Der Widersacher von Michael Connelly

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2011 unter dem Titel The drop, deutsche Ausgabe erstmals 2014 bei Droemer Knaur.
Ort & Zeit der Handlung: USA / Los Angeles, 2010 - heute.
Folge 17 der Harry-Bosch-Serie.

  • New York: Little, Brown and Co., 2011 unter dem Titel The drop. 388 Seiten.
  • München: Droemer Knaur, 2014. Übersetzt von Sepp Leeb. ISBN: 978-3-426-51135-0. 464 Seiten.

'Der Widersacher' ist erschienen als Taschenbuch E-Book

In Kürze:

Detective Harry Bosch bekommt zwei Fälle auf den Tisch: Vor über zwanzig Jahren wurde eine Studentin vergewaltigt und umgebracht. Endlich können die DNA-Spuren von ihrer Leiche einem einschlägigen Sexualstraftäter zugeordnet werden. Doch der Mann war damals erst acht Jahre alt. Der zweite Fall hat sich gerade ereignet: Der zwielichtige Sohn eines einflussreichen Stadtrates von Los Angeles ist auf mysteriöse Weise aus dem siebten Stock eines Luxushotels gestürzt. Selbstmord oder Mord?

Das meint Krimi-Couch.de: »Und wenn sie nicht gestorben sind, mampfen sie noch heute« 33°

Krimi-Rezension von Marcel Feige

»Nichts ist Zufall«, findet Harry Bosch. Dummerweise hängt bei der Aufklärung seiner beide neuen Fälle so gut wie alles von eigentümlichen Zufällen ab und von alten Mordfällen, in denen er vor Jahren mal ermittelt hat.

Wohlwollend könnte man einwenden, Bosch arbeite nicht umsonst bei der Cold Case-Unit des LAPD. Aber es sind dann eben doch allzu große Zufälle, dass die Aufarbeitung ungelöster Mordfälle über kurz oder lang immer wieder alte Fälle von ihm tangiert. Als gäbe es sonst keine anderen Verbrechen und anderen Ermittler in einer Stadt, die mit die höchste Verbrechensquote Amerikas aufweist.

Aber nun gut, darüber könnte man hinwegsehen, wäre die Mördersuche Boschs eine runde, flotte, spannende Angelegenheit. Hier kann Connelly punkten, und als ehemaliger Polizeireporter eine Menge Hintergrundwissen einbringen.

Aber das alleine macht die Geschichten nicht rund, flott, spannend. Im Gegenteil: Connelly macht sie geschwätziger (um nicht zu sagen: langweiliger), wenn er Bosch und seinen Partner Chu wiederholt über Taco-Buden in East Hollywood, Downtown Los Angeles oder weiß Gott wo austauschen lässt, über Salsa-Flaschen und Taco-Soßen, die bei den LAPD-Cops angeblich so beliebt sind.

Weil keine anderen Gäste da waren, nahm Bosch die Salsa-Flasche zum Auto mit. Er wusste, dass es bei Imbiss-Tacos vor allem auf die Soße ankam. Um sich nicht mit Saft oder Soße zu bekleckern, aßen sie über die Motorhaube gebeugt.
»Nicht übel, Harry.« Chu nickte, während er kaute.
Bosch nickte mit vollem Mund zurück. Schließlich schluckte er und drückte mehr Salsa auf seinen zweiten Taco. Dann reichte er seinem Partner die Flasche über die Motorhaube.
»Klasse Salsa«, bemerkte er dazu. »Warst du mal bei dem El Matador-Stand in East Hollywood?«
»Nein, wo steht der?«
»An der Ecke Western und Lex. Das Essen hier kann sich zwar durchaus sehen lassen, aber an den Matador kommt es nicht ran. Er ist aber nur abends da, und abends schmeckt sowieso alles besser.«
»Wie kommt es eigentlich, dass die Western Avenue in East Hollywood ist?«

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann mampfen sie noch viele Seiten weiter. Zu diesen für die Geschichte völlig irrelevanten Ausführungen gesellt sich eine lieblose Sprache.

Okay, inzwischen ist bekannt, dass Connelly nicht das Zeug hat zum großen Literaten. Ein bisschen mehr Liebe zum Detail (oder ein gescheites Lektorat!) würde man sich dann aber doch bei einem Erfolgsautor seines Formats wünschen – und nicht Passagen wie diese:

Er ging rasch den Flur hinunter, räumte kurz im Bad und im Schlafzimmer auf, nahm frische Laken aus dem Schrank und bezog das Bett neu. Dann ging er in die Küche, um den Wein aufzumachen. Er ging mit der Flasche und zwei Gläsern auf die Terrasse zurück.

Ja, so ging das auch noch seitenweise weiter. Und als wäre dieser stilistische Murks nicht schon schlimm genug, durchzieht die komplette Geschichte die fragwürdige Moral Boschs oder gar Connellys?

Denn Boschs Tochter Maddie hat mittlerweile beschlossen, in die Fußstapfen ihres Vaters zu treten. Sie möchte Polizistin werden. Dabei zählt für sie aber zu keiner Zeit die Verbrechungsbekämpfung oder -verhütung oder gar der Wunsch, die Menscheit ein Stück besser machen zu wollen.

Nein, für Harry Bosch ist klar:

Die meisten Eltern zogen künftige Bürger groß, Ärzte, Lehrer, Mütter, Erben von Familienunternehmen.
Bosch zog eine Kriegerin auf.
[Weshalb er seiner Tochter fortan alles beibringt ...]
» …was man über Gebrauch, Pflege und Lagerung von Schusswaffen wissen musste. Zu einer Grundsatzdiskussion kam es darüber nicht. Bosch war Polizist und hatte Waffen im Haus. Das war einfach so, und er sah nichts Verfängliches darin, seiner Tochter den Umgang mit Waffen beizubringen.

Bosch und seine Tochter wünschen sich am Abend keine gute Nacht, sondern unterhalten sich so:

»Alles klar. Mach dir ein Sandwich, wenn du Hunger hast, bevor ich heimkomme. Und sieh zu, dass die Haustür abgeschlossen ist.«
»Ich weiß, Dad.«
»Und du weißt, wo die Glock ist.«
»Ja, ich weiß, wo sie ist, und ich weiß, wie man damit schießt.«
»Braves Mädchen.«

Wohlgemerkt: Das Mädchen ist 15 Jahre alt. Na dann, gute Nacht!

Marcel Feige, März 2014

Ihre Meinung zu »Michael Connelly: Der Widersacher«

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Tobias zu »Michael Connelly: Der Widersacher« 28.06.2015
Also ich fand das Buch klasse, habe es regelrecht verschlungen :)

Die Kritik im Nachhinein zu lesen fällt mir doch eher wie etwas überdimensioniertes rumgehacke auf 3-4 Seiten von ein Paar Hundert.

Vor allem die verzwickte Geschichte + den Nebenschauplatz lassen Bosch menschlich wirken, was man gerade an dem alltäglichen Kram mitbekommt.

Lieber so ein flüssig zu lesender Krimi, als andere Autoren, die immer iwas spezielles abliefern wollen oder einem sofort ins Auge sticht, wenn etwas "gekünstelt" ist um aufzufallen.

muss mir unbedingt auch die älteren Bücher besorgen :)

Auch wie er die alltägliche Arbeit darstellt/skizziert fande ich höchst interessant :)

vg und frohes Lesen =)
Oldman zu »Michael Connelly: Der Widersacher« 02.08.2014
Das ist ein ordentlicher Polizeikrimi mit einem seit langem bekannten Serienhelden, nicht mehr und nicht weniger. Dem Buch fehlt es leider an Spannung. Dafür werden die Polizeiarbeit und die teilweise damit verbundenen politischen Verwicklungen und Ränkespiele sehr ausführlich dargestellt, das hat einen gewissen eigenen Reiz. Kein Highlight der Bosch-Serie, für Freunde dieser Figur und dieser Krimi-Art aber m.E. ganz gut lesbar.
Bio-Fan zu »Michael Connelly: Der Widersacher« 25.02.2014
Harry Bosch im Februar (Der Widersacher), Harry Bosch im März (Black Box), Harry Bosch im Pilotfilm, Harry Bosch - bald als Serienheld - im TV. Viel Harry Bosch auf einmal und doch wird dem alten Haudegen die "Große" Aufmerksamkeit nicht zuteil - vielleicht kommt das noch.

"Der Widersacher" ist mal wieder ein bescheuerter deutscher Titel. Wenn den Kreativkräften im Verlag nichts mehr einfällt, kommen sie auf so sinnferne Titel, die auf jeden zweiten Krimi passen können. Im amerikanischen Original heißt es "The Drop"; das kann man jetzt nicht mit "Tropfen" o.ä. übersetzen, sondern in diesem speziellen Fall bedeutet es "Nachschlag". Harry hat ja eigentlich schon seine Rente durch, wie man so schön sagt. Weil er es aber nicht lassen kann, hat er Dienstzeitverlängerung (Nachschlag) beantragt, der ihm wohl auch gewährt werden wird.

Aktuell arbeit Harry in der Abteilung "Offen/Ungelöst" des LAPD. Das heißt er kümmert sich um unaufgeklärte Fälle (cold cases) aus der Vergangenheit. Im Moment beschäftigt ihn ein Fall aus den 1980ern. Ein Teenager ist damals missbraucht und erdrosselt aufgefunden worden. Mit den zu dieser Zeit zur Verfügung stehenden Mitteln konnte kein Täter gefunden werden. In der Gegenwart - aufgrund einer DNA-Analyse einer Blutspur am Hals des Opfers - ergeben sich neue Perspektiven.

Als wäre das nicht schon Arbeit genug, bekommt Harry noch einen akuten Fall aufgedrückt. Ein einflussreicher Stadtrat drängt die Polizeiführung, den Selbstmord, Unfall oder Mord seines Sohnes aufzuklären. Dazu besteht er auf den Einsatz des besten Mannes beim LAPD - Harry Bosch, obwohl beide Männer sich aufgrund von Ereignissen in der Vergangenheit spinnefeind sind.

Bis auf das unerwartet dramatische Ende des einen löst Harry beide Fälle recht unspektakulär. Da sind viel akribische Polizeiarbeit, die Gedanken und Ressentiments eines alternden Detective, Querelen mit seinem Kollegen, Einflussnahme auf die Ermittlungen, ein möglicher Neuanfang in Sachen Liebe und nicht zuletzt die stete Sorge um seine Tochter Maddie.

"Der Widersacher" erzeugt beim eingeweihten Leser das Gefühl eines Intermezzos. Als gelte es Zeit zu überbrücken, bis ein "richtiger" Harry-Bosch-Roman herauskommt (Black Box?).

Der Aufklärung der Fälle mangelt es an Spannung. Es gibt keine direkte Konfrontation mit dem/den Täter(n). Alles wirkt, wie mein Vorschreiber richtig urteilt, ein bisschen l a h m.

Nichtsdestotrotz führt für einen echten Fan der Reihe kein Weg dran vorbei. ;-)
Dieter Niehoff zu »Michael Connelly: Der Widersacher« 08.02.2014
Eine Enttäuschung. Nach den grandiosen letzten 3 "Harry-Bosch-Thrillern" (Der fünfte Zeuge, Sein letzte Auftrag, Spur der toten Mädchen) zwei seltsam lahm daherkommende Fälle mit einer hanebüchenen Wendung im letzten Achtel des Buches und auch beim zweiten Fall gibt es eine Merkwürdigkeit auf der Zielgeraden die mich das Buch unzufrieden zu Ende bringen lässt. Egal. Warte ich mal, ob nicht nächsten Monat mit "Black Box" der alte, herausragende Standard wieder erreicht wird.
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