geschichte eines 24-jährigen Beamten auf, dem ein minderjähriger Einbrecher die Dienstwaffe entwand, mit der er ihn anschließend erschoss.

Teil 2 – »Die Mörder« (S. 151-276) – beginnt mit der Geschichte eines Vergewaltigers und Serienkillers, der nach Jahren geschickt vertuschter Untaten ein mörderische 'Reise’ durch die Vereinigten Staaten begann, die bis heute nicht in allen Details aufgeklärt werden konnte. Connelly kehrt ein Jahr nach dem Tod des Mörders zu denjenigen Familien seiner Opfer zurück, die damit fertig werden müssen, dass die Leichen ihrer Töchter und Schwestern auf ewig verschwunden bleiben.

»Verhängnisvolle Tarnung« erzählt die unglaubliche Geschichte eines Hochstaplers, der sich nicht nur eine zweite Identität als CIA-Agent, sondern auch zwei Ehefrauen zulegte. Als nach Jahren das Lügengebäude einzustürzen beginnt, verliert der Mann die Nerven und wird zum Mörder. »Der Stalker« ist ein Mann, der junge Frauen nicht nur beobachtete, sondern ihnen bald aufzulauern begann. Aufgrund der dünnen Beweislage gelingt es dem hochintelligenten Verdächtigen, der sich vor Gericht selbst verteidigt, Zweifel an der Tatsache seiner Schuld zu säen.

Dass auch gute Arbeit der Polizei nicht immer der Gerechtigkeit zum Sieg verhelfen kann, belegt der Fall eines Vatermörders, dem beinahe das perfekte Verbrechen gelang: Nachdem dieses doch ans Tageslicht kam, ergriff der Täter erfolgreich die Flucht; »Amerikas meistgesuchter Verbrecher« konnte nie gefasst werden. Anders erging es dem »Ehefrauenmörder«, der fünf Jahre nach seiner Bluttat doch gefasst und verurteilt wurde.

»Wo Gangster um die Ecke knallen« ist der (deutsche) Titel eines Films, der die komischen Taten einer Bande völlig unfähiger Verbrecher in Szene setzte. Connelly setzt ihn über ein Kapitel, in dem er die Verbrechen der wohl unfähigsten aber nichtsdestotrotz brutal vorgehenden Bande von Mietkillern der Neuzeit beschreibt. In »Böse, bis er stirbt« zeichnet der Verfasser die fast fünf Jahrzehnte währende 'Karriere’ des Gewohnheitsverbrechers Roland Comtois nach, der sich vom Einbrecher zum Räuber, vom Spanner zum Vergewaltiger und schließlich zum Mörder 'hocharbeitete'.

Teil 3 (S. 277-395) beschreibt einige banale bis bizarre Mordfälle, mit denen Connelly sich als Journalist intensiv beschäftigte. »Das namenlose Grab« birgt den Körper eines Mordopfers, das nie identifiziert werden konnte; nicht einmal der Mörder wusste, nach seiner Festnahme befragt, wen er umgebracht hatte. Ein »Doppelleben« als freundlicher Nachbar und Kapitalverbrecher führte Francis Malinosky, der über Jahre geschickt mit vier Identitäten jonglierte. Der »Tod einer Erbin« stellte sich erst nach langer Zeit und nur durch Zufall als Familientragödie heraus. In »The Family« berichtet Connelly vom Aufstieg und Fall eines brutalen Verbrechersyndikats, das im gesamten US-Staat Kalifornien aktiv war. Ein »Leben auf der Überholspur« führte Billy Schroeder, der jährlich in mindestens 350 Häuser einbrach, um seiner Drogensucht frönen zu können. Parallel dazu schildert Connelly die Leiden seiner Opfer, die sich in ihren Heimen nicht mehr sicher fühlen. »Lag der Täter auf der Lauer?«, fragt der Verfasser anlässlich des Mordes an einer Krankenschwester. »Der Tote im Kofferraum« gehörte einerseits zur L.-A.-Prominenz, war jedoch andererseits in allerlei Machenschaften verwickelt und betrog die Mafia, die dies auf ihre typische Art quittierte. »Offen – ungelöst« bleibt wohl auch der Fall eines Handwerkers, der sich allzu neugierig in Gefahr begab und darin umkam.

Vom Kriminalreporter zum Kriminalschriftsteller

Einer der besten Autoren des modernen US-amerikanischen Kriminalromans war vor seiner Schriftstellerkarriere Kriminalreporter. Dies war durchaus nicht unbekannt, doch erst die Lektüre von  L. A. Crime Report lässt erkennen, dass da ein unmittelbarer Zusammenhang besteht. Michael Connelly schildert in einem langen Vorwort seinen Weg, wobei er großen Wert auf die Feststellung legt, dass es den Schriftsteller ohne den Journalisten nie gegeben hätte. Als Journalist sieht sich Connelly auch heute noch, denn nach wie vor bedient er sich der in vielen Jahren erlernten Methoden, was die Plots seiner Thriller aktuell, plausibel und aufregend werden lässt.

Die vielleicht wichtigste Lektion, die Connelly als Kriminalreporter lernte, ist seiner Meinung nach diese: Cops leben mit dem Grauen, aber gute Cops lässt diese Erfahrung nicht zynisch werden. So hat Connelly folgerichtig seine bekannteste Figur gestaltet: Hieronymus Bosch arbeitet in einer Welt der Korruption, der Ungerechtigkeit und der Gewalt, aber trotz aller Nackenschläge resigniert er nicht und macht weiter – »Die Welt ist schlecht« ist für ihn eine zu banale Binsenweisheit, als dass man sich damit aus der Verantwortung stehlen dürfte.

L. A. Crime Report wird durch ein hochinteressantes Essay des Connelly-Kenners Michael Carlson abgerundet. Präziser als der Schriftsteller selbst findet er die Nahtstelle zwischen dem Kriminalreporter und dem Thriller-Autor. In diesem Zusammenhang greift er auf Connellys Biografie zurück. Beispielhaft legt Carlson offen, wo und wie der Autor für seine Romane auf reale, einst journalistisch begleitete Kriminalfälle zurückgreift. Dies geschah vor allem im frühen Werk, doch auch heute hält Connelly den Kontakt zur Polizei.

Sachbuch mit Features

Im Zeitalter der DVD (das schon wieder im Niedergang begriffen ist) werden inzwischen auch Bücher mit diversen Features aufgewertet. Das mag einerseits albern, kann andererseits jedoch von Vorteil sein.  L. A. Crime Report wurde in der deutschen Ausgabe durch einen (separat paginierten) Anhang ergänzt. In »Das schwarze Herz« geht Jochen Stremmel ein weiteres Mal auf das Werk des Michael Connelly ein (und 'leiht’ sich dafür den Titel eines Thrillers aus, der von dessen ebenfalls mit Kritikerlob & Publikumsinteresse überschütteten Schriftsteller-'Kollegen’ John Connolly aus), wobei er manche Informationen ausgräbt, die Michael Carlsons Beitrag ergänzen. Sehr hilfreich ist außerdem eine detaillierte Connelly-Bibliografie, die auch die in Deutschland unbekannten Kurzgeschichten – es sind nur wenige – einschließt.

Vor- und Nachwort sowie »Bonusmaterial« tragen viel zum besseren Verständnis der in  L. A. Crime Report gesammelten Texte ein. Sie beantworten die Frage, wieso diese Beiträge gesammelt und veröffentlicht werden, die doch für die aktuelle Tagespresse geschrieben wurden und deshalb eine relativ geringe 'Halbwertszeit’ besitzen. Aber schlauer gemacht durch Connelly, Carlson & Stremmel erkennen wir, dass die meisten Artikel durchaus zeitlos sind. Der 'Wert’ eines guten Kriminalreporter misst sich u. a. daran, dass er knapp aber präzise alle Aspekte eines Verbrechens in seine Story einarbeitet. Connelly beschränkt sich nicht darauf, den Cops über die Schultern zu schauen. Er berücksichtigt auch die Seite des Kriminellen, wobei er keineswegs nach dem Motto »Die Gesellschaft ist Schuld« dessen Partei ergreift. Er geht noch einen wichtiger Schritt weiter und befragt die Familienangehörigen und Freunde von Tätern und Opfern.

Ein Verbrechen – es muss nicht einmal ein kapitales sein – ist kein isoliertes Geschehen. Es zieht eine Kettenreaktion von Schicksalen nach sich, die aus Behördensicht für den eigentlichen Fall nicht relevant sind. Connelly hat begriffen, dass dies falsch ist bzw. berichtet werden muss, um das Gesamtbild darzustellen. Wie ihm das gelingt, ist über die Brisanz der berichteten Kriminalfälle hinaus eine spannende und lehrreiche Lektüre, die endlich auch den deutschen Lesern ermöglicht wird – ein Indiz für den Bekanntheitsgrad, dessen sich Connelly endlich auch hierzulande erfreut.

Michael Drewniok, November 2007

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